mini|500px|Karte der heutigen Verbreitung der afroasiatischen Sprachen: Semitisch in Ockergelb

Die semitischen Sprachen (ISO-639-2/5-Code [sem]) sind ein Zweig der afroasiatischen Sprachfamilie. Sie werden heute von ca. 260 Millionen Menschen in Vorderasien, in Nordafrika und am Horn von Afrika gesprochen. Wichtige semitische Sprachen sind Arabisch, Hebräisch, die neuaramäischen Sprachen, eine Reihe von in Äthiopien und Eritrea gesprochenen Sprachen wie Amharisch und Tigrinya sowie zahlreiche ausgestorbene Sprachen des Alten Orients wie Akkadisch. Zu den semitischen Sprachen zählt auch das in Europa beheimatete Maltesische.

Die Bezeichnung „semitisch“ wurde 1781 vom Göttinger Philologen August Ludwig von Schlözer geschaffen. Sie lehnt sich an die biblische Person Sem an, die als Stammvater der Aramäer, Assyrer, Elamiter, Chaldäer und Lyder gilt.

Forschungsgeschichte Ähnlichkeiten zwischen Hebräisch, Aramäisch und Arabisch fielen jüdischen Grammatikern bereits im Mittelalter auf.Hierzu und zum Folgenden: Johann Fück: Geschichte der semitischen Sprachwissenschaft. In: Semitistik. (Handbuch der Orientalistik, Band 3, Abschnitt 1), Brill, Leiden, Köln 1953, S. 31–39 Als in der Renaissance auch in Europa die Beschäftigung mit orientalischen Sprachen einsetzte, verfassten christliche Hebraisten erste Ansätze zu einer vergleichenden Grammatik des Semitischen, wobei sie jedoch die unzutreffende Schlussfolgerung zogen, dass Aramäisch und Arabisch entartete Mischsprachen seien, die aus dem Hebräischen, der vermeintlichen Sprache des Paradieses, entstanden sind. Erst im 18. Jahrhundert begann sich eine neuere Betrachtungsweise durchzusetzen, als man erkennen musste, dass das Arabische, obwohl wesentlich jünger als das Hebräische und Aramäische, besonders archaische Züge aufweist.

Während das Altäthiopische bereits seit dem 16. Jahrhundert in Europa bekannt war, wurden seit dem 18. Jahrhundert weitere Sprachen entdeckt, die als semitisch identifiziert werden konnten: die modernen äthiosemitischen Sprachen, das Akkadische, das Altsüdarabische, epigraphische Zeugnisse antiker Sprachen in Syrien und Palästina und schließlich auch die modernen arabischen, aramäischen und neusüdarabischen Dialekte sowie erst 1928 das Ugaritische. Besonders die Entdeckung und Erschließung des Akkadischen hatte für die Semitistik nachhaltige Folgen, da es trotz seines hohen Alters von den damaligen Ansichten über das Protosemitische stark abweicht. Als letzte semitische Sprache wurde 1975 das Eblaitische entdeckt.

Im 19. Jahrhundert wurden auch die Beziehungen zu anderen Sprachfamilien in Afrika aufgefunden und damit die afroasiatische Sprachfamilie erschlossen, wodurch sich für das Verständnis des Semitischen neue Perspektiven ergaben.

Geschichte und geographische Verbreitung mini|643x643px|Karte mit der ungefähren historischen Verbreitung der semitischen Sprachen vor der islamischen Expansion

Im Altertum waren die semitischen Sprachen noch im Wesentlichen auf das Gebiet des Vorderen Orients beschränkt. Seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. erlebten sie dann eine räumliche Verbreitung auf den afrikanischen Kontinent, als in Äthiopien und dem heutigen Eritrea semitische Sprachen auftauchten – falls dies nicht schon viel früher geschehen ist – und sich das Arabische durch die Islamische Expansion im 7. Jahrhundert n. Chr. über ganz Nordafrika und Teile Südeuropas, insbesondere die Iberische Halbinsel, ausbreitete. Heute umfasst das semitische Sprachgebiet Vorderasien, das Horn von Afrika, Nordafrika und mit der Insel Malta noch einen kleinen Teil Europas. Zahlreiche geografische Namen zeugen auf der Iberischen Halbinsel vom arabischen Erbe dieser Region.

Altertum In Mesopotamien ist ab dem 3. Jahrtausend v. Chr. das Akkadische überliefert. Als Sprache der internationalen Korrespondenz wurde es bis nach Ägypten benutzt. Ein Dialekt des Akkadischen war das in Syrien gesprochene Eblaitische. Im Laufe des 1. Jahrtausends v. Chr. wurde das Akkadische als gesprochene Sprache vom ebenfalls semitischen Aramäischen verdrängt, konnte sich aber noch bis in die ersten Jahrhunderte n. Chr. als Schriftsprache halten.

Bruchstückhaft ist das Amurritische überliefert, das nur durch die Personennamen der Amurriter aus der Zeit zwischen 2000 und 1500 v. Chr. bekannt ist. Aus Syrien ist das Ugaritische durch umfangreiche Inschriftenfunde aus der Zeit zwischen 1400 und 1190 v. Chr. überliefert. In Kanaan sprach man im Altertum die kanaanäischen Sprachen. Hierzu gehörte das Hebräische, die Sprache der Israeliten und Judäer, in der das Alte Testament verfasst ist. Als gesprochene Sprache befand es sich seit der Mitte des 1. Jahrtausends v. Chr. auf dem Rückzug und starb wahrscheinlich im 2./3. Jahrhundert n. Chr. aus. Doch diente es weiterhin als Sakralsprache des Judentums sowie zur Verständigung zwischen jüdischen Gemeinden in aller Welt. Im Mittelalter diente es teilweise als Zwischenstufe für Übersetzungen aus dem Arabischen in das Lateinische. Das Phönizische wurde ursprünglich im heutigen Libanon (Tyros, Byblos, Sidon) von den Phöniziern gesprochen und gehört ebenfalls zum Kanaanäischen. Durch die phönizische Kolonisation verbreitete sich die Sprache in Form des Punischen nach Nordafrika, vor allem Karthago und weiter bis in das heutige Spanien. Dort blieb es bis in das 6. Jahrhundert n. Chr. in Gebrauch. Kleinere, nur durch wenige Inschriften belegte kanaanäische Sprachen waren Moabitisch, Ammonitisch und Edomitisch. Die Unterschiede zwischen einzelnen kanaanäischen Sprachen scheinen sehr gering gewesen zu sein, so dass gelegentlich von einer einzigen Sprache ausgegangen wird, die lediglich in Dialekte und Soziolekte ausdifferenziert war.

Das seit dem 10./9. Jahrhundert v. Chr. belegte Aramäisch war ursprünglich nur in den Stadtkönigreichen Syriens verbreitet. Die Sprachform jener Zeit bezeichnet man als Altaramäisch. Nachdem die aramäischen Königreiche im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Assyrern erobert worden waren, wurde das Aramäische in Form des Reichsaramäischen zur Verwaltungssprache zunächst im Neuassyrischen Reich sowie später im Neubabylonischen Reich (610–539 v. Chr.) und im persischen Achämenidenreich (539–333 v. Chr.). Dadurch verbreitete es sich im gesamten Vorderen Orient als Lingua franca. Durch die islamische Expansion wurde das Aramäische zurückgedrängt, doch blieb es sowohl für das Judentum (durch die Targum-Tradition und vor allem den Palästinischen und den Babylonischen Talmud) als auch für das Christentum (etwa durch die Peschitta der Orientalischen Kirchen und als Kirchensprache orientalischer Christen) bedeutsam.

Die Stämme der Arabischen Halbinsel gehörten im Altertum unterschiedlichen Sprachgruppen an.M. C. A. Macdonald: Reflections on the linguistic map of pre-Islamic Arabia. In: Arabian archaeology and epigraphy, 11/1 (2000), Seite 28–79.; A. F. L. Beeston: Languages of Pre-Islamic Arabia. Arabica 28, Heft 2/3 (1981), Seite 178–186; Chaim Rabin: Ancient West-Arabian. London, 1951. Im Norden war das Frühnordarabische mit mehreren Dialektgruppen verbreitet. Es ist seit etwa dem 8. Jahrhundert v. Chr. schriftlich überliefert und starb während der Ausbreitung des Islams aus. Die antike Sprache Zentralarabiens war eine frühe Form des heutigen Arabisch. Als Sprache des Korans gewann sie mit der Ausbreitung des Islams schnell an Bedeutung und verdrängte auch die antiken Sprachen im heutigen Jemen, darunter das Altsüdarabische und möglicherweise andere, kaum belegte Sprachen wie das Himjarische.

Spätestens seit dem 1. Jahrtausend v. Chr. wurden auch im Bereich der heutigen Staaten Äthiopien und Eritrea semitische Sprachen gesprochen. Bereits in der Antike spalteten sie sich in einen nördlichen und einen südlichen Zweig. Der nördliche Zweig weist in Form des Altäthiopischen unter den äthiopischen Sprachen die längste Schrifttradition auf. Altäthiopisch war die Sprache des Aksumitischen Reiches (etwa 1. bis 7. Jahrhundert n. Chr.) und später die Sakralsprache der äthiopischen Christen.

Gegenwart Heute ist das Arabische mit ca. 230 Millionen Sprechern mit Abstand die größte aller semitischen Sprachen und eine der größten Sprachen der Welt. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich von Mauretanien bis nach Oman. In insgesamt 25 Staaten der Arabischen Welt dient es als Amtssprache. Die arabischsprachigen Länder befinden sich in einer ausgeprägten Diglossie-Situation: Während die arabische Schriftsprache auf dem klassischen Arabisch des 8. Jahrhunderts beruht, dienen als Umgangssprache die regional unterschiedlichen arabischen Dialekte (auch: Neuarabisch). Auch das Maltesische, die einzige in Europa beheimatete semitische Sprache, geht auf einen arabischen Dialekt zurück; aufgrund der katholisch-europäischen Tradition Maltas wird es in lateinischen Buchstaben geschrieben und unterliegt keinen hocharabischen Einflüssen mehr. Als Sprache des Korans hat das Arabische auch in nicht arabischsprachigen Ländern der islamischen Welt Verbreitung erfahren und die autochthonen Sprachen insbesondere im Wortschatz maßgeblich geprägt. Arabische Lehnwörter sind im Türkischen und Persischen allgegenwärtig und ähnlich häufig wie die lateinischen in den europäischen Sprachen. Heute gibt es migrationsbedingt in zahlreichen Staaten Europas arabischsprachige Minderheiten, vor allem in Frankreich, den Niederlanden und Belgien.

Trotz seiner weitaus kleineren Sprecherzahl nimmt das Hebräische durch die Bedeutung, die ihm als Jahrtausende lang verwendete jüdische Kultur- und Literatursprache zukommt, eine bemerkenswerte Position ein. Auch in christlichen Kreisen wurde es als Sprache des Alten Testaments seit dem Mittelalter erforscht und studiert. Seit dem 19. Jahrhundert, insbesondere im Zuge des Zionismus, belebten jüdische Intellektuelle das Hebräische zu einer alltagstauglichen Umgangssprache (Ivrit), die 1948 zusammen mit Arabisch Amtssprache des Staates Israel wurde und schon zuvor eine der offiziellen Sprachen des britischen Mandatsgebiets Palästina war. Heute wird Hebräisch in Israel von etwa sieben Millionen Menschen als Erstsprache oder weitere Sprache (nach Arabisch, Russisch, Äthiopisch o. a.) verwendet; nur schätzungsweise die Hälfte der Hebräischsprecher in Israel sind Muttersprachler. Auch nach der Räumung palästinensischer Gebiete durch Israel ist das Hebräische dort als Verkehrssprache gebräuchlich, wenigstens im Kontakt mit Israel. In der jüdischen Diaspora (besonders in Westeuropa, Nord- und Südamerika) wird es als Religionssprache und Sprache des jüdischen Volkes gepflegt, so dass außerhalb Israels von mehreren zehn- oder sogar hunderttausend Personen ausgegangen werden kann, die über kommunikative Kompetenz in dieser Sprache verfügen. mini|Syrisch-Aramäische Schrift (West-Syrisch, Ost-Syrisch sowie Estrangelo)