Max Winkler (* 7. September 1875 in Karrasch im Landkreis Rosenberg in Westpreußen; † 12. Oktober 1961 in Düsseldorf) war ein deutscher Politiker, Reichstreuhänder und Wirtschaftsberater der abzutretenden Ostprovinzen sowie für die Grenzlandpresse und Reichsbeauftragter für die deutsche Filmwirtschaft.
Schule, Beruf und öffentliche Ämter
Als Sohn des Lehrers Julius Winkler besuchte er die Volksschule und danach eine Fachschule. Im Jahre 1891 trat er in den mittleren Dienst der Reichspost ein. In Graudenz durchlief er die vorgesehene Laufbahn und wurde zum Postassistenten ernannt. Als Stadtverordneter ohne parteiliche Bindung, wie er später angab, gehörte er seit 1907 dem Stadtrat an. Im Jahre 1913 wurde er zum Telegrafensekretär befördert. Ein Jahr danach erfolgte die Ernennung zum besoldeten Stadtrat.
Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Jahre 1918 war er in Graudenz für die Aufgaben des Finanzwesens und der Ernährungswirtschaft zuständig. Im November 1918 wurde er zum Bürgermeister der Stadt gewählt (bei Krekeler 2. Bürgermeister; bei Rosenkötter und Hale stellvertretender Bürgermeister; Fritz Schmidt bezeichnete ihn nur als Bürgermeister ehrenhalber). Als Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) kam er im Januar 1919 in die Preußische Landesversammlung.
Dort nahm er an Beratungen zum Versailler Friedensvertrag und für eine neue Verfassung teil. Im Frühjahr 1919 bildeten Abgeordnete der preußischen Landesversammlung und der Weimarer Nationalversammlung, die aus den deutschen Provinzen Oberschlesien, Westpreußen und Posen kamen, einen Parlamentarischen Ostausschuss, um die Aktionen der verschiedenen deutschen Gruppen zu koordinieren, eine einheitliche Willensbildung zu erreichen und die polnischen Aufständischen zurückzudrängen. Vor allem sollte letztlich nach einem Klärungsprozess in den deutschen Parteien verhindert werden, dass deutsche Beamte und Offiziere 1919 einen sogenannten Oststaat bildeten, der selbständig und mit dem Deutschen Reich verbündet sein sollte.
Für Posen und Westpreußen wurde der Aktionsausschuss Nord gebildet, für Oberschlesien der Aktionsausschuss Süd. Den Vorsitz im Nordausschuss übernahm Paul Fleischer, sein Stellvertreter war Winkler. Der Regierungsrat im preußischen Innenministerium Erich Krahmer-Möllenberg stellte die Verbindung des Ostausschusses zur preußischen Regierung her. In der Mitte des Jahres 1919 leitete Hugo von Lerchenfeld-Köfering (1871–1944), Leiter der Ostabteilung im Auswärtigen Amt, Beratungen im preußischen Kultusministerium über die Unterstützung deutscher Schulen, der deutschen Zeitungen und der Kirchengemeinden in den deutschen Ostprovinzen.
Winkler verfasste dazu die Denkschrift über den künftigen Schutz der Deutschen in den abzutretenden Ostgebieten vom 8. September 1919 und die Denkschrift Die deutsche Presse im Abtretungsgebiet Westpreußen – Polen. Um die das Deutschtum in den abzutretenden Ostprovinzen zu stützen, wurde am 28. September 1920 die Deutsche Stiftung durch Winkler, Erich Krahmer-Möllenberg und vier weiteren Politikern gegründet, wobei Krahmer-Möllenberg die Geschäftsführung übernahm.
Persönlichkeit
Margret Boveri nennt in ihren Erinnerungen Winkler zuerst als das, was er im Dritten Reich genannt wurde: die Graue Eminenz des Zeitungswesens (bei Lerg Graue Eminenz der Presse). Bei Lerg wurde er unter dem Eindruck seiner Maßnahmen zur Gleichschaltung der Presse im NS-Regime als der Totengräber der deutschen Presse mit der goldenen Schippe bezeichnet. Boveri sah in ihm eine Persönlichkeit, deren Charakter von mehreren prägenden Eigenschaften bestimmt wurde. Er hatte ein bescheidenes Auftreten, im Gespräch eine herzliche Verbindlichkeit und konnte andere Menschen mit seinen Vorhaben einnehmen. Andererseits pflegte er im Umgang stets die korrekte Anrede der Titel der jeweiligen Person, um ein bestimmtes Maß an Achtung und Ehre entgegenzubringen. Entsprechend bestand er immer darauf, mit Herr Bürgermeister angeredet zu werden.
Wenn auch nach außen sein Auftreten als Bescheidenheit ausgelegt wurde, so war er sich doch immer der Macht seiner Position und Aufgaben bewusst. Boveri gibt eine Äußerung Winklers über den Gauleiter Josef Bürckel wieder, wo er diesen als kleinen Mann charakterisierte, der nicht wusste, dass ihm im Saargebiet dreizehn Zeitungen gehörten. Sein zurückhaltendes Auftreten war verbunden mit der Neigung zur Empfindlichkeit und Verwundbarkeit, was er auch öffentlich manchmal zeigte. Als der Ministerpräsident Otto Braun während einer Verhandlung in einer Presseangelegenheit von verlorenem Vertrauen sprach, stand Winkler wortlos auf und verließ den Raum. Danach kam es schnell zu einer sachlichen Einvernahme, die Winkler akzeptierte. Diese Verhaltensweise zeigte Winkler auch später gegenüber Joseph Goebbels und Max Amann. Da aber Amann von groben Charakterzügen geprägt war, kam es im Umgang mit Winkler zu einer wachsenden Entfremdung der beiden. Gegenüber dem Reichspressechef der NSDAP, Otto Dietrich, soll Winkler nach Boveri eine tiefe Abneigung gehegt haben.
Sein politisches Denken war nicht auf eine Richtung beschränkt, was auch dadurch zum Ausdruck kam, dass er bis zur NS-Machtergreifung im Jahre 1933 nicht weniger als neunzehn Reichsregierungen gedient hatte. Durch das Schicksal der deutschen Ostprovinzen wurde er in seiner Haltung zum Deutschtum bestärkt. Für seine Verdienste für die Finanzierung von Stipendien an der Technischen Hochschule Danzig wurde ihm 1929 der Titel Dr. h. c. verliehen. Als der Journalist Hans Sikorski im Jahre 1942 im Konzentrationslager (KZ) inhaftiert war, setzte er sich entschieden bei Goebbels für diesen ein. Boveri gab an, dass Sikorski schon am nächsten Tag aus dem KZ entlassen wurde.
Für seine Tätigkeiten brachte Winkler besondere Eigenschaften mit, wobei sein ausgezeichnetes Gedächtnis für Zahlen, Ereignisse und Zusammenhänge herausragte. Weiterhin zeigte er große Fähigkeiten, eine geschickte Verhandlungsführung mit Taktiken zu verbinden. Dazu kam sein unermüdlicher Fleiß, seine strikte Diskretion und – wie Wermuth es nannte – sein finanzpolitisches Genie, der sich aber letztlich der Kontrolle des Rechnungshofs in Potsdam entziehen konnte. Der Journalist Paul Scheffer charakterisierte ihn als einen emotionslosen Rechner, der der Regierungsmaschine wie die Sphinx im Faust gedient habe.
Boveri berichtete auch, dass Winkler Gegnern des NS-Regimes beistand. In der Haupttreuhandstelle Ost (HTO) beschäftigte er Michael Graf von Matuschka, Peter Graf Yorck von Wartenburg und den ehemaligen preußischen Finanzminister Hermann Höpker-Aschoff. Wenige Tage vor dem Ende des NS-Regimes gab er am 17. April 1945 in Berlin noch eine Aussage zugunsten von Hans Lukaschek vor dem Volksgerichtshof ab, den Winkler seit dessen Amtszeit in Oberschlesien aus den zwanziger Jahren gut kannte.
Politische Unterstützung: die ZAG
Zur Koordinierung der politischen Gruppen hatte sich am 22. September 1919 die Zentralarbeitsgemeinschaft der deutschen Parteien (ZAG) gebildet, die von Winkler geleitet wurde, ihren Sitz in Bromberg hatte und in der hauptsächlich die Gewerkschaften, die DDP und die SPD mitwirkten. Infolge Überschneidungen bei den Zielsetzungen mit dem Deutschtumsbund zur Wahrung der Minderheitenrechte musste sich jedoch die ZAG im April 1921 auflösen. Am 20. und 21. Oktober wurden an einer Konferenz in Berlin unter der Leitung von Lerchenfeld-Köfering die politischen Zielsetzungen für die abzutretenden deutschen Ostprovinzen beraten, insbesondere deren Unterstützung durch die deutsche Presse. Die Pläne Winklers und von Krahmer-Möllenberg wurden im November 1919 von der Reichsregierung und der Regierung von Preußen gebilligt. Von 1920 bis 1933 amtierte Winkler als Reichstreuhänder und Wirtschaftsberater für die abgetretenen Provinzen.
Treuhandgesellschaften
Die wichtigste Aufgabe zur Erhaltung des Deutschtums in den abgetrennten Gebieten bestand in der Finanzierung deutscher Unternehmen und Einrichtungen. Dazu diente die dem Reichsfinanzministerium zugeordnete Gesellschaft Vereinigte Finanzkontore mbH, die inoffizielle Gelder der Reichsregierung zu diesen Zwecken zur Verfügung stellte. Nur durch indirekte Quellen lässt sich zeigen, dass Winkler mit dieser Gesellschaft maßgeblich Finanzierungen abwickelte. Nach diesem Muster gründete Winkler eine Reihe von Treuhandgesellschaften, die im Hintergrund wirkten und auch zum Teil als Auffanggesellschaften dienten, um Betriebe weiter zu führen. Diese Gesellschaften überwiesen Gelder zur Finanzierung an Banken, die wiederum mit Treuhändern zusammenarbeiteten, die von Winkler eingesetzt wurden.
Damit erreichte Winkler zwei Ziele gleichzeitig. Einerseits konnte er die Finanzierungen, die aus Kassen der Reichsregierung kamen, vollständig vor Nachforschungen im Ausland abschirmen. Im Laufe der Jahre konnte natürlich nicht im Verlagswesen der Zeitungen verborgen bleiben, dass Winkler der Akteur der Finanzierungen war. Aber die eigentlichen Transaktionen der Überweisung blieben verborgen. Das andere Ziel war eine weitgehende Kontrolle durch Winkler über die Finanzlage von zu unterstützenden Betrieben und Einrichtungen, aber auch eine bestimmte Einflussnahme z. B. auf den Inhalt der Redaktionsarbeit und die personelle Führung der Redaktionen.
Konkordia
Im Januar 1920 wurde die Konkordia Literarische Gesellschaft als Gesellschaft mit beschränkter Haftung (GmbH) in Berlin mit einem Kapital von 10 Millionen Reichsmark (RM) gebildet, die je zu fünfzig Prozent vom Reichsfinanzministerium und preußischen Finanzministerium gestellt wurden. Die Rechtsform dieser Gesellschaft stellte sicher, dass über die Finanzierungsgeschäfte keine öffentliche Rechenschaft abgegeben werden musste. Die eigentliche finanzielle Tätigkeit lag beim Aufsichtsrat, der sich aus gedienten Beamten zusammensetzte, um die staatlichen Gesellschafter zu vertreten. Vorsitzender des Aufsichtsrates war der Geheime Oberfinanzrat Ernst Springer, während die Geschäftsführung in den Händen von Winkler lag (nach Fricke führte Hjalmar Schacht die Konkordia zuerst für eine kurze Zeit), der inzwischen nach Berlin übersiedelte. Offiziell sollte die Gesellschaft die Materialversorgung für deutsche Zeitungen und Zeitschriften sowie die Beteiligung an Unternehmen ermöglichen, die auf dem gleichen oder ähnlichen Sektor sich betätigten.
Zeitungsbedarf
Die Zeitungsbedarf GmbH wurde am 17. März 1923 als Tochtergesellschaft der Konkordia mit Sitz in Berlin gegründet. Winkler wollte damit die inzwischen weithin tätige Konkordia entlasten, aber auch einfach eine neue Tarnfirma auf anderen Gebieten einsetzen. Der Schwerpunkt dieser Gesellschaft lag in den besetzten Westgebieten des Reiches, wo durch Zollbeschränkungen die deutschen Zeitungen bei der Papierversorgung in große Schwierigkeiten geraten waren. Winkler konnte durch die Zeitungsbedarf subventioniertes Druckpapier an die Zeitungen liefern. Andere Wege der Unterstützung waren Unterstützungsfinanzierungen und Beteiligungen am Gesellschaftsvermögen, wie es Winkler mit der Konkordia praktiziert hatte. Winkler nutzte auch die Zeitungsbedarf dazu, Zwischenfinanzierungen für die Deutsche Stiftung zu leisten, die dann der Zeitungsbedarf die entsprechenden Gelder überwies.
Hollandsche Buitenland Bank N.V.