mini|Skulptur von FalconetIdris und Zenide. Ein romantisches Gedichtromantisch in der Bedeutung von „phantastisch, abenteuerlich, wie in Romanen“ sind Titel und Untertitel eines zuerst 1768 anonymIdris. Ein Heroisch-comisches Gedicht. Fünf Gesänge bei Weidmanns Erben und Reich (1500 Ex.) in Leipzig publizierten Versepos in fünf Gesängen von Christoph Martin Wieland. An den Liebesgeschichten dreier Paare thematisiert der Autor die Spannung zwischen sexuell-erotischer und seelisch-geistiger Liebe. Im Zentrum stehen die Aventüren des idealistischen Ritters Idrin, der Zenide, sein Frauen-Traumbild, aus ihrer Gefühlskälte erlösen und zur Liebe erwecken will. Inhalt In fünf Kapiteln (Gesängen) werden die teils parallel, teil konträr zueinander verlaufenden und sich in den Motiven überlagernden Beziehungsgeschichten von sechs Personen erzählt: Idris und Zenide, Itiphall und Rahimu, Zerbin und Lila. Vorgeschichte Die Vorgeschichten der Helden Idris und Itiphall und ihrer in der Haupthandlung nicht persönlich auftretenden Bezugsperson Zenide muss man sich aus verschiedenen Gesängen zusammenstellen: Der mächtige Zauberer Astramond, der in den Erzählungen mehrerer Personen eine Rolle spielt, ist in erotische Abenteuer mit Naturgeistern verstrickt. Einerseits wird er von Feen umworben, anderseits stellt er Nymphen nach und hat mit ihnen Affären. Z. B. zeugt er mit einer lieblichen Sylphide die Tochter Zenide (V, 62-69), die nach seinem Horoskop zur Königin im Feenland ausersehen ist. Eine auf die jüngere Sylphide eifersüchtige Fee rächt sich für ihre Zurücksetzung durch einen Fluch: Die schöne Zenide wird von vielen Männer begehrt und zieht sie magisch an, kann sie jedoch nicht lieben und verwandelt sie bei ihren Berührungen durch ihren Blick in Steinfiguren, die ihren Schlosspark schmücken, oder in Papageien, die in Käfigen eingesperrt an den Bäumen hängen (I, 96-98, 101, IV, 24).

Dem in seiner Schönheit an Amor erinnernden und von vielen Naturgeistern begehrten Ritter Idris erscheint ein Mädchen, Zenide, als Traumbild (I, 69-71). Aufgewachsen ist er in einer Einsiedelei, wo ihn eine Amme liebevoll versorgte und ein Druide erzog. Als schwärmerischer Platoniker glaubt er an das Ideal der geistig-seelische Liebe. Er wird Paladin eines Ordens, reist auf der Suche nach seiner Idealfrau mit seinem Pferd Raspinette durch eine Märchen- und Sagenwelt und besiegt mit seinem Wunderschwert böse Mächte und befreit ihre Opfer. Nach dreijähriger Wanderschaft findet er sein Traumbild Zenide und lebt einige Zeit in ihrem Palast (II,80, 88), entdeckt aber schmerzhaft, dass sie gefühlskalt ist und für ihn nur Freundschaft empfindet (I, 77). Als er von der Möglichkeit erfährt, ihre in einem Dom aufgestellte Statue mit seiner Wärme zu beleben (V, 16-18, 49), fühlt er sich auserwählt, ihr Retter zu werden (V, 71), und begibt sich auf die Suchreise.

Der Zauberer Astramond spielt auch in Zerbins und Lilas Geschichte (3. Gesang) eine Rolle: Er ist Lilas Mentor, sieht sie als seinen Besitz an und fordert ihre Liebe. Sie verweigert sich und bittet ihn, ihr Traumbild des Geliebten, Zerbin, in einen lebendigen Jüngling zu verwandeln. Er versetzt sie in einen Dauerschlaf und als Zerbin in ihrem Palast auftaucht und vergeblich versucht, sie wachzuküssen, verwirrt er ihn durch Lilas Ähnlichkeit mit der Fee Salmacine. Diese versucht, ihn für sich sexuell zu gewinnen und von Lila zu trennen. Wie die Haupthandlung zeigt (2. Gesang), gelingt dies nicht. Erster Gesang Drei der fünf Gesänge handeln von den Aventüren des edlen Ritters Idrin. Zu Beginn der Handlung jagt er auf der Suche nach seinem Traumbild einer schönen Frau mit seinem sprechenden Pferd Raspinette durch die Lande, bis es nicht mehr laufen kann und ihn um eine Rast in einem Myrthenwald bittet. Er nutzt die Pause zu einem Bad in einem Wasserbecken und wird dabei von einer Nymphe beobachtet, die sich in seinen schönen Körper verliebt, ihn stürmisch umarmt und ihn verführen will: „Komm, teil Unsterblichkeit und Götterglück mit mir! Empfang und gib das Glück, geliebt zu werden! […] Flieh, wenn du willst, zum schwarzen Höllenbach, Ich folge dir ins Reich der Schatten nach.“ (I, 34). Er wehrt sich jedoch gegen die sexuelle Vereinigung und versucht, sich der Nixe zu entziehen, denn seine Gedanken sind besetzt von seiner Idealfrau Zenide (I, 77).

Seine Bedrängnis wird aufgelöst durch den Auftritt eines Helden im Tigerfell mit Namen Itiphall, vor dem die Nymphe erschrickt und den sie vergeblich versucht, in einen Uhu zu verwandeln. Darauf flieht sie und verschwindet in den Wogen. Itiphall ist die Kontrastfigur zu Idris. Er verspottet den keuschen Ritter, weil er nicht seine Chance bei der Nixe genutzt hat, und rühmt sich als Lebemann und Frauenheld, dem kein weibliches Wesen widerstehen könne. Seiner Meinung nach schätzen alle Frauen die männliche Begierde und sind trotz anfänglich gespielter Gegenwehr bereit, sich verführen zu lassen. Idris fühlt sich durch den Spott beleidigt und es kommt zum Kampf zwischen den beiden Recken. Da sie gleich stark sind, beenden sie das Gefecht und Itiphall zaubert ein von Sphärenmusik begleitetes Festmahl herbei. Beim Gelage sprechen sich die beiden aus. Idris erklärt seine Zurückhaltung bei der Nymphe mit seiner Liebe zu einer Frau, die allerdings ohne Herz und Gefühl sei. Itiphall kann dies nicht glauben und malt seine Abenteuer und Wonnen mit vielen Frauen aus. Sein Ziel hat er jedoch noch nicht erreicht. Nach seinen Informationen lasse der Blick einer schönen Königin ihre Liebhaber zu Marmor erstarren. Aber er will das Wagnis eingehen, sie ungestraft zu küssen, um ihre Gefühle zu wecken und den Preis dafür, den Feenthron, zu erringen. Der Name der Frau sei Zenide. Als Idris den Namen hört, will er seinem Rivalen zuvorkommen und bricht sogleich mit Raspinette auf, die Geliebte zu suchen und zur Liebe zu erwecken. Zweiter Gesang Lila lebt mit ihrem Mann Zerbin und ihrem Kind im idyllischen Frieden und in liebevoller Eintracht auf einer Insel. Ein lüsterner Centaur plant die junge Frau zu entführen und in seinen Harem zu schleppen. Der Unhold lockt durch Luftspiegelungen und Geräusche ihren Sohn Zerbinet aus dem von einem Talisman, Aladins Wunderlampe, behüteten sicheren Insel-Bereich heraus. Dieser folgt dem Gesang eines Kolibris und lässt sich von Sylphen ans andere Ufer des Sees bringen. Lila sucht ihren Sohn und gerät in die Gewalt des Centauren. In diesem Augenblick taucht Idris auf und kann sich als Held bewähren, indem er Lila mit seinem Diamantschwert vor dem Entführer rettet und diesen vertreibt. Zerbin kommt hinzu, glücklich über die Rückkehr Lilas, und erzählt Idris, die Rettung seiner Frau durch einen Ritter sei ihnen prophezeit worden.

Anschließend führt Zerbin den Ritter zum Schloss, um die im Harem gefangenen Königinnen und Prinzessinnen zu befreien. Die Centauren und ihre Frauen feiern gerade ein üppiges Fest. Idris versteinert sie mit seinem Diamantschwert und befreit die Gefangenen, u. a. die Prinzessin Dejanire, die Tochter des Sultans von Kathay, die sich den Werbungen des Königs der Zentauren verweigert hat. Sie erzählt ihm ihre Geschichte: Ein Sturm beendete die Seefahrt mit ihrem Bräutigam, dem Prinzen von Kaschemire, und sie strandeten im Centaurenland. Beide kamen getrennt als Gefangene ins Schloss. Der Prinz wurde von Centaurinnen umgarnt, ging auf deren Verführung ein und wurde dadurch zu einem der ihren umgewandelt. Dejanire dagegen widerstand und behielt ihre Gestalt. Jetzt verdrängt sie die Untreue ihres Mannes und steht weiterhin zu ihrer Liebe. Idris erweckt den Versteinerten mit seinem Schwert wieder zum Leben, doch er bleibt ein Mischwesen. In der Hoffnung, dass er von einem Zauberer im Atlas-Gebirge in einen Menschen zurückverwandelt wird, steigt Dejanire auf den Rücken ihres Zentauren-Verlobten und sie reiten los.

Idris und Zerbin verlassen das Schloss mit den versteinerten Centauren und kehren zu „Pfleg und Ruh“ auf die Insel zurück. Beim Festmahl zwischen Rosenbüschen schließen die drei Freundschaft und Idris träumt davon, Zenide mit seiner Liebe zu erweichen. Da ertönt ein himmlischer Chor und singt von Zenide und Idris. Dritter Gesang Zerbin erzählt seine Lebens- und Liebesgeschichte und thematisiert den Gegensatz zwischen rein körperlicher und seelischer Liebe, unbeständiger und treuer Beziehung: Er wächst als einziger Mensch im Kaukasus in König Kormorans Gnomenreich auf und ist bei allen beliebt. Aber er will seine Herkunft herausfinden und verlässt das Gnomenvolk. Ein Bär zeigt ihm das Bildnis eines lieblichen Mädchens, das er von da an in seiner Brust bewahrt. Mit Hilfe eines Talismans aus dem Gnomenschatz verwandelt er sich abwechselnd in verschiedene Vögel und fliegt durch die Welt, um das Seelenbild zu finden. In einem Garten hört er die Stimme der Geliebten und gibt ihr nach seinem Bildnis die Gestalt des Mädchens. Es ist Lila. Als sie von einer Dienerin in den Palast geholt wird, folgt ihr Zerbin als Papagei in ihr Zimmer und wird von ihr liebkost. Hier tritt wieder, wie zuvor im Garten, der weißbärtige Zauberer Astramond auf. Sie bittet ihn, ihr Traumbild des Geliebten in eine lebendige Jünglingsgestalt zu verwandeln. Er verweigert dies mit der Begründung, es sei nur „ein eitles Traumgesicht“, ein „Phantom“, und fordert von ihr als Belohnung für seine Erziehung ihre Zuwendung: „sei es nun aus Neigung oder Pflicht“. Er allein habe ein Recht, sie zu besitzen. Im Donner seiner Worte verschwindet sie.

Zerbin verlässt das Zimmer als kleine Eule und sucht Lila im nächtlichen Garten. Er folgt ihrer Stimme zu einem See, taucht als Delphin in das Wasser und schwimmt durch Höhlengänge. Er verliert seinen Talisman, erwacht als Mensch und erforscht einen unterirdischen labyrinthischen Palast. Dabei entdeckt er in einem prächtigen Raum die schlafende Lila, betrachtet sie lange und küsst sie, aber sie ist von Astramond verzaubert und wacht nicht auf. Neben ihrem Lager steht ein schwarzer Marmorhahn mit der Inschrift, wer das Mädchen vom Zauber befreien wolle, solle sich auf das Tier schwingen. Zerbin folgt trotz Bedenken, es könnte sich um eine Falle handeln, der Aufforderung, wird durch die Luft davongetragen und in einen Brunnen geworfen.

Er findet sich in einem märchenhaften Palast wieder und wird von Nymphen umschwirrt, gebadet, neu eingekleidet und gastlich bewirtet. Die Fee Salmacine, im Aussehen seiner Lila ähnlich, umarmt ihn und versucht ihn zu verführen. Als er bemerkt, dass es nicht die Geliebte ist, versucht er sich zu befreien. Sie reagiert auf seinen Widerstand zornig, droht mit seinem Tod und sperrt ihn viele Tage in ein Gefängnis. Nach seiner Freilassung reden Nymphen auf ihn ein, Lilas Phantasiebild bleibe ihm erhalten, auch wenn Salmacine die „Nießung“ über ihn als ihr Eigentum habe. Sie lege keinen Wert auf Tugenden wie Treue und Beständigkeit. Doch Zerbin widersteht den Verlockungen und die Fee verwandelt ihn zu einem Drachen und verbannt ihn aus ihrem Reich mit der Prophezeiung, erst ein Mädchen, das ihn in seiner Drachengestalt küsse, könne ihn erlösen. Ein Gewitter verdunkelt plötzlich den Himmel. Als es wieder hell wird, ist er in einem öden Tal.

Hier unterbricht Zerbin seine Erzählung und will sie nach einer Ruhepause wieder fortsetzen. Wieland hat diesen Plan jedoch nicht ausgeführt und überlässt die Befreiung Zerbins von der Drachengestalt der Phantasie des Lesepublikums. Vierter Gesang