Antipsychiatrie ist generell „alles“, was dem Grundgedanken und den daraus entstehenden Handlungen der Psychiatrie negativ bis ablehnend gegenübersteht. Sie entwickelte sich zwischen 1955 und 1975, nach der Einführung von Lobotomien, unter anderem in Großbritannien, in Italien, den USA und in der Bundesrepublik Deutschland.Elisabeth Roudinesco, Michael Pion: Wörterbuch der Psychoanalyse. S. 45. Die antipsychiatrische Bewegung umfasst verschiedene Gruppen mit unterschiedlichen Hintergründen.
Kritikpunkte gegenüber der Psychiatrie beziehen sich in Deutschland vor allem auf die Missachtung von Artikel 1 und 2 des Grundgesetzes sowie diverser Menschenrechte in psychiatrischen Kliniken durch die Zwangsbehandlung. Kritisiert werden in verschiedenen Ländern die „chemische Lobotomie“, Gaslighting, die Stigmatisierung der Kranken und andere oft gebräuchliche, teilweise willkürlich ausgeübte Behandlungsmethoden – zum Beispiel mit Psychopharmaka – sowie die Klassifizierung psychischer Krankheiten. Antipsychiatrie prangert an und klärt nicht nur über die Missstände in psychiatrischen Einrichtungen auf, sondern stellt die Psychiatrie als solche grundlegend in Frage.Heiner Fangerau: Psychische Erkrankungen und geistige Behinderung. In: S. Schulz, K. Steigleder, H. Fangerau, N. W. Paul: Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2006, S. 375. Oft wird die Psychiatrie als Mechanismus des bestehenden gesellschaftlichen Systems zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung beschrieben. Insbesondere kritisiert wird dabei das angeblich unwissenschaftliche Agieren dieser Disziplin.
David Cooper wird zusammen mit den Psychiatern Ronald D. Laing und Thomas Szasz zu den wichtigsten Vertretern der Antipsychiatriebewegung gezählt.Wolfgang Eckart: Illustrierte Geschichte der Medizin. Springer-Verlag, S. 191. Außerdem werden der Bewegung unter anderem die Psychiater Jan Foudraine, Franco Basaglia und Félix Guattari sowie der Soziologe Erving Goffman und der Philosoph Gilles Deleuze zugeordnet. Größte Aufmerksamkeit erlangten antipsychiatrische Thesen seit 1961 durch Michel Foucaults Werk Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, er selbst wird aber in der Regel noch nicht zur Antipsychiatriebewegung gezählt.
Historische Vorläufer Als Vorläufer der Antipsychiatrie-Bewegung der 1960er Jahre kann die romantisch orientierte französische psychiatriekritische Bewegung angesehen werden, welche auf die Französische Revolution von 1789 folgte. Ebenso formierte sich um 1900 in Deutschland eine Bewegung von bürgerlichen Gruppen, wie etwa einer 1907 von dem Ingenieur und ehemaligen Psychiatriepatienten Georg Wetzer (1878–1914) gegründeten Liga zur Wahrung der Interessen von Geisteskranken,Bernd Ottermann, Ulrich Meyer: Der Irren-Reformer Georg Wetzer aus Hersbruck. Ein Beitrag zur Geschichte der antipsychiatrischen Bewegung des beginnenden 20. Jahrhunderts. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 5, 1987, S. 311–321, hier: S. 312; Georg Wetzer: Erlanger Irrenhaus-Erlebnisse oder „Sind unsere Irren-Anstalten Heil- und Pflegeanstalten?“ Commissions-Verlag Andr. Münch, Nürnberg 1910. welche heftige Kritik an der Internierungspraxis und der Feststellung einer Geisteskrankheit übten. Hier wurde auch schon der Begriff „Antipsychiatrie“ benutzt.Hans Bangen: Geschichte der medikamentösen Therapie der Schizophrenie. Berlin 1992, ISBN 3-927408-82-4, S. 87. In der heutigen Bedeutung wurde der Terminus „Antipsychiatrie“ erstmals 1967 von David Cooper verwendet.Vgl. Nick Crossley: R. D. Laing and the british anti-psychiatry movement: A socio-historical analysis. In: Soc. Sci. Med. Band 47, Nr. 7/1998, S. 877–889, hier S. 877.
Varianten Unter den Antipsychiatern gibt es unterschiedliche Auffassungen, die von der Kritik an der institutionellen Psychiatrie (speziell dem Klinikalltag), ihren Krankheitsbeschreibungen und Behandlungen bis zur vollkommenen Ablehnung von psychiatrischen Diagnosen und Behandlungsmethoden reicht. Oft wird die Psychiatrie als Mechanismus des bestehenden gesellschaftlichen Systems zur Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung beschrieben.
Einigkeit herrscht in der Ablehnung von Zwangsmaßnahmen.Vgl. T. Rechlin, J. Vliegen: Die Psychiatrie in der Kritik. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1995, S. 5 ff. Eine Mehrheit spricht sich auch strikt gegen die Anwendung von Neuroleptika aus und sieht von ihnen lediglich Nebenwirkungen und Schäden ausgehen. Wenige Kritiker (z. B. CooperDavid Cooper: Psychiatrie und Anti-psychiatrie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 135.) setzten hingegen selbst auch Medikamente ein. Kritisiert wird zum Beispiel, dass die als Folter und Unterdrückungsmittel benutzte Elektrokrampftherapie gegen den informierten Willen des Patienten eingesetzt wird und deren Hauptverwendungszweck darin bestehe, Erinnerungen oder gar Identitäten zu löschen und Betroffene daran zu hindern, einen legalen Rekurs zu tätigen.
Die Kritik an der klassischen Psychiatrie richtete sich hauptsächlich gegen die Schizophrenie,Vgl. T. Rechlin, J. Vliegen: Die Psychiatrie in der Kritik. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 1995, S. 9. mit der ein Großteil der Patienten in psychiatrischen Kliniken diagnostiziert ist (siehe auch Kritik am Konzept Schizophrenie). Für die Erklärung der Symptome der Schizophrenie wurde die Doppelbindungstheorie (double bind, Beziehungsfalle), bezogen auf die Familie des Erkrankten, hinzugezogen. Danach würden paradoxe Botschaften, die sich selbst widersprechen und in Beziehungen von Menschen gehäuft auftreten, zur Lähmung und starken Verwirrung der betroffenen Person führen. Dies könne dann zu den Symptomen führen, die der Schizophrenie zugeordnet werden, aber auch als normale Reaktion auf verwirrende Zustände angesehen werden.Vgl. Juan Obiols, Franco Basaglia: Antipsychiatrie. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 44.
Der schweizerische Anwalt Edmund Schönenbergerhttps://www.antipsychiatrieverlag.de/artikel/biographien/pdf/schoenenberger.pdf verteidigte seit 1975 Zwangspsychiatrisierte mit seinem umstrittenenDie Zwangsjacke hat ausgedient. In: Beobachter, 1. Juni 2012. Verein Psychex und summiert seine Erfahrungen in der These, dass die Zwangspsychiatrie letztlich der Aufrechterhaltung der herrschenden Ordnung diene.Fundamentalkritik der Zwangspsychiatrie (PDF; 659 kB) Antipsychiatrische Standpunkte argumentieren, dass innerhalb des psychologisch-psychiatrischen Systems der Fokus von Diagnosen auf dem Individuum liege und nicht auf den äußeren Bedingungen von Personen. Dies spiegele sich auch in dem Paradigmenwechsel der Symptom/Syndrom-Beschreibungen des ICD und dem DSM wider, welche von einer ätiologischen Klassifikation von Diagnosen gewechselt hat hin zu einer Checkliste von Symptomen.
Ein wichtiger Kritikpunkt war die mangelnde Aufarbeitung der Psychiatriegeschichte, insbesondere die Verbrechen in totalitären Regimen wie dem Nationalsozialismus. In Deutschland waren die Zwangssterilisation und die Ermordung psychisch Kranker nach dem Zweiten Weltkrieg nicht genügend aufgearbeitet worden. Auch die Rolle des wohl berühmtesten Schweizer Psychiaters Eugen Bleuler, welcher durch seine Beschreibung der Schizophrenie bekannt wurde, zugleich Lehrbuchautor und Direktor der psychiatrischen Anstalt Burghölzli in Zürich war, wird kritisiert. Ein Zitat von ihm lautet: „Eine nicht so einfach zu beantwortende Frage ist die, ob es erlaubt sein sollte, objektiv ‘lebensunwertes Leben’ anderer zu vernichten, ohne den ausdrücklichen Wunsch des Trägers. (…) Auch bei unheilbaren Geisteskranken, die unter Halluzinationen und melancholischen Depressionen schwer leiden und nicht handlungsfähig sind, würde ich einem ärztlichen Kollegium das Recht und in schweren Fällen die Pflicht zuschreiben, die Leiden abzukürzen – oft für viele Jahre.“Eugen Eugen: Die naturwissenschaftliche Grundlage der Ethik. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie. Band 38, Nr. 2, 1936, S. 206.
Theorien Michel Foucault Der Philosoph und Historiker Michel Foucault publizierte 1961 sein Werk Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, welches sich mit der Frage beschäftigt, an welchem Punkt in der europäischen Geistesgeschichte „die aufklärerische Vernunft sich endgültig vom Wahnsinn als ihrem manifesten Gegenteil losgesagt hat.“Philipp Sarasin: Michel Foucault zur Einführung. 2. Auflage. Junius Verlag, Hamburg 2006, S. 31. Wichtige Einflüsse auf die Antipsychiatriebewegung der 1960er-Jahre stammen aus diesem und anderen Werken. Foucault hinterfragte weiterhin die medizinische Definition der psychischen Krankheit. Die Diagnose psychischer Krankheiten sei primär das Produkt sozialer, politischer und juristischer Prozesse und damit historisch bedingt. Die Klassifizierung von Individuen als psychisch krank und der jeweilige Umgang gründe in Prozeduren der Macht, insbesondere der Ausschließung und Verdrängung der als krank klassifizierten Subjekte aus dem gesellschaftlichen Diskurs.Vgl. Michel Foucault: Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, insb. S. 68 ff.; Vgl. auch E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, S. 410. Medizin und Psychiatrie seien in diesem Sinne Instrumente, mit deren Hilfe die Ausgrenzung rationalisiert und wissenschaftlich legitimiert werde. Insbesondere durch Mechanismen der Naturalisierung erscheine „Krankheit“ fortan als ein unabhängig von sozialen Bedingungen und Zuschreibungen existierendes Faktum; so galt beispielsweise Homosexualität lange Zeit als behandlungsbedürftige psychische Störung.
Erving Goffman Der Soziologe Erving Goffman stellte in seinen Arbeiten die Lebensbedingungen der Patienten in psychiatrischen Asylen dar. Zusammen mit populären Darstellungen in den Medien (wie beispielsweise dem Roman Einer flog über das Kuckucksnest von Ken Kesey) führte dies unter Intellektuellen und in der Öffentlichkeit zu einer kritischen Haltung gegenüber der Psychiatrie.E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, S. 410–412. Für Erving Goffman waren psychiatrische Kliniken ein Beispiel für eine „totale Institution“, in der die Patienten systematisch der Willkür der höhergestellten Verantwortlichen (Ärzte, Pfleger und Verwaltung) ausgeliefert seien. Goffmans Verurteilung der klinischen Institutionen beruhte auf Erfahrungen, die er 1955 im Rahmen von Feldstudien im St. Elizabeths Krankenhaus (damals mit über 6000 Patienten) gesammelt hatte.Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993; vgl. auch E. Shorter: Geschichte der Psychiatrie. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003, S. 411.
Das Rosenhan-Experiment
Der amerikanische Psychologe David L. Rosenhan untersuchte angeblich die Validität und Reproduzierbarkeit psychiatrischer Diagnosen. Im Rosenhan-Experiment ließen sich acht psychisch gesunde Testpersonen in psychiatrische Anstalten einweisen, indem sie Symptome psychischer Erkrankungen (Wahnsymptome) angaben. Obwohl sie danach keine Symptome mehr vorspielten, wurden sie erst nach längerer Zeit entlassen – nicht als „gesund“ oder „geheilt“, sondern lediglich als „symptomfrei“.Vgl. David L. Rosenhan: Gesund in kranker Umgebung. In: Paul Watzlawick (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben? Beiträge zum Konstruktivismus. Piper, München 1985, S. 111–137; kritisch hierzu siehe R. L. Spitzer: On pseudoscience in science, logic in remission, and psychiatric diagnosis: a critique of Rosenhan’s „On being sane in insane places“. In: Journal of Abnormal Psychology. Nr. 84 (5), S. 442–52 (1975). Seit 2019 werden Rosenhans Aussagen und ob er das Experiment tatsächlich wie geschildert durchgeführt hat, bezweifelt.
Auswirkungen