Die Abteilung Fremde Heere Ost (FHO) war im Zeitraum 1938–1945 eine Abteilung des Oberkommandos des Heeres (OKH) der deutschen Wehrmacht. Ihre Aufgabe war die Auswertung verfügbarer Informationen über feindliche und neutrale Heere in ihrem Zuständigkeitsbereich (Mittelosteuropa, Osteuropa, zeitweise Pazifikraum). Auf der Basis ihrer Analysen erstellte die Abteilung Prognosen über alliierte Operationsvorhaben, Propagandamaterial zur Beeinflussung alliierter Soldaten oder Merkzettel und Handbücher für die Nutzung in der Wehrmacht.

Zwischen 1941 und 1945 konzentrierte sich die FHO fast ausschließlich auf die Ostfront und überließ die anderen Kriegsschauplätze der Schwesterabteilung Fremde Heere West. Im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion war die FHO dafür zuständig, durch die Synthese und Analyse der verfügbaren Aufklärungsdaten die Operationsziele der Roten Armee vorauszusagen. Außerdem machte die Abteilung Schätzung zu Wirtschaftsleistung, Bevölkerungsreserve, Industrieproduktion und Nachschublage der Sowjetunion. Die FHO, seit April 1942 unter der Führung ihres bekanntesten Abteilungsleiters Reinhard Gehlen, bediente sich der Berichte und Aussagen deutscher Frontverbände, sowjetischer Gefangener und wertete darüber hinaus auch die Presseerzeugnisse und den Rundfunk der alliierten Nationen aus. Darüber hinaus versuchte die FHO, unter den sowjetischen Kriegsgefangenen geeignete Kollaborateure zu identifizieren, die sich Formationen wie der Russischen Befreiungsarmee anschließen sollten. Der Abteilung unterliefen während des Krieges zu mehreren Gelegenheiten (Operation Bagration, Ostpommern-Offensive) schwere Fehleinschätzungen, wodurch schlechte Prognosen an die Wehrmachtsführung ausgegeben wurden; in anderen Fällen warnte die FHO zwar korrekterweise vor einer Gefahr, wurde in der übergeordneten Führung aber nicht ausreichend beachtet (Unternehmen Zitadelle, Weichsel-Oder-Operation). Die FHO erlangte in den letzten Kriegsjahren wegen zunehmend pessimistischen Prognosen in der NS-Führung einen schlechten Ruf, was durch die Verstrickung vieler OKH-Offiziere in das Attentat vom 20. Juli 1944 noch einmal verschärft wurde.

In der Kriegsendphase bereiteten sich FHO-Abteilungsleiter Gehlen und sein Stellvertreter und Nachfolger Gerhard Wessel systematisch auf die kommende deutsche Niederlage vor, indem sie die Aufklärungsergebnisse der Abteilung für die Nachkriegszeit sicherten, die Evakuierung des Kernpersonals der FHO in den westalliierten Machtbereich planten und sich nach erfolgter Durchführung in den ersten Wochen der Nachkriegszeit gezielt in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft begaben. Dort stellten sie sich und die Daten der FHO in den Dienst der Westalliierten, wodurch 1946 die „Organisation Gehlen“ entstand. Diese Organisation bildete 1956 den Kern des neuen Bundesnachrichtendiensts (BND), dessen erste zwei Präsidenten Gehlen und Wessel wurden.

Vorgeschichte

Die Abteilung Fremde Heere war in den Zeiträumen 1917–1919 sowie 1931–1938 innerhalb des Großen Generalstabs bzw. innerhalb des Truppenamts im Reichswehrministerium für die Analyse, Datenauswertung und Operationsprognose feindlicher und neutraler Armeen bzw. Staaten zuständig. Im Zeitraum 1919–1931 gab es eine Abteilung Fremde Heere unter diesem Namen offiziell nicht, doch existierte innerhalb des Truppenamts unter den Tarnnamen „Statistische Abteilung“ bzw. „Heeresstatistische Abteilung“ sowie der internen Bezeichnung „Abteilung T 3“ eine Abteilung mit dem Auftrag zur Herstellung von Lagebildern und Absichtsprognosen von Drittstaaten weiter.

Im Jahr 1930 wurde die Abteilung Fremde Heere intern in drei Ländergruppen unterteilt, welche die Namen „Ost“, „Süd“ und „West“ trugen.

Ländergruppe Ost, 1930–1938 Im Zeitraum 1930–1938 existierte innerhalb der vereinten Abteilung Fremde Heere die Ländergruppe „Ost“.

Spaltung der Abteilung Fremde Heere, 1938 Im Jahr 1938 wurde die Abteilung Fremde Heere in zwei separate Abteilungen gespalten. Aus der Spaltung gingen die jetzt eigenständigen und jeweils vollwertigen Abteilungen Fremde Heere Ost sowie Fremde Heere West hervor. Der vorherige Leiter der geeinten Abteilung Fremde Heere, Kurt von Tippelskirch, wurde stattdessen auf den Dienstposten Oberquartiermeister IV versetzt, der u. a. für die Koordinierung zwischen FHO und FHW zuständig war.

Aufbau und Strukturgeschichte Neuaufstellung mini|hochkant|Eberhard Kinzel leitete die Abteilung Fremde Heere Ost von Herbst 1938 bis Mai 1942

Nachdem im Herbst 1938 die Abteilung Fremde Heere geteilt worden war, übernahm Eberhard Kinzel zum 5. November 1938 die Leitung der neuen Abteilung „Fremde Heere Ost“, die in internen Unterlagen verschiedentlich „FHO“ oder „Fr. H. Ost“ abgekürzt wurde. Intern gliederte sich die FHO im Jahr 1938 in zwei Gruppen: „Gruppe I“ war für die Bearbeitung der Lage in Südosteuropa, in der Türkei und im Iran zuständig, „Gruppe II“ bearbeitete Skandinavien, die Sowjetunion und den Fernen Osten. Die Gesamtstärke der FHO betrug zum Jahreswechsel 1938/39 insgesamt 15 Offiziere. Im Verlauf des Jahres 1939 wurde „Gruppe III“ neu aufgestellt, die sich mit einem Kriegsaufklärungsplan befasste, der zum 25. Juni 1939 fertiggestellt wurde.

Oberquartiermeister IV, 1938–1942 Kurt von Tippelskirch, der letzte Leiter der gemeinsamen Abteilung Fremde Heere vor der Spaltung im Jahr 1938, war anschließend Oberquartiermeister IV geworden, um nicht zuletzt zwischen den Abteilungen FHO und FHW zu koordinieren. Außerdem war dem Oberquartiermeister IV eine Verbindungsgruppe des Amtes Ausland/Abwehr angegliedert, umzusätzlich die Koordinierung zum Militärgeheimdienst sicherzustellen. Neben den Koordinierungsaufgaben war Tippelskirch darüber hinaus auch Vorgesetzter der Attachéabteilung und hatte damit militärdiplomatische Aufgaben wahrzunehmen. Ab Kriegsbeginn (September 1939) erstattete Tippelskirch in den täglichen Lagebesprechungen des Generalstabs des Heeres mündlich Bericht über die Arbeit der Abteilungen FHO und FHW. Darüber hinaus legte er unregelmäßig schriftliche Berichte über die Arbeit der beiden Abteilungen vor. Da Tippelskirch jedoch den Wunsch auf eine Frontverwendung entwickelte, wurde er zum Jahreswechsel 1940/41 abgelöst.

Am 5. Januar 1941 wurde Gerhard Matzky zum Oberquartiermeister IV und blieb es bis November 1942. Nachdem Halder seinen Dienstposten als Generalstabschef verloren hatte, war Matzkys Verhältnis mit Halders Nachfolger Kurt Zeitzler schlecht. Da Matzkys Vorträge von Zeitzler und auch von Adolf Hitler nicht mehr für notwendig erachtet wurden, wurde der Dienstposten Oberquartiermeister IV November 1942 restlos gestrichen und die diplomatischen Aufgaben an den Chef der Attachéabteilung Horst von Mellenthin übertragen. Da zu den übertragenen Aufgaben jedoch nicht der Feindlagevortrag beim Generalstabschef und auch keine Koordinierung zwischen FHO und FHW gehörten, stellte dies die endgültige Trennung der beiden Abteilungen dar.

Rivalitäten der deutschen Nachrichtenstellen, 1938–1945 Seit der Gründung der Abwehrabteilung im Jahr 1928 hatte sich in der Reichswehr bzw. Wehrmacht die Tendenz abgezeichnet, wie bereits im Ersten Weltkrieg die Informationsgewinnung und Informationsauswertung separat zu behandeln. Hierbei war das Amt Ausland/Abwehr innerhalb der Wehrmacht für die Informationsgewinnung zuständig und die Abteilung Fremde Heere (bzw. ab 1938 FHO und FHW) für die Informationsauswertung. Darüber hinaus war die Auswertung, anders als die Informationsgewinnung, nach Teilstreitkräften geteilt; die FHO war an der Ostfront nur für heeresnachrichtendienstliche Aufgaben zuständig; für Fragen der Luftkriegsführung war die Abteilung auf die Zusammenarbeit mit ihrem Gegenstück Fremde Luftwaffen Ost (FLO) im Luftwaffenführungsstab angewiesen, in welchem die FHO ab Sommer 1941 ein Verbindungskommando mit zwei Offizieren betrieb. Innerhalb der Wehrmacht gab es auch die Leitstelle für Nachrichtenaufklärung Ost, welche für Funkaufklärung zuständig war.

Der dezentralisierte Aufbau der deutschen militärischen Informationsgewinnung wurde im Zweiten Weltkrieg noch einmal intensiviert und über die Behörden der Wehrmacht hinweg ausgeweitet, da auch der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (SD) innerhalb des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) militärnachrichtendienstliche Aufgaben übernahm. Besonders im Fall von SD und RSHA entwickelte sich mit der FHO nie eine effektive Zusammenarbeit, da die Organisation ihre gesammelten Informationen nur in Ausnahmefällen miteinander teilten.

Im Frühjahr 1942 übernahm die FHO die operative Kontrolle über die Stäbe Walli I (Agentenspionage; Leitung: Hermann Baun) und Walli III (Spionageabwehr) der Abwehr, wodurch die FHO erstmals eine eigene Befähigung zur Informationsgewinnung erhielt.

Die Erfahrungen aus der Kriegszeit motivierten Gehlen später, den Aufbau der Organisation Gehlen auf eine gemeinsame Struktur von Informationsgewinnung und -auswertung auszurichten.

Führungswechsel zu Reinhard Gehlen, April–Mai 1942 Der FHO-Chef Eberhard Kinzel hatte sich insgesamt zwischen 1938 und 1942 in seiner Amtsausübung bei Vorgesetzten nicht immer beliebt gemacht; ihm wurden begrenzter Diensteifer, übermäßiger Frauenkontakt sowie respektloses und unprofessionelles Verhalten gegenüber seinem direkten Vorgesetzten Franz Halder angelastet. Obwohl er bei seinen Untergebenen beliebt war, wurde er in der übergeordneten Führung deshalb zu einem einfachen Sündenbock, was durch die ersten großen Rückschläge des Krieges für die Wehrmacht zum Jahreswechsel 1941/42 noch zusätzlich erschwert wurde. Im Zuge der Umstrukturierungen, die von Franz Halder für 1942 für nötig betrachtet wurden, sollte ein analytischerer Offizier als Kinzel die FHO übernehmen. Halder wollte den Fokus der FHO, der unter Kinzel auf der Synthese von Statistiken gelegen hatte, stärker auf die Beobachtung und Beurteilung sowjetischer Angriffsabsichten sowie auf die Prognose sowjetischer Abwehrfähigkeiten gegen geplante deutsche Offensiven ausrichten.

mini|hochkant|Reinhard Gehlen übernahm zum 1. Mai 1942 die Leitung der Abteilung Fremde Heere Ost. Er behielt seinen Dienstposten bis April 1945 und wurde kurz vor Kriegsende abgesetzt. Zum 1. April 1942 wurde Reinhard Gehlen unter gleichzeitiger Beförderung zum Oberst i. G. in die Abteilung geholt, um Kinzel zunächst in der Abteilungsleitung zu assistieren und sich einen Monat lang einzuarbeiten. Den Vortrag bei Halder am 2. April hielten die beiden Abteilungsleiter gemeinsam ab. Zum 1. Mai 1942 übernahm Gehlen dann vollständig die Leitung, nachdem Kinzel noch zum 22. April ein großes kollegiales Abschiedsfest gefeiert hatte. Nachdem Kurt Zeitzler Ende 1942 Franz Halder als Generalstabschef ersetzt hatte, wurde die Zwischeninstanz des Oberquartiermeisters IV (bis dahin Gerhard Matzky) restlos gestrichen, was Zeitzler durch direkte Kommunikation mit Gehlen auszugleichen suchte. Zu Hitlers engerem Kreis gehörte Gehlen trotzdem nicht; nach eigener Aussage trug er zwischen April 1942 und April 1945 lediglich viermal persönlich die Feindlage vor. Normalerweise übernahm diese Aufgabe der Leiter oder ein Angehöriger der Operationsabteilung.