mini|Blatt 16v aus dem Codex Argenteus (um 505), einer Abschrift der Wulfilabibel Wulfila [] (latinisiert Ulfilas, , auch ; * um 311; † 383 in Konstantinopel) war ein gotischer Theologe und einer der ersten, wenn nicht der erste Bischof der Terwingen. Als sein besonderes Verdienst gilt die Übersetzung von Teilen der Bibel ins Gotische mithilfe der von ihm zu diesem Zweck entwickelten gotischen Schrift, erhalten als Codex Argenteus (s. a. Wulfilabibel) mit der gotischen Fassung des Vaterunsers.

Name Wulfilas Name ist lateinisch als ulfila und uulfila belegt, griechisch als und, wohl mit sekundärer Dissimilation, als und syrisch als ʾurufilʾ. Als gotische Ausgangsform wird zumeist *Wulfila (*), Diminutiv zu wulfs ‚Wolf‘, angenommen.Ernst Albrecht Ebbinghaus: Ulfila(s) oder Wulfila. In: Historische Sprachforschung. Band 104, 1991, S. 236–238. Knut Schäferdiek setzt dagegen *Ulfila als die wahrscheinlichere Lautgestalt an, weil sie der Schreibung im von seinem Schüler Auxentius festgehaltenen Glaubensbekenntnis Wulfilas genauer entspreche; der Schwund des anlautenden w im Zweitglied zusammengesetzter Personennamen ist in anderen germanischen Sprachen (allerdings nicht im Gotischen) wohlbelegt (vgl. Rudolf, Adolf etc.) und könnte leicht in eine davon abgeleitete Koseform übernommen worden sein.Vgl. Knut Schäferdiek: Die Überlieferung des Namens Ulfila. In: Knut Schäferdiek: Schwellenzeit. Beiträge zur Geschichte des Christentums in Spätantike und Frühmittelalter. De Gruyter, Berlin 1996, S. 41–50. Das angebliche Wulfilasiegel – ein 1875 in Korfu entdecktes Petschaft mit der Umschrift (OURPHILA) – müsse wegen der Schreibung mit r hingegen als Fälschung aufgefasst werden; zudem sei für ein Originalsiegel Wulfilas eher eine lateinische Inschrift zu erwarten.Vgl. Otto Fiebiger, Ludwig Schmidt (Hrsg.): Inschriftensammlung zur Geschichte der Ostgermanen. Nr. 169. 1917.Vgl. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online)

Antike Quellen Als detailreichste Quelle zur Lebensgeschichte Wulfilas gilt ein von seinem Schüler Auxentius von Dorostorum (dem heutigen Silistra in Bulgarien) verfasster Brief zur Vita Wulfilas – von Friedrich Kauffmann unter dem Titel De vita et obitu Ulfilae („Über Leben und Tod Ulfilas“) bekannt gemacht –, der innerhalb der sogenannten Dissertatio Maximini contra Ambrosium eingefügt worden war. Diese wohl im Jahr 383 geschriebene polemisch-apologetische Streitschrift eines „homöischen“ Christen gegen den Bischof Ambrosius von Mailand gibt auch Wulfilas persönliches Glaubensbekenntnis wieder.Auxentius von Dorostorum: De vita et obitu Ulfilae. In: Roger Gryson (Hrsg.): Scripta Arriana Latina. Pars 1: Collectio Veronensis. Scholia in concilium Aquileiense. Fragmenta in Lucam rescripta. Fragmenta theologica rescripta. Brepols, Turnhout 1982 (= Corpus Christianorum, Series Latina 87), S. 160–166 (= Dissertatio Maximini 23–41); Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum. Franz Steiner, Stuttgart 2014, S. 78 f.; Uta Heil: Avitus von Vienne und die homöische Kirche der Burgunder. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2011, S. 123.

Der in der Dissertatio Maximini wiedergegebene Brief des Auxentius porträtiert und stilisiert Wulfila als einen der ersten Streiter kirchlicher Rechtgläubigkeit. Der Beglaubigung Wulfilas dient dabei eine relative Chronologie, die durchgängig Übereinstimmungen der Lebensdaten Wulfila mit denen biblischer Personen aufzuzeigen sucht. In der modernen Darstellungstradition wird häufig auf sie zurückgegriffen. Jedoch ist die christliche Historiographie nicht mit der neuzeitlichen chronologischen Geschichtsschreibung vergleichbar. Die chronologischen Daten der Abhandlung sind zum einen stark politisierend und stimmen zum anderen mit den objektiv überlieferten oder zu erschließenden Daten für Bischof Wulfilas Amtszeit nicht überein. Die Nutzung der chronologischen Daten aus diesem Brief in der Dissertatio ist daher mit Schwierigkeiten behaftet. Die Handschrift der Dissertatio Maximini wurde, mitsamt dem an den Rändern der Handschrift wiedergegebenen Brief des Auxentius, im Jahr 1840 im Codex latinus 8907 der Pariser Nationalbibliothek entdeckt und ist in schlechtem Zustand überliefert.

Als weitere Hauptquelle zur Lebensgeschichte Wulfilas gilt die Überlieferung aus einer griechischen, ‚arianischen‘ Quelle, unter möglichem Einschluss einer Vita Wufilas: die in den Jahren 425 bis 433 entstandene, nur in späteren Auszügen erhaltene Kirchengeschichte des Heterousianers Philostorgios.Philostorgios: Kirchengeschichte. Ediert, übersetzt und kommentiert von Bruno Bleckmann, Markus Stein. Band 2: Kommentar (= Kleine und fragmentarische Historiker der Spätantike. Modul E 7). Schöningh, Paderborn 2015, S. 115 ff.

Die spätantiken Kirchengeschichten von Sokrates ScholastikosVgl. Günther Christian Hansen (Hrsg.): Sokrates. Kirchengeschichte. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002546-8 (kritische Edition ohne Übersetzung)., SozomenosVgl. Günther Christian Hansen (Hrsg.): Sozomenos. Historia Ecclesiastica – Kirchengeschichte (= Fontes Christiani 73). 4 Bände. Brepols, Turnhout 2004; vgl. (kostenpflichtig abgerufen über GAO, De Gruyter Online) und TheodoretVgl. Theodoret: Kirchengeschichte. Herausgegeben von Léon Parmentier. 2. Auflage bearbeitet von Felix Scheidweiler. Akademie-Verlag, Berlin 1954. aus dem 5. Jahrhundert und die Getica des JordanesVgl. Jordanes, Getica In: ; vgl. aus dem 6. Jahrhundert überliefern wenige Nachrichten zu Wulfila. Die sich teils einander widersprechenden Autoren werden, im Gegensatz zu Auxentius, als Historiographen eingeordnet. Hinzu treten nachgeordnet Isidor von Sevilla mit seiner im 6. Jahrhundert verfassten Historia Gothorum und Walahfrid Strabo im 9. Jahrhundert. Gänzlich unbedeutend ist etwa die Erwähnung Wulfilas in Cassiodors Historia ecclesiastica tripartita.Siehe etwa Elfriede Stutz: Gotische Literaturdenkmäler (= Sammlung Metzler. Band 48). Metzler, Stuttgart 1966, S. 9 f.

Leben Wulfilas Vorfahren waren in Kappadokien lebende Christen, die im Jahr 257 von Goten verschleppt wurden. Von Wulfila selbst nimmt man an, dass er einen rein gotischen Elternteil hatte, meist wird davon ausgegangen, dass dies der Vater gewesen sei.Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum. Steiner, Stuttgart 2014, S. 77. Sollte es einen nichtgotischen Elternteil gegeben haben, dürfte dies für die Sozialisation des in dritter Generation bei den Goten aufwachsenden Wulfila keine maßgebliche Rolle gespielt haben: Seinen Zeitgenossen galt er als Gote.Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. 4. Auflage. C. H. Beck, München 2001, S. 85.

Der Reichsbischof von Konstantinopel, Eusebius von Nikomedia, weihte Wulfila 336, spätestens 341 in Antiochia zum „Bischof der Christen im gotischen Land“.Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum. Steiner, Stuttgart 2014, S. 79f. Bis 348 war Wulfila missionierend im damaligen Herrschaftsbereich der Terwingen an der unteren Donau tätig. Der einsetzende Widerstand in den Völkern gegen die christlichen Missionierungsversuche vertrieb Wulfila und andere Heidenchristen zu den Römern, die diese in der Provinz Moesia secunda bei Nikopolis im heutigen Nordbulgarien ansiedelten.

In diesem Exil auf dem Gebiet des Römischen Reiches entwickelte Wulfila eine Schrift für das Gotische, das zuvor eine weitgehend schriftlose Sprache war. Lediglich vereinzelte Inschriften und magische Texte wurden bis dahin in Runen festgehalten. Weiterhin entstand unter Leitung von Wulfila eine Übersetzung der Bibel ins Gotische, die sogenannte Wulfilabibel.Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum. Steiner, Stuttgart 2014, S. 83f.

Auf der Synode in Konstantinopel zu Beginn des Jahres 360, die in der wissenschaftlichen Literatur teils als Synode der Acacianer (nach dem dort sehr einflussreichen Bischof Acacius von Caesarea), teils als Enkänien-Synode bezeichnet wird, unterzeichnete Wulfila das sogenannte Reichsdogma, dem unter der Regie von Kaiser Constantius II. verabschiedeten und für die Kirche verbindlichen „homöischen“ Glaubensbekenntnis, das einen Kompromiss bieten sollte im jahrzehntelangen Streit um die „richtige“ Trinitätslehre.Hanns Christof Brennecke, Annette von Stockhausen, Christian Müller, Uta Heil, Angelika Wintjes (Hrsg.): Athanasius Werke. Dritter Band, erster Teil: Dokumente zur Geschichte des arianischen Streites. 4. Lieferung: Bis zur Synode von Alexandrien 362. De Gruyter, Berlin/Bosten 2014, S. 483 f. 521. 552 f.; Eike Faber: Von Ulfila bis Rekkared. Die Goten und ihr Christentum. Steiner, Stuttgart 2014, S. 82, S. 88 f.; Wolf-Dieter Hauschild, Volker Henning Drecoll: Lehrbuch der Kirchen- und Dogmengeschichte. Band 1: Alte Kirche und Mittelalter. 5., vollständig überarbeitete Neuausgabe. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2016, S. 92.

Im Jahr 381 versuchte Wulfila vergeblich auf dem Konzil von Konstantinopel die Verurteilung des Arianismus zu verhindern, jedoch erreichte er im zweiten Kanon die Formulierung: „«Die Kirchen Gottes unter den barbarischen Völkern aber sollen nach der Weise regiert werden, die schon unter den Vätern herrschte»... Dadurch wurde der Freiraum geschaffen, in dem der Arianismus ... sich als gotisch-vandalische Stammeskirche halten konnte.“Herwig Wolfram: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. 4. Auflage. C. H. Beck, München 2001, S. 94.

Wulfila starb im Jahr 383 direkt nach seiner Ankunft in Konstantinopel, wo Kaiser Theodosius I. eine Synode verschiedener Kirchenparteien einberufen hatte. Er liegt dort begraben.

Lehre miniatur|Szene: Erstes Konzil von Konstantinopel, Buchmalerei, Homilien des Gregor von Nazianz (879–882), BnF MS grec 510, folio 355; Teilnehmer am Konzil waren u. a. Acacius von Beröa, Gregor von Nazianz, Maruthas von Sophene und Tagrith, Meletius von Antiochien (Vorsitz), Peter von Sebaste, Wulfila (stirbt direkt nach seiner Ankunft). Wulfila wird im Rahmen der Synodalgeschichte als Vertreter der homöischen Kirchenparteien bezeichnet. Eusebius, welcher Wulfila zum Bischof geweiht hatte, gehörte zur „origenistischen Mittelgruppe“ der origenistischen Theologie.Jan Rohls: Gott, Trinität und Geist (= Ideengeschichte des Christentums. Band 3,1). Mohr Siebeck, Tübingen 2014, S. 126 f. Entsprechend dürfte Wulfila von dieser Richtung des Christentums geprägt worden sein, aus der sich ab etwa 358 zwei weitere Unter-Richtungen entwickelten, u. a. die Christologie der sogenannten „Homöer“. Wulfila hat dann offenbar typische Bekenntnis-Formeln der Homöer übernommen.Knut Schäferdiek: Der vermeintliche Arianismus der Ulfila-Bibel. Zum Umgang mit einem Stereotyp. In: Zeitschrift für antikes Christentum. Band 6, Heft 2, 2002, S. 320–329. Für ihn war Christus der anbetungswürdige „Gott und Herr“.

Die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besonders im deutschsprachigen Raum verbreitete und in populären Darstellungen gelegentlich immer noch verbreitete Behauptung, Wulfila hätte seine Theologie zwecks leichterer Rezeption unter den Goten an gotische bzw. germanische Kulturtradition angepasst, hat keine wissenschaftliche Basis. (kostenpflichtig abgerufen über TRE, De Gruyter Online), S. 374–378, hier S. 377.

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