mini|hochkant|Mansoureh Shojaee (2023)
Mansoureh Shojaee (; geb. 21. August 1958 in Teheran) ist eine iranische Frauenrechtsaktivistin, Schriftstellerin und Journalistin. Sie hat sich in vielerlei Hinsicht für die Rechte von Frauen im Iran eingesetzt. Auch als die politischen Verhältnisse sie veranlassten, 2010 ins Exil nach Europa zu gehen, führte sie ihr Engagement fort.
Leben
Beruflicher Werdegang im Iran Mansoureh Shojaee wuchs in einer Familie auf, in der das Lesen von Büchern zum Alltag gehörte. Ihr Vater begeisterte sich für Werke der klassischen persischen Dichter wie Saadi und Hafez, ihr Bruder nahm eher politische Literatur zur Hand.
Vor der iranischen Kulturrevolution nahm Mansoureh Shojaee ein Studium im Bereich Management an der Higher School of Commerce im Iran auf. Im Jahr 1983, während der islamischen Kulturrevolution, die eine Islamisierung der Universitäten beinhaltete, wurde sie aus dem Universitätsbetrieb ausgeschlossen. Ein Jahr später konnte sie ihre Hochschulbildung als Übersetzerin für die französische Sprache fortsetzen. Sie erhielt 1988 hierfür einen Bachelor von der Allameh-Tabataba'i-Universität.
Beruflich war sie für 22 Jahre an der Nationalbibliothek in Teheran als Bibliothekarin tätig. Parallel dazu wirkte sie als Journalistin, freischaffende Autorin und literarische Übersetzerin aus dem Französischen.
Von 1994 bis 2004 arbeitete sie für das Children’s Book Council of Iran (IBBYP – International Board on Books for Young People). Um blinden Kindern Zugang zu Literatur zu ermöglichen, vermittelte sie ihnen den Umgang mit Hörbüchern. Für dieses Engagement wurde sie ausgezeichnet.
In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen, wie Unicef, konzipierte und realisierte Shojaee Wanderbibliotheken für iranische Frauen und Kinder, auch in rückständigen Gebieten. Über Unicef und das UNHCR bekam sie beispielsweise Zugang zu den Flüchtlingslagern an der Grenze zu Afghanistan und konnte die Bewohner dort mit Literatur vertraut machen.
Engagement in der Frauenbewegung im Iran
Im Jahr 2000 gründete Mansoureh Shojaee mit der Journalistin, Feministin und politischen Aktivistin Noushin Ahmadi Khorasani und anderen Gleichgesinnten das Frauenkulturzentrum Markaz-e Farhangi-ye -Zanan in Teheran. Diese Gründung fiel in die Mohammad-Chatami-Ära, die Frauenbelangen offener gegenüberstand und in der Frauen-NGOs zu wichtigen Reformen im Bereich Scheidung oder Heirat beitrugen. Das Zentrum wurde am Internationalem Frauentag 2001 offiziell registriert. Es verfolgte ein vielschichtiges Programm, das das Bewusstsein für Frauenrechte schärfen sollte und gegen diskriminierende Gesetze in Bezug auf Frauenrechte vorging. Ein Beispiel für den Einfluss des Zentrums ist der Fakt, dass Proteste des Women’s Cultural Centre gegen einen Film, der Polygamie zu fördern schien, dazu führte, dass der iranische staatliche Fernsehsender seine Programminhalte in Form eines runden Tisches zur Polygamie ethisch überdachte. 2003 eröffnte Shojaee zudem in dem Frauenkulturzentrum die Frauenbibliothek Sadiqe Dolatabadi.
Im Jahr 2008 bildeten sich im Iran zwei prägende Kampagnen heraus, die die wichtigsten öffentlichen Aktivitäten der Frauenbewegung auf sich vereinten. Neben der Website Meydaan Zanan war dies die Kampagne One Million Signatures. Mansoureh Shojaee war u. a. neben Parvin Ardalan, Zhila Baniyaghoob und Noushin Amadi Khorosani Mitbegründerin. Frühe Unterstützer waren u. a. Jafar Panahi, Tahmineh Milani und Shirin Ebadi. Die Kampagne setzte sich für die Änderung von Gesetzen ein, die Frauen benachteiligten. Hierzu wurden Unterschriften gesammelt, die vor das Parlament gebracht werden sollten, so Shojaee. Datiert ist die Kampagne auf das Jahr 2006. Sie wurde im Jahr 2008 von Amnesty International aufgegriffen und erlangte internationale Anerkennung. Im Lauf der Kampagne nahmen Repressionen seitens des Regimes auf die Unterstützer zu. Shojaee wurde 2007 mit einem Ausreiseverbot belegt.
Shojaee war ebenfalls Mitbegründerin und Herausgeberin von Feminist School. Feminist School wurde 2008 als Online-Forum gegründet und verstand sich als intellektueller Flügel der iranischen Frauenbewegung. Die Plattform war für kurze Zeit federführend bei der Gestaltung der iranischen Frauenbewegung, indem sie konzeptionelle Arbeitshilfen für die Strategieentwicklung der Bewegung beisteuerte. In den Jahren nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 wurden zahlreiche Gründungsmitglieder und Unterstützer gezwungen, den Iran zu verlassen.
Als enge Vertraute von Shirin Ebadi kam Shojaee deren Inspiration nach, im Iran ein iranisches Frauenmuseum zu konzipieren und umzusetzen. Es war geplant, das Projekt in der Bibliothek Banu in Evaz im Südwesten des Iran zu realisieren. Bereits in der Anfangsphase 2009 wurde es verboten. Im Dezember 2009 wurde eine Razzia von Agenten und Kontrolleuren des berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnisses in der Privatwohnung Shojaees durchgeführt. Hierbei wurden sämtliche Medien, die am Internationalen Frauentag als erste Ausstellungsstücke des iranischen Frauenmuseums präsentiert werden sollten, beschlagnahmt. Im Exil verfolgte Shojaee dies Projekt weiter.
Verhaftungen und Weg ins Exil Am 8. März 2006 gingen im Iran Frauenrechtsaktivistinnen auf die Straße, um gegen diskriminierende Gesetze bei Frauen zu protestieren und von der Regierung eine Änderung dieser Gesetze zu verlangen. Viele der Demonstrantinnen wurden verhaftet. Dies war der Beginn weitreichender Verhaftungen und Einschüchterungen, die sich bis zur umstrittenen Präsidentschaftswahl 2009 erstreckten und im Juni 2012 so weit gingen, dass Frauenrechtsaktivistinnen sich gezwungen sahen, ins Exil zu gehen, so auch Shojaee 2010.
Shojaee wurde insgesamt dreimal verhaftet. Ihre dritte Verhaftung erfolgte am 27. Dezember 2009, nachdem sie auf der Website der Feminist School ihren Artikel Green Barricades in the Red Ashura publiziert hatte. Der Artikel enthielt ein Bild eines Straßenprotests, der von Sicherheitskräften gewaltvoll niedergeschlagen wurde. Ohne Haftbefehl wurde sie im Evin-Gefängnis inhaftiert. Gegen eine Kaution wurde sie nach einem Monat aus dem Gefängnis entlassen. Mit Hilfe der Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotoudeh erreichte Shojaee im Anschluss die Aufhebung des Reiseverbots aus dem Jahr 2007.
Im August 2010 reiste sie zur Erholung nach Deutschland, um dort lebende Verwandte zu besuchen. Während des Aufenthalts erreichte Shojaee über ihren Anwalt in Teheran eine Vorladung der Staatsanwaltschaft des Evin-Gefängnisses. Sie entschied sich daraufhin, nicht in den Iran zurückzukehren und in Deutschland zu bleiben. Ermöglicht wurde dies durch eine Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung und die Stadt Nürnberg, die Shojaee ab Januar 2011 zunächst für ein Jahr Zuflucht gewährte mit dem Recht zu arbeiten. Diese Aufnahme erfolgte im Rahmen des Programms „Writers in Exile“ der Schriftstellervereinigung P.E.N.-Zentrum Deutschland.
Auf die Frage von Natalie Amiri, ob es sich als Ehre anfühlt, im Evin-Gefängnis in Teheran inhaftiert gewesen zu sein, antwortete Shojaee: „Ins Gefängnis gehen ist keine Ehre, nicht einmal für uns Aktivistinnen. Ins Gefängnis gehen ist der Preis, den wir zahlen müssen, für das was wir tun. ... Natürlich sagen wir nicht, es ist eine Ehre, dass wir politisch Gefangene sind ... Aber wir sagen, wir sind stolz darauf; dass jede einzelne dieser Konsequenzen uns nicht von unserem Widerstand gegen das Regime abhalten lässt.“.
Beruflicher Werdegang im Exil mini|Mansoureh Shojaee (2016) bei einer Rede Von Januar 2011 bis September 2013 war Shojaee Stipendiatin im Writers-in-Exile Programm des PEN. Mansoureh Shojaee studierte von 2014 bis 2015 in Den Haag am International Institute of Social Studies der Erasmus Universität Rotterdam den Masterstudiengang Menschenrechte, Gender und Konfliktstudien. Weiter ging sie auch im Exil ihrer Arbeit als Frauenrechtsaktivistin, Schriftstellerin und Journalistin nach. Sie veröffentlichte in verschiedenen Magazinen, wie zum Beispiel im Le Nouvel Obs, im peer-reviewten, bilingualen Journal Freedom of thought und der US-Zeitschrift Ms. 2013 erschien ihr Buch Sharzades Schwestern. Frauen im Iran. In Kooperation mit der Vrije Universiteit Amsterdam begründete sie das Museum der iranischen Frauenbewegung. Shojaee ist zudem als Researcher bei Iran Academia tätig. Iran Academia, auch Institute for Social Sciences and Humanities, (ISSH) ist eine alternative, online organisierte und gebührenfreie Universität, die auf Sozialwissenschaften spezialisiert ist und in Den Haag ihren Geschäftssitz hat. Aktuell (2023) lebt Shojaee in Den Haag.
Engagement für die Frauenbewegung im Iran im Exil Neben anderen Aktivitäten wurde das Museum der iranischen Frauenbewegung mit der Ausstellung „From Evin with Love“ vielfach rezepiert. Aufbauend auf dem im Iran gestarteten, dann verbotenen Museumsprojekt gründete Shojaee im Exil das Museum der iranischen Frauenbewegung (IRWMM), das in Kooperation mit der Fakultät für Sozialwissenschaften der Vrije Universiteit Amsterdam begründet wurde. Es ist Mitglied des Internationalen Zusammenschlusses der Frauenmuseen (IAWM). Die Ausstellungsstücke sind virtuell zu besichtigen.
Die Ausstellung „From Evin with Love“, deren Kuratorin Shojaee ist, ist das erste Zweijahresprojekt der Frauenmuseumsbewegung und präsentiert handwerkliche Erzeugnisse der Inhaftierten des Evin-Gefängnisses. Die Ausstellung ist in digitaler Form wie auch als konkrete thematische Ausstellung in Form einer Wanderausstellung verfügbar. Sie wurde in mehreren Ländern präsentiert.
Zu der Zeit zwischen den Anfängen der Gründung des iranischen Frauenmuseums im Iran bis zu dem Zeitpunkt der Realisierung im Exil äußert sich Shojaee wie folgt: „Das sind die zehn Jahre, die vergangen sind, seit der Plan für eine Iranische Frauenmuseumsbewegung aus der Wiege gehoben wurde. Zehn Jahre während derer Forschungen, Versuche, Experimente, Drangsal, Gerichtsverfahren und andere Widerwärtigkeiten die Gründer und Unterstützer dieses Projektes gründlich durcheinandergewirbelt haben.“
Repression im Exil Auch im Exil war Shojaee Repressionen des iranischen Staates ausgesetzt. Zwischen 2011 und 2013 wurde sie viermal zu Verhören in Teheran vorgeladen. Grund waren ihre Aktivitäten im Exil in Europa wie Interviews oder Teilnahme an Demonstrationen. Shojaee erlebte dies persönlich als großen Druck, da ihr Mann und Sohn weiterhin im Iran leben und deren Haus unter Beobachtung steht. Von Marcus Michaelsen wird dies Vorgehen als Kontrollmethode eingeordnet, die sich online wie offline gegen Aktivisten richtet und als Versuch interpretiert werden kann, den Sicherheitsapparat über die nationalen Grenzen hinaus auszuweiten. Er führt aus, dass ein Spannungsfeld alle Aktivisten im Exil verbindet, nämlich dass die Freiheit, die die Exilanten im Exil erlangen, im Kontrast zu den Bedingungen im Herkunftsland steht und dort die horizontalen Bindungen bedroht. Shojaee beschreibt dies Dilemma für sich so: Je aktiver man außerhalb des Irans ist, desto eher wird man im Iran als rote Linie abgestempelt. Chance und Bedrohung stehen im umgekehrten Verhältnis. […] Aktivist zu sein bedeutet, sich einen Namen zu machen, Interviews zu geben, ständig zu schreiben – all das kann man hier außerhalb des Iran frei tun, und es ist eine Chance. Aber täglich gefährdet es die Verbindungen im Land mehr.
Shojaee wurde im Juni 2015 in Abwesenheit von der Abteilung 28 des Islamischen Revolutionsgerichts ohne Anwesenheit eines Anwalts angeklagt. Sie wurde zu fünf Jahren Gefängnis wegen „Propaganda gegen das Regime“ und „verabredeten Vorgehens gegen das Regime“ verurteilt.
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