mini|hochkant=1.7|Zentren der revolutionären Erhebungen von 1848/1849 in Europa mini|Februarrevolution 1848 in Paris mini|Märzrevolution 1848 in Berlin mini|Barrikaden während der Fünf Tage von Mailand im März 1848 mini|Ausrufung der Repubblica di San Marco am 23. März 1848 in Venedig mini|Barrikadenbau der Revolutionäre in Wien, Mai 1848 mini|Pfingstaufstand in Prag, Mitte Juni 1848: Barrikadenkämpfe am Brückenturm der „Prager Brücke“ (1870 umbenannt in Karlsbrücke) mini|Verkündung der revolutionären walachischen Verfassung (Proklamation von Islaz) am 27. Juni 1848 in Bukarest mini|Volksfest in Rom bei der Proklamation der Römischen Republik, Februar 1849 mini|Maiaufstand in Dresden, 1849
Unter Revolutionen von 1848/1849 werden revolutionäre Erhebungen in verschiedenen europäischen Territorien zusammengefasst, die ein Ausdruck der verzögerten Modernisierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Herrschaftssystem waren. Diese Revolutionsbewegung war Teil eines gesamteuropäischen Wandlungsprozesses gegen das System Metternich. Durch sie wurden die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungen, die mit der Industriellen Revolution in England und der Französischen Revolution von 1789 begonnen hatten, weiterentwickelt.Thomas Nipperdey: Nachdenken über die deutsche Geschichte. Essays. Beck, München 1986, S. 44 ff. Die Revolutionsbewegung von 1848/1849 war ein bedeutender Wendepunkt der europäischen Geschichte.
In vielen Regionen Europas hatten sich soziale, wirtschaftliche und politische Spannungen aufgebaut, die sich ab Anfang 1848 gewaltsam entluden. Von der revolutionären Bewegung wurden einerseits Regionen erfasst, die sich wie Frankreich, die Staaten des Deutschen Bundes und Oberitalien bereits im Übergang zur Industrialisierung befanden, doch andererseits auch solche, wie etwa Süditalien und weite Teile der Habsburgermonarchie, die noch rein agrarisch strukturiert waren. Das Streben nach nationaler Selbstbestimmung kann als ein gemeinsames überwölbendes Element dieser Revolutionen betrachtet werden.Dieter Hein: Die Revolution von 1848/49. Beck, München 1998, S. 11.
Als bedeutende Zentren der „Europäischen Revolution“ von 1848/1849 gelten neben Frankreich insbesondere die Staaten des Deutschen Bundes und der Italienischen Halbinsel, das dreigeteilte Polen und das nach Unabhängigkeit strebende Ungarn. Im Osten Europas strahlten die Aufstände bis nach Siebenbürgen und in die Donaufürstentümer Walachei und Moldau aus. In einzelnen Regionen eskalierte das Geschehen zu zwischenstaatlichen Kriegen oder nahm bürgerkriegsähnliche Ausmaße an.
Die Zeitgenossen sahen im Herbst 1849 die Revolutionen in Europa als gescheitert an. Über mehr als ein Jahrhundert betrachteten es viele Historiker ebenfalls so. Heute beurteilt man die langfristigen Wirkungen und die unmittelbaren Erfolge sehr viel positiver. In vielen europäischen Ländern wurden die Bauernbefreiung und Agrarreformen abgeschlossen, das Verfassungsprinzip durchgesetzt, die individuellen Grundrechte weitgehend gesichert und eine Parlamentarisierung der politischen Ordnung eingeleitet, obwohl gerade in diesem Bereich viele Widerstände und Gegengewichte noch lange bestehen blieben. Die 1849 in den italienischen und deutschen Fürstentümern gewaltsam niedergeschlagene Nationalstaatsbildung führte dort mittelfristig zu einer Art Umkehrung der Revolution. Verschiedene deutsche Historikerbeispielsweise Heinrich August Winkler, Hans-Ulrich Wehler oder Michael Stürmer interpretieren die der Revolution nachfolgende Entwicklung als „Revolution von oben“. Sie führte auf der Italienischen Halbinsel 1861 zur Gründung des Königreichs Italien und zwischen 1866 und 1871 zur Gründung eines deutschen Nationalstaats, des Deutschen Kaiserreiches unter der Vorherrschaft Preußens.
Faktoren und strukturelle Gemeinsamkeiten der europäischen Revolutionen Laut dem Historiker Wolfram Siemann gibt es mehrere Gemeinsamkeiten,Europäische Dimensionen der deutschen Revolution von 1848/49 von Wolfram Siemann (Einführung aus Deutschland und Europa), Ausgabe 2/97: 1848/49 Revolution die in unterschiedlicher Gewichtung für die europäischen Länder und Regionen maßgebend waren. Zunächst wurden die Aufstände der „Basisrevolution“ zumeist von jenen Schichten getragen, die auf dem Lande und in den Städten am stärksten von Hunger, Arbeitslosigkeit und sozialer Perspektivlosigkeit betroffen waren. Danach setzte in den durch die Erhebungen neu geschaffenen konstitutionellen Gremien der Kampf der Liberalen um die Festschreibung bürgerlicher Rechte in staatlichen Verfassungen ein.
Die sozial-ökonomische Krise Die sozial-ökonomische Krise vorindustrieller, handwerklicher Berufe, beruhend auf der vormärzlichen Übervölkerung ganzer Regionen, begünstigte die beginnende Proletarisierung der Großstädte sowie weiter Teile der ländlichen Gebiete. Die alte Ständeordnung brach endgültig zusammen. Pauperismus, beginnende Industrialisierung, Marktorientierung von Berufen und Klassen sowie die langanhaltende Krise des Handwerks sind Begriffe, die den tiefgreifenden Wandel der beiden vorrevolutionären Jahrzehnte charakterisieren. Diese Krise äußerte sich in Maschinenstürmerei, Judenverfolgungen oder Forderungen nach Zunftschutz des Handwerks vor der Konkurrenz des Kapitals. Die Bewegung von 1848 – zusammen mit der Bauernrevolte oft als Basisrevolution bezeichnet – war ihrem Wesen nach zwiespältig: Sie äußerte sich sowohl als Abwehrkrise gegenüber den direkten Erscheinungsformen der Frühindustrialisierung wie auch als Emanzipationskampf der politisch einflusslosen Bevölkerungsschichten.
Hungerkrisen Eine zweite Gemeinsamkeit sind die Missernten und die nachfolgenden Hunger- und Teuerungskrisen der Jahre 1845 und 1846, die im Jahr 1847 ihren Höhepunkt erreichten. Es war die letzte große Hungersnot in den industrialisierten Ländern EuropasUlrich Christian Pallach (Herausgeber): Hunger - Quellen zu einem Alltagsproblem in Europa und der Dritten Welt, 17. bis 20. Jahrhundert, dtv dokumente, München 1986, S. 7. mit Tumulten und einer gewaltig ansteigenden Auswanderungswelle in der zweiten Hälfte der 1840er Jahre. Am schlimmsten war die vorrevolutionäre Not in Irland, aber auch Hungersnöte in deutschen Regionen – nicht zuletzt in Schlesien – fanden große öffentliche Resonanz.„Niemals zuvor oder danach waren Hungerunruhen in Deutschland so sehr verbreitet wie während der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Allein für das Jahr 1847, den Höhepunkt einer letzten agrarischen Mangelkrise des ‚alten Typs‘ in Teilen West- und Mitteleuropas, können ca. 200 Aufstände nachgewiesen werden.“ – Nahrungsmittelproteste im 19. Jahrhundert, dhm.de, abgerufen am 26. Oktober 2014.
Internationale Konjunkturkrise Eine internationale Konjunkturkrise überlagerte die vorausgegangene Hungerkrise und führte im April 1848 zu einer Streikwelle in deutschen Städten.„[…] in den Revolutionsjahren 1848/49, als Deutschlands Wirtschaft von einer ersten Welle von Arbeitsniederlegungen erfasst wurde, die allerdings in der Regel sehr harmlos verliefen …“, Warum und wofür im 19. Jahrhundert gestreikt wurde, dhm.de, abgerufen am 26. Oktober 2014. Viele Daten bestätigen einen tiefgreifenden Vorgang, der bereits Friedrich Engels im Rückblick zu dem Urteil veranlasste, dass die Welthandelskrise von 1847 die eigentliche Mutter der Februar- und Märzrevolutionen gewesen sei (→ Britische Eisenbahnkrise).Willi Albers (Hrsg.): Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft. Band 9, 1982, S. 134.
Kampf um Recht und Verfassung Eine vierte europäische Dimension liegt in der Systemverwandtheit konstitutioneller Forderungen. Überall entwickelten sich innere politische Kämpfe zum Streit um eine neue Ordnung auf der Basis einer geschriebenen Verfassungsurkunde. Es ging um Recht und Verfassung – um Bürgerrechte und Konstitution. Das war bereits in der Julirevolution von 1830 so, noch stärker geschah das aber in der Anlaufphase der Revolution von 1848, die ihren Ausgangsimpuls ja nicht aus Frankreich, sondern aus der Schweiz und aus Italien erhielt. Stets ging es um die Revision oder den Erlass einer Verfassung: Beispiel: Im Zentrum der in Deutschland umlaufenden sogenannten »Märzforderungen« standen verfassungspolitische Forderungen: Grundrechte, besonders Presse- und Versammlungsfreiheit, Geschworenengerichte, Volksbewaffnung – in ganz unterschiedlichem Sinn – und Wahlen zu einem nationalen Parlament.
Die Krise des internationalen Systems von 1815 Eine weitere europäische Dimension liegt im Charakter der traditionellen internationalen Politik, gestützt auf völkerrechtliche Verträge und Beziehungen. Den zeitgenössischen Politikern, voran Metternich, der immer noch als Außenminister und Staatskanzler diente, war sogleich klar, dass im Frühjahr 1848 zugleich das auf dem Wiener Kongress 1815 begründete internationale System auf dem Spiel stand. Hier handelte es sich um die Politik zwischen europäischen Staaten, und als ein solcher zählte auch der Deutsche Bund, der 1815 als völkerrechtliches Subjekt aus der Taufe gehoben worden war. 1848 wurde er in Frage gestellt; schließlich übertrug er der revolutionären Provisorischen Zentralgewalt in Frankfurt alle Kompetenzen. Die Initiative dazu war von der Frankfurter Nationalversammlung ausgegangen. Deren eigentliche Bestimmung war, eine Reichsverfassung für ganz Deutschland zu entwerfen. Mit ihrer ersten großen Tat griff die Nationalversammlung weit darüber hinaus, indem sie eine nationale Regierung einrichtete. Das war ein revolutionärer Akt. Am 28. Juni 1848 begründete die Nationalversammlung eine Reichsregierung, bestehend aus einem Reichsverweser, einem Ministerpräsidenten und Reichsministern für das Äußere, Innere, die Finanzen, Justiz, den Handel und Krieg. In der Gesamtbewertung ist sich die Forschung heute einig, dass die Revolution und auch das Einigungswerk nicht an einem grundsätzlichen Widerstand der europäischen Mächte gegen die deutsche Einheit gescheitert seien. Die Revolution von 1848/49 stieß an den Rand eines möglichen großen europäischen Kriegs, welcher den Durchbruch des Nationalitätenprinzips hätte entfesseln und eine spätere Entwicklung im 19. Jahrhundert hätte vorwegnehmen können. Die europäischen Mächte, voran England und Russland, wirkten dem entgegen.
Die Politik der europäischen Verfolgung und des Exils mini|Karikatur von Ferdinand Schröder zur Niederlage der Revolutionen in Europa, erschienen in den Düsseldorfer Monatsheften unter dem Titel „Rundgemälde von Europa im August 1849“
Eine repressive Variante dieser internationalen Politik war die konzertierte Aktion der Gegenrevolution. Hier beteiligten sich Österreich, Russland, seit 1850 in polizeilicher Kooperation auch Frankreich und Belgien. Diese Politik der europäischen Verfolgung – und der Niederringung der europäischen Revolution – stiftete eine sechste Dimension, welche ihrem europäischen Charakter entsprach: das europäische Exil. Die Schweiz und das Elsass dienten vorübergehend dem Schutz, London entwickelte sich zum zentralen Durchgangsort und die Vereinigten Staaten von Amerika waren der eigentliche Fluchtort.
Der europäische Charakter des Nationalismus