ein gleiches ist ein Gedicht des österreichischen Lyrikers Ernst Jandl. Es ist wortgleich zum Gedicht Ein Gleiches von Johann Wolfgang von Goethe, das häufig auch Wandrers Nachtlied betitelt wird, und unterscheidet sich nur in der Kleinschreibung und Zeichensetzung. Im Gedicht ÜBE! verarbeitete Jandl die Vorlage weiter zu einem Lautgedicht, das am 23. Juli 1965 entstand. Beide Gedichte wurden 1970 in Jandls Lyrikband der künstliche baum veröffentlicht. Sie stehen in einer Reihe weiterer Werke, in denen sich Jandl mit dem klassischen Vorbild Goethes auseinandergesetzt hat.
Inhalt und Form
Ernst Jandl ein gleiches Link zum Volltext des Gedichts (Bitte Urheberrechte beachten)
Jandls Gedicht ein gleiches wiederholt wortgleich das Gedicht Ein Gleiches von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1780. Es gibt allerdings mehrere Unterschiede:
Jandl wendet konsequent Kleinschreibung an und streicht die Satzzeichen. Übrig bleibt ein einzelnes Komma, das für Thomas Kopfermann gerade das Fehlen der übrigen Interpunktation betont. Deren gliedernde Funktion entfällt, das Gedicht erhält so trotz des Erhalts der Lautfolge des Originals eine „größere syntaktische ‚Schwebe‘“.Thomas Kopfermann: ein gleiches von jandl. Arbeit mit ‚Goethe-Material‘ bei Ernst Jandl. In: Moritz Baßler, Christoph Brecht, Dirk Niefanger: Von der Natur zur Kunst zurück. Neue Beiträge zur Goethe-Forschung. Gotthart Wunberg zum 65. Geburtstag. Niemeyer, Berlin 1997, ISBN 3-484-10730-8, S. 236. Die Änderungen „verjandln das Textbild“ mit den Worten Peter Horst Neumanns.Peter Horst Neumann: »Ein Gleiches« von Jandl und Goethe. In: Oliver Jahraus, Stefan Neuhaus (Hrsg.): Lyrik lesen! Eine Bamberger Anthologie. Grupello, Düsseldorf 2000, ISBN 3-933749-45-X, S. 252. Mit dem Verzicht auf Interpunktion in weiten Teilen seines Werks berief sich Jandl auf Gertrude Stein, nach der die Hilfestellung von Kommata der Selbständigkeit und Aktivität des Lesers im Wege stehe. Die durchgängige Kleinschreibung hat in seinen Gedichten eine visuelle Funktion, während Großbuchstaben einer besonderen Betonung vorbehalten bleiben.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 174–175.
Zudem hat sich der Verweischarakter des Titels verschoben. Bei Goethe bezieht sich Ein Gleiches auf das in der Publikation vorangestellte Gedicht Wandrers Nachtlied. Gemeint ist also, dass es sich ebenfalls um das Nachtlied eines Wanderers handelt. Jandl hingegen nimmt den Titel wörtlich: Sein Gedicht gleicht Goethes Vorläufer bis aufs Wort. Durch diese Verschiebung des Bezugs verliert das Gedicht für Thomas Kopfermann seine semantische Eindeutigkeit gerät in eine „inhaltliche Schwebe“. Der Charakter des Liedes und die Figur sind entfallen bzw. dem Leser nur noch implizit aus seinem Literaturwissen bekannt. Wiedergegeben wird nicht länger das Nachtlied eines Wanderers, sondern Textmaterial von Goethe.Thomas Kopfermann: ein gleiches von jandl. Arbeit mit ‚Goethe-Material‘ bei Ernst Jandl. In: Moritz Baßler, Christoph Brecht, Dirk Niefanger: Von der Natur zur Kunst zurück. Neue Beiträge zur Goethe-Forschung. Gotthart Wunberg zum 65. Geburtstag. Niemeyer, Berlin 1997, ISBN 3-484-10730-8, S. 236–237.
Interpretation
Robert Gernhardt fragt: „[W]orum handelt es sich da eigentlich? Um einen Akt der Piraterie? Um eine freundliche Übernahme?“Robert Gernhardt: Was das Gedicht alles kann: Alles. Texte zur Poetik. Fischer, Frankfurt 2012, ISBN 978-3-10-401745-7, Kapitel Die mit dem Hammer dichten. Für Peter Horst Neumann demonstriert Jandl „das Schreiben von Gedichten unter den Bedingungen einer ungehemmten Verfügbarkeit künstlerischer Werke und Überlieferungen“. Durch die Übernahme in die Reihe seiner Sprachexperimente sei ein gleiches „zum poetologischen Text eines anderen geworden: ein getreu zitierendes ‚Lautgedicht‘ als Extremfall intertextueller Poesie.“ Gernhardt wiederum findet diese Deutung zu „hochgeschraubt“. Er sieht in Jandls Gedicht eine Übernahme aus fremder Feder, für die sich in der Literaturgeschichte zahlreiche andere Beispiele finden lassen, und kommt zum gereimten Schluss: „Was dem Brecht recht war, macht auch dem Jandl keine Schandl“.
Vordergründig beschreibt Thomas Kopfermann den Text als „Gag des Wortwörtlichnehmens“. Doch darüber hinaus sorgen Jandls kleine Änderungen der Vorlage für eine Verunsicherung des Lesers. Da er sich nicht auf die kanonisierte Wiedergabe des altbekannten Gedichtes verlassen könne, lese er die Zeilen aufmerksamer und entdecke sie neu. Diesen Prozess bezeichnet er als „produktives Lesen“. Darüber hinaus liefere Jandls Fassung eine „Freisetzung des Materials“ für das anschließende Lautgedicht ÜBE! Jandl forderte eine „Emanzipation des Materials der Dichtung, und damit der Dichtung selbst, von der sie umgebenden Welt, die sich in den Wörtern noch unaufhörlich gespiegelt hatte.“Ernst Jandl: Mitteilungen aus der literarischen Praxis. Vortrag: Das Gedicht zwischen Sprachnorm und Autonomie. In: Ernst Jandl: Poetische Werke. Band 11. Luchterhand, München 1997, ISBN 3-630-87030-9, S. 146.
In diesem Sinne kann ein gleiches lediglich als Vorstufe für das anschließende Lautgedicht verstanden werden, als laut Thomas Kopfermann „Vorzeigen des Materials“. Auch Anne Uhrmacher sieht die Funktion des Textes in erster Linie darin, dem Leser die Vorlage erkennbar zu machen, und sie fragt bezüglich Neumanns Interpretation als autonomes Werk, ob er das anschließende Lautgedicht übersehen habe.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 80, 86–87. Kopfermann wertet das Gedicht dennoch als „eigenständige ‚Demonstration‘ eines abwesenden Originals“, wofür auch die Aufführung im Inhaltsverzeichnis der Gedichtbände spreche. Auch Jandl gab das Gedicht als eigenständiges Werk aus. In einer Umfrage der Zeitschrift Literatur und Kritik zum Thema Lyrik antwortete Jandl auf die Frage nach seinem gelungensten Gedicht mit ein gleiches und setzte ironisch einen Urheberrechtshinweis unter den Text: „copyright: ernst jandl, 1968“.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 87.
Werkkontext
ÜBE!
In den Buchveröffentlichungen folgt auf ein gleiches das Lautgedicht ÜBE! Es steht also in unmittelbarem Zusammenhang. Anne Uhrmacher spricht von einem „zweite[n] Teil“, in dem aus dem gleichen Buchstabenmaterial von Goethes Vorlage ein neues, ganz ungleiches Gedicht entsteht, das in seinem Vortrag kaum noch den Ursprungstext erkennen lässt.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 80. Die eben getilgte Großschrift und Zeichensetzung führt Jandl wieder ein und schafft durch eine neue Gruppierung der Buchstaben trotz gleichbleibender Reihenfolge einen neuen Text.Thomas Kopfermann: ein gleiches von jandl. Arbeit mit ‚Goethe-Material‘ bei Ernst Jandl. In: Moritz Baßler, Christoph Brecht, Dirk Niefanger: Von der Natur zur Kunst zurück. Neue Beiträge zur Goethe-Forschung. Gotthart Wunberg zum 65. Geburtstag. Niemeyer, Berlin 1997, ISBN 3-484-10730-8, S. 242. Jandl beschrieb sein Verfahren bei der „Paraphrase des bekannten Goethe-Gedichts“: „Hier wird das Buchstabenbild, als Symbole für Klänge, zwar mit peinlicher Genauigkeit akustisch nachgezeichnet, doch, ohne dabei die von Goethe fixierte Folge irgendwo zu verlassen, derart verzogen bzw. auf neue Distanzen gebracht, daß von der alten Semantik so gut wie nichts übrig bleibt, während eine neue an manchen Stellen durchsickert.“Ernst Jandl: Vorrede zu einer Lesung in Graz, 11. November 67. In: Ernst Jandl: Poetische Werke. Band 11. Luchterhand, München 1997, ISBN 3-630-87030-9, S. 42.
Uhrmacher macht im Wesentlichen drei Arten von Wort- oder Lautbildungen aus: Wörter in Großbuchstaben, eingerückte Wörter in Kleinschrift und Anführungszeichen, die eine Art Dialog ergeben, sowie lange Reihungen desselben Buchstabens in Kleinschrift. Die Wörter in Großbuchstaben sind häufig mit Satzzeichen versehen und erhalten so den Charakter von imperativen Weisungen oder Gefühlsäußerungen: „ÜBE!, Al, FEHL NIE!, NNNA!, EEE!, WIPP!, FEHL ’N’S?, GEH NIE IM WALD, TEE., UUU?“ Das einleitende Wort „ÜBE!“ kann als Überschrift oder Zusammenfassung gelesen werden. Die Wörter in Kleinschrift sind mehrdeutig, viele haben eine umgangssprachlich vulgäre Bedeutung, etwa „vögel!“ als Imperativ von vögeln oder die Wortkette „kau / meinen / (hhhhhhhhhhh) / auch“ als Umschreibung eines Oralverkehrs; „s-c-hwwwe-----------i“ lässt sich zum Schimpfwort „Schwein“ ergänzen. Die Buchstabenketten erzeugen begleitende Laute, zum Teil unheimlicher Natur, zum Teil an Verschwiegenheit gemahnend („ssssst“, „ssst! du!“). Wie häufig in seinem Werk weckt Jandl beim Publikum Assoziationen und stellt sie zugleich bloß. Bereits Sigmund Freud erkannte die Bloßstellung als Ziel des obszönen Witzes.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 81–83.
Der Titel ÜBE! kann auch als poetologische Aufforderung verstanden werden, das Gedicht bezieht den Leser durch Anreden, Ausrufe, Imperative und Fragen direkt ein. Aus dem vielfach als „Gedicht der Ruhe“ gerühmten Vorbild machte Jandl ein Lautgedicht. Er griff dabei Gedanken John Cages aus dessen Textsammlung Silence auf, die er selbst übersetzt hatte: „Es gibt nicht so etwas wie Stille. Etwas geschieht / immer, das einen Klang erzeugt. / Niemand kann einen Einfall haben / wenn er erst einmal wirklich zu hören beginnt.“ Insgesamt wertet Uhrmacher ÜBE! als eine Parodie auf Goethes Gedicht, dessen Prominenz und Rezeption. Mit Mitteln des Witzes, mit obszönen Anspielungen sowie Ausdrücken der Vulgärsprache griff Jandl eine Autorität an. Dafür erntete er auch Kritik, so in einer zeitgenössischen Rezension der Kleinen Zeitung: „Ernst Jandl hat sich an Höhen vergriffen, über Wipfeln und Gipfeln, und wenn zwei ein gleiches tun, ist’s noch immer nicht ein Gleiches“.G. D.: Kleine Zeitung vom 26. September 1970. Zitiert nach Kristina Pfoser-Schewig (Hrsg.): Für Ernst Jandl. Texte zum 60. Geburtstag. Werkgeschichte. In: Zirkular Sondernummer 6. Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur, Wien 1985, ISBN 978-3-900467-06-7, S. 100.Anne Uhrmacher: Spielarten des Komischen. Ernst Jandl und die Sprache. Niemeyer, Tübingen 2007, ISBN 978-3-484-31276-0, S. 88–92.
Weitere Goethe-Bezüge