mini|Nikolaus II. (um 1909) Nikolaus II. (, wissenschaftliche Transliteration Nikolaj II; geboren als Nikolaus Alexandrowitsch Romanow, , wissenschaftliche Transliteration Nikolaj Aleksandrovič Romanov; * in Zarskoje Selo; † 17. Juli 1918 in Jekaterinburg) aus dem Herrschergeschlecht Romanow-Holstein-Gottorp war der letzte KaiserSowohl im zeitgenössischen Sprachgebrauch als auch im Ausland blieb es bis 1917 üblich, weiter vom Zaren zu sprechen. Dieser Sprachgebrauch hat sich im Bewusstsein der Nachwelt erhalten. Was man damit traf, war nicht der geltende Würdeanspruch des Kaiserreichs, sondern die Fortlebung der spezifisch russischen Wirklichkeit in Form des Moskauer Zarenreiches, das als Grundlage des neuen Imperiums diente. Dies führte im 19. Jahrhundert zu einer nicht quellengerechten Begriffssprache in der Literatur und zu einem überkommenen Begriffsapparat in der deutschen Literatur. In: Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren 1547–1917. München 1995, S. 8; Hans-Joachim Torke: Die staatsbedingte Gesellschaft im Moskauer Reich. Leiden, 1974, S. 2; Reinhard Wittram: Das russische Imperium und sein Gestaltwandel. In: Historische Zeitschrift, Band 187, H. 3 (Jun., 1959), S. 568–593, S. 569. des Russischen Reiches. Sein offizieller Titel lautete Kaiser und Selbstherrscher von ganz Russland (Император и Самодержец Всероссийский, Imperator i samoderschez wserossijski).

Er regierte vom 1. November 1894 bis zu seinem Sturz am 15. März 1917 infolge der Februarrevolution. Durch sein Festhalten an der autokratischen Politik seiner Vorgänger und seine fehlende Bereitschaft zu demokratischen Reformen, was den Petersburger Blutsonntag im Jahr 1905 zur Folge hatte, war Nikolaus maßgeblich verantwortlich für den Zusammenbruch der russischen Monarchie während des Ersten Weltkriegs.

Nach seiner Abdankung wurde er gemeinsam mit seiner Familie interniert und in der Nacht auf den 17. Juli 1918 von den Bolschewiki in Jekaterinburg mit seiner gesamten Familie ermordet. Am 20. August 2000 wurden Nikolaus und seine Familie von der Russisch-Orthodoxen Kirche als Märtyrer heiliggesprochen.

Leben

Herkunft und Jugend mini|Nikolaus mit seiner Mutter Maria Fjodorowna (1872) Nikolaus Alexandrowitsch Romanow wurde am 18. Mai 1868Zum besseren Verständnis und zur Vereinheitlichung werden im Folgenden lediglich die Daten des Gregorianischen Kalenders angeführt. im Alexanderpalast von Zarskoje Selo geboren. Er war der älteste Sohn des Thronfolgerpaares Zarewitsch Alexander, dem späteren Alexander III., und dessen Gemahlin Maria Fjodorowna, der geborenen Prinzessin Dagmar von Dänemark. Nikolaus erhielt den Titel eines „Großfürsten von Russland“ (russ. Weliki Knjas).

Als Mitglied des Herrscherhauses Romanow-Holstein-Gottorp bestanden, wie im 19. Jahrhundert üblich, Verwandtschaftsverhältnisse zu zahlreichen europäischen Fürstenhäusern. Väterlicherseits war Nikolaus ein Enkel des regierenden russischen Zaren Alexander II. und Marija Alexandrowna (geborene Marie von Hessen-Darmstadt), mütterlicherseits war er ein Nachkomme des dänischen Königs Christian IX. und Louises von Hessen. Die alljährlich stattfindenden Besuche bei den Großeltern an den dänischen Königshöfen von Fredensborg und Bernstorff waren regelmäßige Familientreffen mit den deutschen, britischen, griechischen und dänischen Verwandten. Aufgrund seiner vornehmlich deutschen, daneben russischen und dänischen Herkunft war Nikolaus ein Cousin des britischen Königs Georg V., des norwegischen Königs Haakon VII., des dänischen Königs Christian X. sowie des griechischen Königs Konstantin I. Außerdem war er ein Neffe dritten Grades des Deutschen Kaisers Wilhelm II.

Nikolaus hatte fünf jüngere Geschwister: Alexander (1869–1870), Georgi (1871–1899), Xenija (1875–1960), Michail (1878–1918) und Olga (1882–1960) mit denen die Familie meist im Sankt Petersburger Anitschkow-Palais residierte. Das Zusammenleben innerhalb der Familie wurde als harmonisch und liebevoll beschrieben, weshalb Nikolaus (in Familienkreisen „Nicky“ genannt) eine sehr enge Familienbindung entwickelte, die er zeitlebens beibehalten sollte. Im Hinblick auf Herkunft und Status ihrer Kinder, legte Maria Fjodorowna großen Wert auf eine häusliche, durch Einfachheit und Bescheidenheit gekennzeichnete Erziehung. Nikolaus sprach neben Russisch auch Englisch, Deutsch und Französisch. Ein englischer Hauslehrer erzog ihn – für die russische Gesellschaft unüblich – nach den Prinzipien eines Gentleman.

Thronfolger (1881 bis 1894) mini|Zarewitsch Nikolaus (1889) mini|Zarewitsch Nikolaus (1892) Am 13. März 1881 fiel Alexander II. einem Bombenattentat der linksterroristischen Untergrundorganisation Narodnaja Wolja (Volkswille) zum Opfer. Der zwölfjährige Nikolaus war Augenzeuge, wie sein schwer verwundeter Großvater in das Sankt Petersburger Winterpalais gebracht wurde und dort seinen Verletzungen erlag. Dadurch folgte ihm Alexander III. auf den Thron, und Nikolaus wurde gemäß den Bestimmungen der Primogenitur neuer Zarewitsch (Thronfolger). Aus Sicherheitsgründen siedelte die Familie nach dem Attentat in das festungsartige Schloss Gattschina um und weilte nur noch zu offiziellen Anlässen in der Hauptstadt. Hatte der junge Nikolaus bisher abgeschottet von der Außenwelt gelebt – die Geschwister und eine Gouvernante waren die einzigen Spielkameraden –, verstärkte der Umzug die soziale Isolation des Thronfolgers noch weiter. Die abgeschottete, vom Leben der einfachen Bevölkerung abgewandte Lebensweise führte schließlich zur Loslösung von allen gesellschaftlichen Schichten des Reiches.

Die schulische Privaterziehung des Thronfolgers unterstand der Aufsicht des konservativ-klerikalen Juristen Konstantin Pobedonoszew, einem Berater des Zaren. Pobedonoszew übte großen Einfluss auf das Weltbild des Zarewitsch aus. Er lehnte den westlichen Liberalismus ab und hob die Notwendigkeit autokratischer Machtentfaltung im Geiste des Gottesgnadentums hervor. Durch Erziehung und Unterricht seines englischen Hauslehrers hatte der als ein wenig unsicher beschriebene Nikolaus früh Fähigkeiten zur Ruhe, Selbstkontrolle und Pflichtbewusstsein entwickelt, zeigte jedoch wenig Interesse an den Tätigkeiten eines Herrschers. Zwischen 1885 und 1890 besuchte Nikolaus Vorlesungen über Politikwissenschaft und Volkswirtschaftslehre am Institut für Rechtswissenschaften der Universität Sankt Petersburg. Parallel begann er im Alter von 19 Jahren seine Offizierslaufbahn und trat in das elitäre Preobraschensker Leib-Garderegiment ein. Der Eintritt in die Armee wirkte befreiend auf den Thronfolger, der nun erstmals mit Gleichaltrigen dauerhaft in Kontakt stand. Er liebte die Atmosphäre des Kasernenlebens, die Kasinokameraderie und fühlte sich in der Gesellschaft von Offizieren wohl. Nikolaus stieg bis zum Rang eines Obersts auf.

1890/91 begab sich Nikolaus in Begleitung seines Bruders Georgi und seines Cousins Georg von Griechenland an Bord der Panzerfregatte Pamjat Asowa auf eine mehrmonatige Weltreise. Diese führte u. a. über den Sueskanal, Indien, Ceylon, Bangkok, Singapur und Java im Frühjahr 1891 in das Kaiserreich Japan. Dort scheiterte am 11. Mai 1891 ein Attentat auf Nikolaus, als er von einem japanischen Polizisten mit einem Säbel angegriffen wurde (Ōtsu-Zwischenfall). Am 23. Mai schließlich wurde das russische Wladiwostok erreicht, wo Nikolaus im Namen seines Vaters der feierlichen Grundsteinlegung der Transsibirischen Eisenbahn beiwohnte. Für den Rückweg ins europäische Russland quer durch Sibirien – auf Flussdampfern, in der Kutsche und streckenweise reitend – benötigte er drei Monate.Andreas Rüesch: Die zweite Eroberung Sibiriens. Mit dem Baubeginn für die Transsibirische Eisenbahn bewies Russland seinen Modernisierungswillen. In: Neue Zürcher Zeitung, 31. Mai 2016, S. 6.

Nach seiner Rückkehr erhielt Nikolaus erste Einblicke in die Regierungsgeschäfte, indem er von Alexander III. zum Mitglied des Staatsrates ernannt wurde. Da man am Zarenhof jedoch der Meinung war, dass der erst 45-jährige Herrscher sein Amt in naher Zukunft nicht an seinen Sohn weiterreichen müsse, beteiligte man diesen nur in geringem Maße an politischen Entscheidungsprozessen.

Heirat und Nachkommen miniatur|Gemälde der Heiratszeremonie von Laurits Tuxen miniatur|Nikolaus II. mit seiner Gattin Alexandra und den fünf gemeinsamen Kindern (1913) Am 19. April 1894 wurde in Coburg die Verlobung zwischen Nikolaus und Alix von Hessen-Darmstadt, seiner Cousine zweiten Grades, verkündet. Alix war die Tochter des Großherzogs Ludwig IV. von Hessen und bei Rhein und dessen Gemahlin Alice von Großbritannien und Irland und somit eine Enkelin der britischen Königin Victoria. Das Paar hatte sich 1884 anlässlich der Hochzeit von Alix’ älterer Schwester Elisabeth mit Nikolaus’ Onkel Großfürst Sergei Alexandrowitsch in Sankt Petersburg kennengelernt. Trotz starker Vorbehalte seiner Mutter gegenüber einer deutschen Prinzessin und Bedenken Königin Victorias gegenüber Russland sowie der anfänglichen Weigerung der strenggläubigen Alix, zur Russisch-Orthodoxen Kirche zu konvertieren, war es Nikolaus gelungen, die Liebesheirat durchzusetzen.

Der überraschende Tod Alexanders III. am 1. November 1894 machte eine schnelle Hochzeit des neuen Monarchen notwendig, weshalb die erst für das Jahr 1895 geplante Trauung bereits am 26. November 1894 stattfand. In Anwesenheit zahlreicher Mitglieder der europäischen Herrscherdynastien wurde die Hochzeit in der Großen Kapelle des Winterpalais vollzogen und aufgrund der Trauerzeit war die Zeremonie, gemessen an damaligen Maßstäben, von außerordentlicher Bescheidenheit. Mit der Konversion zur Russisch-Orthodoxen Kirche änderte Alix ihren Namen in Alexandra Fjodorowna.

Der Ehe entstammten fünf Kinder, die alle zusammen mit ihren Eltern am 17. Juli 1918 ermordet wurden: Großfürstin Olga (* 15. November 1895), Großfürstin Tatjana (* 10. Juni 1897), Großfürstin Maria (* 26. Juni 1899), Großfürstin Anastasia (* 18. Juni 1901), Zarewitsch Alexei (* 12. August 1904).

Durch die lange Zeit vakante Situation der Thronfolge war das Zarenpaar zunehmend unter innenpolitischen Druck geraten. Erst 1904, nach vier Töchtern, wurde mit Alexei der lang erwartete Zarewitsch geboren, und der Fortbestand der Romanow-Dynastie schien gesichert. Doch die Freude über den neugeborenen Jungen war nur von kurzer Dauer, da Alexei an der unheilbaren „Bluterkrankheit“ (Hämophilie) litt, die ihm seine Mutter vererbt hatte. Die schwere Krankheit belastete das Ehepaar zusehends; besonders die zu Schwermut neigende Alexandra zog sich mehr und mehr zurück und nahm schließlich nur noch unausweichliche öffentliche Termine wahr. Nikolaus siedelte mit seiner Familie vom Winterpalast, der offiziellen Zarenresidenz, in den Alexanderpalast nach Zarskoje Selo um. In der bescheidenen Residenz hatte er selbst Teile seiner Kindheit verbracht und fühlte sich dort wohler als im überbordenden Prunk des Winterpalastes. Hier konnte er das Familienleben weit mehr genießen und weilte nur zwecks Regierungsgeschäften und offizieller Anlässe in Sankt Petersburg.

Alexandra hingegen flüchtete sich in tiefe Religiosität und ließ nichts unversucht, um ihrem Sohn zu helfen. Um die lebensgefährlichen Blutungen Alexeis zu stillen, warb die Zarin den mysteriösen Wanderprediger und angeblichen Wunderheiler Grigori Jefimowitsch Rasputin an (1906), der am Zarenhof bald ein und aus ging. Der zwielichtige Prediger konnte die Blutungen des Jungen stillen, weshalb er rasch großen Einfluss auf Alexandra gewann, was Grundlage zahlreicher Gerüchte werden sollte.

Nikolaus führte eine Tradition fort, die von seinem Vater Alexander III. 1882 begonnen worden war: Alljährlich verschenkte er zu Ostern ein (oder zwei) kostbare Ostereier aus der Produktion von Peter Carl Fabergé. Dieser wurde dadurch weltberühmt; die Ostereier erregen immer noch Aufsehen in den Medien.

Regierender Kaiser (1894 bis 1917) mini|Szene aus der Krönungszeremonie, Gemälde von Laurits Tuxen (1853–1927)