Wahn ist ein psychopathologisches Symptom, das vor allem im Rahmen verschiedener psychischer Störungen vorkommt. In der Psychiatrie zählt Wahn im psychopathologischen Befund zu den inhaltlichen Denkstörungen. Der Wahn (oder eine bestimmte Wahnvorstellung) ist eine die Lebensführung behindernde Überzeugung, an welcher der Patient trotz der Unvereinbarkeit mit den empirisch prüfbaren und in der Gesellschaft mehrheitlich akzeptierten Fakten festhält. Dies kann eine Störung der Urteilsfähigkeit zur Folge haben oder die juristische Delikts- und Schuldfähigkeit beeinträchtigen.

Definition Wahn ist ein Krankheitssymptom im Rahmen psychischer Störungen und anderer Erkrankungen. Der Begriff bezeichnet ich-syntone, unkorrigierbare Fehlwahrnehmungen oder Fehlbeurteilungen der Wirklichkeit, die unabhängig von persönlichen Erfahrungen auftreten können und an denen auch angesichts gegenteiliger Beweise mit absoluter subjektiver Gewissheit festgehalten wird.Matthias Lammel u. a.: Wahn und Schizophrenie: Psychopathologie und forensische Relevanz. Berlin 2011. Die Wahninhalte sind vielfältig, kulturell geprägt und historisch bedingt. In Kunst und Literatur findet der Wahn nicht selten Erwähnung und ist manchmal das zentrale Thema eines Kunstwerkes.

Wenn es beim Wahn einen Bezug zu einer äußeren Wahrnehmung gibt, wird von Wahnwahrnehmung gesprochen. Diese Bezeichnung stammt von Karl Jaspers und zählt zu den Erstrangsymptomen einer Schizophrenie nach Kurt Schneider. Ohne Bezug auf eine solche Wahrnehmung spricht man hingegen von einem Wahneinfall (laut Schneider ein Zweitrangsymptom). Nach Eugen Bleuler zählt Wahn zu den akzessorischen (hinzutretenden) Symptomen einer Schizophrenie. Ein Wahnsystem oder systematischer Wahn komme erst vor, wenn ab dem zwölften Lebensjahr die Fähigkeit zum abstrakten Denken entwickelt sei. Auch das AMDP-System (ein Katalog zur Erfassung psychopathologischer Merkmale) unterscheidet Wahnstimmung, Wahnwahrnehmung, Wahneinfall, Wahngedanken, systematischen Wahn und die Wahndynamik.

Differentialdiagnose Wahn ist von anderen Denkstörungen wie z. B. überwertigen Ideen, magischem Denken oder Zwangsgedanken zu unterscheiden. Letztere können zwar ähnlich erscheinen, unterscheiden sich aber dadurch von einem Wahn, dass die Betroffenen sich bewusst sind, dass ihre sich aufdrängenden Gedanken und Handlungen nicht der Normalität entsprechen (siehe Ich-Syntonie versus Ich-Dystonie).Rainer Tölle: Wahn – Krankheit – Geschichte – Literatur. Schattauer 2007. Ähnlich wie Wahnvorstellungen im Rahmen einer wahnhaften Störung haben auch überwertige Ideen stets einen Realitätsbezug und erscheinen auf den ersten Blick plausibel. Jedoch sind die Gedankenstrukturen im Rahmen der wahnhaften Störung stärker emotional besetzt und ich-syntoner als überwertige Ideen.E. Hales, J. A. Yudofsky: The American Psychiatric Press Textbook of Psychiatry. In: American Psychiatric Publishing. Washington DC 2003.

Der Wahn ist von der Halluzination, einer illusorischen Sinneswahrnehmung, zu unterscheiden.

Wahn als Symptom unterschiedlicher Krankheiten Wenn ein Wahn das Leben der betroffenen Person vollständig bestimmt, kann der Wahn als Krankheit aufgefasst werden. Als Symptom ist der Wahn Bestandteil des paranoiden Syndroms. Wahnsyndrome sind nicht selten, sie treten am häufigsten im Rahmen einer Schizophrenie auf. Daneben gibt es zahlreiche weitere Erkrankungen, die mit Wahnsymptomen einhergehen können.

Wahnhafte Störung affektive Störungen (schwere Depressionen oder Manien und bipolare Störungen mit psychotischen Symptomen) Demenzen (die Häufigkeit von Wahnsymptomen ist je nach Demenzart verschieden ausgeprägt: Morbus Alzheimer 59 %; vaskuläre Demenz 72 %; Lewy-Body-Demenz 57 % und frontotemporale Demenz 62 %)M. J. Chiu, T. F. Chen, P. K. Yip, M. S. Hua, L. Y. Tang: Behavioral and psychologic symptoms in different types of dementia. In: J Formos Med Assoc. Band 105, Nr. 7, Juli 2006, S. 556–562. Hirnschädigungen verschiedener Art und UrsacheHazel E. Nelson, Mathias Berger, Aaron T. Beck: Kognitiv-behaviorale Therapie bei Wahn und Halluzinationen – Ein Therapieleitfaden. Übersetzt und bearbeitet von Dorothee Klecha und Antonia Barke. Schattauer 2010. substanzinduzierte Psychose

Unterscheidung von Wahn bei verschiedenen Störungen Die Wahninhalte können Hinweise auf verschiedene Störungen geben und so bei der Differentialdiagnose zwischen Schizophrenie, schizoaffektiver Störung, Depression und Manie helfen. Dabei wird unterschieden, ob die Wahninhalte stimmungskongruent (synthym) oder stimmungsinkongruent (parathym) sind. Bei Schizophrenie sind die Wahninhalte eher inkongruent, bei depressiven und manischen Erkrankungen kongruent und bei schizoaffektiven Störungen könne beides auftreten. Bei Depression werden tendenziell eher synthyme Wahninhalte deutlich, wie Schuldwahn (Versündigungs- oder Verschuldungswahn), Verarmungswahn, hypochondrischer Wahn, nihilistischer Wahn oder Verkleinerungswahn. Für Manie ist Größenwahn eher typisch. Bei Schizophrenie ist häufig Verfolgungs- und Beeinträchtigungswahn zu beobachten. Für Schizophrenien sind im Allgemeinen solche Wahninhalte typisch, die von anderen als den Betroffenen als besonders bizarr und unlogisch empfunden werden. Man spricht bei Schizophrenien auch von einem „Erklärungswahn“, also einer wahnhaften Überzeugung, die andere belastende Symptome der Schizophrenie (wie akustische Halluzinationen) für den Betroffenen erklärbar machen soll. Typisch und differentialdiagnostisch relevant ist der sogenannte „Zeiger der Schuld“, der beim Schizophrenen nach außen (mit ihm als Zentrum), beim Depressiven nach innen, d. h. zu sich selbst „zeigt“.

Komplexe, in sich geschlossene „Wahnsysteme“ nennt man auch Paranoia. In diesem Fall wird nicht zwangsläufig von einer Schizophrenie ausgegangen, vor allem beim Fehlen von typischen Symptomen wie Ich-Störungen, formale Denkstörungen, Halluzinationen. Als typisch paranoisch gilt z. B. die Überzeugung, dass andere Menschen sich gegen die betroffene Person verschwören, hinter dem Rücken über sie reden und Komplotte schmieden. Dies alles wird mit Argumenten ausgebaut, die nicht auf den ersten Blick irrational erscheinen müssen, jedoch im Kontext erkennbar unangemessen sind.D. Freeman, P. A. Garety: Paranoia: The Psychology of Persecutory Delusions. Psychology Press, Hove 2004.

Bei einer wahnhaften Störung treten in der Regel Wahninhalte auf, die Außenstehende als in sich relativ schlüssig und nicht bizarr empfinden. Reale Ereignisse werden dabei in den Wahninhalt einbezogen. Eine wahnhafte Störung gilt als chronisch und schwer therapierbar.M. Lammel, S. Sutarski u. a. (Hrsg.): Wahn und Schizophrenie. Psychopathologie und forensische Relevanz. Berlin 2011, ISBN 978-3-941468-20-7.

Außenstehende nehmen Wahnüberzeugungen teilweise als ausgefeilte und umfassende „Wahngebäude“ wahr, in die Betroffene ihr alltägliches Erleben einbeziehen und umdeuten (z. B. „das parkende Auto da draußen dient nur dazu, eine Abhöranlage zu tarnen“). Psychiater sprechen dann auch von systematisiertem Wahn. Manchmal beschränkt sich die Wahnsymptomatik aber auch auf ein einziges und scharf umgrenztes Gebiet („Frau X ist ein böser Schlangendämon“), und Außenstehende empfinden die Betroffenen von diesem einen Punkt abgesehen als durchaus realitätsbezogen.

Laut ICD-10 werden Depressionen zwar meistens von synthymen Wahninhalten begleitet, parathyme sind jedoch möglich. So heißt es im ICD-10 unter F25: „Parathyme psychotische Symptome bei affektiven Störungen rechtfertigen die Diagnose einer schizoaffektiven Störung nicht.“ Bei Hypomanie können laut ICD-10 Halluzinationen und Wahn auftreten, sofern diese nicht als typisch für Schizophrenie erscheinen. Laut DSM-IV können hingegen alle Wahninhalte auftauchen, wodurch der Begriff der Hypomanie auch auf schizoaffektive Störungen ausgedehnt wird. Die Zuordnung von unterschiedlichen Wahninhalten ist nicht völlig eindeutig, gewisse Häufungen liegen jedoch in der Natur der Störungen begründet.

+ Wahninhalte als potenzielle Hinweise auf unterschiedliche Störungen Schizophrenie Schizoaffektive Störung(beides möglich) Depression Manie parathym × × synthym × × ×

Wahn als eigenständige Störung

Sowohl im ICD-11 als auch im DSM-5-TR wird die Wahnhafte Störung als eigenständige Störung klassifiziert. Dabei handelt es sich um eine seltene, möglicherweise unterdiagnostizierte psychische Störung, deren Leitsymptom der Wahn ist. Im Gegensatz zur Schizophrenie sind die Wahnthemen in der Regel nicht bizarr. Bis auf ggf. Ausnahmen mit Bezug zum Wahnthema treten keine Halluzinationen auf. Ebenso wenig sind signifikante Denk- und Stimmungsstörungen oder deutliche Affektverflachung zu beobachten.David Semple: Oxford handbook of psychiatry. Oxford University Press, 2005, ISBN 0-19-852783-7, S. 230.

Abgesehen von ihren Wahnthemen funktionieren Patienten mit wahnhafter Störung im Alltagsleben in der Regel gut, solange keine weiteren Symptome (z. B. depressive oder zwanghafte Strukturen) hinzukommen. Allerdings können die Wahngedanken auch zu schweren Einschränkungen in Partnerschaft, Freundeskreis und Sozialleben führen.George Winokur: Comprehensive Psychiatry-Delusional Disorder. In: American Psychiatric Association. 1977, S. 513. Eine Diagnose der wahnhaften Störung ist selten, da die Wahngedanken sachlich nicht bizarr erscheinen und daher erst aus dem Kontext als unangemessen und krankhaft erkannt werden können.

Wahninhalte Unter anderem sind folgende typische Wahninhalte zu beobachten:Rainer Tölleem, Klaus Windgassen: Psychiatrie. 16. Auflage. Heidelberg 2012.Gerald Schiller, Jürgen Tesak (Hrsg.): Psychiatrie. Idstein 2007.Brigitte Vetter: Psychiatrie: Ein systematisches Lehrbuch. Stuttgart 2007.

Beeinträchtigungswahn und Verfolgungswahn Die betroffene Person fühlt sich von ihrer Umwelt beeinträchtigt, d. h., sie fühlt sich von ihren Mitmenschen beleidigt, erniedrigt, verhöhnt, man trachtet nach ihrem Leben etc., obwohl es dafür keine Anhaltspunkte gibt. Als eine stärkere Form des Beeinträchtigungswahns gilt der Verfolgungswahn: Der betroffene Mensch fühlt sich verfolgt oder beobachtet, z. B. von Agenten, Außerirdischen oder anderen. Er interpretiert dabei Ereignisse in seiner Umgebung häufig als Spionage- oder Überwachungsaktionen, zum Beispiel in Form eines Beeinflussungsapparates.Rainer Tölle u. a.: Psychiatrie. 14. Auflage. Heidelberg 2006. Beziehungswahn Der Betroffene bezieht Dinge und Ereignisse in seiner Umgebung auf sich, die nach rationalen Kriterien gar nichts mit ihm zu tun haben können; er glaubt beispielsweise, dass Fernsehnachrichten versteckte Botschaften an ihn persönlich enthalten. Der Beziehungswahn ist besonders bei paranoischen Formen zu beobachten, bei denen er oft das Fundament des übrigen Wahngebäudes bildet. Schädigungswahn Der Betroffene hat die wahnhafte Vorstellung, durch sein Dasein oder Handeln andere ungewollt zu schädigen, und ist überzeugt, dass alles, womit er in Berührung kommt, Unheil bringt und er selbst Ursache von Unheil ist. Verarmungswahn Die betroffene Person fühlt sich arm oder fürchtet, zu verarmen, obwohl ihre finanzielle Situation vollkommen unverändert ist und es keine Anhaltspunkte für eine mögliche Verschlechterung gibt. Größenwahn (Megalomanie) Die betroffene Person hält sich für eine wichtige politische oder religiöse Persönlichkeit, die Reinkarnation großer Persönlichkeiten, für einen Gott, Propheten oder Ähnliches, wie zum Beispiel einen Superhelden. Ähnlich ist z. B. der sogenannte Sendungswahn („ich muss die Menschheit erlösen“). Siehe auch: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Als Sonderformen gelten: z. B. politischer Wahn, religiöser Wahn (mit Heilsauftrag), wahnhafte Erhöhung der eigenen Person, Weltverbesserungswahn, Omnipotenzwahn. Schuldwahn