Die Commission on Marriage and Family Laws („Kommission für Ehe- und Familienrecht“) in Pakistan war eine siebenköpfige Kommission, die am 4. August 1955 von der Regierung Pakistans eingesetzt wurde, um zu prüfen, ob das geltende Ehe- und Familienrecht geändert werden müsste, „um Frauen den ihnen gemäß den Grundlagen des Islam gebührenden Platz in der Gesellschaft zu geben“.

Die Kommission bestand aus sechs Laien, darunter drei Frauen, und einem Religionsgelehrten als „Berater“ für Scharia-Angelegenheiten.Ahmad: ‘Ulamā’ and the Muslim Family Laws in Pakistan. 2020, S. 58. Am 20. Juni 1956 veröffentlichte die Kommission ihren Bericht. Darin sprach sie Frauen durch Verfahrensgarantien neue Rechte zu und empfahl, die Polygamie stark einzuschränken und Kinderehen zu verbieten. Außerdem empfahl sie, Kinder vorverstorbener im Erbrecht besser zu stellen, so dass sie von ihren Großeltern erben konnten. Der einzige Religionsgelehrte, der der Kommission angehörte, Maulānā Ihtishām al-Haqq Thānavī (1914–1980), verfasste eine abweichende Stellungnahme, die im August 1956 separat veröffentlicht wurde. Traditionalistische muslimische Gelehrte protestierten gegen die Reformen und brachten in Veröffentlichungen ihre Ablehnung der Kommissionsempfehlungen zum Ausdruck. Trotz dieser Proteste wurden viele der Kommissionsempfehlungen schließlich doch 1961 in Form der Muslim Family Law Ordinance umgesetzt, der bedeutendste Reform des Familienrechts in der Geschichte Pakistans.Haider: Islamic Legal Reform: The Case of Pakistan and Family Law. 2000, S. 298. Sie ist bis heute in Pakistan und Bangladesch in Kraft.

Hintergrund der Einsetzung der Kommission Engagierte Frauen innerhalb und außerhalb von Frauenorganisationen kämpften nach Gründung Pakistans für ihre Rechte und gegen Maßnahmen, die Frauen verletzten oder unterdrückten. Ein solcher Kampf – mit weitreichenden Folgen – war die Kampagne der 1949 gegründeten All Pakistan Women’s Association (APWA) gegen die zweite Eheschließung von Premierminister Muhammad Ali Bogra. Er heiratete am 2. April 1955 bei einer stillen Zeremonie in Beirut seine libanesischstämmige Privatsekretärin Aliya Saddy Abi el Lamah (1923–2014) zu einem Zeitpunkt, als er bereits verheiratet war. Die Eheschließung wurde am 7. April offiziell in Karachi bekanntgegeben.Chronology of Pakistan 1947–1957. Kamel Publications, Karachi 1957. S. 151. Aus der Kampagne gegen diese Heirat ging die United Front for Women's Rights (UFWR) unter der Führung von Jahanara Shahnawaz hervor.Khawar Mumtaz and Farida Shaheed: Women of Pakistan: two steps forward, one step back?. Zed Books, London 1987. S. 56. Der Protest gegen die Heirat des Premierministers äußerte sich zum einen in Presseartikeln, zum anderen in Demonstrationen, bei denen Frauen Plakate mit Slogans wie Down with polygamy („Nieder mit der Polygamie“), Go back, Aliya Saddy („Geh zurück, Aliya Saddy“) und You should marry a bachelor („Du solltest einen Junggesellen heiraten“) trugen.

Der gemeinsame Druck der Frauenorganisationen zwang den Premierminister zum Handeln. Im Mai 1955 traf er sich schließlich mit der APWA. Nach einem neunzigminütigen Gespräch versprach er, „in Kürze einen hochrangigen Ausschuss einzurichten, der sich mit den notwendigen Reformen der geltenden Gesetze in Bezug auf Ehe, Scheidung, Sorgerecht für Kinder und Erbschaft befassen soll“. Die Bildung eines solchen Ausschusses würde er am 1. Juni 1955 bekannt geben. Der Ausschuss „würde die führenden Männer und Frauen des Landes vertreten“ und „innerhalb von sechs Monaten nach seiner Konstituierung Empfehlungen an die Regierung vorlegen“.Zitiert nach Chipp-Kraushaar: “The All Pakistan Women's Association and the 1961 Muslim Family Laws Ordinance”. 1981, S. 267. Die Einsetzung der Kommission war somit in hohem Maße den Bemühungen einer Gruppe gebildeter, wortgewandter muslimischer Frauen zu verdanken.Carroll: The Muslim Family Laws Ordinance, 1961 provisions and procedures – a reference paper for current research. 1979, S. 141. Nach der Gründung der Commission on Marriage and Family Laws schlossen sich noch weitere Frauengruppen dem Widerstand gegen die zweite Ehe von Premierminister Muhammad Ali Bogra an, darunter der Karachi Business and Professional Women's Club.Chipp-Kraushaar: “The All Pakistan Women's Association and the 1961 Muslim Family Laws Ordinance”. 1981, S. 267.

Wie versprochen, verkündete Premierminister Mohammad Ali tatsächlich in seiner monatlichen Radioansprache am 1. Juni die Entscheidung der Regierung, eine Kommission zur Überprüfung der bestehenden Ehe- und Familiengesetze einzusetzen, um festzustellen, inwieweit „Missbräuche verbreitet sind und um Wege und Mittel zu entwickeln, um die Rechte der Frauen im Einklang mit den Grundsätzen des Islam zu schützen“.Chronology of Pakistan 1947–1957. Kamel Publications, Karachi 1957. S. 157. Die Einsetzung der Kommission erfolgte allerdings erst am 4. August 1955, wenige Tage vor Muhammad Ali Bogras Rücktritt.

Die Kommission und ihre Arbeit Mitglieder Die Kommission bestand aus den folgenden Mitgliedern: Vorsitzender der Kommission war zunächst Khalifa Shuja-ud-Din. Nach seinem Tod am 8. Oktober 1955 aufgrund von Herzversagen wurde er durch Sir Mian Abdul Rashid (1888–1981), den ehemaligen Obersten Richter Pakistans, ersetzt.Ahmad: ‘Ulamā’ and the Muslim Family Laws in Pakistan. 2020, S. 57. Als Sekretär fungierte der Philosoph und Dichter Khalifa Abdul Hakim (gest. 1959), der sich an den modernistischen Ideen Sayyid Ahmad Khans orientierte.Abbott: Pakistan’s New Marriage Law: A Reflection of Qur’anic Interpretation. 1962, S. 28. Er war zu dieser Zeit auch Direktor des Institute of Islamic Culture in Lahore.Serajuddin: Shariʿa Law and Society. Tradition and Change in South Asia. 2001. S. 73. Der Religionsgelehrte Maulānā Ihtishām al-Haqq Thānvi. Er war der Kommission als „Berater“ für Scharia-Angelegenheiten zugeordnet und war der einzige Vertreter des traditionellen Islams in der Kommission. Mr. Enayat-ur-Rehman aus Dhaka die punjabische Aktivistin Jahanara Shahnawaz die Frauenrechtlerin Begum Anwar G. Ahmad die bengalische Frauenrechtlerin Shamsunnahar Mahmud

Aufgabe Die Kommission sollte eine Antwort auf die folgende Frage finden: „Müssen die bestehenden Gesetze, die Ehe, Scheidung, Unterhalt und andere untergeordnete Angelegenheiten unter Muslimen regeln, geändert werden, um den Frauen den ihnen gemäß den Grundlagen des Islams zustehenden Platz in der Gesellschaft zu geben?“ Dabei wurde die Kommission auch gebeten, speziell über die ordnungsgemäße Registrierung von Eheschließungen und Scheidungen, das Recht auf Scheidung für beide Ehepartner, den Unterhalt und die Einrichtung von speziellen Gerichten zur raschen Behandlung von Fällen, die Frauenrechte betreffen, zu berichten.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 33.

Ablauf der Verfahrens Die erste Sitzung der Kommission fand am 5. Oktober 1955 in Lahore unter dem Vorsitz des ersten Präsidenten der Kommission, Khalifa Shuja-ud-Din, statt und befasste sich mit der Diskussion des anzuwendenden Verfahrens. Die weiblichen Kommissionsmitglieder schlugen vor, die öffentliche Meinung durch einen Fragebogen einzuholen, in dem Männer und Frauen zu Fragen der Ehe befragt werden sollten.Ahmad: Some Reflections on the Marriage Commission Report 1959, S. 247. Kurz nach dieser Sitzung, am 8. Oktober 1955 verstarb der Vorsitzende der Kommission, Khalifa Shuja-ud-Din, plötzlich an Herzversagen. Als Nachfolger bestimmte der Justizminister Mian Abdul Rashid. Seine Ernennung wurde am 27. Oktober 1955 förmlich bekannt gegeben, und die zweite Sitzung der Kommission fand am 30. November statt. In dieser Sitzung, an der Ihtishām al-Haqq Thānvi nicht teilnehmen konnte, wurde ein Fragebogen erstellt, der an die führenden Köpfe des Landes im Besonderen und die Öffentlichkeit im Allgemeinen verteilt werden sollte, um ihre Meinung zu den Problemen zu erfahren, mit denen die Kommission konfrontiert war. Er wurde sowohl in Urdu als auch in Englisch gedruckt und Ende 1955 mit einer Stückzahl von 3.000 Exemplaren verteilt. Außerdem wurde er in der Presse veröffentlicht, und die Öffentlichkeit wurde aufgefordert, die Kommission mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung zu unterstützen. Die Fragebogen mussten bis zum 15. Februar 1956 bei der Kommission eingereicht werden.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 34. Im Bericht selbst wird darauf hingewiesen, dass die Entscheidungen der Kommission grundsätzlich einstimmig gewesen seien, Maulana Ehtishamul Haq jedoch in mehreren Punkten von der Meinung der übrigen Kommissionsmitglieder abgewichen sei.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 51.

Theoretische Grundlagen der Arbeit Die Kommission erklärte in ihrem Bericht, dass sie aufgrund ihres Mandats nicht über die Grundprinzipien des Islams hinausgehen könne und weder den Wunsch noch die Absicht habe, dies zu tun. Die Mitglieder der Kommission seien aber der festen Überzeugung, dass die Rechtsgrundsätze und spezifischen Gebote des Korans, wenn sie rational und liberal interpretiert werden, absolute Gerechtigkeit zwischen den Menschen herstellen und zu einem gesunden und glücklichen Familienleben beitragen könnten.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 45. Die Mitglieder der Kommission, so fährt der Bericht fort, hätten einstimmig das Grundprinzip der muslimischen Rechtswissenschaft akzeptiert, dass das, was nicht durch eine klare und eindeutige Anordnung kategorisch und bedingungslos verboten ist, zulässig sei, wenn das Wohl des Einzelnen oder der Gesellschaft im Allgemeinen es erfordere.

Die Kommission vertrat außerdem die Ansicht, dass zwischen allgemeingültigen Anordnungen und solchen, die auf eine bestimmte Gesellschaftsstruktur in einer bestimmten Epoche und in einer bestimmten Region, unterschieden werden müsse.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 46. Nur die universellen Gebote solle man übernehmen, die anderen aber fallen lassen.Islahi: Marriage Commission Report X-rayed. 1959, S. 153. Als Beispiel für ein nicht allgemeingültiges Gebot, das seine Gültigkeit verloren hatte, verwies die Kommission auf die Institution der Sklaverei. Implizit sagte die Kommission damit, dass es keinen Grund zur Sorge gebe, wenn sich mit der Entwicklung der Gesellschaft auch die Vorschriften über Ehe, Scheidung, Strafen, Erbschaft usw. entwickelten.Islahi: Marriage Commission Report X-rayed. 1959, S. 153.

Der Bericht und das Sondervotum Ihtishām al-Haqqs Die Kommission veröffentlichte ihren Bericht am 20. Juni 1956.Ansari/Maqsood/Islam: Muslim Family Law Ordinance 1961: Modernists And Traditionalists’ Perspectives. 2022, S. 331. Die Einleitung stammte von Khalifa Abdul Hakim, der darin seine Ideen über den Islam zum Ausdruck brachte.Abbott: Islam and Pakistan. 1968, S. 210. Der Rest des Berichts wurde vom Vorsitzenden Mian Abdul Rashid geschrieben.Abbott: Islam and Pakistan. 1968, S. 210. Die anderen Mitglieder der Kommission hatten an dem Bericht nur insoweit mitgewirkt, dass ihnen nach drei oder vier Sitzungen der Kommission ein Entwurf zur Stellungnahme zugesandt worden war.Ahmad: Some Reflections on the Marriage Commission Report 1959, S. 253. Das Kommissionsmitglied Enayat-ur-Rehman aus Dacca hatte keine Möglichkeit, an den Sitzungen der Kommission teilzunehmen, erklärte sich jedoch nach Erhalt einer Kopie des Berichtsentwurfs mit den endgültigen Schlussfolgerungen der Kommission vollständig einverstanden.Report of the Commission on Marriage and Family Laws. 1959, S. 52. Insofern kann der Bericht der Kommission praktisch als gemeinsames Produkt der geistigen Anstrengungen von Khalifa Abdul Hakim, der drei weiblichen Kommissionsmitglieder und des Kommissionspräsidenten angesehen werden.Islahi: Marriage Commission Report X-rayed. 1959, S. 103f.