mini|hochkant=1.2|Werbeplakat zur zweiten Saison der Nubier-Völkerschau Hagenbecks 1877 im Pariser Jardin d’Acclimatation Hagenbecks Völkerschau der „Nubier“ 1876–1880 (auch bezeichnet als „Nubier-Karawane“ oder „Afrikanische Wüstenjäger“) war eine Serie von Völkerschauen (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der in fünf aufeinanderfolgenden Jahren jeweils im Sommer Gruppen von „Nubiern“ für etwa drei Monate zur Schau gestellt wurden.
Veranstalter dieser Völkerschau war der Tierhändler und Völkerschau-Impresario Carl Hagenbeck (1844–1913) aus Hamburg, der bis zu seinem Tod über 50 solcher „Völkerausstellungen“ veranstaltete und hunderttausende zahlende Besucher anlockte. Nach der Völkerschau der „Lappländer“ 1875 war die Völkerschau der „Nubier“ 1876 seine zweite Völkerschau. Die Tournee stand im Zusammenhang mit der Lieferung jeweils zahlreicher afrikanischer Tiere, die von den „Nubiern“ nach Europa begleitet wurden. Die Gruppe mit ihren Tieren wurde in verschiedenen deutschen Städten, aber auch in Paris und London beim Reiten von Dromedaren, der Begleitung von Tierkarawanen und der Aufführung von Kriegstänzen zur Schau gestellt. Die als „Nubier“ bezeichneten Personen waren keine Nubier im eigentlichen Sinne. Sie zählten vornehmlich zu verschiedenen Stämmen der im heutigen Sudan und im südlichen Ägypten lebenden Bedscha.
Verlauf der Völkerschauen
1876 Carl Hagenbeck hatte nach dem Erfolg seiner ersten Völkerschau der „Lappländer“ 1875 seinen Agenten Bernhard Kohn, der bereits länger mit dem Tierhandel in Ostafrika vertraut war, beauftragt, eine Gruppe von Indigenen nach Europa zu bringen.Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung „exotischer“ Menschen in Deutschland 1870–1940. Frankfurt am Main 2005. Die „Nubier“-Völkerschau gehört auch deshalb zu den ganz frühen Völkerschauen, weil Nubien als Teil des ägyptischen Sudans für Hagenbeck damals die wichtigste afrikanische Region war, in der seine Agenten teure Wildtiere fingen.Bodhari Warsame: Somali-Völkerschauen in Dresden: ein Überblick. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hrsg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Sandstein Verlag, Dresden 2023, S. 124–133, hier S. 129. Allerdings steckte der Tierhandel Mitte der 1870er Jahre in einer Krise, weshalb Hagenbeck die Verluste durch Menschenausstellungen auszugleichen versuchte.
Die anfangs sieben Personen zählende GruppeHeinrich Leutemann: Die Afrikaner kommen. In: Erste Beilage zum Leipziger Tageblatt und Anzeiger Nr. 242, 29. August 1876. sowie verschiedene Tiere, darunter Dromedare, Jagdhunde, Ziegen, Wildesel, Elefanten, Giraffen und StraußenZoologischer Garten. Afrikanische Wüstenjäger. In: Düsseldorfer Volksblatt, 3. August 1876. waren Ende Juni 1876 in Triest angekommen und dort von Hagenbeck und seinem Geschäftspartner Heinrich Leutemann nach Hamburg begleitet worden. Leutemann schrieb 1887 in seinen Memoiren:
mini|Völkerschau-Gruppe der Nubier in einer fiktiven Umgebung, Heinrich Leutemann: Beladung und Aufbruch einer afrikanischen Thier-Expedition, Die Gartenlaube, 3. Juni 1880 Die erste Tournee der „Nubier“-Völkerschau begann Mitte Juli 1876 im damaligen Tierpark Hagenbeck am Neuen Pferdemarkt in Hamburg St. Pauli. Die zweite Station war vom 4. bis zum 14. August der Zoologische Garten Düsseldorf – als erster etablierter Zoo überhaupt, der eine Völkerschau Hagenbecks zeigte.Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Chronos, Zürich 2023. Zuletzt war die Schau vom 1. bis zum 17. September 1876 im Pfaffendorfer Hof in Leipzig zu sehen. 1877 Die zweite „Nubier“-Völkerschau mit etwa 15 zur Schau gestellten Personen traf im Juli 1877 verspätet in Hamburg ein und wurde dort nur drei Tage zur Schau gestellt, weil Hagenbeck bereits im Vorjahr mit Albert Geoffroy Saint-Hilaire, dem Direktor des Jardin d’Acclimatation, ein mehrwöchiges Engagement in Paris, vereinbart hatte. Die Veranstalter waren vom großen Erfolg der Pariser Schau überrascht und planten bald weitere Völkerschauen.William H. Schneider: Völkerschauen im Zoologischen Garten von Paris. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 179–88, hier S. 179. Nach Angaben von Heinrich Leutemann zählte die Völkerschau dort bereits am ersten Tag 50.000 Besucher.Heinrich Leutemann: Ein Wink für unfern künftigen Zoologischen Garten. In: Leipziger Tageblatt und Anzeiger, 4. August 1877, und Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Frankfurt am Main 2005, S. 80. In Paris wurde die Gruppe von den „Herren Bordier, Dally, Girard de Rialle und Mazard“ untersucht und vermessen.Gilles Boëtsch, Yann Ardagna: Menschenzoos: der Wilde und die Anthropologie. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 362–74, hier S. 135–145, hier S. 140. Danach wurde die Gruppe im Alexandra Palace in London zur Schau gestellt und blieb dort bis zum Ende der Saison.
1878 In der dritten Saison schickte Hagenbeck zwei „Nubier“–Gruppen auf Tournee die diesmal von seinem Agenten Josef Menges angeworben worden waren.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989. Hagenbeck organisierte und finanzierte die Schau zusammen mit seinem Schwager Charles Rice. Die erste Gruppe zählte 15 Personen, die vom 9. bis 30. Juni 1878 in Wien zur Schau gestellt wurde, anschließend in PragNubier-Karawane In: Hannoverscher Kurier, 11. September 1878. und dann vom 28. Juli bis zum 11. August in Dresden,Volker Strähle: Übersicht: Menschenschauen im Dresdner Zoo. In: Christina Ludwig, Andrea Rudolph, Thomas Steller, Volker Strähle (Hg.): Menschen anschauen. Selbst- und Fremdinszenierungen in Dresdner Menschenausstellungen. Dresden 2023, S. 82–89, hier S. 84. wo die Schau in einer Woche 35.450 Besucher zählte.Welch enorme Zugkraft … In: Elbeblatt und Anzeiger, 8. August 1878. Unter den Besuchern war auch der sächsische König Albert mit seiner Familie.Se. Majestät der König … In: Dresdner Journal, 1. August 1878. Die Gruppe wurde Anfang September im Bella Vista in HannoverNubier-Karawane In: Hannoverscher Kurier, 11. September 1878 und Clemens Maier-Wolthausen, Franziska Jahn: Die Zurschaustellung von Menschen im Zoo Hannover 1878–1932. Ein Forschungsbericht im Spiegel zeitgenössischer Quellen. Broschüre des Zoo Hannover, Hannover 2024, S. 27–31. und vom 25. September bis 6. Oktober 1878 im Zoologischen Garten Frankfurt zur Schau gestellt.Schaustellung und Vorführung der großen Hagenbeckschen Thierkarawane aus Nubien. In: Gießener Anzeiger, 21. September 1878. Zum Abschluss der Tournee traf die Gruppe am 16. Oktober in Berlin ein, wo sie im Zoologischen Garten zur Schau gestellt wurden. Die zweite, 17 Personen starke „Nubier“-Gruppe Hagenbecks war dort bereits am 25. September eingetroffen. In Berlin war die Schau sehr erfolgreich und an nur einem Tag über 62.000 Besucher gezählt haben.Nigel Rothfels: Savages and Beasts. The Birth of modern Zoo. Baltimore 2025, S. 85. Rudolf Virchow, der die Gruppe zuvor vermessen hatte, erwähnte bei seinem Vortrag vor der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte am 19. Oktober beide Gruppen:
Zu jeder der beiden Gruppen zählte eine Frau – in der zuerst nach Berlin gekommenen Gruppe eine „nubische Schönheit, eine tätowierte Frau mit einem Goldzierrath im Nasenflügel“Ursula Klös: Völkerschauen im Zoo Berlin zwischen 1878 und 1952. In: Bongo 30/2000, S. 33–82, hier S. 36–39. mit dem Namen „Hajíja oder Chadídscha“. Ende Oktober traten beide Gruppen zusammen die Heimreise an, deren Kosten Hagenbeck mit 15.000 RM veranschlagte.Gestern ist Herr Schöpff jun. … In: Dresdner Nachrichten, 26. Oktober 1878.
1879 Die vierte, 16 Personen zählende „Nubier“–Gruppe traf am 24. Juni 1879 in Hamburg einAfrikanischer Transport In: Hannoverscher Kurier, 25. Juni 1879. und wurden während der weiteren Tournee von Adolph Schoepf, Sohn des gleichnamigen Direktors des Dresdner Zoos, begleitet. Sie traten Anfang Juli in Halle,Donnerstag den 3. d. Mts. treffen die Nubier (15 an de Zahl) hier ein. In: Saale-Zeitung, 1. Juli 1879. und anschließend im Dresdener Zoo auf. Eine Besonderheit dieser Gruppe war, dass auch Handwerke wie Goldschmiede, Seidenweber und Lederarbeiter mitreisten, die ihre Handwerksarbeiten vorführten.Eric Ames: Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments. Seattle 2009. Weitere Stationen der vierten Saison waren Frankfurt,Schluß der Nubier-Ausstellung (Zeitungsinserat). In: Oberhessischer Anzeiger, 19. Juli 1879. Gießen,Die Nubier. In: Gießener Anzeiger, 24. Juli 1879. Düsseldorf und vom 25. Juli bis zum 13. August dann Dresden. Ab dem 16. August war die Gruppe wieder im Zoologischen Garten Düsseldorf zu sehen,Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Chronos, Zürich 2023, S. 171, und Düsseldorf. Im hiesigen Zoologischen Garten … In: Arnsberger Zeitung, 28. August 1879. im September dann in Basel, in Bad CannstattRice-Hagenbecksche Nubier-Caravane (Zeitungsinserat) In: Neues Tagblatt und General-Anzeiger für Stuttgart und Württemberg, 19. September 1879. sowie auf dem Oktoberfest in München, um ab dem 10. September wieder in Berliner Zoo aufzutreten. Über ihre Ankunft berichtete die Bonner Zeitung:
Hier wollte Rudolf Virchow sie nochmals vermessen, wogegen sich die Nubier wie schon zuvor während des Aufenthaltes in Halle zur Wehr setzten. Virchow berichtete am 15. November bei seinem zweiten Vortrag über die Nubier vor der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte lediglich über seine Messergebnisse von einer Person.Rudolf Virchow: Hr. Virchow spricht über die im letzten Monat von Hrn. Hagenbeck in Berlin ausgestellten Nubier, namentlich den Dinka. (Sitzung vom 15. November 1879). In: Verhandlungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Jg. 1879, S. 388–397. Anders als die bisherigen Schauen blieb die Gruppe im Winter in Berlin, wo sie von November bis Januar „an der Sommerstrasse beim Brandenburger Tor, ab Januar […] die Karawane im Restaurant Siegessäule zu sehen“ war.
1880 mini|Zeitungsinserat Nubier-Karawane, Kölnische Zeitung, 3. Juni 1880 Die fünfte und letzte Saison der „Nubier“-Völkerschau mit der in Berlin verbliebenen Gruppe vom Vorjahr begann bereits Anfang Mai 1880 und startete in Kühns Garten in Dortmund.Karl Hagenbecks Nubische Karawane In: Dortmunder Zeitung, 4. Mai 1880. Weitere Stationen waren am 1. Juni 1880 AachenDie Nubierkarawane In: Aachener Zeitung, 1. Juni 1880. und ab dem 3. Juni Köln, wo die Gruppe in Richlers Haus auftrat. Ende Juni kam wieder ein großer Tiertransport in Hamburg an, der diesmal von einer Gruppe von sechs Nubiern begleitet wurde, die sich mit der bereits tourenden Gruppe zusammenschloss.Hagenbecks Thierpark In: Die Reform, 1. Juli 1880, und Rea Brändle: „Wilde, die sich hier sehen lassen“. Jahrmarkt, frühe Völkerschauen und Schaustellerei. Chronos, Zürich 2023, S. 184. Anschließend tourte die Gruppe nach Dresden und Plauen, um von dort bis ins russische Sankt Petersburg zu reisen, wo Hagenbeck einige der Tiere verkaufte. Im Oktober kehrte die Gruppe zurück nach Hamburg, um von dort die Heimreise anzutreten.Karl Hagenbecks Nubische Karawane In: Gießener Zeitung, 22. Oktober 1880.