Personenkult bezeichnet eine als übermäßig empfundene Verehrung und Glorifizierung einer in der Regel noch lebenden Person, die eine – behauptete oder tatsächliche – Vorbildfunktion hat. Er tritt in allen gesellschaftlichen Bereichen auf, sehr häufig in Politik, Unterhaltungsindustrie, Sport und Kultur. In seiner modernen Ausprägung ähnelt er dem Starkult, mit dem Unterschied, dass an einen Star oder an einen Prominenten geringere moralische Ansprüche gestellt werden. Verwandte Begriffe sind charismatische Herrschaft, Heiligenverehrung, Totenkult und Heldenverehrung.

Da sich der Personenkult propagandistisch instrumentalisieren lässt, ist er ein Merkmal vieler Diktaturen.

Begriff mini|hochkant|Ferdinand Lassalle (1825–1864) wurde in Teilen der deutschen Arbeiterbewegung kultisch verehrt. Geprägt wurde der Begriff durch Karl Marx. In einem Brief an den Sozialdemokraten Wilhelm Blos schrieb er am 10. November 1877, er habe einen „Widerwillen gegen allen Personenkultus“, ebenso wie Friedrich Engels gebe er „keinen Pfifferling für Popularität“.Brief von Karl Marx an Wilhelm Blos. In: Wilhelm Blos: Denkwürdigkeiten eines Sozialdemokraten. 2. Band. München 1919; 20003602281 Hintergrund dieser Haltung war Marx’ Geschichtsbild, der Historische Materialismus, der der Einzelpersönlichkeit im historischen Prozess allenfalls eine untergeordnete Rolle einräumt. Schon vorher hatten Engels und er gegen den Kult polemisiert, der in der Sozialdemokratie um den Gründer des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins Ferdinand Lassalle getrieben wurde. Nach dessen frühem Tod 1864 hatte dessen Verehrung nach Einschätzung des Historikers Hans-Josef Steinberg groteske Züge angenommen.Hans-Josef Steinberg: Personenkult. In: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Band V: Personenkult bis Sozialpsychologie. Herder, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 1972, S. 2. In den späteren Jahren des 19. Jahrhunderts dominierte aber die Ablehnung jedes Personenkults in der SPD. In einem Beitrag für die Zeitschrift Der Sozialdemokrat schrieb etwa Wilhelm Liebknecht am 6. April 1889, „Götzendienst und Personenkultus“ seien der Sozialdemokratie fremd.Hans-Josef Steinberg: Personenkult. In: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Band V: Personenkult bis Sozialpsychologie. Herder, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 1972, S. 2.

Auf diese Tradition bezog sich der sowjetische Politiker Nikita Sergejewitsch Chruschtschow im Februar 1956 in seiner Geheimrede Über den Personenkult und seine Folgen auf dem XX. Parteitag der KPdSU. Darin verurteilte er den Stalinismus mit den in seinem Namen verübten Verbrechen und damit den Personenkult um Stalin.Volltext der Rede Der Vorwurf des Personenkults wurde dadurch im Rahmen der Entstalinisierung zu einem weltweit bekannten Schlagwort.

Der Begriff wird zumeist pejorativ verwendet. Eine Ausnahme stellt der französische marxistische Philosoph Alain Badiou (* 1937) dar, der Chruschtschows Verurteilung des stalinschen Personenkults für unangebracht hält. Sie habe „unter dem Deckmantel der Demokratie den Niedergang der Idee des Kommunismus“ angekündigt.Alain Badiou: Die kommunistische Hypothese (= Internationaler Merve-Diskurs 349 = Morale provisoire 2). Merve, Berlin 2010, ISBN 978-3-88396-287-0, zit. nach Johannes Thumfart: Der eiserne Maoist. In: taz, 1. August 2011, S. 15.

Zusammenhang mit Herrschaft und Charismatisierung Der Begriff des Personenkults und Max Webers „charismatische Herrschaft“ sind verwandte Konzepte. Ein Unterschied besteht darin, dass nach Weber charismatische Herrschaft eine Tendenz zur Legalisierung aufweist, dass also Herrschaft mit der Zeit weniger durch die immer zu beweisende Ausnahmepersönlichkeit des Herrschenden legitimiert wird, sondern durch unpersönlich gedachte gesetzliche Verfahren und Instanzengänge. Im Personenkult dagegen wird dieser Übergang von persönlichen Herrschaftsformen zur legalen Herrschaft zurückgenommen, hier basiert die Gehorsamsbereitschaft der Beherrschten in ganz überwiegendem Maß auf der Bindung an die Person des Herrschers.Roland Czada: Institutionelle Theorien der Politik. In: Dieter Nohlen (Hrsg.): Lexikon der Politik, Band 1: Politische Begriffe. Directmedia, Berlin 2004, S. 208.

Da im Personenkult (vor allem in der Geschichte seit den Pharaonen bis zur Säkularisierung) oft ein politischer Herrscher glorifiziert wird, der seine Herrschaft häufig aus der Nähe zum Göttlichen (Gottesgnadentum) begründet, zeigt sich der Personenkult phänomenologisch in quasireligiösen Ritualen. Dies war in der Geschichte teilweise gewollt und wurde genutzt, um den Einfluss von Kirchen oder anderen religiösen Organisationen zurückzudrängen. Zum Beispiel wollten Adolf Hitler und seine nationalsozialistische Bewegung den Einfluss der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland zurückdrängen (siehe auch „Kirchenkampf“).

Der Personenkult kann an spezifischen Eigenschaften einer Person des öffentlichen Lebens anknüpfen und/oder aus dem Innehaben eines hohen Amtes resultieren wie beispielsweise bei Kaisern oder beim britischen König. Entscheidend ist, dass eine Charismatisierung stattfindet. Max Weber (1864–1920) unterschied vom persönlichen Charisma das Amtscharisma und das Erbcharisma.Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft besorgt von Johannes Winckelmann. Grundriss der verstehenden Soziologie. 5., revidierte Auflage, Studienausgabe. Mohr, Tübingen 1980, ISBN 3-16-538521-1, S. 144. Einen Personenkult mit „Erbcharisma“ gibt es in Nordkorea.

mini|1935: Geschäfte schließen, damit eine Rede Hitlers gehört werden kann Personenkult wurde und wird durch die Massenmedien erleichtert. Schon die ständige Präsenz in den Medien kann eine Charismatisierung bewirken, weil sie der betreffenden Person den Anschein großer Bedeutung gibt. In der Anfangszeit von Radio und Film glaubten viele Zuhörer bzw. Zuschauer das Gehörte bzw. Gesehene und hinterfragten den Wahrheitsgehalt nicht. Der Volksempfänger (vorgestellt im August 1933) vergrößerte in Deutschland die Zahl der Propagandaempfänger. Die vier in Deutschland bis 1940 privatwirtschaftlich produzierten konkurrierenden Wochenschauen wurden ab Juni 1940 von den nationalsozialistischen Machthabern zentralisiert und gleichgeschaltet: ab dann gab es nur noch die von der UFA produzierte „Deutsche Wochenschau“ in den Kinos des Deutschen Reiches.

Merkmale und Funktionen Der Historiker Reinhard Löhmann nennt drei Merkmale von Personenkulten: Überhöhung einer Einzelperson, Verhältnisse werden durch die Glorifizierung einer Persönlichkeit personalisiert, d. h. der Aufbau eines Systems wird nicht als das Verdienst einer Epoche, sondern einer Person dargestellt Monumentalisierung des politischen Führers, der als Genie angeblich Leistungen erbringt, zu denen kein anderer fähig ist Mythisierung des Führers als allwissend, unsterblich und allgegenwärtig, was sich im öffentlichen Raum in Statuen, Monumenten, Porträts, Straßennamen usw. zeigt.Reinhard Löhmann: Der Stalinmythos. Studien zur Sozialgeschichte des Personenkults in der Sowjetunion (1929–1935), LIT, Münster 1990, ISBN 3-88660-596-5, S. 10 ff.

Personenkulte haben die Funktion, die Gesellschaft zu vereinen und einen Raum gemeinschaftlicher Kommunikation zu schaffen, um Loyalitäten und Emotionen auf die Person des Führers zu lenken. Sie schaffen eine Art mythischer Realität, an die nicht unbedingt geglaubt, die aber in vielfältigen Machtritualen gelebt werden muss. Gleichwohl darf ein Personenkult nicht auf die Absichten derer reduziert werden, die ihn veranlassen. Auf mittlerer und unterer Ebene wird er oft in ganz unterschiedlicher Weise umgeformt und an lokale Gegebenheiten adaptiert.Daniele Leese: The Cult of Personality and Symbolic Politics. In: Stephen A. Smith (Hrsg.): The Oxford Handbook of the History of Communism. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-960205-6, S. 340–353, hier S. 342 f.

Staaten und Systeme mit Personenkult In Diktaturen wird allgemein auf die herrschende Person abgestellt. Damit werden der herrschenden Person alle Errungenschaften zugeschrieben. Dieser Status kann bis zu religiöser Erhöhung führen.

Faschismus und Nationalsozialismus mini|Reiterstandbild Francos in Santander Da in faschistischen Regimes und im Nationalsozialismus das Führerprinzip von elementarer Bedeutung ist, kommt es auch hier zu ausgeprägten Personenkulten, so wurden entsprechende Kulte im faschistischen Italien unter Benito Mussolini, in NS-Deutschland unter Adolf Hitler (Führerkult der NS-Propaganda) und in geringerem Ausmaße in Spanien unter Francisco Franco betrieben.

Der britische Historiker Ian Kershaw erklärte in seiner zweiteiligen Hitlerbiografie (1998; 2000) Hitlers Aufstieg mit Max Webers Modell der „charismatischen Herrschaft“ wesentlich aus dem „Führermythos“. Dieser habe Hitlers Popularität – aufgrund der sozialen Bedingungen nach dem Ersten Weltkrieg und seiner späteren Anfangserfolge – begründet. Hitlers Macht habe darauf basiert, dass seine Anhänger und große Teile der deutschen Gesellschaft bereit waren und sich verpflichteten, auch ohne direkte Befehle „im Sinne des Führers ihm entgegenzuarbeiten“, wie es der NSDAP-Beamte Werner Willikens 1934 ausdrückte.Ian Kershaw: Hitler. 1889–1936. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1998, ISBN 3-421-05131-3, S. 663.

Realsozialismus mini|hochkant|Ein Zivilist betrachtet ein großes Pla­katporträt von Stalin auf der Prachtstraße Unter den Linden in Berlin, 3. Juni 1945.

In der Sowjetunion der Jahre 1928 bis 1953 wurde der Personenkult um Josef Stalin zum Exzess getrieben. Alle Leistungen, die nach dem Tode Lenins erreicht worden waren, wurden einzig dem angeblichen Genie Stalins zugeschrieben.Hans-Josef Steinberg: Personenkult. In: Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft. Eine vergleichende Enzyklopädie. Band V: Personenkult bis Sozialpsychologie. Herder, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 1972, S. 4. Zu seinem 50. Geburtstag 1929 ließ er sich offiziell den Ehrentitel „Führer“ (russisch: вождь, Vožd' ) verleihen.Manfred Hildermeier: Die Sowjetunion 1917–1991 (Oldenbourg Grundriss der Geschichte). Oldenbourg, München 2007, S. 53. Die erfolgreichen Operationen der Roten Armee nach der Schlacht von Stalingrad wurden als „die zehn stalinschen Schläge“ ihm zugeschrieben. Es wurde behauptet, dass Stalins Rolle während der Oktoberrevolution der Lenins gleichkäme. Stalins Werke galten nun als ebenso bedeutsam wie die Lenins, es wurde üblich, sich bei jeder Gelegenheit auf ihn zu berufen. In den Betrieben wurden Gegenpläne aufgestellt, in denen für Stalin die Vorgaben des Fünfjahresplans überboten wurden, im Kreml gingen Dankesbriefe aus der Bevölkerung an ihn ein. Nach der Kapitulation der Wehrmacht am Ende des Zweiten Weltkriegs folgte die Moskauer Siegesparade von 1945. Bald danach wurden in der Sowjetunion und auch in den Staaten in ihrem Machtbereich zahlreiche Denkmäler Stalins errichtet, Straßen und Städte wurden nach ihm benannt, Hymnen über ihn gesungen.Dimitri Wolkogonow: Stalin. Triumph und Tragödie. Econ, München 1993, S. 286 f., 669–673 u. ö. In den Schulen der DDR gab es in den frühen bis Mitte der 1950er Jahre „Stalin-Ecken“, ein meist wie ein Altar gestalteter Tisch mit einem Foto Stalins, auf dem die Schüler ihre Gaben der Dankbarkeit ablegten.Stefan Trinks: Der Diktator röhrt im Zoo. Opfergaben für den Altar des großen Führers: Eine Ausstellung in Hohenschönhausen beleuchtet den Stalin-Kult in Deutschland. In: FAZ, 6. Februar 2018, S. 12.