Die Schutzstaffel (SS, Eigenschreibweise ᛋᛋ) war eine nationalsozialistische Organisation in der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus, die der NSDAP und Adolf Hitler als Herrschafts- und Unterdrückungsinstrument diente. In ihren Verantwortungsbereich fielen ab 1934 Betrieb und Verwaltung von Konzentrations-, ab 1941 auch von Vernichtungslagern. Sie spielte sowohl bei der Planung als auch bei der Durchführung des Holocausts und anderer Völkermorde eine zentrale Rolle.
mini|Heute verfassungsfeindliches Kennzeichen: Das „SS-Abzeichen“, bestehend aus zwei sogenannten Siegrunen (Entwurf von Walter Heck, 1929)
Die SS wurde am 4. April 1925 von Hitler als persönliche „Leib- und Prügelgarde“ in München gegründet. Ihr Sitz war zuletzt im SS-Hauptamt, Prinz-Albrecht-Straße (heute: Niederkirchnerstraße) in Berlin. Sie unterstand ab dem Reichsparteitag 1926 der Sturmabteilung (SA), übte aber ab 1930 zugleich den parteiinternen „Polizeidienst“ aus. Entscheidend geformt und geprägt wurde sie durch Heinrich Himmler.
Am 30. Juni 1934 liquidierte die SS im Rahmen des sogenannten Röhm-Putsches die Führung der SA. In den folgenden Monaten wurde sie zu einer eigenständigen Organisation der NSDAP erhoben, die in der Zeit des Nationalsozialismus die Kontrolle über das gesamte Polizeiwesen erlangte und durch den Aufbau der Waffen-SS eine militärische Funktion neben der Wehrmacht übernahm. Kennzeichnend für die SS war die Verzahnung staatlicher Funktionen und Institutionen mit Parteistrukturen.
Die SS war das wichtigste Terror- und Unterdrückungsorgan im NS-Staat. Während des Zweiten Weltkriegs war sie mit ihren unterschiedlichen Gliederungen maßgeblich verantwortlich für beispiellose Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, insbesondere den Holocaust und den Völkermord an den Sinti und Roma sowie Verbrechen an der Zivilbevölkerung im Deutschen Reich und im besetzten Europa. Seit Kriegsende verboten, wurde sie in den Nürnberger Prozessen als verbrecherische Organisation eingestuft.
Geschichte Stabswache und Stoßtrupp Adolf Hitler
Im Mai 1923 ließ Adolf Hitler einen Saalschutz namens Stabswache für die NSDAP einrichten. Wenige Wochen später wurde, nachdem sich Hermann Ehrhardt mit Ernst Röhm und Hitler überworfen hatte, dieser Saalschutz aufgelöst und der Stoßtrupp Adolf Hitler gebildet. Nach dem missglückten Hitler-Ludendorff-Putsch vom November 1923 wurden diese Truppe und die NSDAP verboten.
Aufstellung der SS und spätere Übernahme der Führung durch Heinrich Himmler Am 1. April 1925 erhielt der SA-Funktionär Julius Schreck den Auftrag Hitlers, eine neue Truppe zu bilden, die den Saalschutz (Schutz der Veranstaltungsräume) der NSDAP-Veranstaltungen übernehmen sollte. Bereits am 4. April wurde aus acht Angehörigen des ehemaligen Stoßtrupps Adolf Hitler eine neue Einheit gebildet. Darunter befanden sich neben Schreck auch Ulrich Graf, Christian Weber, Emil Maurice, Julius Schaub und Erhard Heiden, ein ehemaliges Mitglied des Freikorps Marine-Brigade Ehrhardt. Die neue Truppe erhielt zunächst die Bezeichnung „Stabswache“.Heinz Höhne: Der Orden unter dem Totenkopf – Die Geschichte der SS. Der Spiegel 42/1966 (10. Oktober 1966).
Zwei Wochen später, am 16. April, trat sie während des Begräbnisses von Ernst Pöhner, dem ehemaligen Münchener Polizeipräsidenten und einem Mitbeteiligten am Hitler-Ludendorff-Putsch, zum ersten Mal in der Öffentlichkeit auf. Spätere zeremonielle Funktionen der SS vorwegnehmend, fungierte die Einheit dabei als Fackelträger während des Trauerzuges. Jeweils vier Männer flankierten rechts und links den Sarg des Verstorbenen.Hans Buchheim: Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam. München 1967, S. 30.
Die Truppe wurde danach rasch ausgebaut und auf weitere Orte des Deutschen Reiches ausgedehnt. Über verschiedene Namensstufen wie Saal-Schutz, Schutzkommando und SturmstaffelBrian L. Davis, Ian Westwell: Deutsche Uniformen und Abzeichen 1933–1945. S. 66. wurde schließlich noch 1925 der Name Schutzstaffel offiziell eingeführt, den der ehemalige SA-Führer Hermann Göring in Anlehnung an eine Fliegerbegleitstaffel Manfred von Richthofens vorgeschlagen hatte. Schreck wurde nun als Oberleiter Kommandant der SS. Ihm gelang es jedoch nicht, die SS zu etablieren. Konkurrenzkämpfe mit selbsternannten anderen SS-Einheiten und mangelnde Unterstützung durch die SA führten zu seiner Entlassung 1926 durch Hitler und zur Ernennung Joseph Berchtolds.
Diesem gelang es, die SS spürbar zu vergrößern und aufzuwerten: Bis zum Reichsparteitag 1926 gelang es ihm, 75 Staffeln mit insgesamt etwa 1000 Angehörigen aufzustellen, aus Anerkennung dafür betraute Hitler die SS am 9. November 1926 mit der Betreuung der sogenannten „Blutfahne“.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 42 ff.
mini|hochkant|Heinrich Himmler, Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei (1942)
Die SA, die bis dato den jeweiligen Gauleitern unterstanden hatte, wurde im September 1926 Franz von Pfeffer als Oberstem SA-Führer unterstellt, der im Gegenzug für die Aufgabe seiner vorherigen Stellung als Gauleiter die Unterstellung sämtlicher NS-Kampfverbände, also die Hitlerjugend und die SS, verlangte und bekam.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 43.
Unzufrieden mit seinem so verringerten Handlungsspielraum trat Joseph Berchtold 1927 als Reichsführer SS zurück. Berchtolds Nachfolger wurde Erhard Heiden, der ein 27-jähriges Mitglied des Bundes Reichskriegsflagge zu seinem Stellvertreter ernannte: Heinrich Himmler. Heiden, unter dem die SS stagnierte – sogar über ihre Abschaffung war nachgedacht worden –, trat am 5. Januar 1929 aus bislang ungeklärten Gründen als Reichsführer SS zurück.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 44. Heiden wünschte nun am 22. Januar 1929 seine komplette Streichung aus allen SS-Mitglieder- und Organisationslisten und wandte sich wieder der SA zu. Sein Nachfolger wurde der bisherige Stellvertreter Heinrich Himmler, der dieses damals noch nachrangige Amt jedoch noch neben seiner Aufgabe als stellvertretender Reichspropagandaleiter ausübte. Himmler gestaltete und führte die SS bis zu ihrem Ende und prägte sie strukturell und personell entscheidend.
Die Aufgaben der Organisation beschrieb Hitler am 7. November 1930 wie folgt: „Die Aufgabe der SS ist zunächst die Ausübung des Polizeidienstes innerhalb der Partei.“
Das Symbol der Schutzstaffel bildete sich 1930 aus zwei nebeneinander liegenden, blitzähnlichen weißen Sig-Runen im schwarzen Feld.
Nähe und beginnende Konkurrenz zur SA Die SS wies bis zum Röhm-Putsch 1934 eine große organisatorische und personelle Nähe zur SA auf.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 57 ff. Anders als ihre spätere elitäre Stellung vermuten ließ, unterschied sie sich in Auftreten und brutaler Straßengewalt lange nur insofern von der SA, als ihre Mitglieder noch gewalttätiger auftraten und proportional häufiger mit dem Gesetz in Konflikt gerieten.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 56.
Die SA selbst diente als wichtigstes Rekrutierungsreservoir der SS und förderte nach der Ernennung Heinrich Himmlers zum Reichsführer der SS 1929 anfangs noch deren Aufstieg. Der Oberste SA-Führer Franz von Pfeffer ordnete an, dass die neu gegründeten Staffeln der SS mit jeweils fünf bis zehn überstellten SA-Männern aufzufüllen seien,Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 64. nach kurzer Zeit bestand die SS deutschlandweit. Ernst Röhm beschränkte 1931 die Sollstärke der SS auf zehn Prozent der Sturmabteilung. Da die Stärke der SS zu diesem Zeitpunkt etwa 4.000 Mann betrug (die SA verfügte dagegen über 88.000 Angehörige), war diese Beschränkung in der Realität ein ehrgeiziger „Wachstumsplan“.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 65. Um ihn zu erfüllen, ordnete Röhm an, jede neu gegründete SS-Staffel mit 50 Prozent ihres Sollbestandes aus der SA aufzufüllen. Weitere freiwillige Übertritte von der SA zur SS über dieses Soll hinaus blieben möglich. Der Druck der obersten SA-Führung und Heinrich Himmlers auf Einheiten der SA, die SS massiv auszubauen, führte zu ersten Streitereien und Konflikten zwischen SS und SA, die um die besten Männer konkurrierten.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 67.
Obwohl die NSDAP öffentlich vor allem durch die SA geprägt wurde, der die SS weiterhin unterstellt war, blieb das gegenseitige Verhältnis von SA und SS nicht ungetrübt. Insbesondere in Berlin und in Ostdeutschland zeigten Teile der SA um Walther Stennes gegenüber der Parteiführung um Adolf Hitler und dem Gauleiter von Berlin, Joseph Goebbels, eine Eigenständigkeit, die an Aufsässigkeit grenzte und wiederholt zu teils gewalttätigen, teils nur mit Mühe friedlich zu bewältigenden Auseinandersetzungen führte. Im sogenannten Stennes-Putsch von Teilen der Berliner SA wurde sogar die Parteizentrale der NSDAP gewaltsam von SA-Männern besetzt und die – auf Anforderung von Goebbels dort aufgezogenen – SS-Wachen verprügelt.
mini|Die SS-Führung Sommer/Herbst 1932 in München. 1. Reihe v. links: Udo von Woyrsch, N. N. Kurt Daluege, Himmler, Fritz Weitzel, Sepp Dietrich. Rechts, dritte R., eingerückt: Heydrich.
Dagegen stand die SS loyal zu Adolf Hitler, der das positiv vermerkte. Durch die so begründete „besondere Beziehung“ Hitlers zur Schutzstaffel wurde diese zu einem „ernstzunehmenden Machtfaktor“ innerhalb der NS-Bewegung.Bastian Hein: Elite für Volk und Führer? Die Allgemeine SS und ihre Mitglieder 1925–1945. Oldenbourg Verlag, München 2012, S. 82. In einem Dankesbrief an den am Konflikt auf Seiten der Berliner SS maßgeblich beteiligten Kurt Daluege gebrauchte Hitler die Worte: „SS-Mann, Deine Ehre heißt Treue!“ – Worte, die, nachdem Himmler von ihnen erfahren hatte, abgewandelt zum Motto der SS wurden und bereits 1931 (Meine Ehre heißt Treue) auf den Koppelschlössern der SS-Uniformen festgehalten wurden.
Erringung einer zentralen Machtstellung Gründung des SD
mini|SS-Fliegersturm Hamburg bei einer „Ehrenwache“ (1933)
1931 begann Heinrich Himmler mit dem Aufbau eines SS-eigenen Nachrichtendienstes, dem „Sicherheitsdienst des Reichsführers SS“ (Abkürzung SD), der die Aufgabe der SS als eine Art Polizei innerhalb der NSDAP unterstützen sollte. Federführend dabei war sein engster Mitarbeiter Reinhard Heydrich, der den SD ab 1932 leitete.
Nach der Machtübernahme Hitlers im Jahre 1933 wurde dem SD ein Zentralamt und eine besondere Organisationsstruktur zuerkannt. Dabei wurde das deutsche Reichsgebiet in zu überwachende Abschnitte und Oberabschnitte aufgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt stellte der SD, wie die Allgemeine SS, eine unabhängig organisierte Teilstruktur innerhalb der Gesamt-SS dar. Das Budget des SD wurde hierbei aus dem Etat des Reichsschatzmeisters der NSDAP gespeist.Hans Buchheim, Die SS – das Herrschaftsinstrument, Befehl und Gehorsam, München 1967, S. 59 f.
Verschmelzung mit der Polizei in Bayern Nach der Machtergreifung griff die SS unter Heinrich Himmler und dessen engstem Mitarbeiter Reinhard Heydrich nach polizeilichen Vollmachten. In Bayern verband die von beiden aufgebaute Bayerische Politische Polizei (BPP) institutionell staatliche Polizeikräfte mit dem Nachrichtendienst der SS, dem SD, dieses Modell wurde später auf das Gesamtreich ausgedehnt und Grundlage der Machtstellung der SS.