Nitra (; deutsch Neutra, ungarisch Nyitra) ist eine Stadt in der westlichen Slowakei und mit Einwohnern (Stand ) nach Bratislava, Košice, Prešov und Žilina die fünftgrößte Stadt des Landes. Nitra ist neben Bratislava die älteste slowakische Stadt.
Geografie Lage mini|Blick vom 587 m hohen Zobor auf die Stadt Die Stadt liegt im Westen der Slowakei, etwa 90 km östlich der Hauptstadt Bratislava, am gleichnamigen Fluss. Sie ist die Hauptstadt und das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Verwaltungsbezirkes Nitriansky kraj sowie des gleichnamigen Kreises, der einer der bevölkerungsreichsten Kreise der Slowakei ist. Geomorphologisch gehört die Stadt zum slowakischen Donautiefland, Unterteil Nitrianska pahorkatina (Neutraer Hügelland). Das Ortszentrum liegt auf der Höhe von In der Stadt selbst gibt es einige Erhebungen wie den Burgberg, den Galgenberg (Šibeničný vrch), den Kalvarienberg und die Katruša. Das bedeutendste geografische Merkmal ist jedoch der Berg Zobor () im Norden der Stadt, von dem aus sich das Tribetzgebirge (slow. Tribeč) etwa 45 km nach Nordosten erstreckt. Der Zobor ist durch Wanderwege erschlossen und bietet von seinen Kalkklippen einen beeindruckenden Blick auf Nitra und die Mäander des gleichnamigen Flusses. In der Stadt münden Bäche Dobrotka und Selenec in die Nitra, von welcher der Arm Malá Nitra bei Dolné Krškany abzweigt. Der niedrigste Punkt der Stadt liegt auf der Höhe von Die Größe der Gemeindefläche beträgt etwa 100 km².
Stadtgliederung mini|Fluss Nitra mit dem Zobor im Hintergrund Die Stadt ist in 13 Stadtteile aufgeteilt:
Dolné Krškany (1973 eingemeindet) Horné Krškany (1960 eingemeindet) Staré mesto Čermáň Klokočina Diely Párovské Háje (Párovce; nach 1882 eingemeindet) Kynek (1960 eingemeindet) Mlynárce (bis 1948 „Molnoš“; 1960 eingemeindet) Zobor Dražovce (1974 eingemeindet) Chrenová (bis 1948 „Tormoš“; 1960 eingemeindet) Janíkovce (bis 1978 „Veľké Janíkovce“; 1974 eingemeindet)
Dazu waren folgende Gemeinden einst Stadtteile von Nitra: Ivanka pri Nitre (1976–1992), Lužianky (1976–1993), Nitrianske Hrnčiarovce (1974–1990) und Štitáre (1975–2002).
Nachbargemeinden Die Nachbargemeinden von Nitra sind im Uhrzeigersinn: Jelšovce und Podhorany im Norden, Nitrianske Hrnčiarovce im Nordosten, Malý Lapáš im Osten, Veľký Lapáš, Golianovo (über ein Viereck) und Čechynce im Südosten, Ivanka pri Nitre und Svätoplukovo im Süden, Cabaj-Čápor und Jarok im Südwesten, Lehota im Westen und Lužianky, Zbehy und Čakajovce im Nordwesten.
Klima Die nachfolgende Tabelle zeigt die durchschnittlichen Klimawerte:
Geschichte Von den ersten Besiedlungen bis zur Ersterwähnung um 828 mini|Eine Abbildung von Svatopluk, eines Herrschers des Fürstentums Nitra Die Gegend von Nitra war schon vor 30.000 Jahren relativ dicht besiedelt, die ersten Ackerbauern siedelten sich in der Region vor 6.000 Jahren an. Zahlreich sind Funde aus der Jungsteinzeit (Bandkeramische Kultur, Badener Kultur), Alt- und Jungbronzezeit (Maďarovce-Kultur, Lausitzer Kultur). Im 4. Jahrhundert v. Chr. ist das erste namentlich bekannte Volk festzustellen, die Kelten, die begabte Metallgießer und Eisenschmiede waren. Diese wurden am Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. von den Dakern aus der Region gedrängt. Aus dem frühen 1. Jahrhundert sind germanische Funde bekannt, namentlich ließen sich die Quaden nieder und die Gegend grenzte an das Königreich des Vannius. Ein römisches Lager des 2. Jahrhunderts konnte nicht nachgewiesen werden, es gibt allerdings neben germanischen auch römische Funde. Der lateinische Name der Stadt war Nitria.Ivan Lacika, Daniel Kollár: Nitra a okolie. Dajama, Bratislava 2003, ISBN 80-88975-53-0, S. 19–20.
Die Slawen erreichten das Gebiet in der Zeit der Völkerwanderung gegen Ende des 5. Jahrhunderts. Das Awarenreich erreichte im 7. Jahrhundert das Gebiet, eine weitere Expansion nach Norden wurde aber durch einen vom fränkischen Samo geführten Aufstand verhindert. Durch archäologische Funde ist ein intensiver Kontakt zwischen Slawen und Awaren nachgewiesen. Nach dem Untergang des Awarenreiches am Ende des 8. Jahrhunderts wurden auch von den Slawen Staatsgebilde gegründet. Nitra war seit dem Ende des 8. Jahrhunderts Sitz des Fürstentums Nitra, das 833 zur Zeit des Fürsten Pribina Bestandteil von Großmähren wurde, welches durch Vereinigung mit dem Mährischen Fürstentum entstand. Die Stadt wurde 826 oder 828 (siehe Abschnitt Namen) zum ersten Mal erwähnt und hier gab es die erste bekannte christliche Kirche der Slowakei (828).
Vom Fürstentum Nitra nach wechselndem Besitz bis zum Bistum Neutra im 12. Jahrhundert
Auch unter Großmähren blieb Nitra ein Fürstensitz, der wohl bekannteste Fürst ist Svatopluk I., der seit den 850er-Jahren bis 871 Neutraer Fürst und 871–894 Herrscher von Großmähren war. Das Bistum Nitra war der erste Bischofssitz der Slowakei (880). Während der Herrschaft von Svatopluk erreichte Nitra seinen Höhenpunkt und bestand aus fünf Burgstätten und etwa 20 Siedlungen.Nitra Geschichte
Im Bereich des Stadtgebiets wurden Reste von mehreren frühslawischen Siedlungen und Grabfunde des 7. Jahrhunderts entdeckt. Einzelfunde des 7. bis 9. Jahrhunderts stammen darüber hinaus vom nahe gelegenen Berg Zobor.Karol Pieta: Höhensiedlungen der Völkerwanderung im nördlichen Karpatenbecken. In: Heiko Steuer, Volker Bierbrauer (Hrsg.): Höhensiedlungen zwischen Antike und Mittelalter von den Ardennen bis zur Adria. Unter Mitarbeit von Michael Hoeper. (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Ergänzungsbände 58). de Gruyter, Berlin u. a. 2008, ISBN 978-3-11-020235-9, S. 472.
mini|Eine Kopie der Zoborer Urkunden Nach einem ungarischen Angriff ging Großmähren im Jahr 906 unter und die Stadt stand seit etwa 920 unter ungarischer Oberherrschaft. Die Stadt mit ihrer Umgebung behielt jedoch weiter einen autonomen Status als Herzogtum im entstehenden ungarischen Staat und wurde von Mitgliedern der Árpáden verwaltet.Slovak history: chronology & lexicon – von Július Bartl, S. 23 (online) Von 1001 bis etwa 1018 stand die Stadt unter polnischer Herrschaft. Der Status als Herzogtum wurde der Stadt definitiv 1105 entzogen, sie wurde aber bald Sitz des neu gegründeten Bistums Neutra und Sitz der Gespanschaft Neutra. Aus dieser Zeit stammen auch die Zoborer Urkunden aus den Jahren 1111 und 1113, die ältesten noch im Originalzustand erhaltenen Urkunden in der heutigen Slowakei.
Stadtentwicklung ab dem 13. Jahrhundert 1241 gewährte die Stadt dem in der Schlacht bei Muhi (siehe Mongolensturm) geschlagenen König Béla IV. Schutz und half ihm auch bei der weiteren Flucht. Anschließend konnten die Mongolen nicht die Stadt erobern. 1248 wurde sie von Béla IV. zur freien königlichen Stadt ernannt, dies galt allerdings nur für die untere Stadt. Die obere Stadt mit der Burg blieb weiterhin im Besitz des Neutraer Bischofs. 1271 und 1273 wurde Neutra und die Burg von einem Heer von Přemysl Ottokar II. erobert und geplündert. Der Neutraer Bischof erhielt 1288 die untere Stadt zurück, die anschließend zu einer landwirtschaftlichen Provinzstadt wurde. Im frühen 14. Jahrhundert erlitt die Stadt schwere Schäden unter der Herrschaft des Oligarchen Matthäus Csák. Auch die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts war kaum friedlich: während eines Aufstands des ungarischen Adels gegen Sigismund von Luxemburg wurde Neutra 1403 von Stibor von Stiborice erobert, 1431 fiel sie den Hussiten zum Opfer. 1469 wurde das seit dem 11. Jahrhundert bestehende Kloster am Zobor aufgelöst.
mini|Eine Abbildung der Stadt Neutra, 1690 Nach der ungarischen Niederlage in der Schlacht bei Mohács im Jahr 1526 musste man mit osmanischen Angriffen rechnen. Seit der Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelten sich Gilden in der Stadt. Den Osmanen misslangen zwar 1530 und während des zweiten Türkenkriegs Angriffe auf die Stadt, sie verwüsteten aber das weitere Umland.I. Lacika, D. Kollár: Nitra a okolie. 2003, S. 33. Im 17. Jahrhundert kamen zur immer bestehenden türkischen Gefahr auch Aufstände gegen die Habsburger: 1605 wurde Neutra von den Aufständischen von Stephan Bocskai eingenommen. Ende 1621 wurde sie nach einer Belagerung durch Gábor Bethlens Heer schwer beschädigt. 1642 schlug auch der dritte Versuch der Osmanen, die Stadt zu erobern, fehl. Im August 1663 konnten sie aber die Stadt besetzen und Neutra wurde zum Sitz eines Sandschaks innerhalb des Eyâlets Neuhäusel. Im April 1664 wurde die Stadt von der kaiserlichen Armee zurückerobert. Das letzte Kriegsereignis wurde für lange Zeit der Aufstand von Franz II. Rákóczi, denn die Aufständischen besetzten 1703 die Stadt und 1704 die Burg und nutzten sie bis 1708 als eine Basis für antihabsburgische Feldzüge. 1710 starben 400 Menschen an der Pest.
Neubeginn nach Kriegen ab dem 18. Jahrhundert
Erst nach dem Frieden von Sathmar im Jahre 1711 konnte ein Wiederaufbau der zerstörten Stadt durchgeführt werden. Dies lässt sich noch heute an einer größeren Anzahl von Barockgebäuden erkennen. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Stadt zu einem der Zentren der slowakischen Nationalbewegung. Nach der Revolution von 1848/49 erreichte die Stadt zum ersten Mal seit dem Mittelalter eine Selbstverwaltung und war nicht mehr vom Bistum abhängig. Die Stadt wurde bis 1877 öfters in Ober- und Unterneutra unterteilt. Die Stadt, die bisher eher von Landwirtschaft und Handwerk gezeichnet war, begann sich zu industrialisieren. Bis zum Ersten Weltkrieg wurden eine Brennerei, Seifenwerk, Maschinenwerk, Molkerei und einige andere Werke gegründet.I. Lacika, D. Kollár: Nitra a okolie. 2003, S. 39–40. Die erste Eisenbahn von Šurany heraus wurde 1876 eröffnet, nachdem es seit 1850 eine Straße zur nächstgelegenen Eisenbahnverbindung in Trnovec nad Váhom gab. Später entstanden Verbindungen nach Topoľčany, Hlohovec und Nové Zámky. Die eintretende Magyarisierung nach dem Österreichisch-Ungarischen Ausgleich wirkte besonders in der Stadt selbst, da Neutra von 1883 bis 1919 Sitz von Felsőmagyarországi Magyar Közművelődési Egyesület (FEMKE, deutsch wörtlich „Oberungarischer magyarischer Bildungsverein“) war, der als Vertreter von Oberungarn gegen den Panslawismus ausgerichtet war.
mini|Blick auf die Innenstadt aus der Luft Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt am 10. Dezember 1918 von den tschechoslowakischen Truppen besetzt und somit Teil der Tschechoslowakei (völkerrechtlich durch den Vertrag von Trianon bestätigt). 1928 verlor die Stadt nach der Abschaffung der Nitraer Gespanschaft den Status eines Komitatssitzes. 1933 war Nitra Durchführungsort der großen Nationalfeier Pribinove slávnosti am 1100. Jahrestag der Einweihung der ersten Kirche in der Slowakei.Kováč, Dušan, „Kronika Slovenska 2“, S. 194. Nach der Entstehung der Ersten Slowakischen Republik wurde Nitra noch einmal zum Sitz der Nitraer Gespanschaft, die Entwicklung war aber durch die Grenzlage zu Ungarn (siehe Erster Wiener Schiedsspruch) eingeschränkt. Die starke jüdische Gemeinde wurde durch antijüdische Gesetze und Deportationen in die deutschen Vernichtungslager fast vollständig ausgelöscht.I. Lacika, D. Kollár: Nitra a okolie. 2003, S. 71–72. Die Stadt wurde am 30. März 1945 durch die Rote Armee erobert und in die Tschechoslowakei zurückgegliedert.
Nitra nach dem Zweiten Weltkrieg bis ins 21. Jahrhundert Nach dem Februarputsch im Frühjahr 1948 kam es zu einer starken Industrialisierung der Stadt und der Errichtung von Plattenbau-Vierteln rund um die Stadt. Gleichzeitig vergrößerte sich die Stadt um umliegende Gemeinden, die teilweise nach der Samtenen Revolution wieder selbstständig wurden. Während der Herrschaft der KSČ war auch die in der Stadt starke katholische Kirche unterdrückt. Die im Kirchenbesitz befindlichen Güter wurden nationalisiert und zu anderen Zwecken genutzt. 1996 wurde die Stadt zum Sitz des Verwaltungsgebietes Nitriansky kraj in der seit 1993 wieder unabhängigen Slowakei.
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