Die Österreichisch-tschechische Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen der Republik Österreich und der Tschechischen Republik.

In dieser Form bestehen die Beziehungen seit der Gründung der Tschechischen Republik am 1. Januar 1993. Jedoch reicht die Geschichte der Vorgängerstaaten- und gebiete über tausend Jahre zurück. Insbesondere durch das Haus Habsburg, dass 1307, 1438–1457 und dann von 1526 bis 1918 beide Gebiete beherrschten und sie zum Teil ihrer Monarchie machten. Nach dem Zerfall der Monarchie nach dem Ersten Weltkrieg waren die Beziehungen der neue entstandenen Staaten Österreich und Tschechoslowakei zunächst von der Altlast der Nationalitätenkonflikte in Österreich-Ungarn geprägt, welche sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg fortsetzten (Sudetendeutsche). Der Kalte Krieg führte zu einer Trennung durch den Eisernen Vorhang und zu ideologischen Gegensätzen zwischen beiden Regierungen. Während der Niederschlagung des Prager Frühling zeigte Österreich sich solidarisch mit der Bevölkerung und nahm zeitweise 100.000 Flüchtlinge aus dem Nachbarland auf. Erst nach der Grenzöffnung 1989 konnten die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen wieder deutlich intensiviert werden, nachdem entscheidende Streitpunkte gemeinsam ausgeräumt wurden.

Seit dem Beitritt Tschechiens zur EU 2004 und zum Schengen-Raum 2008 besteht zwischen den Nachbarländern freier Waren- und Personenverkehr. In der Gegenwart bestehen weitgehend problemfreie und freundschaftliche Beziehungen.

Geschichte Frühe Beziehungen mini|Schlacht auf dem Marchfeld 1278 Die Beziehungen zwischen den Böhmischen Ländern und dem Herzogtum Österreich reichen bis ins Mittelalter zurück. Böhmen war seit dem 10. Jahrhundert Teil des Heiligen Römischen Reiches und entwickelte sich unter der einheimischen Přemysliden-Dynastie zu einem mächtigen Königreich und einem den wichtigsten Ländern des Reiches. Der böhmische König Ottokar II. Přemysl dehnte nach dem Aussterben der Babenberger-Herzöge im 13. Jahrhundert seinen Einfluss über große Teile des heutigen Österreich aus. Sein Machtstreben führte zum Konflikt mit dem Habsburger Rudolf I., der Ottokar in der Schlacht auf dem Marchfeld 1278 besiegte.

Nachdem mit Wenzel III. die Linie der Přemysliden 1306 ausstarb, wurde dem Habsburger Rudolf I. 1307 das Reichslehen Böhmen übergeben, wofür er Österreich an seinen Bruder Friedrich abgeben musste. Bereits 6 Monate danach verstarb er ohne Nachkommen. Nachdem ihm Heinrich von Kärnten nachfolgte, kam 1310 das Haus Luxemburg an die Macht, die für über 100 Jahre herrschten. Ihre Herrschaft wurde schließlich durch die Hussitenkriege beendet, die nicht nur Böhmen, sondern auch Teile Österreichs verwüsteten. Die Hussiten unternahmen verheerende Raubzüge, die bis nach Mähren, Schlesien, Sachsen, Bayern sowie in Teile Ober- und Niederösterreichs führten. Von 1437 bis 1457 übernahmen erneut die Habsburger mit Albrecht und Ladislaus Postumus erneut den Königsthron von Böhmen. Danach kam Böhmen unter die Herrschaft der polnisch-litauischen Jagiellonen-Dynastie. Als der böhmische und ungarische König Ludwig II. 1526 in der Schlacht bei Mohács fiel, fiel die böhmische Krone im Zuge der Königswahl an Erzherzog Ferdinand I. von Österreich, welche seine Familie bis zum Ende der Monarchien in Mitteleuropa 1918 nicht mehr abgab.

Habsburgisches Tschechien mini|Darstellung des Prager Fenstersturzes Unter habsburgischer Herrschaft (1526–1918) wurden Böhmen, Mähren und Schlesien in das Vielvölkerreich der Habsburgermonarchie integriert. Die Habsburger versuchten eine zentralisierte Verwaltung durchzusetzen und förderten im Zuge der Gegenreformation die Rekatholisierung der vormals teils protestantischen böhmischen Stände. Die böhmischen Stände lehnten sich 1618 gegen die habsburgische Politik auf und wählten einen eigenen König. Der Zweite Prager Fenstersturz löste in diesem Jahr den Dreißigjährigen Krieg aus, der Böhmen und das gesamte Heilige Römische Reich verwüstete. Der Aufstand wurde 1620 in der Schlacht am Weißen Berg niedergeschlagen, worauf Böhmen seine politische Eigenständigkeit für fast 300 Jahre verlor. Infolge der Niederlage wurden die Privilegien des böhmischen Adels beschnitten, die Verwaltung endgültig nach Wien verlegt und der Bevölkerung der Übertritt zum Katholizismus aufgezwungen.

Im 18. Jahrhundert leiteten die Habsburger Herrscher Maria Theresia und Joseph II. umfassende Reformen ein, die zu einer strafferen Verwaltung und teilweise Germanisierung führten. Gleichzeitig erlebten die Böhmischen Kronländer einen ökonomischen Aufschwung: Böhmen war um 1800 das industrielle Zentrum der Monarchie. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Prag zu einer modernen Großstadt.

Die tschechische Nationalbewegung gewann im Laufe des 19. Jahrhunderts an Stärke und forderte mehr politische Gleichberechtigung innerhalb des Reiches. Versuche tschechischer Politiker, in der Revolution von 1848 und später durch Verhandlungen (z. B. nach dem österreichisch-ungarischen Ausgleich von 1867), eine föderalistische Umgestaltung der Monarchie durch einen österreichisch-tschechischen Ausgleich zu erreichen, blieben jedoch erfolglos.Friedrich Prinz: Die böhmischen Länder von 1848 bis 1914. In: Karl Bosl: Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder Band III. 1968, S. 136. So scheiterte etwa der Versuch der Einführung einer zweisprachigen Verwaltung mit der Badenischen Sprachverordnung und führte zum Böhmischen Sprachkonflikt.

Tschechen stellten in der Habsburgermonarchie um 1910 die drittgrößte Volksgruppe (in Böhmen: ca. 64 % und in Mähren ca. 71 % sowie in Schlesien ca. 25 %) und das Verhältnis zu den Deutschsprachigen war nicht völlig konfliktfrei. Nach über 370 Jahren habsburgischer Herrschaft brach das Vielvölkerreich Österreich-Ungarn schließlich am Ende des Ersten Weltkriegs zusammen, und die Tschechen gründeten gemeinsam mit den Slowaken am 28. Oktober 1918 einen unabhängigen Nationalstaat. Kurz darauf, am 12. November 1918 wurde die Republik Österreich ausgerufen.

Österreichisch-tschechoslowakische Beziehungen

Weltkriege und Zwischenkriegszeit mini|Die Aufteilung Österreich-Ungarns nach dem Ersten Weltkrieg mini|hochkant=1.3|Von der Nationalversammlung beanspruchtes Staatsgebiet der Republik Deutschösterreich (1918–1919)

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns entstand 1918 die unabhängigen Republiken Tschechoslowakei und Deutschösterreich. Sowohl die Deutschböhmen und -mährer als auch die österreichische Nationalversammlung forderten einen Zusammenschluss aller deutschsprachigen Gebiete. Dies wurde jedoch durch militärisches Einschreiten der Tschechoslowakei verhindert und im Vertrag von Saint-Germain 1920 die historischen Grenzen der böhmischen Kronländer völkerrechtlich bestätigt. Die neuen Nachbarstaaten knüpften 1920 offizielle Beziehungen an, doch waren diese durch offene Fragen aus der Auflösung der Doppelmonarchie belastet. So mussten etwa neben den Grenz- auch Vermögensfragen geklärt werden. Die tschechoslowakische Regierung stand Österreich mit Zurückhaltung gegenüber. So war ein Streitpunkt das im Friedensvertrag festgelegte und 1922 und 1931 bestätigte Anschlussverbot, also die Trennung zwischen Österreich und dem Deutschen Reich. Nichtsdestotrotz entwickelten sich pragmatische wirtschaftliche Kontakte, und die Tschechoslowakei gehörte bald zu den wichtigsten Handelspartnern Österreichs. Die Tschechoslowakei selbst erlebte in den 1920er-Jahren eine Periode demokratischer Stabilität und wirtschaftlicher Prosperität und zählte zu den zehn höchstentwickelten Industrienationen der Welt.

Eine deutliche Änderung ergab sich nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 und der damit veränderten Verhältnisse in Europa. Diese führte im März 1938 zum Anschluss Österreichs und mit dem Münchner Abkommen zum Verlust des Sudetenlandes für die Tschechoslowakei im Oktober 1938. Im März 1938 erfolgte die Zerschlagung der Tschechoslowakei, womit beide Gebiete komplett Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reiches wurden.

In den Jahren des kurz darauf beginnenden Zweiten Weltkrieg existieren diese somit nur als die Verwaltungseinheiten Protektorat Böhmen und Mähren bzw. Alpen- und Donau-Reichsgaue. Die Gebiete der Tschechoslowakei wurden durch das Vorrücken der Roten (im Osten) und der US-amerikanischen Armee (im Westen) 1945 erreicht. Nach Kriegsende wurde die Tschechoslowakei als souveräner Staat wiederhergestellt. Österreich wurde von den Alliierten besetzt und 1955 in die volle Souveränität entlassen. Bereits im November 1945 erkannte die tschechoslowakische Regierung die provisorische Regierung Österreichs unter Karl Renner an und stellte damit die Weichen für die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen.

Kalter Krieg mini|Erhaltenes Stück des Eisernen Vorhangs zwischen Čížov und Hardegg Im beginnenden Ost-West-Konflikt gerieten die Beziehungen der beiden Nachbarländer in den Schatten des „Eisernen Vorhangs“. Die Tschechoslowakei wurde Teil des sowjetisch dominierten Ostblocks, während Österreich 1955 seine immerwährende Neutralität proklamierte und sich politisch wie wirtschaftlich an den Westen anlehnte. Trotz der formalen Neutralität blieben die direkten Kontakte in den ersten Nachkriegsjahrzehnten begrenzt und waren von ideologischen Gegensätzen geprägt. Nach dem kommunistischen Umsturz von 1948 flohen etwa 60.000 Tschechoslowaken vor dem neuen Regime in den Westen, viele davon auch nach Österreich. Die Niederschlagung der liberalisierenden Bewegung des Prager Frühlings 1968 durch Truppen des Warschauer Pakts löste eine noch größere Fluchtbewegung aus: Rund 100.000 Tschechen und Slowaken suchten 1968/69 vorübergehend Zuflucht in Wien. Die österreichische Bevölkerung begegnete den Flüchtlingen mit großer Hilfsbereitschaft; es wurden in Schulen Notquartiere eingerichtet, und der ORF strahlte Sondernachrichten auf Tschechisch aus. 1975 vereinbarten Prag und Wien die Aufwertung ihrer Gesandtschaften zu Botschaften, was die schrittweise Normalisierung der Beziehungen unterstrich, insgesamt blieben die Begegnungen bis 1989 jedoch verhalten und vom Ost-West-Gegensatz geprägt. Im Zuge der Samtenen Revolutionen von 1989 kam es zum entscheidenden Durchbruch. Am 17. Dezember 1989 durchtrennten Außenminister Alois Mock und sein tschechoslowakischer Amtskollege Jiří Dienstbier symbolisch den Stacheldrahtzaun an der gemeinsamen Grenze.

Beziehungen nach 1990 mini|Jan Lipavsky mit Alexander Schallenberg in Wien (2023)