mini|Chinesischer Tuwiner auf einem Morj-Pferd
Die Tuwiner (tuwinisch: Тыва/Tyva in Süd-Sibirien beziehungsweise Dywa in der West-Mongolei und in Xinjiang)Oelschlägel 2004. S. 5. sind eine Gruppe verwandter Turkvölker und die größte ethnische Gruppe (Nationalität) im Altai-Sajan-Gebiet der Länder Russland, Mongolei und China. In der russischen Republik Tuwa stellen die mehr als 200.000 Tuwiner (1989: 198.448; 2010: 249.299) als Titularnation die Bevölkerungsmehrheit (1989: 64,31 %; 2010: 81,0 %).
Die tuwinische Sprache gehört zu den sibirischen Turksprachen und wird in vier Dialektgruppen unterteilt. Sie lässt starke Einflüsse des Mongolischen erkennen. Seit 1940 wird sie kyrillisch geschrieben. Die Sprecher des Tuwinischen gliedern sich selbst in drei unterschiedliche Gruppen: Die mit Abstand größte Gruppe sind die Taŋdy Tyvazy/Dyvazy Südsibiriens. In der Westmongolei siedeln die Chomdu Dϊvazϊ/Tyvazy und hoch am mongolisch-chinesischen Altai-Hauptkamm schließlich die Aldaj Dϊvazϊ/Altaj Tyvazy.Oelschlägel 2004. S. 6. Sprachlich und kulturell werden noch weitere Gruppen zu den Tuwinern gerechnet, die aus Verbindungen mit benachbarten Ethnien entstanden sind; ihre Zuordnung ist jedoch zum Teil schwierig und uneinheitlich.
Aufgrund dieser komplizierten verwandtschaftlichen Verhältnisse hat der russische Ethnologe Sevyan Vainshtein 1972 vorgeschlagen, stattdessen nur nach Kulturtyp beziehungsweise Subsistenzstrategie der Gruppen zu unterscheiden. Demnach könnten die verschiedenen west- und nordtürkisch sowie mongolisch sprechenden Völker der Region in die nomadischen Rentierhalter-Jäger der Taiga und die halbnomadischen Viehzüchter der Steppe gegliedert werden.Jürg Endres: Rentierhalter. Jäger. Wilderer? Praxis, Wandel und Verwundbarkeit bei den Dukha und den Tozhu im mongolisch-russischen Grenzraum. Franz Steiner, Stuttgart 2015, ISBN 978-3-515-11140-9. S. 19–21. Die traditionellen Wirtschaftsformen wurden in der Steppe weitgehend durch eine modernisierte mobile Tierhaltung ersetzt. Bei den Taiga-Tuwinern sind die meisten heute sesshaft, während eine kleine Minderheit nach wie vor vollnomadisch von der Rentierhaltung lebt.
Alternativbezeichnungen Früher wurden die Tuwiner in Reiseberichten und wissenschaftlichen Publikationen zumeist mit der (mongolischen) Fremdbezeichnung Urianchai (auch Uriangkhai, Uryangkhai) bezeichnet. Des Weiteren finden sich in der europäischen Literatur teilweise weitere Bezeichnungen wie Sojonen, Sojoten, Mončak oder Gök Mončak, obwohl dies tatsächlich nur die Namen einzelner Untergruppen sindOelschlägel 2013, S. 20–22. (siehe beispielsweise Sojoten weiter unten). Andere Bezeichnungen für die Tuwiner sind Tyva, Tyvaner, Tuva und Tuvaner; zudem Diba, Tokha oder Tuba.ecoi.net, abgerufen am 11. November 2019. Als Nebenformen gelten Tuwinen und Tuwinzen.
Kulturell oder sprachlich abweichende Gruppen Vermischungen mit Nachbarvölkern sowie wechselnde Grenzziehungen zwischen Russland, China und der Mongolei erschweren eine klare Zuordnung und Gliederung der verschiedenen tuwinischen Lokalgruppen.
Deutlich wird dies am Beispiel der rund 200 tuwinisch-sprachigen Dukha (oder Sojon-Urianchai), die vollnomadisch im Chöwsgöl-Aimag, der nördlichsten Provinz der Mongolei leben, und dort „Caatan“ oder „Tsaatan“ (Rentierleute) genannt werden. Die Dukha gliedern sich in zwei lokale Gemeinschaften mit jeweils ganz unterschiedlicher Vorgeschichte trotz gemeinsamer Gruppenidentität und Zugehörigkeit zur Großgruppe der Taŋdy Tyvazy/Dyvazy: Eine Gruppe ist vermutlich ursprünglich aus den mongolisierten Sojoten Burjatiens hervorgegangen. Die zweite Dukha-Gruppe ist hingegen eng mit den Todscha-Tuwinern des russischen Süd-Sibiriens verwandt, von denen sie Mitte der 1950er Jahre durch die Grenzziehung zwischen Russland und der Mongolei getrennt wurden.
Mongolisierte Steppengruppen Trotz ihres mongolischen Idioms werden die Chalch-Urianchai in der West-Mongolei und die Darchat in der Nord-Mongolei zu den Tuwinern gerechnet.
Sojoten Die Sojoten (auch Sojonen) im Ostsajangebirge Süd-Sibiriens entstanden wahrscheinlich bei Grenzkonflikten zwischen Russland und China im 18. Jahrhundert. Dabei wurde eine tuwinische Gruppe von den Burjaten assimiliert (mongolisiert).James R. Millar, Sharon L. Wolchik (Hrsg.): The Social Legacy of Communism, Woodrow Wilson Center Press und Cambridge University Press, Cambridge 1994, Nachdruck 1997, ISBN 0-521-46182-0. S. 70. Die Sojoten waren Rentierhalter und Jäger, bis die Sowjetregierung sie 1963 sesshaft machte. Seit dem Zerfall der Sowjetunion versucht man wieder eine Revitalisierung der Rentierwirtschaft, die sich jedoch schwierig gestaltet.
Die Sojoten haben heute einen offiziellen Status als sogenannte Indigene kleine Völker des russischen Nordens.
Es ist zu beachten, dass die Bezeichnungen „Sojoten/Sojonen“ in einigen (älteren) Schriften abweichend verwendet werden: Manchmal steht der Name als Synonym für alle Tuwiner; manchmal wird die kleine Ethnie der Dukha als „Sojon-Urianchai“ bezeichnet. Andererseits rechnen manche Ethnologen die Sojoten aufgrund ihrer Ethnogenese gar nicht zu den Tuwinern.
Todscha Die Todscha (auch Tozhu) im Nordosten Tuwas sprechen Tuwinisch und werden zumeist den Tuwinern zugerechnet, obwohl sie gleichermaßen mit den nördlich benachbarten Tofalaren verwandt sind, die ebenfalls zu den Taiga-Rentierhalter-Jägern gehören. Obwohl die Ethnie wesentlich größer ist als der verwandten Dukha in der Mongolei, sind nur noch weit weniger Menschen (2012: 37 Männer) als Rentierhüter tätig.
Wie die Sojoten haben die Todscha in Russland einen Status als sogenanntes kleines indigenes Volk erworben und sich damit rechtlich von ihren Nachbarn abgesetzt.
Biltir Die Biltir sind aus Tuwinern und Chakassen entstanden, werden jedoch immer den Chakassen zugeordnet.
Religionen miniatur|Schamane während einer Feuerzeremonie bei Kysyl, Tuwa, Russland
Der sogenannte „klassische Schamanismus“ war die traditionelle ethnische Religion der Tuwiner. Der Ethnologe Klaus E. Müller spricht hier von „Komplexschamanismus“ und meint damit jene Formen, die durch Berührungen mit anderen Religionen und benachbarten Agrargesellschaften eine komplexe Ritualkultur entwickelt haben.Klaus E. Müller: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. 4. Auflage, C. H. Beck, München 2010 (Originalausgabe 1997), ISBN 978-3-406-41872-3. S. 30–33, 41. Bereits frühzeitig fand eine starke Vermischung mit dem Lamaismus statt. Es gab verschiedene Schamanentypen, die sich nach Abstammung und Art der Berufung aufgliederten. Heilung und Weissagung sind heute noch die häufigsten Aufgaben des Schamanen. Überliefert sind außerdem weitere vier Typen: Schamanen mit Maultrommel, mit Stock, mit Spiegel und solche, die nächtliche Rituale mit Trommel und Kostüm vollzogen.
Wie die benachbarten Mongolen – von denen die Einwohner Tuwas in der Mongolei kulturell stark beeinflusst sind – bekennen sich die dortigen Tuwiner offiziell überwiegend zum tibetischen Buddhismus. In Russland kommen altgläubige orthodoxe Christen hinzu. Die alt überlieferten schamanischen Praktiken haben jedoch immer noch eine große Bedeutung: Der tuwinische Schamanismus konnte sich auch über die Sowjetzeit retten. Die Einführung des Atheismus durch die Sowjets konnte sich nicht behaupten. Der Schamanismus verändert sich jedoch drastisch durch den Kontakt mit westlich-esoterischen Neoschamanen, die einen intensiven Austausch in Gang gesetzt haben. Dies wird möglicherweise die ursprünglichen Überlieferungen dieses Volkes verfälschen und überlagern.Anett C. Oelschlägel: Plurale Weltinterpretationen – Das Beispiel der Tyva Südsibiriens. Studies in Social and Cultural Anthropology, SEC Publications / Verlag der Kulturstiftung Sibirien, Fürstenberg/Havel 2013, ISBN 978-3-942883-13-9, S. 31 und 60 f. Der deutschsprachige Schriftsteller und Tuwa-Schamane Galsan Tschinag ist ein bekannter Repräsentant dieser Entwicklung.Heiko Grünwedel: Schamanismus zwischen Sibirien und Deutschland: Kulturelle Austauschprozesse in globalen religiösen Diskursfeldern. transcript-Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8376-2046-7, S. 232 ff.
Kultur und Lebensweise mini|Darstellung traditioneller tuwinischer Kleidung mini|hochkant|Die „Rentierleute“ reiten auch auf den Tieren Traditionelle Wirtschaftsformen der Tuwiner sind die mobile Tierhaltung und ergänzende Jagd: In den Steppenregionen werden wie andernorts Yak, Pferd, Kamel, Schaf und Ziege gehalten, heute häufig durch das Rind ergänzt. Bei den Sesshaften bisweilen auch Schweine und Geflügel. In der Regel erfolgt die Viehwirtschaft jedoch halbnomadisch oder nomadisch. Vollnomaden sind einige Angehörige der Rentier haltenden Dukha in der Nord-Mongolei und der TodschaOelschlägel 2013. S. 22. im sibirischen Nordosten des Siedlungsgebietes, die beide in der Taiga leben. Während die Steppen-Tuwiner nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus Not zur teilweisen Subsistenzwirtschaft zurückkehren müssen, leben einige wenige Taiga-Tuwiner seit jeher vornehmlich auf diese Weise. Sie gehören damit zu den ganz wenigen Menschen der Erde, die noch von traditionellem Nomadismus leben. Die Anbindung an die lokale Geldwirtschaft besteht zumeist über den Verkauf von Pelzen aus der Jagd.
Bei den in abgelegeneren Regionen der Mongolei (Altai, Sojon) lebenden Tuwinern hat sich die überlieferte Kultur bis heute am besten erhalten, insbesondere bei den „Rentierleuten“ der Nord-Mongolei. Auf der russischen Seite fand zur Sowjetzeit eine aggressive Russifizierung (u. a. zwangsweise Sesshaftmachung) statt, die zu einer starken Akkulturation geführt hat. Heute ist der Einfluss der mongolischen und kasachischen Kultur auf die westmongolischen und chinesischen Siedlungsgebiete am stärksten.Oelschlägel 2004. S. 6.Oelschlägel 2013. S. 21, 26.
Tuwa gehört zum Kerngebiet des klassischen Schamanismus. Die Abgelegenheit und Eigenständigkeit hat hier bei einigen Gruppen zu einer weitgehenden Erhaltung dieser Weltanschauung bis heute geführt. Hier spielen insbesondere die rituelle Geisterbeschwörung im Rahmen der Krankenbehandlung und als Fürbitte für soziale Zwecke sowie das Orakel eine wichtige Rolle. Eingehend erforscht wurde der altaiische Schamanismus durch Leonid Pavlovič Potapov, einen tuwinischen Ethnologen. Erheblicheren Einfluss auf die gegenwärtige Entwicklung hat jedoch das Werk des tuwinischen Ethnologen Monguš Borachovič Kenin-Lopsaŋ, der nach dem Ende der Sowjetära die Gesellschaft der Schamanen „Düngür“ gründete, mit dem Ziel, den Schamanismus und Animismus („Alles ist beseelt“) in Tuwa wiederzubeleben und neue Schamanen auszubilden.Oelschlägel 2004. S. 9–16. Allerdings verursacht dies aufgrund eines intensiven Austauschs mit westlichen Schamanen einen deutlichen Kulturwandel vom traditionellen Schamanismus zum esoterisch geprägten Neoschamanismus.Oelschlägel 2013, S. 31 und 60 f.
Geschichte mini|Junge Tuwiner in moderner Kleidung Archäologische Funde und chinesische Quellen lassen darauf schließen, dass die Tuwiner nicht die ersten Besiedler Tyvas waren. An ihrer Ethnogenese waren mehrere Turkvölker sowie türkisierte Mongolen, Samojeden und möglicherweise Ket-Sprecher beteiligt. Unter den mobilen Hirtenvölkern fanden grundsätzlich häufig Vermischungen statt.Oelschlägel 2004. S. 5. Das Ethnonym Tyva verwendeten sie nach chinesischen Quellen bereits im 17. Jahrhundert.
Nach dem Ende des Oiratenreiches gehörten die Tuwiner zu China, standen unter (ost)mongolischer Verwaltung und die einheimische Oberschicht war weitgehend mongolisiert. Von jeher waren die Tuwiner weitgehend selbstständig und widerstanden fremden Einflüssen.Oelschlägel 2013. S. 21, 26. Bis zum 18. Jahrhundert hielt der Buddhismus Einzug, der jedoch stark mit dem traditionellen Schamanismus synkretisiert war. Im 19. Jahrhundert setzte sich der buddhistische Glaube allmählich durch.