Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens ܥܕܬܐ ܩܕܝܫܬܐ ܘܫܠܝܚܝܬܐ ܩܬܘܠܝܩܝ ܕܡܕܢܚܐ ܕܐܬܘܪ̈ܝܐzentriert|rahmenlos|120x120pxTheologieKatholisch-apostolisch (Antiochenische Christologie, im Westen als nestorianisch klassifiziert)SchriftPeschittaKatholikosAwa Royel seit 8. September 2021Nachricht der kurdisch-irakischen Nachrichtenseite rudâw.netPatriarchensitzAnkawa, Erbil, IrakLiturgiespracheklassisches Syrisch, AramäischLiturgieOstsyrischer RitusUrsprungim 1. Jahrhundert nach ChristusVerbreitungzentraler Naher Osten, Indien und in DiasporaMitgliederetwa 400.000 mini|Assyrische Sankt-Johannes-der-Täufer-Kathedrale in Ankawa bei Erbil (Irak), 2018, eingeweiht 2008, seit Inthronisierung des Katholikos-Patriarch Gewargis III. 2015 Hauptsitz des assyrischen Katholikos Die Assyrische Kirche des Ostens (vollständiger Name: Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens, ) ist eine autokephale und völlig eigenständige Ostkirche syrischer Tradition in Nachfolge des im Sassanidenreich entstandenen altchristlichen Katholikats von Seleukia-Ktesiphon.
Das Katholikat spaltete sich Mitte des 16. Jahrhunderts in zwei heute etwa gleich große Zweige: (1) die traditionelle, weiterhin unabhängige „Kirche des Ostens“ (später beigenannt „assyrisch“) und (2) die mit dem Papst in Rom unierte, eigenberechtigte chaldäisch-katholische Kirche („Patriarchat von Bagdad“). Zur Assyrischen Kirche gehört eine indische Metropolie der Thomaschristen; deren katholisch-ostkirchliches Gegenüber ist die erheblich größere syro-malabarische Kirche.
Die nicht mit Rom geeinte Assyrische Kirche des Ostens hat sich seit den 1960er Jahren über die Streitfrage der Einführung des gregorianischen Kalenders ihrerseits gespalten in (a) die weltweit agierende „Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens“ (auf die sich dieser Artikel konzentriert) mit Sitz des Patriarchen in Ankawa (1940 bis 2015 in Chicago) und (b) die wesentlich kleinere, auf den Irak konzentrierte, aber auch in den USA und Deutschland präsente „Alte Apostolische und Katholische Kirche des Ostens“ (auch „Assyrische Altkalendarier“ genannt) mit Patriarchensitz in Bagdad.
hochkant|mini|Assyrische St.-Marien-Kirche (Mat Marjam) in Moskau
Namen Die vollständige Bezeichnung lautet heute Heilige Apostolische und Katholische Assyrische Kirche des Ostens. Der Namensbestandteil „katholisch“ leitet sich vom Nicäno-Konstantinopolitanum (μίαν, Ἁγίαν, Καθολικὴν καὶ Ἀποστολικὴν Ἐκκλησίαν) ab, wo er wörtlich „allgemein“ bedeutet, und beinhaltet keine Bindung an die römisch-katholische Kirche. Der heute mit dem römischen Papst geeinte Flügel der Kirche nennt sich chaldäisch-katholische Kirche.
Der ursprüngliche Name lautet Kirche des Ostens. Damit wurde ausgedrückt, dass sie für die Christen östlich der Grenze des Römischen Reiches zuständig war, im Perserreich bzw. im Kalifat von Bagdad und darüber hinaus. Nach dem ursprünglichen Kerngebiet ihrer Verbreitung wird sie auch „persische Kirche“, „mesopotamisch-persische Kirche“ oder „ostsyrische Kirche“ genannt. Aufgrund der Ablehnung der Konzilien von Ephesos (431) und Chalkedon (451) spricht man auch von Nestorianischer Kirche.
Die zusätzlichen Benennungen als „chaldäisch“ (chaldaica) ab dem 15. Jahrhundert sowie als „assyrisch“ (syriaca) ab dem 19. Jahrhundert sind neuzeitlich und beide europäischer Herkunft. Sie sind ursprünglich sprachlich bzw. historisch-geographisch gemeint; ihr eigentlicher Zweck war die Vermeidung der Bezeichnung „nestorianisch“ für jene Teile der Kirche des Ostens, die sich der römisch-katholischen bzw. anglikanischen Kirchengemeinschaft angenähert oder angeschlossen hatten. Teil eines offiziellen kirchlichen Eigennamens wird das Adjektiv „assyrisch“ in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Das Beiwort „nestorianisch“ und der Name „Nestorianer“ werden heute als Selbstbezeichnung auch von den Nicht-Katholiken abgelehnt. In theologischer und historischer Fachliteratur hingegen ist die Bezeichnung „Nestorianische Kirche“ noch weit verbreitet. Manche sprechen widersinnig sogar von „katholischen Nestorianern“. Bezeichnungen mit dem Adjektiv „orthodox“ sind ebenfalls unzutreffend: Die Kirche benutzt das Wort „orthodox“ weder in ihren Liturgien noch in ihrer Korrespondenz, sie vermeidet auch Begriffe, die als „rechter Glaube“ oder „rechte Lehre“ – so die wörtliche Übersetzung von „orthodox“ – übersetzt werden könnten.Assyrische Kirche des Ostens; Website des Ökumenischen Rats der Kirchen, Kirchenfamilien
Vom Namen „Kirche des Ostens“ lässt sich schwer ein Adjektiv ableiten, das nicht, wie etwa „ostkirchlich“, zu Missverständnissen Anlass bietet. Üblich sind „ostsyrisch“ (konfessionell neutral), „chaldäisch“ (katholisch konnotiert), „assyrisch“ (vorwiegend nicht-katholisch), auch „assyro-chaldäisch“ (zusammenfassend oder katholisch).
Die ostsyrischen Christen wurden manchmal auch als „Protestanten des Ostens“ bezeichnet, gehören jedoch traditionell einer Kirche des katholischen Typs an. Nur kleine Gruppen wurden seit dem 19. Jahrhundert evangelisch.
Von der „Assyrischen Kirche des Ostens“ bzw. der „Alten Kirche des Ostens“ zu unterscheiden sind: die katholischen Ostkirchen derselben ostsyrischen Tradition, nämlich die mit dem Papst in Rom geeinte chaldäisch-katholische Kirche nebst der von dieser unabhängigen, aber ebenso mit dem Papst geeinten syro-malabarischen Kirche in Indien, die innerhalb des Imperium Romanum entstandenen westsyrischen Kirchen, z. B. die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien, die sogenannten Jakobiten. Sie erkennen sämtlich das Konzil von Ephesos an, sind damit „orientalisch-orthodox“ oder, sofern mit dem Papst in Rom uniert, syrisch-katholisch.
Zusammengefasst bilden alle gemeinsam die Kirchen syrischer Tradition bzw. das syrische Christentum. In neuerer Zeit werden die Mitglieder dieser Kirchen auch als Assyrer/Aramäer bezeichnet.
Geschichte mini|Alte Gewölbemauern der assyrischen Kirche Nane Maryam in Urmia mit typisch schmuckloser assyrischer Einrichtung. Gewölbe und Säulen sind nach archäologischen Untersuchungen im sassanidischen Stil erbaut, einige Plastiken wohl aus spätarsakidischer Zeit (vor 224 n.Chr). Die heute in St. Petersburg ausgestellte Bauinschrift berichtet eine Errichtung im 3. Jahrhundert und spätsassanidische Rekonstruktion 624 n. Chr., womit sie eine der ältesten Kirchen der Welt wäre. Der Oberteil der Kirche wurde 1918 zerstört, 1922 wieder aufgebaut, aber nach Einsturz mit modernem Oberbau und daneben errichtetem Neubau aus Backstein 1963 ergänzt. Die „Kirche des Ostens“ war niemals Staatskirche, sondern unterstand als einzige altchristliche Kirche immer nichtchristlicher Herrschaft.
Im Sassanidenreich vorislamischer Zeit war die Kirche des Katholikos von Seleukia-Ktesiphon zeitweilig die einzige erlaubte Form des Christentums und dominierte deshalb jenseits der römischen Ostgrenze. Besonders in Mesopotamien (heute Osttürkei und Irak) gehörten ihr damals große Teile der Bevölkerung an, aber auch Minderheiten im Hochland von Iran. Bis zum 13. Jahrhundert missionierte sie darüber hinaus nach Mittelasien, bis nach Nordchina und nach Südindien zu den Thomaschristen.J. Dauvillier: Les provinces chaldéennes de l'extérieur au Moyen Age. In: Mélanges Cavallera. Toulouse 1948, 260–316. Ihr Katholikos hatte in dieser Zeit seinen Sitz in Seleukia-Ktesiphon, sekundär in Bagdad. Die Mongolenzüge, besonders die Kriegszüge von Timur, bedeuteten für die meisten Gemeinden im Osten den Untergang, nur das Christentum in Südindien bleibt bestehen und teilweise mit der Kirche des Ostens verbunden. Auch aus Mesopotamien flüchtete in dieser Zeit ein Teil der Anhänger, wie auch später der Katholikos, in die nördlicheren Gebirgsregionen. Diese nördlicheren Anhänger sprechen teilweise bis heute im Alltag aramäische Sprachen, während die in den südlicheren Ebenen, besonders im Mittelirak zur arabischen Sprache übergingen. Liturgiesprache ist aber überall die östliche Form der klassisch-aramäischen syrischen Sprache und Gottesdienste werden im ostsyrischen Ritus gehalten.
Im Sassanidenreich Die Assyrische Kirche des Ostens führt sich selbst zurück auf den Apostel Thaddäus (aramäisch Mar Addai), der zwischen den Jahren 37 und 65 in Mesopotamien gepredigt haben soll. Sie rechnet sich also zu den apostolischen Kirchen und den ältesten Kirchen der Welt (nach Jerusalem und Antiochia). Gegenwärtig wird sogar verstärkt eine Gründung der Kirche von Seleukia-Ktesiphon/Babylon durch den Apostel Petrus beansprucht, gefolgert aus : „Es grüßt euch die Gemeinde in Babylon …“ Davon zu unterscheiden ist die frühe und beständige Berufung auf den Vorrang des Apostels Petrus als Begründung des Primats des Bischofs von Seleukia-Ktesiphon/Babylon.H. G. B. Teule: Autonomie patriarcale, ministère pétrinien et attitude de l'Église d'Orient envers l'église romaine. In: Science et Esprit 61/1-2 (2013) 65-82.
Der erste syrischsprachige Bischofssitz war Edessa, damals im Römischen Reich gelegen. Ab dem 3. Jahrhundert war der zentrale Bischofssitz für Persien Seleukia-Ktesiphon im heutigen Irak. Nach den pseudo-nicaenischen Konzilsakten wurde letztere Kathedra 325 den westlichen Patriarchalsitzen gleichgestellt, historisch ist die Errichtung des Katholikats wohl erst auf 280 mit der Wahl Mar Papa bar Gaggias anzusetzen.
In der Rivalität der Lehre zwischen der Alexandrinischen Schule und der Antiochenischen Schule hielt sich die ostsyrische Kirche an Antiochia.
Die Kirche des Ostens vertrat vergleichsweise lange eine vornizäische Theologie. Erst im Jahre 410 wurde in Seleukia-Ktesiphon, der damaligen Hauptstadt des Sassanidenreichs, eine Reichssynode durchgeführt, auf der die Beschlüsse von Nizäa anerkannt wurden. Dennoch setzte sich die Vorstellung vom gleich wesentlichen Gottessohn gegenüber monarchianistischen Vorstellungen erst Jahrhunderte später völlig durch.Karl-Heinz Ohlig: Zur Entstehung und Frühgeschichte des Islam, Bundeszentrale für politische Bildung, 21. Juni 2007, https://www.bpb.de/apuz/30392/zur-entstehung-und-fruehgeschichte-des-islam?p=all, 6. April 2021.
Schon bald nach der Synode von Seleukia-Ktesiphon kam es jedoch wieder zu einer eigenständigen Entwicklung der Kirche des Ostens. Häufig wird diese Entwicklung mit der Synode in Beth-Lapat 484 in Verbindung gesetzt. Nestorius wurde um 430 von Kyrill von Alexandrien der Häresie bezichtigt und versucht, zu exkommunizieren. Auf dem Konzil von Ephesos 431 und 433 wurde Nestorius’ Lehre offiziell abgelehnt und er zog sich zurück, später ging er ins Exil nach Oasis. Im nestorianischen Streit des frühen 5. Jahrhunderts nahm die assyrische Kirche Partei für Nestorius, weil dieser nach ihrer Sicht nicht der ihm vorgeworfenen Häresie schuldig war und ein orthodoxes Christentum lehrte. Folgerichtig weigerte sie sich daher, ihn zu exkommunizieren. In der Folge distanzierte sich die assyrische Kirche von dem theotokos-Begriff.
Auf der oben erwähnten Synode von Beth-Lapat wurde die Lehre der ostsyrischen Kirche, die Elemente der Lehre des Nestorius aufnahm, verbindlich für das Patriarchat von Seleukia-Ktesiphon, der christlichen Kirche im Sassanidenreich. Es wird bezweifelt, dass es dort vorher eine kirchenrechtlich autokephale Kirche des Ostens gab. Entgegen verbreiteter Annahme wurde diese Kirche jedoch nicht von Nestorius gegründet – Nestorius stammte aus Antiochia und war Patriarch von Konstantinopel. In der Kirche des Ostens spielt theologisch vor allem Theodor von Mopsuestia eine bedeutende Rolle. mini|hochkant=1.7|Nachgewiesene Gemeinden, archäologische Fundstätten, (teilweise) getaufte Stammesverbände und Regionen, Bischofs-, Metropoliten-(Erzbischofs-) und Patriarchensitze und territoriale Erzbistümer der Kirche des Ostens in der Zeit der größten missionarischen Ausdehnung 6.–13./14. Jahrhundert.