Der Archidikastes war ein aus der ptolemäischen Zeit überkommener höherer Justizbeamter (Notar und Archivar) der römischen Provinz Ägypten, der seinen zentralen Sitz in Alexandria einnahm. Seine Kernkompetenz bestand in der Registrierung eingegangener Chirographa. Über seine Zuständigkeit im Urkunden- und Archivwesen hinaus, bereitete er Vollstreckungstitel im Grundstücksverkehr vor (Mahnverfahren). In diesem Verfahrensschritt behandelte er auch gegebenenfalls erhobene Schuldnereinwendungen.José Luis Alonso, Ulrike Babusiaux: Papyrologische und epigraphische Quellen. In: Ulrike Babusiaux, Christian Baldus, Wolfgang Ernst, Franz-Stefan Meissel, Johannes Platschek, Thomas Rüfner (Hrsg.): Handbuch des Römischen Privatrechts. Band 1 §§ 1-58. Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-152359-5, S. 222–317, hier S. 248 (Rn. 56–59). Da die Untersuchungen im Mahn- und Vollstreckungsverfahren der Erzrichter leitete, war das Amt des archidikastes bei ihm angesiedelt.Paul Jörs: Erzrichter und Chrematisten: Untersuchungen zum Mahn- und Vollstreckungsverfahren im griechisch-römischen Ägypten. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. (Romanistische Abteilung), Band 36, Heft 1, 1915. S. 230–339.
Während der Zeit, in der das Rom die Macht in Ägypten ausübte, war die regionale Rechtsprechung dem römischen Recht untergeordnet. Die hoheitliche Aufsicht darüber übte der praefectus Aegypti in seiner Funktion als Statthalter aus. Die ägyptische Gerichtsbarkeit verlor so ihre ursprüngliche Autonomie. Zwar blieben die ptolemäischen Ämter nominal aufrechterhalten, waren aber den neuen Bedingungen unterworfen. Das galt für den archidikastes als Archivjuristen, ebenso für den exegestes als Richter und für den idios logos als Verwaltungs- und Gerichtsbeamten für Fiskal- und Kultangelegenheiten. Umfänglich betroffen waren davon auch die strategoi und epistrategoi, die ihre Richterfunktionen in der Chora – auf dem Land beziehungsweise auf den zahlreichen Inseln – ausübten.José Luis Alonso, Ulrike Babusiaux: Papyrologische und epigraphische Quellen. In: Ulrike Babusiaux, Christian Baldus, Wolfgang Ernst, Franz-Stefan Meissel, Johannes Platschek, Thomas Rüfner (Hrsg.): Handbuch des Römischen Privatrechts Band 1 §§ 1-58. Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-152359-5, S. 222–317, hier S. 244 (Rn. 51).
Römisches Recht galt vollumfänglich in den Bereichen Handel und Gewerbe. Auch im Status-, Erb-, und Familienrecht gab es dazu keine Abweichungen. Viele Vertragsformen bedurften einer Unterscheidung nach römischem und peregrinem Recht ohnehin nicht. Andererseits wies Aegyptus – untypisch für römische Provinzen – eine Besonderheit auf. Sie betraf das notarielle Beurkundungsrecht. Beurkundungen unterlagen grundsätzlich griechischem Recht, uneingedenk des Status des Antragstellers. Das galt auch vor Erlass der Constitutio Antoniniana, mit der das Bürgerrecht 212 auf bisherige Nichtrömer erweitert worden war.Stellvertretend, Rafał Taubenschlag: Opera minora. Band 1: Allgemeiner Teil: A. Römisches Privatrecht, B. Römisches Provinzialrecht und die Volksrechte, C. Griechische Stadtrechte. Państwowe Wydawnictwo Naukowe, Warschau 1959. S. 194–228.; Belege bei Hans-Albert Rupprecht (Hrsg. aus dem Nachlass), Hans Julius Wolff (Autor): Das Recht der griechischen Papyri Ägyptens in der Zeit der Ptolemäer und des Prinzipats. Band 1 Bedingungen und Triebkräfte der Rechtsentwicklung (= Handbuch der klassischen Altertumswissenschaft. Rechtsgeschichte des Altertums. Band 5, 1). Beck, München 2003, ISBN 3-406-48164-7, S. 111, 164.; Das Recht der griechischen Papyri Ägyptens in der Ptolemäer- und der Prinzipatszeit. Band 2: Organisation und Kontrolle des privaten Rechtsverkehrs. Beck, München 1978, ISBN 3-406-05192-8 (= Handbuch der Altertumswissenschaft. Teil 5) ISBN 978-3-406-05192-0. S. 91–105, 114–122.; José Luis Alonso, Ulrike Babusiaux: Papyrologische und epigraphische Quellen. In: Ulrike Babusiaux, Christian Baldus, Wolfgang Ernst, Franz-Stefan Meissel, Johannes Platschek, Thomas Rüfner (Hrsg.): Handbuch des Römischen Privatrechts Band 1 §§ 1-58. Mohr Siebeck, Tübingen 2023, ISBN 978-3-16-152359-5, S. 222–317, hier S. 263–266 (Rn. 86–91).
Literatur
Paul Koschaker: Der Archidikastes: Beiträge zur Geschichte des Urkunden- und Archivwesens im römischen Ägypten. In: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte. (Romanistische Abteilung), Band 29, Heft 1, 1908. S. 1–47. Ludwig Mitteis: Grundzüge und Chrestomathie der Papyruskunde. 2. Band Juristischer Teil, 2. Hälfte Chrestomathie., Leipzig 1912, Nachdruck Hildesheim 1963. S. 24–32.
Anmerkungen
Kategorie:Römisches Recht Kategorie:Römisches Ägypten Kategorie:Amt (griechische Antike) Kategorie:Ptolemäer