Biskaya. Afroqueerer Roman ist der Debütroman von SchwarzRund aus dem Jahr 2016. Er erzählt von den Lebensumständen schwarzer queerer Menschen im Berlin einer nahen Zukunft. Protagonistin ist Tue, die Sängerin einer deutschsprachigen Indie-Band, die zunehmend in Konflikte mit ihren weißen, männlichen Bandkollegen gerät und immer stärker beginnt, die eigene Musik zu hinterfragen. Der Roman begleitet sie durch ihren Alltag und berichtet von ihren Erfahrungen mit Rassismus, Psychiatrie, sexualisierter Gewalt, diasporischer Lebensrealität und dem Suchen nach der eigenen Familiengeschichte. Zentrales Thema des Buches ist die Bedeutung von Freundschaft, schwarzer Community und queerer Wahlfamilie als Stütze und Quelle von Empowerment.

Inhalt Handlungsstränge Parallel zum Leben der Protagonistin Tue wird die Geschichte von Dwayne, einem schwarzen queeren jungen Mann, erzählt, der in Berlin versucht, Fuß zu fassen. Diese Episoden nehmen jedoch den deutlich kleineren Teil der Handlung ein. Beide Handlungsstränge werden getrennt voneinander erzählt. Obwohl es mehrfach fast zu Begegnungen zwischen ihnen kommt und es immer wieder Berührungspunkte zwischen beiden Lebenswegen gibt, lernen sich Tue und Dwayne erst ganz am Ende des Romans kennen.

Motiv der Insel Biskaya Sowohl Tue als auch Dwayne sind auf der Insel Biskaya geboren und aufgewachsen. Mit Biskaya entwirft SchwarzRund einen fiktiven Inselstaat im Atlantik, der sich vor dem europäischen Festland befindet. Seine Bevölkerung besteht mehrheitlich aus schwarzen Europäerinnen und Europäern sowie „ehemaligen Vertragsarbeiter*innen und Gastarbeiter*innen“ aus Deutschland und Frankreich. Die Insel möchte unabhängig sein und hat ein ambivalentes Verhältnis zur Europäischen Union, deren Mitglied sie ist:„Die Insel kämpft mit verschiedenen Boykotten, postkolonialer Ausbeutung wie auch der abgeschiedenen Lage. Viele Biskayani glauben weiterhin an die Idee eines schwarzen europäischen Landes, schicken ihre Kinder jedoch für die höhere Bildung aufs Festland. Studierende gehen oft für einige Jahre in andere EU-Länder, um auf dem Festland ihre Ausbildung abzuschließen.“ Die EU verfolgt die Mitglieder der Unabhängigkeitsbewegung von Biskaya repressiv und bemüht sich um die Wiedereingliederung des Landes. Sowohl Tue als auch Dwayne gleichen in Gedanken immer wieder ihr Leben auf der Insel und in Deutschland ab. Vieles, was ihnen auf Biskaya selbstverständlich vorkam, ist für sie als schwarze Personen auf dem rassistisch und kolonial geprägten europäischen Festland nicht möglich.

Handlung eins Auf einer Party lernt Tue Millow den eloquenten und warmherzigen schwarzen Künstler Matthew kennen. Beide freunden sich an und schnell wird Matthew zur engsten Bezugsperson und zum besten Freund für Tue. Ein Halt, den sie sonst nicht hat. Tue leidet unter psychischen Problemen, immer wieder gibt es Streit mit ihren Mitbewohnern und von ihrer Band fühlt sich Tue zunehmend entfremdet und ausgeschlossen. Als sie von einem ihrer Konzerte nach Hause kommt, wird die Sängerin vom Suizid ihres Mitbewohners Plenz überrascht. Das stürzt sie in eine tiefe psychische Krise. Als Tue schließlich ins Krankenhaus kommt, erlebt sie dort extrem traumatische Wochen. Sie ist mit dem rassistischen und ableistischen Verhalten des Krankenhauspersonals und der Ärzte konfrontiert und erfährt mehrfach sexuelle Übergriffe durch einen Arzt. Tue kann nicht über ihre Erlebnisse sprechen und bricht den Kontakt zu ihren Freunden ab. Schließlich gelingt es Matthew, dass Tue aus der Psychiatrie entlassen wird und bei ihm einzieht. Sein Zuhause gibt ihr „das unbezahlbare Gefühl der Zugehörigkeit.“

Inzwischen sind die Konflikte mit Tues Band immer größer geworden. Ihre Bandmitglieder haben Gerüchte über sie in die Welt gesetzt und versuchen, sie aus der Band auszuschließen. Tue setzt sich dagegen erfolgreich zur Wehr, merkt jedoch, dass sie sich zunehmend künstlerisch und persönlich eingeschränkt fühlt.

Dwayne ist neu in Berlin und hat einen Job als Verkäufer in einem Brillengeschäft angenommen. In seiner Freizeit geht er seiner Leidenschaft als Fotograf nach.

zwei Tue erfährt vom Tod ihrer Großmutter und bekommt von dieser einige Briefe vererbt. Sie sollen ihr „Aufschluss“ über die gemeinsame Familiengeschichte geben. Zuvor war ihre Großmutter diesen Fragen immer „in einem Nebel aus Liebe und Verschwiegenheit“ aus dem Weg gegangen. In den Briefen erfährt Tue von ihrem Vorfahren Achmed, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts „versklavt als Hofdiener“ nach Deutschland kam und später eine Familie gründete. Dieses neue Wissen um ihre Familiengeschichte ruft in Tue zwiespältige Gefühle hervor: „Wie viel Kraft daraus hätte sie schöpfen können, dass ihre Verortung in diesem Land so weit zurückreichte.“ Gleichzeitig zieht Tue ihr eigenes künstlerisches Schaffen radikal in Zweifel und hinterfragt ihre Rolle als schwarze Musikerin in einer weißen Mehrheitsgesellschaft. Ist sie für ihr weißes Publikum nicht eigentlich dasselbe wie eine schwarze „Hofmusikerin“ des 19. Jahrhunderts? Tue fragt sich, für wen sie ihre Musik überhaupt machen möchte und entschließt sich nach einem Gespräch mit Matthew zu einem radikalen Bruch und Neuanfang.

Dwaynes Überlegungen, als Teilhaber in das Brillengeschäft einzusteigen, verpuffen, als ein Brand das Geschäft zerstört und ihm gekündigt wird. Nach einer Identitätskrise entschließt er sich dazu, ein Kunststudium zu beginnen. Beim Aufnahmegespräch wird er von der Prüfungskommission nicht ernst genommen und aus rassistischen Gründen abgelehnt. Durch ein Losverfahren erhält Dwayne schließlich doch noch einen Studienplatz. Am Ende des zweiten Teils wird Dwayne durch einen reißerischen Zeitungsartikel auf Tue aufmerksam. Sie hat aufgehört, klassische Hamburger Schule Musik zu machen und singt nun über das Leben als schwarze Person in Deutschland. In ihrem neuen Lied „Achim“ kritisiert sie den Rassismus der Weißen in der eigenen queeren und feministischen Community.

drei Tue ist mittlerweile in eine eigene Wohnung gezogen und lernt die 11-jährige Sarah kennen, die im selben Haus wohnt. Weil sie sich zu Hause nicht wohlfühlt und ihre beiden Mütter getrennt sind, sucht Sarah immer häufiger Zuflucht bei Tue. Beide bauen eine enge Beziehung auf, was Tue sehr glücklich macht: „Sie war für ein schwarzes Kind da, nahm in dessen Leben eine wichtige Rolle ein.“

Gleichzeitig erfährt Tue in den Briefen mehr über die queere Beziehung ihrer Eltern – Tue ist mit zwei Vätern und einer Mutter großgeworden. Alle drei waren in der Befreiungsbewegung Biskayas aktiv. Tues Mutter starb an Krebs, als sie noch sehr klein war. Kurz darauf verlor Tue durch einen politischen Anschlag, der hunderte Menschen das Leben kostete und zu einem kollektiven Trauma für alle Biskayani wurde, ihre beiden Väter. Im letzten Brief erfährt Tue den Grund für das Schweigen ihrer Großmutter über die Familie. Einer von Tues Vätern entpuppt sich als Verräter. Er ist die Beziehung mit ihren Eltern nur eingegangen, um sich in die Befreiungsbewegung einzuschleichen und diese von innen heraus zu zerstören. Er war es, der den Anschlag geplant und durchgeführt hat. Tue ist voller Entsetzen, Scham und Schmerz über dieses Wissen und entschließt sich, es vor Matthew und Sarah geheim zu halten: „Sie würde es verdrängen, keine*m erzählen und einfach als Tue, eine der Hinterbliebenen, weiterleben.“ Kurz darauf wird bei ihr eingebrochen und die Schatulle mit den Briefen gestohlen.

Wenige Zeit später stellt sich heraus, dass auch eine von Sarahs Müttern in der Befreiungsbewegung Biskayas aktiv ist und untertauchen muss. Tue entscheidet sich, Sarah und ihrer Mutter bei der Flucht zu helfen und überlässt beiden den vollgetankten Tourbus. Doch dieser ist mit einer Autobombe drapiert worden und beide kommen bei ihrem Fluchtversuch ums Leben. Ob der Anschlag eigentlich Tue galt, bleibt offen. Für Tue gibt es nun keinen Grund mehr am Leben zu bleiben und sie gibt „sich dem Sterben hin.“

Dwayne gerät auf der Kunsthochschule immer wieder in Konflikte mit seinen Kommilitonen. Zunehmend hinterfragt er die weiße, kolonial geprägte europäische Kunstszene und das konservative Hochschulsystem.

Bei einem gemeinsamen Museumsbesuch, vermutlich zum Schloss Glienicke, entdeckt Dwayne das Gemälde eines schwarzen Mannes: Es ist Achmed, der Vorfahre von Tue. Im Vergleich zu vielen anderen europäischen Darstellungen aus dem 18. Jahrhundert, zeigt es einen schwarzen Menschen vergleichsweise würdevoll und mit „liebevollem Blick.“ Als Dwayne am selben Tag Matthew in einem Restaurant kennenlernt, kommen sie über das Gemälde ins Gespräch und beschließen „Achmed aus dem Museum zu befreien“ und dort einzubrechen. Dwayne macht während ihrer Aktion mehrere Portraits von Matthew und kommt zu dem Entschluss, „diese Wiederaneignung von Räumen und Orten würde seine [künstlerische] Sprache werden.“

Am Ende des Romans lernen sich Dwayne und Tue kennen. Beide haben beruflich voneinander gehört und sich für eine künstlerische Zusammenarbeit verabredet. Als Dwayne am ausgemachten Treffpunkt eintrifft, findet er Tue im Sterben liegen. Kurz zuvor ist Sarah mit ihrer Mutter ermordet worden. Dwayne und Tue realisieren, dass sie sich bereits aus ihrer Kindheit in Biskaya kennen. Sie waren beste Freunde und quasi Geschwister füreinander. Diese Begegnung führt dazu, dass sich Tue entschließt, vorerst weiterzuleben: „Nicht genügend Willen für ein ganzes Leben, aber ausreichend für den Moment.“

Form Aufbau und Zeit Der Roman ist in drei Abschnitte mit insgesamt 21 Kapiteln unterteilt und chronologisch erzählt. Die Handlung wird immer wieder durch Erinnerungen der Hauptfiguren Tue und Dwayne an ihre Kindheit und Jugend unterbrochen. Auch die Episoden, in denen sich Tue in einer psychischen Krise befindet und dissoziiert, folgen keiner konstanten zeitlichen Logik. Der Roman verwebt Reflexionen über die schwarze Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in Deutschland und Europa.

Erzählstil und Erzählperspektiven Biskaya ist überwiegend in der dritten Person erzählt und enthält viele Dialoge. Die Lesenden folgen entweder Tue oder Dwayne durch deren Alltag. Charakteristisch ist die detaillierte und tiefgehende Beschreibung (häufig in Form von inneren Monologen) des Innenlebens der Hauptfiguren, ihrer Ängste, Konflikte, Gefühle, Fantasien und emotionalen Bewältigungsstrategien. Die Rahmenhandlung wird immer wieder durch in sich abgeschlossene Liedtexte und Gedichte unterbrochen, die der Protagonistin Tue zugerechnet werden können. Als ebenfalls eigenständige Erzählformen können die Briefe von Tues Familienmitgliedern und verschiedene Zeitungsartikel über die Band und die Insel Biskaya verstanden werden.

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