mini|hochkant=1.3|Entzündeter Wurmfortsatz, der Länge nach durchgeschnitten

Die Appendizitis (lateinisch Appendicitis) oder Wurmfortsatzentzündung ist eine Entzündung des Wurmfortsatzes (Appendix vermiformis) am Ende des Blinddarms (des Caecums). Ist der Blinddarm entzündet, wird von einer Typhlitis gesprochen. Im Deutschen wird auch die Wurmfortsatzentzündung umgangssprachlich als Blinddarmentzündung bezeichnet. Die akute Appendizitis (Appendicitis acuta) stellt einen Notfall dar.

Der Verlauf der Erkrankung kann von einer leichten Reizung über die schwere Entzündung und eine Abszessbildung bis hin zum Wanddurchbruch (Perforation) in die freie Bauchhöhle (Blinddarmdurchbruch) und damit zu einer lebensbedrohlichen Peritonitis (Bauchfellentzündung) führen.

Anatomie, Ursachen, Häufigkeit mini|Schema des menschlichen Magen-Darm-Trakts mit Blinddarm (6) und dessen Wurmfortsatz (8) mini|Akute Appendizitis mit neutrophilen Granulozyten im Epithel. Histologie.

Der Wurmfortsatz (Appendix vermiformis), umgangssprachlich fälschlicherweise auch „Blinddarm“ genannt, ist ein Anhängsel am Blinddarm bei einigen Säugetieren. Beim Menschen ist er im Regelfall etwa zehn Zentimeter lang.

Als Ursache für die Appendizitis wird eine Abflussstörung des Appendixlumens in den Blinddarm vermutet. Daraus folgt eine Druckerhöhung im Wurmfortsatz, Minderperfusion der Darmwand und Einwanderung von Bakterien. Die Abflussstörung kann beispielsweise durch Abknickung, Narbenstränge, entzündliche Schleimhautschwellung oder Verlegung mit Kotsteinen oder Fremdkörpern verursacht werden.Appendizitis. Auf: pschyrembel.de - Pschyrembel Online. Klinisches Wörterbuch.A. J. Larner: The etiology of appendicitis. In: British Medical Journal. 1988, Nr. 39, S. 540–542. Kotsteine, sogenannte Appendikolithe, können mit komplizierten Krankheitsverläufen assoziiert sein.M. Dölling, M. Rahimli, J. Pachmann et al.: Hidden Appendicoliths and Their Impact on the Severity and Treatment of Acute Appendicitis. In: Journal of Clinical Medicine. 2024, Band 13, Nr. 14, S. 4166, . Im Gegensatz zu dieser Vermutung stehen andere Untersuchungen. Dabei wurden gelegentlich Kotsteine im Appendixlumen gefunden, ohne dass diese eine Entzündung verursachten.P. Andreou, S. Blain, C. E. du Boulay: A histopathological study of the appendix at autopsy and after surgical resection. In: Histopathology. 1990, Nr. 17, S. 427–431. Ein weiteres Beispiel sind Untersuchungen zur Druckerhöhung im Wurmfortsatz. Es wurden bei 19 von 33 Patienten mit Appendizitis keine Abflussstörung des Appendixlumes festgestellt. Die tatsächliche Ursache wird in wesentlich komplexeren Zusammenhängen vermutet.E. Arnbjörnsson, S. Bengmark: Obstruction of the appendix lumen in relation to pathogenesis of acute appendicitis. In: Acta chirurgica Scandinavica. Band 149, 1983, Nr. 8, S. 789–791.

Die Appendizitis ist die häufigste Ursache für das akute Abdomen und tritt in westlichen Ländern mit einer Häufigkeit von etwa 100 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr auf. Von 2007 bis 2009 wurden jährlich im Durchschnitt rund 127.000 Blinddarmoperationen (operative Entfernungen des Wurmfortsatzes, Appendektomien) durchgeführt.Regionale Unterschiede in der Gesundheitsversorgung. Faktencheck Gesundheit. Bertelsmann Stiftung, 2011, S. 32 f. Das Risiko, im Laufe des Lebens an einer Appendizitis zu erkranken, liegt bei etwa 7–8 %.

Eine Appendizitis tritt nach der Krankenhausdiagnosen-Statistik 2009 am häufigsten bei Kindern und Jugendlichen sowie bei jungen Erwachsenen auf. 38 % aller Appendektomien entfallen auf die Altersgruppe von 5 bis 19 Jahren, 58 % auf die von 5 bis 29 Jahren. Kleinkinder erkranken seltener, haben aber eher nur geringe klinische Symptome und zeigen einen atypischen Verlauf, so dass die Erkrankung gefährlicher ist. Bei Kindern über 2 Jahren ist die Appendizitis die häufigste Ursache des akuten Abdomens.

2009 wurden deutschlandweit 46.500 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 5 und 19 Jahren am Blinddarm operiert. Allerdings zeigen sich in den einzelnen Landkreisen deutliche Unterschiede in der OP-Häufigkeit. Im Kreis mit dem höchsten OP-Index (2,3) liegt diese – bezogen auf die Zahl der dort lebenden Menschen im Alter zwischen 5 und 19 Jahren – etwa sechsmal so hoch wie im Kreis mit dem niedrigsten Index (0,4).

Beschwerden Hauptsymptom ist der klinische Symptomwechsel beim abdominellen Lokalbefund: Meist sind Schmerzen in der Gegend des Bauchnabels (periumbilikal) sowie in der Magengegend spürbar, die sich innerhalb weniger Stunden in den rechten Unterbauch verlagern. Häufig leiden die Patienten unter Appetitlosigkeit, Übelkeit, Erbrechen und bekommen in fortgeschrittenen Stadien eine Darmlähmung (paralytischer Ileus). Die Körpertemperatur kann auf bis zu 39 °C ansteigen (Fieber; dabei besteht eine Temperaturdifferenz zwischen rektaler und axillärer Messung von etwa 1 °C) mit entsprechend beschleunigtem Puls (Tachykardie). Durch eine Verlagerung des Wurmfortsatzes kann es bei Schwangeren zu Schmerzen im rechten Ober- oder Mittelbauch kommen. Bei älteren Patienten sind die Beschwerden nicht so deutlich ausgeprägt, so dass die Symptome nicht so leicht zugeordnet werden können (sog. Altersappendizitis). Die Symptome einer akuten Appendizitis sind nicht immer typisch, so dass die Diagnosestellung schwierig sein kann.

Diagnostik Die Diagnose der akuten Appendizitis stützt sich meist auf eher unspezifische Zeichen wie rechtsseitige Unterbauchschmerzen, Fieber, erhöhte Entzündungswerte sowie auf die Vorgeschichte des Patienten. Eine einigermaßen zuverlässige Diagnose der Blinddarmentzündung kann nur durch eine Reihe ärztlicher Untersuchungen gestellt werden. Rein äußerlich gibt es keine eindeutigen Beweise dafür, dass eine Appendizitis vorliegt. Zu den wichtigsten ärztlichen Untersuchungen gehören daher neben einer körperlichen Untersuchung mit beispielsweise vorsichtigem Abtasten des Unterbauches zur Feststellung von Schmerzen, deutlicher Druckempfindlichkeit schon an der Bauchoberfläche und muskulärer Abwehrspannung die Anamnese, die Laboruntersuchungen (insbesondere Feststellung der erhöhten Leukozytenzahl und eines erhöhten CRP-Wertes), der Ultraschall und bei untersuchungstechnischen Schwierigkeiten die Computertomographie. Allerdings ist mittlerweile bei einem typischen Befund im Ultraschall die Diagnose relativ sicher, da die Ultraschallauflösung hinreichende Qualität erreicht hat. Der Ausschluss einer Appendizitis bei überblähtem Darm oder bei adipösen Patienten ist jedoch oft schwierig, da deren Bauch im Ultraschall und mittels Tastbefund schlecht beurteilbar ist. Hier kann die Computertomographie hilfreich sein.

Bei einer retrozökalen (hinter dem Zökum gelegen) Appendizitis kann es auch zu einer Mitentzündung des Harnleiters kommen.L. Giambroni, L. Monticelli, C. Simeone, E. Frego. Ureteritis. review. In: Archivio italiano di urologia, nefrologia, andrologia. März 1993, Band 65, Nr. 1, S. 31–33, PMID 8475390 − Abstract: "It is really primary, but it usually ascending from an associated cystitis, descending from pyelonephritis, or due to direct spread from and adjacent inflammatory lesion such as appendicitis or salpingitis." Eine dabei auftretende Erythrozyturie (Vorkommen von roten Blutkörperchen im Urin) und Leukozyturie (vermehrtes Vorkommen von weißen Blutkörperchen im Urin)Thieme-via-medici: Urethritis und Zystitis. − Steckbrief. "Entscheidend für die Diagnosestellung ist der typische Urinbefund mit Hämaturie, Leukozyturie, Bakteriurie und positivem Nitritnachweis." Auf: viamedici.thieme.de; zuletzt abgerufen am 13. März 2023. darf dann nicht zu einem vorschnellen Verwerfen der Diagnose Appendizitis führen.

Es gibt also letztlich keine Untersuchungsmethode, die für sich alleine eine Appendizitis mit Sicherheit bestätigen oder ausschließen kann. Erst die Summe aller Untersuchungsergebnisse kann gegebenenfalls mit größerer Zuverlässigkeit zur Diagnose einer Appendizitis führen. Die Erfahrung des untersuchenden Arztes und das Ermessen speziell des Chirurgen spielt dann bei der Entscheidung für oder gegen die Operation eine wesentliche Rolle.

Bei der Anamnese ist die Verlagerung des Schmerzes vom mittigen Oberbauch in den rechten Unterbauch und das Aufhören des anfangs bauchnabelnahen (periumbilikalen) oder magennahen (epigastrischen) Schmerzes möglich. Die Ursache für diese charakteristische Schmerzwanderung liegt in der lokalen Einbeziehung des dem Entzündungsherd benachbarten, die Bauchhöhle auskleidendem äußerem Blattes des Bauchfells (Peritoneum parietale) in den Erkrankungsprozess (Viszeralschmerz → Peritonealschmerz).

Das plötzliche Auftreten eines schmerzfreien Intervalls (der sogenannte „faule Frieden“) mit anschließenden massiven Schmerzen im ganzen Bauchraum spricht für einen Durchbruch (eine Darmperforation)Reginald Fitz: Perforating inflammation of the vermiform appendix. In: America Journal of medical science. 1886, Band 92, S. 773 ff. der Appendizitis.

Klinische Untersuchung und Labor Die Diagnose der Wurmfortsatzentzündung erhärtet sich durch klinische Befunde:

mini|Lokalisation des McBurney-Punktes (1), Bauchnabel (2), rechter vorderer oberer Darmbeinstachel (3)

Erhebung der Vorgeschichte und körperliche Untersuchung des Patienten mit Abtasten von dessen Bauch Die Palpation des Unterbauchs, McBurney-Punkt, Lanz-Punkt, retrogrades Darmausstreichen in Richtung Appendix (sog. Rovsing-Zeichen, diese Untersuchung ist gefährlich und sollte nicht durchgeführt werden) Kontralateraler Loslassschmerz (Blumberg-Zeichen): Auf der Körpergegenseite (kontralateral, also links) wird ein manueller Druck auf den Unterbauch ausgeübt und plötzlich wieder losgelassen. Im positiven (= zutreffenden) Fall stellt sich daraufhin rechts ein Schmerz ein. Psoas-Zeichen: das Bein wird im Hüftgelenk gegen einen Widerstand gebeugt; wenn dabei Schmerzen im Unterbauch auftreten, ist der Test positiv Schmerzen bei Erschütterung Douglas-Schmerz (Schmerzen bei digital-rektaler Untersuchung) Ligat-Probe (Hyperästhesie des 10. Dermatoms. In 86 % der Fälle, in der die Probe positiv ist, liegt eine nichtperforierte Appendizitis vor) Sitkowski-Zeichen (zunehmende Schmerzsymptomatik bei Einnahme der Linksseitenlage durch innere Dehnung) Ten-Horn-Zeichen (aktives Herunterziehen des Hodens führt zu Schmerzen am McBurney-Punkt) Retraktionszeichen (Druck am McBurney-Punkt führt zu einem kurzzeitigen Hochziehen des rechten Hodens durch den Musculus cremaster) Temperaturmessung (Eine früher übliche Temperaturdifferenzmessung Achselhöhle-Mastdarm (0,5–1 °C) wird heute kaum mehr durchgeführt.) Blutuntersuchung, eventuell auch Urinuntersuchung Laboruntersuchung des Blutes (Leukozytose, Erhöhung des CRP u. a.) bei Frauen immer gynäkologische Untersuchung

Bildgebung Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes (Kokardenformation, tubuläre Struktur, Abszess, Ausschluss anderer Erkrankungen): Als spezifisches Zeichen für eine Appendizitis gilt ein maximaler Außendurchmesser der Appendix von mehr als 6 oder 7 mm,C. M. Rumack et al.: Diagnostic Ultrasonic Imaging. 4. Auflage, Elsevier / Mosby, Philadelphia (PA) 2011, ISBN 978-0-323-05397-6, S. 286. wobei ein größerer Durchmesser spezifischer ist. Die entzündete Appendix ist zumindest teilweise rund im transversen Schnittbild und nicht kompressibel. Ein Appendikolith ist ebenfalls spezifisch für eine Appendizitis, unabhängig vom maximalen Außendurchmesser der Appendix.C. M. Rumack et al.: Diagnostic Ultrasonic Imaging. Philadelphia (PA) 2011, S. 288. Sekundäre Zeichen der Appendizitis sind eine Wanddicke von mehr als 3 mm, ein Halo wegen eines Ödems und vermehrt ödematöses mesenterisches Fett.A. B. Goldin, P. Khanna, M. Thapa, J. A. McBroom, M. M. Garrison, M. T. Parisi: Revised ultrasound criteria for appendicitis in children improve diagnostic accuracy. In: Pediatric radiology. 2011, Band 41, Nr. 8, S. 993–999, doi:10.1007/s00247-011-2018-2.