Die Kathedrale von Reims (französisch Cathédrale Notre-Dame de Reims, deutsch Kathedrale Unserer Lieben Frau zu Reims) in der nordfranzösischen Stadt Reims, Bischofskirche des Erzbistums Reims, ist wegen ihrer einheitlich scheinenden, ausgewogenen Architektur und umfangreichsten bauplastischen Ausstattung (im Wesentlichen aus dem 13. Jahrhundert) eines der bedeutendsten gotischen Kirchengebäude Frankreichs. In Reims findet man das erste voll entwickelte Maßwerk in der Architekturgeschichte. Architektur und Skulptur der Reimser Kathedrale dominierten den Einfluss der französischen Gotik auf die Entwicklung der Kirchenbau- und Bildhauerkunst östlich des Rheins seit den 1220er Jahren.Zum Beispiel auf die Dome in Straßburg und Bamberg, vgl. Hartmut Krohm u. a. (Hrsg.): Der Naumburger Meister, Katalog der Ausstellung Naumburg, 2021, S. 331–421, bes. 359–405. Die Kathedrale ist ein bedeutender historischer Erinnerungsort nicht nur des monarchischen Frankreich. Hier wurden seine Könige gekrönt, hier triumphierte Jeanne d’Arc, hier zerschoss deutsche Artillerie im Ersten Weltkrieg hunderte bedeutendste Kunstwerke und hier demonstrierten de Gaulle und Adenauer 1962 die deutsch-französische Versöhnung.

Seit 1991 gehört die Kathedrale zum UNESCO-Welterbe und ist national als Monument historique klassifiziert. Sie ist mit rund einer Million Besuchern im Jahr einer der Hauptanziehungspunkte der Champagne.. In: Französisches Kulturministerium, 2018, (deutsch).

Geschichte Der erste Kirchenbau entstand bereits im 5. JahrhundertElie Lambert: La cathédrale de Reims et les cathédrales qui l'ont précédée sur le même emplacement. In: Comptes-rendus des séances de l'Academie des Inscriptions et Belles-Lettres, Jahrgang 1959, Band 103, Nr. 2, S. 244, (Text im Internet). auf den Überresten gallo-römischer Thermen.Patrick Demouy: Notre-Dame de Reims: sanctuaire de la monarchie sacrée. Caisse nationale des monuments historiques et des sites, CNRS éd., Paris 1995, ISBN 2-271-05258-0, S. 11. Nach der von Erzbischof Hinkmar von Reims gebildeten Legende hat gegen Ende des 5. Jahrhunderts der hl. Remigius als Bischof von Reims den Frankenkönig Chlodwig I. getauft und mit einem vom Himmel herab gesendeten Öl gesalbt. Daraus leitete der Reimser Erzbischof das Recht ab, in seiner Kathedrale jeden neuen König von Frankreich krönen und salben zu können. Es bestand seit karolingischer Zeit eine bedeutende Domschule. Der bekannteste Lehrer war der Mathematiker Gerbert von Aurillac, weitere waren der Gründer der Kartäuser Bruno von Köln, Lotulf von Novara und Alberich von Reims. Vom 11. Jahrhundert bis in das 19. Jahrhundert (nicht wie oft angenommen zur Revolution im 18. Jahrhundert) wurden hier französische Könige gekrönt, so auch 1429 Karl VII. im Beisein der Jeanne d’Arc. Die letzte Krönung fand am 29. Mai 1825 (Karl X.) statt. So symbolisierte die Kathedrale die enge Verbundenheit zwischen Monarchie und Kirche. Obwohl die Dritte Republik die Trennung von Staat und Kirche durchgesetzt hat, steht die Kathedrale von Reims sinnbildhaft für die französische Nation.

Während der Französischen Revolution erlitt die Reimser Kathedrale nur leichte Schäden. Ab 1860 leitete der Denkmalpfleger Eugène Viollet-le-Duc Restaurierungsarbeiten an der Westfassade. 1870 wurde die Kirche durch Papst Pius IX. zur Basilica minor ernannt.

20. Jahrhundert Im Ersten Weltkrieg wurde die Kathedrale schwer beschädigt, unter anderem wurde der hölzerne Dachstuhl aus dem 15. Jahrhundert komplett zerstört. Nach der Marneschlacht vom 5. bis 12. September 1914 hatten sich die deutschen Truppen in befestigte Stellungen nördlich von Reims zurückgezogen, die sie bis 1918 halten konnten. Die Stadt, die am 13. September von französischen Soldaten besetzt worden war, wurde aus diesen Stellungen heraus von der deutschen Artillerie beschossen. Ein Großteil des Stadtzentrums wurde dabei zerstört, auch die Kathedrale selbst wurde spätestens ab dem 17. September immer wieder getroffen. Am 19. September schlugen insgesamt 25 Geschosse in das Bauwerk ein und setzten zunächst das Gerüst am Nordturm in Brand. Bei seinem Einsturz beschädigte es den Skulpturenschmuck der Fassade. Das Feuer griff auf den Dachstuhl über, der völlig ausbrannte. Das Bleidach schmolz, auch ein großer Teil der mittelalterlichen Glasfenster wurde zerstört. Ab 1915 war die Fassade mit Sandsäcken geschützt, wurde aber bis zum März 1918 immer wieder zum Ziel des Artilleriebeschusses. Bei Kriegsende ragte das Bauwerk schwer beschädigt über den Ruinen der Stadt auf.

mini|Beschuss der Kathedrale, 1914 mini|De Gaulle und Adenauer in der Kathedrale von Reims, 1962 Aufgrund ihrer Bedeutung als Ort politischer und nationaler Identität Frankreichs sowie wegen ihres architekturgeschichtlichen Ranges wurde die Zerstörung der Kathedrale von Reims von der Kriegspropaganda beider Seiten ausgiebig kommentiert. Der deutsche Heeresbericht vom 22. September 1914 rechtfertigte den Beschuss mit einem auf einem Turm befindlichen französischen Beobachtungsposten.Das deutsche Hauptquartier über die Beschießung. In: Stahlgewitter.com, aufgerufen am 23. März 2024. Die französische und die internationale Presse stellten die Zerstörung dagegen als Akt bewusster und gezielter Barbarei dar.

In der Zwischenkriegszeit wurde die Kathedrale ab 1919 unter der Leitung von Henri Deneux (1874–1969) wieder aufgebaut, der hölzerne Dachstuhl dabei durch einen aus vorfabrizierten Betonelementen ersetzt. Finanzielle Unterstützung erhielt der Wiederaufbau durch Mittel der Rockefeller Foundation. Ab 1927 wurde die Kathedrale wieder teilweise genutzt. Am 18. Oktober 1937 wurde die Kathedrale wieder eingeweiht; der damalige französische Ministerpräsident Albert Lebrun nahm an dem Hochamt teil.Wochenschau-Video: Le reconstruction d'un monument martyr, la cathédrale de Reims. In: INA, 18. Oktober 1937, 1:33 Min., aufgerufen am 23. März 2024.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kathedrale von Reims auch zu einem Symbolort der deutsch-französischen Freundschaft: Vor dem Hintergrund der Zerstörung im Ersten Weltkrieg war sie am 8. Juli 1962 Ort einer Messe, an der Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer während eines Staatsbesuchs demonstrativ teilnahmen.Hans-Gert Pöttering: Freundschaft zwischen den Völkern. Zum 50. Jahrestag der deutsch-französischen Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims am 8. Juli 1962. In: Konrad-Adenauer-Stiftung, 8. Juli 2012. Anlässlich des 50. Jubiläums dieser historischen Begegnung fand dort am 8. Juli 2012 ein Treffen von Staatspräsident François Hollande und Bundeskanzlerin Angela Merkel statt.dapd: Merkel lobt 50 Jahre deutsch-französische Freundschaft. In: Die Welt, 7. Juli 2012, aufgerufen am 23. März 2024.

Baugeschichte mini|Chor der Kathedrale mit den frühesten Maßwerkfenstern Die Namen der angeblichen ersten Baumeister der Kathedrale werden in dem berühmten, 1778 zerstörten Labyrinth genannt, das in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts in den Fußboden eingelassen worden war, dessen Wortlaut aber nicht zuverlässig überliefert ist. Sie geben allerdings für die Baugeschichte kaum Anhaltspunkte, weil mit diesen Nennungen keine anderen Werke in Verbindung gebracht werden können. Auch ist ihre Reihenfolge umstritten; die jüngere Forschung schlägt folgende Ordnung vor, die sich aus dem Abschreiten des Wegemusters im Uhrzeigersinn ergibt: Gaucher de Reims, Jean Loup, Jean d’Orbais, Bernard de Soisson.Alain Villes, 2009. Um 1215/17So Alain Villes, 2009. Die ältere Forschung rechnet dagegen eher mit den 1130er Jahren. dürfte Villard de Honnecourt die Baustelle besucht haben, denn auf einer seiner Zeichnungen ist nur das Untergeschoss des Chors getreu wiedergegeben, während die oberen Zonen noch nicht ausgeführt waren. Nach einem verheerenden Brand 1210 begann bereits ab 1211 eine intensive Bautätigkeit. Die kurze Planungszeit bestärkte den Verdacht, dass der Brand mit der Absicht eines Neubauvorhabens zu tun hatte. Weitere für die frühe Baugeschichte relevante Daten urkundlicher Art fehlen. Zwischen 1233 und 1236 entwichen Erzbischof und Domkapitel vor einem Aufbegehren der Reimser Bürgerschaft aus der Stadt; man rechnet in diesen Jahren mit einem längeren Stillstand der Bauarbeiten. Nach einer Weihe 1241 übernahm das Domkapitel den Chor (wohl nur seine östlichen Teile) zur Nutzung.

mini|Grundriss Schon gegen 1220, vielleicht mit Übernahme der Bauleitung durch Jean Loup, muss es einen Planwechsel gegeben haben. Das damals noch im Bereich des jetzigen westlichsten Langhausjochs bestehende Eingangsmassiv aus dem 12. Jahrhundert beabsichtigte man durch eine weiter im Westen gedachte neue Fassade zu ersetzen. Das hatte nicht nur eine Verlängerung des Langhauses zur Folge, sondern zur Wahrung der Proportionen auch einen Ausbau des Querhauses. Die unteren Schichten von Langchor und Querhaus wurden bis etwa 1230/35 errichtet.

Vielleicht erst nach Fertigstellung So die These von Alain Villes, die eine voraufgehende anderweitige Verwendung der stilistisch älteren Gewändefiguren voraussetzt. der zwischen etwa 1235 und 1250 errichteten oberen Teile von Chor, Querhaus und Langhaus, die durch ein Streben nach noch mehr Höhe gekennzeichnet sind, ging man an den Bau der neuen Westfassade, in deren Bereich 1252 die letzten Häuser abgerissen wurden. Auch sie lässt zwei Planungsphasen erkennen, eine ältere, die bis zu den Kapitellen über den Gewändefiguren reicht und eine spätere, deren beide Rosenfenster (eines direkt über dem Mittelportal als Teil der Verglasung anstelle steinerner Tympana und eines hinter und über der Spitze des mittleren Wimpergs) schon Züge des Gothique rayonnant aufweisen. Bei der Krönung Philipps des Schönen 1286 war der Westbau bis in Höhe des großen Rosenfensters fertiggestellt.Reims (51) - Cathédrale Notre-Dame (Extérieur - Façade occidentale). In: La France médiévale, 17. Juni 2015, Bildergalerie.

1311 war die dreischiffige Basilika mit Ausnahme der oberen Geschosse der Westtürme fertiggestellt und erhielt ihr endgültiges Bleidach. Während des Hundertjährigen Krieges (1337 bis 1453) kamen die Arbeiten nur noch langsam voran. 1481 zerstörte ein weiterer Brand das Dach und den Vierungsturm, der hernach nicht wiederhergestellt wurde, sodass sich dort jetzt eine einfache Kreuzung der Dachfirste befindet.

Architektur mini|hochkant=0.7|links|Eugène Viollet-le-Duc: Querschnitt mit Maßstab Trotz verschiedener Planwechsel während der etwa das ganze 13. Jahrhundert ausfüllenden hochgotischen Bauzeit erscheint auf den ersten Blick heute der Bau als einheitliches Gebilde in ungestörter Abfolge seiner Teile. Auf dem Grundriss sind von Ost nach West abzulesen: Fünf radial gestellte Kapellen umgeben den Chorumgang, dessen Gliederungssystem sich über das dreischiffige Querhaus mit seiner etwas größeren Vierung in das Langhaus fortsetzt. Wegen der von Anfang an verwendeten Profil-Maßwerke wird diese Kathedrale nach deutschen Kriterien der Hochgotik zugerechnet. Wie schon die kurz nach 1194 begonnene Kathedrale von Chartres hat die Kathedrale von Reims keine Emporen, aber die Triforien sind noch nicht befenstert. Nach französischen Stilkriterien gehören Chor und Langhaus daher dem Gothique classique an. In der ab Mitte des 13. Jahrhunderts errichteten Westfassade wurde dann eine größtmögliche Ausdehnung der Glasflächen angestrebt, typisch für die Rayonnantstil. Infolge der Reparaturen nach dem Brand von 1481 findet sich in den Querhausgiebeln Flamboyantstil.

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