Der Mahdi (von ; im Persischen, Türkischen und einigen arabischen Dialekten auch als Mehdi ausgesprochen) ist nach traditioneller islamischer Glaubensauffassung ein Nachkomme des Propheten Mohammed, der in der Endzeit auftauchen und das Unrecht auf der Welt beseitigen wird. Der Glaube an das Erscheinen des Mahdi ist sowohl ein zentraler Bestandteil der schiitischen Konfession als auch in den chiliastischen Erwartungen im sunnitischen Islam verbreitet und wird entsprechend in den kanonischen Traditionssammlungen in Form von Hadithen dargestellt.

Entstehung des Mahdi-Konzepts Der Begriff al-mahdī ist von der arabischen Wortwurzel h-d-y abgeleitet, die allgemein die Bedeutung von „göttlicher Rechtleitung“ hat und selbst nicht im Koran vorkommt. Jedoch findet man dort an einer Stelle ein Wort, das von der gleichen Wortwurzel abgeleitet ist und eine ähnliche Bedeutung hat: muhtadī („der sich rechtleiten lässt“). So heißt es in Sure 17:97: „Wen Gott rechtleitet, der ist (in Wahrheit) rechtgeleitet“ (wa-man yahdī Llāhu fa-hwa l-muhtadī).

Seit der Frühzeit des Islam wurde „Mahdī“ als ein religiös-politischer Ehrentitel verwendet, so zum Beispiel vom arabischen Dichter Hassān ibn Thābit für den Propheten Mohammed selbst. Der Dichter Sulaimān ibn Surad bezeichnete al-Husain ibn ʿAlī nach seinem Martyrium in der Schlacht von Kerbela als „Mahdi, Sohn des Mahdi“. Während des zweiten Bürgerkriegs nach dem Tod des umayyadischen Kalifen Muʿāwiya I. begann der Begriff dann, zusätzlich zu seiner politischen eine religiös-messianische Bedeutung zu erhalten. Er bezeichnete jetzt den erwarteten Herrscher, der den wahren Islam wiederherstellen sollte. So rief im Jahre 685 in Kufa al-Muchtār ibn Abī ʿUbaid den Aliden Muhammad ibn al-Hanafīya zum Mahdi aus und führte in seinem Namen einen großangelegten Aufstand gegen den umayyadischen Kalifen ʿAbdallāh ibn az-Zubair durch.W. Madelung: Mahdī. In: EI². Band V, S. 1231a.

Nach dem Tod Muhammad ibn al-Hanafīyas im Jahre 700 entstand eine Sekte, deren Anhänger glaubten, dass er nicht wirklich gestorben sei, sondern sich nur verborgen habe und bald zurückkehren werde, um die Erde in Besitz zu nehmen. Diese Sekte wurde nach ihrem Anführer als Kaisānīya bezeichnet. Die Kaisānīya spaltete sich später in zahlreiche Untersekten auf. Während die sogenannten Karibiten weiter auf die Rückkehr von Muhammad ibn al-Hanafīya warteten und meinten, dass es keinen anderen Mahdi als ihn geben könnte, weil ihn sein Vater ʿAlī ibn Abī Tālib als solchen designiert habe,Heinz Halm: Die islamische Gnosis. Die extreme Schia und die Alawiten. Artemis, Zürich/München, 1982, S. 54. übertrugen die Harbiten die Mahdi-Vorstellung zunächst auf Muhammads Sohn Abū Hāschim und später auf ʿAbdallāh ibn Muʿāwiya, einen Nachfahren Abū Tālibs. Dieser unternahm im Jahr 746 einen Aufstand gegen die Umayyaden und wurde 748/49 im Kerker umgebracht. Wie in einem arabischen doxographischen Werk berichtet wird, behauptete ʿAbdallāh ibn Harb, das Oberhaupt der Harbiten, ʿAbdallāh ibn Muʿāwiya sei nicht gestorben, sondern „befinde sich im Berg von Isfahan und sei der Mahdī dieser Gemeinde, den der Prophet angekündigt und von dem er mitgeteilt habe, er werde die Erde mit Gerechtigkeit und Billigkeit erfüllen.“Zitiert nach Halm 1982, 70.

Das von den Kaisaniten zu Anfang des 8. Jahrhunderts entwickelte Modell der Entrückung, Abwesenheit und erwarteten Rückkehr des Mahdi wurde später von anderen Zweigen der Schia übernommen; das Konzept des Mahdi als endzeitlicher Gestalt fand schließlich auch Eingang in die populäre Eschatologie der Sunniten.Heinz Halm: Die Schia. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988, S. 25.

Grundlagen und Unterschiede der Mahdi-Lehre Eine allgemeine Beschreibung des islamischen Mahdi-Glaubens bietet Ibn Chaldūn (gest. 1406) im 51. Abschnitt des dritten Kapitels seiner Muqaddima.Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Band II, 2005, S. 124. - Vgl. Engl. Übers. Franz Rosenthal. Band II, Routledge & Paul Kegan, London 1958, S. 156. Dort heißt es:

Als Grundlage für diese Vorstellung dienten verschiedene Hadithe, auf die Ibn Chaldūn ebenfalls näher eingeht. So wird in einem Hadith, den Abū Dāwūd as-Sidschistānī unter Berufung auf Abū Saʿīd al-Chudrī überliefert, Mohammed mit den Worten zitiert: „Der Mahdī ist von mir. Er hat eine kahle Stirn und eine Adlernase. Er wird die Welt mit Gerechtigkeit und Recht erfüllen, so wie sie vorher mit Ungerechtigkeit und Unrecht erfüllt war. Er wird sieben Jahre herrschen.“Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Band II, 2005, S. 128. In einer anderen Version des Hadith, die von Ibn Mādscha überliefert wird, lauten die Worte Mohammeds: „Es wird in meiner Umma den Mahdī geben. Wenn es kurz ist, wird er sieben Jahre herrschen, sonst neun. Meine Umma wird in dieser Zeit unerhörten Wohlstand erleben. Die Erde wird ihre Nahrung hervorbringen und nichts davon zurückhalten. Es wird haufenweise Geld geben. Ein Mann wird aufstehen und sagen: ‚O Mahdī, gib mir etwas.‘ Und er wird antworten: ‚Nimm einfach‘“Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Band II, 2005, S. 129.

Einer verbreiteten Vorstellung nach handelt es sich beim Mahdi um einen der Nachkommen von Fatima und ihrem Ehemann Ali ibn Abi Talib, also einen Hasaniden oder einen Husainiden. Ibn Chaldūn meinte allerdings, dass der Mahdī unbedingt aus den hasanidischen oder husainidischen Beduinen hervorgehen müsse, die die Herrschaft über Mekka, Medina und den Hedschas innehatten, weil allein sie über genügend ʿAsabīya und Kampfgeist verfügten, um sich militärisch durchzusetzen.Ibn Ḫaldūn: al-Muqaddima. Band II, 2005, S. 145.

Sunnitischer Islam Im sunnitischen Islam gibt es keine kanonische Auffassung zum Mahdi und der Glaube an diesen variiert unter Sunniten und sunnitischen Gelehrten.Hong Beom Rhee: Asian Millenarianism: An Interdisciplinary Study of the Taiping and Tonghak Rebellions in a Global Context. Cambria Press, 2006, ISBN 1-934043-42-7, S. 230. (englisch) Während einige Gelehrte wie Ibn Chaldūn die wenigen Andeutungen in den sunnitischen Hadithen für unauthentisch hielten und somit den Glauben an einen endzeitlichen Mahdi gänzlich verwarfen,Oddbjørn Leirvik: Images of Jesus Christ in Islam. 2. Auflage. A&C Black, 2010, ISBN 978-1-4411-8160-2, S. 41. arbeiteten andere Gelehrte wie Ibn Kathir, detaillierte Endzeit-Szenarien aus, in denen der Mahdi zusammen mit Jesus gegen den Daddschal kämpfen. Eine andere Meinung schließt einen Mahdi als endzeitliche Erlöserfigur mit ein, verwirft allerdings die Vorstellung, es handle sich beim Mahdi um eine separate eigenständige Person. Stattdessen wird die Bezeichnung Mahdi als ein Titel aufgefasst, den Jesus, bei seiner Rückkehr erhält. Dieser Vorstellung nach vollführt Jesus die Aufgabe, die alternativ dem Mahdi zugeschrieben wird und richtet anschließend über die Menschheit.John L. Esposito: Oxford Dictionary of Islam. Oxford University Press, 2004, ISBN 0-19-512559-2, S. 75.

Des Weiteren etablierte sich die Vorstellung des Mahdis im Volksglauben. Anders als die schiitische Vorstellung des Mahdis, lehnen alle sunnitischen Vorstellungen es ab, dass der Mahdi bereits als Mensch geboren wurde und im Verborgenen weilt.

Schiitischer Islam Den Zwölfer-Schiiten, der größten Gruppe der Schiiten gilt der Verborgene Imam als Mahdi. Dieser soll dereinst zurückkommen, wenn die Menschheit aus ärgster Not nach Erlösung ruft, und die Welt retten, denn er ist die messianische Gestalt. Bei ihnen steht der Mahdi nicht isoliert da. Es hat elf Generationen von Imamen gegeben, die nach mündlichen Überlieferungen alle schließlich von den Machthabern ihrer Zeit aus Staatsräson ermordet worden sind. Diesem Schicksal hat sich der 12. Imam, – der Mahdi, durch Flucht im Kindesalter entzogen. Daher ist Muhammad al-Mahdī der lebende Imam und lebt bis heute im Verborgenen weiter. Er soll anfänglich noch über vier Generationen hinweg (etwa 70 Jahre lang) mittels Botschaftern (hohen Gelehrten) schriftlich mit der Gemeinde Kontakt gehalten haben – diese Zeit nennen die Schiiten die „kleine Abwesenheit“ (al-ġaiba aṣ-ṣuġrā). Im Jahre 941 christlicher Zeitrechnung habe er auch diese Art der Kommunikation unterbrochen, ist aber stets über jeden seiner Anhänger im Bilde. Dies ist die Periode der „großen Abwesenheit“ (al-ġaiba al-kubrā), die solange andauern soll, bis Gott sein Wiedererscheinen befehlen wird. Die Schiiten warten daher sehnsüchtig auf seine Wiederkunft. Folgerichtig bezeichnet die Verfassung des schiitischen Iran von 1979 daher auch den Zwölften Imam als eigentliches Staatsoberhaupt. Der Klerus herrscht nach dieser Auffassung nur in seiner Stellvertretung bis zu dessen Wiederkehr aus der Verborgenheit ().

Ahmadiyya-Gemeinde Die Ahmadiyya setzt den erwarteten Mahdi mit Jesus gleich, während Schiiten und zum Teil Sunniten dies ablehnen und sich auf anders lautende Überlieferungen beziehen.Im Koran erhielt Isa (d. h. Jesus von Nazaret) den Titel Messias, aber nicht Mahdi. (z. B. Sure 3:44-49, 4:170-174) Während viele islamische Gruppen einen Mahdi erwarten, der politisch oder kriegerisch agiert, glauben Ahmadi-Muslime, dass der Mahdi einen spirituellen und intellektuellen Dschihad führen wird.

Interpretationen in mystischen Auslegungen Einigen mystischen Vorstellungen nach, wird der Mahdi als die eigene Rechtleitung zum Besiegen des inneren Daddschāls bezeichnet. Also jene Erkenntnisse, sich nicht als Körper, sondern als Bewusstsein in einem Körper, zu betrachten und so zur Fana führen oder Gedanken und Taten, die die Illusion des Ichs aufheben.Ahmed Hulusi: The Observing One. 2015, ISBN 978-0-615-63664-1, S. 49.

Historische Mahdi-Bewegungen In der Vergangenheit gab es eine Reihe von Personen, die von sich behaupteten, der Mahdi zu sein, und mit diesem Anspruch Anhänger um sich scharen konnten. Einige von ihnen vermochten sogar eigene Staaten zu gründen.

10. und 11. Jahrhundert Der in Nordafrika geborene Abdallah al-Mahdi war 909–934 der erste Kalif aus der ismailitischen Fatimiden-Dynastie. Unterstützt von rebellierenden Kutama trat al-Mawati, ein junger Mann aus dem Clan der Banu Mawatan vom Stamm der Urisa, im Jahre 912 als „Gegen-Mahdi“ zum ersten Fatimidenkalifen auf. Zwar gelang es seinen Kriegern, von Ikdschan aus Mila und Constantine zu erobern, doch wurde er alsbald von einem fatimidischen Heer unter Führung al-Qaims geschlagen, gefangen genommen und, nachdem man ihn in Kairuan zur Schau gestellt hatte, in Raqqada hingerichtet.

Der Mahdi Ibn Tumart (1077–1130) begründete im heutigen Marokko die Almohaden-Dynastie.

19. Jahrhundert mini|hochkant|Muhammad Ahmad, der sudanesische Mahdi mini|hochkant|Mirza Ghulam Ahmad Usman dan Fodio, der Begründer des Kalifats von Sokoto, verglich sich in einem Fulfulde-Gedicht mit dem Mahdī, bekräftigte jedoch, dass er selbst nur der Vorbote des Mahdī sei.John O. Hunwick: Arabic Literature of Africa. Vol. II: The Writings of Central Sudanic Africa. Brill, Leiden 1995, S. 174.

Zum Widerstand gegen die französische Herrschaft in Algerien zählte in den 1830er Jahren der islamische Theologe Emir Abd el-Kader, der sich gegen die Franzosen wenig durchsetzen konnte, da die Moslems unter sich zerstritten waren. Sein Hauptgegner war Muhammad ben Abd Allah al-Baghdadi, ein erklärter Mahdi, der als Protest gegen Steuerzahlungen einen Aufstand gegen den Emir anführte.Mervyn Hiskett: The Course of Islam in Africa. Edinburgh University Press, 1994, S. 17, 26.