Die United States Navy (USN, auch U.S. Navy oder einfach Navy, deutsch auch US-Marine) ist die Marine der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie ist eine Teilstreitkraft der Streitkräfte der Vereinigten Staaten und einer der acht Uniformed Services of the United States. Die United States Navy ist mit 344.600 aktiven Marinesoldaten und 57.500 Reservisten die personalstärkste und kampfkräftigste Marine der Welt und umfasst 292 Schiffe sowie zahlreiche Flugzeuge und Hubschrauber (Stand: 2026).US-Verteidigungsministerium: FISCAL YEAR 2026 BUDGET REQUEST (PDF), Kapitel 6 S. 18, abgerufen am 17. Februar 2026US Naval Institute: USNI News Fleet and Marine Tracker: Feb. 2, 2026, veröffentlicht am 2. Februar 2026, abgerufen am 17. Februar 2026 Zudem beschäftigt die Navy 210.024 zivile Mitarbeiter.US-Verteidigungsministerium: FISCAL YEAR 2026 BUDGET REQUEST (PDF), Kapitel 4 S. 28, abgerufen am 17. Februar 2026
Die Marinehistoriker James L. Holmes und Toshi Yoshihara sahen 2008 die unangefochtene Kontrolle der Weltmeere durch die U.S. Navy als „geradezu axiomatisches Merkmal der gegenwärtigen internationalen Politik“ an.James R. Holmes, Toshi Yoshihara: Chinese Naval Strategy in the 21st Century – The Turn to Mahan. Routledge, Abingdon 2008, S. 1. Intern dominiert die Navy die Streitkräfte, beispielsweise aufgrund ihres faktischen Nachfragemonopols im inländischen Schiffbau, und genießt nach Ansicht Harvey Sapolskys u. a. den Status eines „zweiten Verteidigungsministeriums.“
Geschichte
Die United States Navy geht auf die große Continental Navy zurück, die am 13. Oktober 1775 vom amerikanischen Kontinentalkongress eingerichtet wurde. Zunächst bestand sie lediglich aus zwei bewaffneten Schiffen, deren Aufgabe es war, den Nachschub der Briten zu stören, die zu dieser Zeit gerade Krieg gegen die nach Unabhängigkeit strebenden Amerikaner führten. Der Kontinentalkongress richtete außerdem ein Marine-Komitee ein, das die Operationen und den Aufbau der neuen Marine leiten sollte. Auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskrieges besaß die Continental Navy etwa 50 Schiffe, von denen immer ca. 20 aktiv waren. Nach dem Krieg verkaufte der Kontinentalkongress die verbliebenen Schiffe und entließ die Seeleute und Offiziere.
Die Verfassung der Vereinigten Staaten, die 1789 ratifiziert wurde, ermächtigte den neu geschaffenen Kongress der Vereinigten Staaten „eine Marine vorzuhalten und zu unterhalten“. Kraft dieser Autorität beschloss der Kongress am 27. März 1794, sechs Fregatten zu bauen, von denen die ersten drei, die United States, Constellation und die Constitution, 1797 in Dienst gestellt werden konnten. Die Verwaltung der Navy war zunächst beim Kriegsministerium angesiedelt, bis der Kongress am 30. April 1798 ein eigenständiges Marine-Ministerium einrichtete.
1826 bestand die US Navy aus insgesamt fünfundvierzig Schiffen, davon u. a. sieben aktiven Linienschiffen und sechs Fregatten in Belange der größeren Kriegsschiffe. Weitere fünf Linienschiffe und vier Fregatten befanden sich zugleich inaktiv in Werften.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts leitete die Bundesregierung ein groß angelegtes Aufrüstungs- und Modernisierungsprogramm der Navy ein. In diesen Jahren entwickelte die US-Industrie mit rasantem Tempo ihr gewaltiges Potential. Bereits einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg stiegen die USA zur größten Wirtschaftsmacht der Welt auf. Motiviert war der Marinerüstungsschub auch durch die Thesen von Admiral Alfred Thayer Mahan. 1914 verfügte die U.S. Navy unter anderem über mehr als 30 Schlachtschiffe und war nach der britischen Royal Navy und der deutschen Kaiserlichen Marine zur drittstärksten Kriegsflotte der Welt herangewachsen. 1918 hatten sich einige Kräfteverhältnisse verändert (siehe Geschichte der Französischen Marine#20. Jahrhundert). Das Verhältnis der U.S. Navy und der Royal Navy war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von einer Rivalität auf bürokratischer und strategischer Ebene geprägt. Im Ersten Weltkrieg beschränkte das Vereinigte Königreich sein Hilfegesuch bezüglich der Rolle der US-Marine auf Konvoioperationen. Des Weiteren erhob die Royal Navy beharrlich Lizenzgebühren von der U.S. Navy auf Ausrüstung, die für letztere für ihre Mobilmachung unabdingbar waren. Infolgedessen setzte die U.S. Navy bei der Washingtoner Flottenkonferenz von 1921/22 ihr Anliegen nach Parität mit der Royal Navy durch. Ihr Interesse an einer Vorreiterrolle in den alliierten Seekriegsoperationen des Zweiten Weltkrieges untermauerte die U.S. Navy, indem sie im Streitfall der Royal und der Royal Canadian Navy in den USA gebaute Schiffe zu deren Verstärkung vorenthielt, sodass diese sich überwiegend mit der Konvoibegleitung begnügen mussten.Harvey M. Sapolsky u. a.: US Defense Politics – The Origins of Security Policy. Routledge, New York / Abingdon 2009, S. 118f.
mini|Kampfverband der U.S. Navy beim Verlegen nach Cape Gloucester (Pazifikkrieg 1943)
Beim Angriff der Japaner auf Pearl Harbor zunächst schwer getroffen, hatte die U.S. Navy im Zweiten Weltkrieg im Pazifikkrieg maßgeblichen Anteil an der Niederwerfung des japanischen Reiches, insbesondere bei den Kämpfen
Schlacht im Korallenmeer Schlacht um Midway , vor allem Saipan, Chuuk und Eniwetok
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs betrug die Flottengröße der U.S. Navy etwa das Fünffache der britischen Royal Navy, ein Vorsprung, der sich seitdem kontinuierlich vergrößert hat. Einen einseitigen Schlusspunkt unter die Rivalität setzte die U.S. Navy, indem sie 1948 zunächst ihre Zustimmung zum Nordatlantikvertrag verweigerte. Aufgrund ihres Prestiges verhinderte diese Haltung die für die völkerrechtliche Verbindlichkeit des Bündnisses notwendige Ratifizierung im Senat.
Hintergrund war die ursprünglich angedachte Rollenverteilung zwischen den Vereinigten Staaten und dem Vereinigten Königreich in der NATO-Kommandostruktur. Im Rahmen diplomatischer Verhandlungen hatten die Vereinigten Staaten ihren britischen Verbündeten die Nominierung des Supreme Allied Commander Atlantic zugestanden. Im Gegenzug beanspruchten die USA den allgemeinen Führungsauftrag des Supreme Allied Commander Europe (SACEUR) durch einen General der US Army, der im Krisenfall die Gesamtverteidigung Westeuropas befehligen sollte. Der Widerstand der U.S. Navy ließ sich erst auflösen, als sie selbst die Kommandogewalt über den Atlantik übernehmen durfte, woraufhin sie der Royal Navy im Rahmen des weniger bedeutsamen Channel Command die Verteidigung des Ärmelkanals zugestand.Harvey M. Sapolsky u. a.: US Defense Politics – The Origins of Security Policy. Routledge, New York/Abingdon 2009, S. 119.
Nach dem Zweiten Weltkrieg musste die Navy schwere Einschnitte in ihrem Budget hinnehmen. So lag die gesamte Flottenstärke 1945 noch bei 6768 Schiffen (inklusive Landungsbooten und Versorgern), aber 1950 nur noch bei 634 Einheiten. Neben den Landungseinheiten wurden ca. 80 Flugzeugträger und 150 U-Boote außer Dienst gestellt. Schwer traf die Navy auch die Suspendierung ihres neuen Supercarriers, der United States, deren Bau 1949 nur fünf Tage nach Kiellegung gestoppt wurde. Dies löste den so genannten Aufstand der Admirale aus.
In den folgenden Jahren begann die US-Navy mit dem Bau neuer Flugzeugträger und Kreuzer. Um dabei der wachsenden U-Boot-Flotte der Sowjetunion zu begegnen, wurden ab 1959 alte Zerstörer im Programm Fleet Rehabilitation and Modernization aufgerüstet. Während des Kalten Krieges war die US-Navy wie alle anderen Gattungen Teil des Wettrüstens. 1987 wurde mit 568 Schiffen die größte Einheitenstärke dieser Epoche erreicht. Ab Anfang der 1960er Jahre wurde die strategische U-Flotte der U.S. Navy stark ausgebaut. Sie umfasste zeitweise mehr als 40 Schiffe. Ihr kommt seit Jahrzehnten im Rahmen der nuklearen Abschreckung eine große Rolle zu; sie soll im Falle eines Atomkrieges die Zweitschlagfähigkeit der USA gewährleisten.
1991/92 erschütterte der Tailhook-Skandal die U.S. Navy und beschädigte ihren Ruf und besonders den der Marineflieger. Anfang November 2023 wurde mit Lisa Franchetti erstmals offiziell eine Frau zur Leiterin der Navy ernannt.Die US-Navy hat erstmals eine Chefin. In: tagesschau.de, 2. November 2023 (abgerufen am 3. November 2023). Die Außen- und Militärpolitik der USA stützt sich wesentlich auf die Macht ihrer Flugzeugträger, die, in sogenannten Trägerkampfgruppen (Carrier Strike Groups oder kurz CSG, früher: Carrier Vessel Battle Groups oder CVBG) organisiert, schnell in der Lage sind, Drohpotenzial von See her aufzubauen und über längere Zeit unabhängig von Verbündeten und landgebundenen Stützpunkten Militäroperationen auszuführen. Die US-Navy operiert von großen Heimatstützpunkten auf dem Territorium der USA aus, von denen die größten und bekanntesten in Norfolk (Virginia) (Naval Station Norfolk) und San Diego (Kalifornien - Naval Base Coronado) liegen. Bekannt ist auch die Marinebasis in Guantánamo Bay auf Kuba.
Auftrag und Doktrin Rechtliche Grundlagen Verfassungsrechtlich ist die Marine der Vereinigten Staaten wie die Gesamtheit der Streitkräfte in Artikel II, Abschnitt 2, Absatz I, Satz 1 und Artikel I, Abschnitt 8, Satz 11 und 14 der Verfassung der Vereinigten Staaten legitimiert. Die Ausgestaltung des Auftrags der Navy findet in Untertitel C, Teil I, Kapitel 507, § 5062, Absatz (a) des Zehnten Buches des United States Code statt. Dieser Paragraph§ 5062. United States Navy: composition; functions, Quelle: Rechtstextesammlung der Cornell Law School – abgerufen am 3. September 2008 (englisch). legt neben dem Auftrag auch die Zusammensetzung der Landstreitkraft und die Zugehörigkeit zu ihr fest. Sie lautet in der Übersetzung:
Vordenker Als wichtigster Theoretiker der USN gilt Admiral Alfred Thayer Mahan, der seine Seemachttheorien 1890 in dem Buch The Influence of Sea Power upon History veröffentlicht hat. Sie bestimmen bis heute das Denken der USN in erheblichem Maße. Später hat Admiral Chester W. Nimitz die Ziele und Aufgaben seiner Marine definiert. Die Regierung unter Ronald Reagan und speziell der Secretary of the Navy John F. Lehman formulierte 1982/83 das Ziel, die Marine auf 600 Schiffe zu vergrößern. Das war jedoch auf Dauer aus Kostengründen nicht aufrechtzuerhalten. Immerhin wurden in dieser Zeit die mächtigsten verbliebenen Schlachtschiffe des Zweiten Weltkrieges reaktiviert und mehrere Jahre im aktiven Dienst gehalten.
Maritime Doktrinen Die USN hat im Laufe der Zeit gemeinsam mit dem U.S. Marine Corps eine Anzahl von Doktrinen entwickelt und teilweise auch veröffentlicht. In: jhuapl-edu. Die erste veröffentlichte Strategie erschien 1986 unter dem Namen The Maritime Strategy. Sie enthielt unter anderem das Programm der 600-Schiffe-Marine. 1992 wurde das strategische Konzept …From the sea erlassen, das 1994 unter dem Titel Forward … from the seaForward … from the sea. (PDF; 0,2 MB) In: globalsecurity.org. erweitert wurde. 2002 entstand auch in Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 ein weiteres Konzept mit dem Titel Sea Power 21, In: navy.mil. das für den Bereich der USN durch Naval Power 21 ergänzt wurde. Im Oktober 2007 wurde erstmals eine gemeinsame Strategie von USN, USMC und USCG verabschiedet. Sie trägt den Titel A Cooperative Strategy for 21st Century Seapower. In: navy.mil.
Organisation Führung Politische Führung mini|hochkant=1.6|Befehlskette der U.S. Navy auf der politischen Ebene. Über dem Marinestaatssekretär stehen noch der Präsident und der Verteidigungsminister mini|links|SECNAV Ray Mabus mit dem damaligen CNO Gary Roughead