mini|Benjamin von Block: Kaiser Leopold I. (um 1672) im Harnisch mit Feldherrnstab, Dreiviertelporträt, Öl auf Leinwand, 139 mal 110 cm, Kunsthistorisches Museum Wien Leopold I. (* 9. Juni 1640 in Wien; † 5. Mai 1705 ebenda) aus dem Hause Habsburg, geboren als Leopold Ignaz Joseph Balthasar Franz Felician, war von 1658 bis 1705 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches sowie König in Germanien, Ungarn (ab 1655), Böhmen (ab 1656), Kroatien und Slawonien (ab 1657). Machtpolitisch stand seine Regierungszeit im Westen ganz im Zeichen der Abwehr der französischen Expansion unter Ludwig XIV. Im Südosten wurden die habsburgischen Territorien zunächst noch durch die osmanische Expansion, mit dem Höhepunkt der Zweiten Belagerung der Stadt Wien, bedroht. Die kaiserlichen Feldherren waren letztlich militärisch erfolgreich, und es kam zu einer Gegenoffensive, die zum Gewinn ganz Ungarns führte. Dadurch wuchs der Habsburger Machtbereich noch stärker als zuvor über das Heilige Römische Reich hinaus. Leopolds Regierungszeit gilt daher auch als Beginn der Großmachtstellung der Habsburgermonarchie. Innenpolitisch setzte Leopold in den Habsburger Ländern auf einen absolutistischen Herrschaftsstil. In seine Zeit fällt auch ein letzter Höhepunkt der Gegenreformation. Im Reich dagegen trat er als Bewahrer des Ausgleichs der Konfessionen auf. Durch eine geschickte Politik gelang es ihm, das Kaisertum zum letzten Mal zu großer Bedeutung zu führen. Der Tod des letzten spanischen Königs aus dem Haus Habsburg Karl II. führte zum Spanischen Erbfolgekrieg, in dem Leopold die Erbfolge seiner Familie vertrat.

Als einer von sehr wenigen Herrschern hinterließ er als Komponist von 230 Werken nachhaltig kulturelle Spuren. mini|Leopold als junger Mann

Leben

Herkunft und Familie mini|Banderolentaler Leopolds I. von 1662 mit deutlich ausgeprägter Habsburger Unterlippe Er war der Sohn Kaiser Ferdinands III. (1608–1657) und der spanischen Infantin Maria Anna. Sein älterer Bruder war Ferdinand, der spätere Ferdinand IV. Seine Schwester Maria Anna war mit König Philipp IV. von Spanien verheiratet. Seine Halbschwester Eleonore heiratete König Michael von Polen und später Herzog Karl V. von Lothringen. Seine Halbschwester Maria Anna Josepha war die Gemahlin des jülich-bergischen Herzogs und späteren pfälzischen Kurfürsten Jan Wellem, dessen Schwester Eleonore Leopold in seiner dritten Ehe heiratete. Sein Großvater väterlicherseits, Kaiser Ferdinand II., verheiratet mit Maria Anna von Bayern, und seine Großmutter mütterlicherseits, Margarete von Österreich, Gemahlin des spanischen Königs Philipp III., waren Geschwister.

Familiär eng verbunden war er auch mit dem fast gleichaltrigen Ludwig XIV., seinem lebenslangen Rivalen. Sie waren Vettern über ihre spanischen Mütter und bald Schwäger über ihre jeweiligen spanischen Ehefrauen.Anton Schindling: Leopold I. In: Anton Schindling, Walter Ziegler (Hrsg.): Die Kaiser der Neuzeit. München 1990, S. 169.

Er war von kleiner Gestalt, eher hässlich und besaß eine stark ausgeprägte Habsburger Unterlippe. Als zweiter Sohn des Kaisers war Leopold ursprünglich für eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Er sollte Bischof von Passau werden. Daher wurde ihm eine hervorragende Bildung zuteil.Volker Press: Kriege und Krisen. Deutschland 1600–1715. München 1991, S. 350. Seine Erziehung erhielt er durch Johann Ferdinand Graf Porzia sowie die Jesuiten Christoph Miller und Johann Eberhard Neidhardt. Seine Erziehung prägte in ihm einen barocken Katholizismus. Zunächst hatte er auch stark gegenreformatorische Neigungen.

Herrschaftsübernahme mini|hochkant=1.3|Krönung Leopolds I. zum König von Ungarn 1655 Nach dem überraschenden Tod seines älteren Bruders Ferdinand 1654, der als Ferdinand IV. römisch-deutscher König und König von Ungarn und Böhmen gewesen war, wurde Leopold mit erst vierzehn Jahren dessen Erbe. Alleiniger Erbe der Habsburger Erblande wurde er 1654. Am 27. Juni 1655 wurde er im St. Martinsdom zu Preßburg zum Apostolischen König von UngarnDie Krönung wurde von Georg Lippay, Primas von Ungarn und Erzbischof von Gran vollzogen. und kurz nach Vollendung seines 16. Lebensjahres am 14. September 1656Vgl. auch J. P. Spielman: Leopold I. Zur Macht nicht geboren. Köln 1981, S. 28. im St. Veitsdom zu PragDie Krönung wurde von Adalbert von Harrach, Erzbischof von Prag vollzogen. zum König von Böhmen gekrönt.

Die Nachfolge im Reich gestaltete sich wesentlich schwieriger. Der französische Minister Mazarin brachte eine Kandidatur Ludwigs XIV. ins Spiel. Dazu betrieb er eine kostspielige und aufwändige Werbung im Reich. Auch sprach man von einer bayerischen und sogar von einer protestantischen Kandidatur (Schweden, Kurbrandenburg, Kursachsen oder Kurpfalz). Dagegen war von einem habsburgischen Kaisertum kaum die Rede. Nach dem Tode seines Vaters (1657) musste die Frage gelöst werden. Es begann ein Interregnum, das mit einer Dauer von einem Jahr eines der längsten in der Geschichte des Heiligen Römischen Reiches war.Johannes Burkhardt: Vollendung und Neuordnung des frühmodernen Reiches 1648–1763. Stuttgart 2006, S. 70 f.

Erst nach langwierigen Verhandlungen mit den Kurfürsten konnte sich Leopold gegen den französischen König Ludwig XIV. und dessen Kandidaten Herzog Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg sowie Erzherzog Leopold Wilhelm und Kurfürst Ferdinand Maria von Bayern, die ebenfalls ihr Interesse bekundet hatten, durchsetzen. Die Wahl erfolgte am 18. Juli und die Krönung am 1. August 1658 im Kaiserdom St. Bartholomäus zu Frankfurt.

Kaiserhof Der Kaiser stützte sich vor allem auf den Hof. Im Winter verbrachte Leopold den größten Teil der Zeit in der Hofburg in Wien. Den Frühling verlebte er in Laxenburg, den Sommer in Favorita und den Herbst auf Schloss Kaiserebersdorf.Brigitte Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte. Wien 1992, S. 262. mini|Der Leopoldinische Trakt der Hofburg wurde zur Zeit Leopolds zwischen 1660 und 1670 erbaut. Der Hof war wiederum eng mit den zentralen Behörden verbunden. Geprägt war er von der Hocharistokratie aus Österreich und Böhmen. Ähnlich wie der Hof in Versailles sollte er so den Hochadel anziehen. Die Regierungsstellen und das Militär boten zudem attraktive Positionen, um auch den Reichsadel nach Wien zu ziehen. Der Hof folgte dem spanischen Hofzeremoniell. Die barocke Pracht entfaltete sich etwa in großen Festen. Im Jahr 1672 umfasste der Hof inklusive der zentralen Regierungsbehörden 1966 Personen. Hundert Jahre zuvor waren es erst 531 Personen gewesen. In derselben Zeit hatten sich die Kosten verfünffacht.Anton Schindling: Leopold I. In: Ders./Walter Ziegler (Hrsg.): Die Kaiser der Neuzeit. München 1990, S. 182.Christof Dipper: Deutsche Geschichte 1648–1789. Frankfurt 1991, S. 204 f.

Im Zuge seiner ersten Eheschließung vom 12. Dezember 1666 mit Margarita Theresa von Spanien begann ein Festreigen, der fast ein Jahr anhielt. Anlässlich des Geburtstages der Kaiserin wurde die Oper „Il Pomo d’oro“ (der goldene Apfel) von Antonio Cesti am 12. und 13. Juli 1668 jeweils fünf Stunden uraufgeführt. Für diese „festa teatrale“ wurde eigens ein Komödienhaus (Theater auf der Cortina) nach Vorbild Venedigs erbaut. Die Oper selbst war ein Höhepunkt der Kultur des Barock. Neben Antonio Cesti waren mehrere namhafte Komponisten wie Johann Heinrich Schmelzer und der Kaiser selbst, der zwei Szenen vertonte, sowie der Librettist Francesco Sbarra und andere daran beteiligt. Gleichzeitig war die Oper ein Beispiel für den Prunk und die Verschwendungssucht der Zeit.Brigitte Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte. Wien 1992, S. 260 f.; Wiener Geschichtsblätter. Band 50, Verein für Geschichte der Stadt Wien, 1995, S. 191. Die Oper kostete insgesamt 100.000 Gulden.Leopold I., in: Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, S. 428.

Der Kaiserhof war wie der Kaiser selbst vom katholischen Geist geprägt. Der Kaiser hatte offenbar keine außerehelichen Affären. Mätressen wie am französischen Hof gab es nicht.Brigitte Vacha (Hrsg.): Die Habsburger. Eine europäische Familiengeschichte. Wien 1992, S. 261. Starken Einfluss hatten verschiedene Geistliche wie der Kapuziner und spätere Bischof Emerich Sinelli, der Kapuziner Marco d’Aviano, der Franziskaner Christoph de Royas y Spinola und der Augustiner Abraham a Sancta Clara. Marco d’Aviano predigte während der Türkenkriege seit 1683 erfolgreich mobilisierend im Sinne der alten Kreuzzüge.Anton Schindling: Leopold I. In: Ders./Walter Ziegler (Hrsg.): Die Kaiser der Neuzeit. München 1990, S. 179.

Am Kaiserhof bildeten sich verschiedene Hofparteien, die versuchten, auf die Politik des Kaisers Einfluss zu erlangen. Zwischen diesen kam es zu endlosen Intrigen, Konflikten und rasch wechselnden Bündnissen.

Regierungsstil Politisch wenig geschult, überließ er die Staatsgeschäfte bis Anfang der 1680er Jahre erfahrenen Beratern. Zunächst war sein ehemaliger Erzieher Porzia erster Minister. Es folgten Johann Weikhard Fürst von Auersperg (1615–1677) und der Präsident des Hofrates Wenzel Eusebius Fürst Lobkowitz (1609–1677). Auersperg wurde 1669 als führender Minister gestürzt. Im Jahr 1674 verlor auch Lobkowitz seinen Posten. Beide hatten ohne Wissen des Kaisers Verbindungen nach Frankreich aufgebaut.

mini|Leopold I. in einem Theaterkostüm Seither bestimmte der Kaiser selbst die Richtlinien der Politik. Es gab keine leitenden Minister mehr. Der Kanzler Johann Paul Hocher (1616–1683) und seine Nachfolger waren bürgerliche Aufsteiger. Ein wichtiger diplomatischer Helfer in der Politik gegen Frankreich war Franz von Lisola. Ein ständiges Problem war die Finanzlage. Bezeichnend war, dass Hofkammerpräsident Georg Ludwig von Sinzendorf wegen Unterschlagung gestürzt wurde. Eine Stabilisierung der Finanzen gelang unter Gundaker Graf Starhemberg. In der Reichspolitik spielten Reichsvizekanzler Leopold Wilhelm von Königsegg-Rothenfels und zuvor Wilderich von Walderdorff bedeutende Rollen im Hintergrund. Da durch die Vielzahl der Mitglieder der Geheime Rat kaum noch funktionsfähig war, ließ Leopold als vorwiegend außenpolitisches Beratungsgremium die Geheime Konferenz einrichten. Später wurden auch Fachkommissionen eingerichtet. Sein Regierungshandeln war durchaus mit der Art und Weise Ludwigs XIV. zu vergleichen.Erwin Matsch: Der auswärtige Dienst von Österreich(-Ungarn). 1720–1920. Wien u. a. 1986, ISBN 3-205-07269-3, S. 31–33.Johannes Burkhardt: Vollendung und Neuordnung des frühmodernen Reiches 1648–1763. Stuttgart 2006, S. 72 f.

In Leopolds Zeit fällt der Aus- und Aufbau eines kaiserlichen Gesandtschaftswesens an den Höfen der wichtigsten Reichsstände und der Reichskreise. Eine wichtige Rolle spielten der kaiserliche Prinzipalkommissar und die österreichische Gesandtschaft beim Reichstag. Positiv war auch, dass die Reichshofkanzlei und die österreichische Hofkanzlei tendenziell eher zusammenarbeiteten und sich nicht im Kompetenzstreit verloren.

Hatte Leopold nach den ersten Jahren die Richtung der Politik im Kern selbst bestimmt, gelang es der „Kriegspartei“ um Eugen von Savoyen und dem späteren Kaiser Joseph, Leopold in den letzten Jahren weitgehend in den Hintergrund zu drängen.R. R. Heinrich: Leopold I. In: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas Bd. 3, L – P. München 1979, S. 24.

Sein Wahlspruch lautete: consilio et industria = durch Rat und Fleiß [sc. zum Ziel]

Innenpolitik in den Habsburger Ländern

Absolutismus und seine Grenzen