mini|Lou Reed (2011) Lewis Allan „Lou“ Reed (* 2. März 1942 in New York; † 27. Oktober 2013 in East Hampton, New York) war ein US-amerikanischer Songwriter, Gitarrist und Sänger. Er war zusammen mit John Cale Gründungsmitglied der einflussreichen Rockband The Velvet Underground, welche in der Frühphase von Andy Warhol gefördert wurde. Durch sein innovatives Schaffen in den 1960er und 1970er Jahren erarbeitete sich Reed den Ruf als Wegbereiter von Genres wie Punk, Indie-Rock oder auch Industrial.

Kindheit und Jugend (1942–1962) mini|hochkant|Lou Reed (1959) Lewis Allan Reed wurde am 2. März 1942 im Beth-El Hospital (später Brookdale) in Brooklyn geboren und wuchs dort und in Freeport auf Long Island auf, wo seine Eltern 1952 ein Haus kauften. Reed war der Sohn von Toby (geb. Futterman) (1920–2013) und Sidney Joseph Reed (1913–2005), einem Buchhalter. Seine Familie war konservativ-jüdisch, seine Großeltern waren russische Juden, die vor dem Antisemitismus im Zarenreich geflohen waren. Sein Vater hatte seinen Namen von Rabinowitz in Reed geändert. Reed sagte, er sei zwar jüdisch, aber sein „wahrer Gott sei der Rock ’n’ Roll“.

Reed besuchte die Atkinson Elementary School in Freeport und ging anschließend auf die Freeport Junior High School. Seine Schwester Merrill, geborene Margaret Reed, sagte, dass er als Jugendlicher unter Panikattacken litt, sozial unbeholfen war und „ein labiles Temperament“ besaß, sich aber sehr auf Dinge konzentrierte, die er mochte, vor allem Musik. Nachdem er das Gitarrenspiel aus dem Radio gelernt hatte, entwickelte er schon früh ein Interesse an Rock ’n’ Roll und Rhythm and Blues und spielte während der High School in mehreren Bands. Im Alter von 16 Jahren begann er mit Drogen zu experimentieren.

Seine Schwester erinnerte sich, dass er während seines ersten Jahres am College eines Tages mit einem Nervenzusammenbruch nach Hause gebracht wurde, woraufhin er eine Zeit lang „depressiv, ängstlich und sozial nicht ansprechbar“ war, und dass seine Eltern Schwierigkeiten hatten, damit umzugehen. Nach dem Besuch eines Psychologen fühlten sich Reeds Eltern als schlechte Eltern schuldig und stimmten einer Elektrokrampftherapie (EKT) über acht Wochen für ihren Sohn zu, mit drei Sitzungen pro Woche. Reed schien seinem Vater die Schuld für die Behandlung zu geben, der er ausgesetzt war. Reed erinnerte sich später daran, dass diese Erfahrung traumatisch war und zu Gedächtnisverlust führte. Er glaubte, dass er behandelt wurde, um seine homosexuellen Gefühle zu vertreiben. Diese Jugenderlebnisse verarbeitete er in späteren Liedern, unter anderem in Kill Your Sons aus dem Album Sally Can’t Dance (1974). Reed beschrieb diese Phase seines Lebens folgendermaßen: „Sie steckten dir was in den Mund und brachten Elektroden an den Kopf und jagten Strom durch deinen Kopf, und anschließend fühltest du dich wie weichgekochtes Gemüse.“Lou Reed zitiert in: Legs McNeil und Gillian McCain: Please Kill Me: The Uncensored Oral History of Punk. Grove Press, New York 1996, ISBN 0-8021-1588-8, S. 4: „They put the thing down your throat so you don’t swallow your tongue, and they put electrodes on your head. That’s what was recommended in Rockland County then to discourage homosexual feelings. The effect is that you lose your memory and become a vegetable. You can’t read a book because you get to page seventeen and have to go right back to page one again.“ Als Folge der Elektroschocks blieb Reeds linke Gesichtshälfte teilweise gelähmt. Nach Reeds Tod bestritt seine Schwester, dass die EKT-Behandlungen dazu dienten, seine „homosexuellen Neigungen“ zu unterdrücken, und behauptete, ihre Eltern seien nicht homophob gewesen, sondern hätten von seinen Ärzten erfahren, dass die EKT notwendig sei, um Reeds psychische und Verhaltensprobleme zu behandeln.

Seine erste Plattenaufnahme machte er für Bob Shads Label Time als Teenager und Mitglied einer Doo-Wop-Band, die sich The Jades nannte.

Lou Reed distanzierte sich alsbald von seinem Elternhaus und begann Anfang der 1960er Jahre ein Studium an der Syracuse University, wo er 1964 seinen Abschluss in Englisch machte. Sein Lehrer und intellektueller Mentor an der Universität war Delmore Schwartz, mit dem er auch privat befreundet war. Einst sagte Reed, sein Ziel sei es, die Empfindsamkeit und Intelligenz des Romans auf die Rockmusik zu übertragen oder den Großen Amerikanischen Roman als Musikalben-Folge zu realisieren.Victor Bockris: Lou Reed. The Biography. Fully revised edition. Vintage, London 1995, ISBN 0-09-930381-7. Später schrieb Reed die Stücke European Son und My House als Reminiszenz an Schwartz, der starken Einfluss auf seine spätere Songwriter-Karriere hatte. Während seiner Studienzeit in Syracuse entwickelte Reed auch ein Interesse für Free Jazz und experimentelle Musik wie die von La Monte Young, mit dem John Cale zusammenarbeitete.

Karriere Erste musikalische Schritte (1963–1964) Reed zog 1963 zurück nach New York, wo er als Songschreiber für das Plattenlabel Pickwick Records arbeitete, das Tanzmusik am Fließband produzierte. 1964 hatte er einen kleinen Hit mit The Ostrich, einer Parodie auf einen gerade populären Tanz. Die Plattenproduzenten wurden bald auf das Nachwuchstalent aufmerksam. Noch im selben Jahr gründete Reed zusammen mit John Cale spontan die Gruppe The Primitives. Er hatte John Cale, der Musik studierte, zufällig in New York kennengelernt. Cale war überrascht von der neuen Art, wie Reed Gitarre spielte: Er hatte sich angewöhnt, alle Saiten seiner Gitarre gleich zu stimmen, um einen sogenannten Drone zu erzeugen, was mit Cales experimenteller Musik harmonierte. Als Cale das Repertoire von Reeds Kompositionen gehört hatte – unter anderem eine frühe Version von Heroin –, beschlossen die beiden zusammenzuarbeiten und ein Bandprojekt zu realisieren.

The Velvet Underground (1965–1970)

Reed und Cale traten 1965, ergänzt um Sterling Morrison und Maureen Tucker, zum ersten Mal unter dem Namen The Velvet Underground auf. Diese stilprägende Band ist trotz Reeds späterer erfolgreicher Solokarriere bis heute untrennbar mit seinem Namen verbunden. Reed war neben John Cale Mitbegründer und die treibende Kraft der von Andy Warhol geförderten Band und spielte Gitarre, sang und schrieb die meisten Songs. Obwohl die Band während ihres Bestehens kommerziell nicht erfolgreich war, gilt The Velvet Underground als eine der einflussreichsten Untergrund-Bands aller Zeiten und als Wegbereiterin der späteren Independent- und Punk-Musik. Ein Achtungserfolg war das Debütalbum The Velvet Underground & Nico (das Album mit dem bekannten Bananen-Cover) mit der deutschen Sängerin Nico, mit der Lou Reed kurze Zeit liiert war. Einen Vorgeschmack auf Reeds späteres Werk in den 1970er Jahren gab dann die folgende LP White Light/White Heat, auf der mit atonalen Rückkopplungen gearbeitet wurde.

Solokarriere und Zusammenarbeit mit anderen Künstlern (1970–2011) Die 1970er Jahre mini|Lou Reed (1979) mini|Lou Reed auf der Bühne mit dem Gitarristen Chuck Hammer, Juni 1979, The Bottom Line, New York City In den 1970er Jahren griff Reed häufig zu Methamphetamin und Alkohol.

Nach der Trennung von Velvet Underground startete Reed 1972 seine Solokarriere mit einem nach ihm selbst betitelten Debütalbum. Es enthält vor allem Stücke, die in der Spätphase von Velvet Underground entstanden sind. Trotz guter Kritiken blieb der kommerzielle Erfolg aus. Das Album erreichte lediglich Rang 189 der US-amerikanischen Billboard-Charts, während es in Großbritannien nicht einmal eine Platzierung erzielen konnte. Aus dem Album wurden zwei Singles ausgekoppelt (Going Down und Wild Child).

Noch im November des gleichen Jahrs veröffentlichte Reed das Glam-Rock-Album Transformer, das sein kommerzieller Durchbruch war. Transformer wurde von David Bowie und Mick Ronson mitproduziert und machte Reed einem breiteren Publikum bekannt, vor allem in Großbritannien. Die Single Walk on the Wild Side war eine Hommage an die Außenseiter und Stricher, die Andy Warhol in den späten 60er Jahren umgaben und in seinen Filmen auftraten. Jede der fünf Strophen des Songs beschreibt eine Person, die Mitte bis Ende der 1960er Jahre zum festen Inventar von The Factory gehörte: (1) Holly Woodlawn, (2) Candy Darling, (3) „Little Joe“ Dallesandro, (4) „Sugar Plum Fairy“ Joe Campbell und (5) Jackie Curtis. Der grenzüberschreitende Text des Liedes entging der Radiozensur. Obwohl das jazzige Arrangement (mit freundlicher Genehmigung des Bassisten Herbie Flowers und des Saxophonisten Ronnie Ross) musikalisch untypisch für Reed war, wurde es schließlich zu seinem Markenzeichen.

1973 folgte das Album Berlin, das von einer gescheiterten Liebesgeschichte zweier Junkies in dieser Stadt handelt. Das Album zeichnet sich durch seine bedrückende Stimmung aus und enthält Stücke wie Caroline Says II (Gewalt), The Kids (Prostitution und Drogenkonsum), The Bed (Suizid) und Sad Song. Berlin wird heute oft als sein Meisterwerk betrachtet, stieß aber zur Zeit seiner Veröffentlichung bei Presse und Publikum auf fast völliges Unverständnis und Entsetzen. Reed war über dieses Scheitern so enttäuscht, dass er nach eigener Aussage die „Schotten dichtmachte“. In seinem Fall bedeutete es schroffe Konfrontation oder verächtliche Indifferenz gegenüber der Rockmusik-Presse, seinem damaligen Publikum und seiner eigenen kommerziellen Karriere für den Rest des Jahrzehnts. Das und nicht zuletzt die Strapazen der schier endlosen Tourneen haben das ihre getan, um ihn bis an den Rand des Abgrundes zu führen. In späteren Interviews hat er dennoch viele seiner damaligen Exzesse auch als Ausdruck einer etwas infantilen Trotzhaltung selbstkritisch reflektiert.

Im Sommer 1975 wurde er als Hauptact bei Startruckin 75 in Europa gebucht, einem von Miles Copeland organisierten Rockfestival. Reeds Drogensucht machte ihn jedoch unzuverlässig und er trat auf der Tournee nicht auf, so dass Copeland ihn durch Ike & Tina Turner ersetzte.

Im Jahr 1975 produzierte er dann das Doppelalbum Metal Machine Music, das vor allem aus Gitarrenfeedbacks besteht, Melodie oder Struktur sind nicht erkennbar.Mark Deming: Metal Machine Music, Allmusic, abgerufen am 6. Dezember 2016. Das Album ist umstritten: Während die Chicago Tribune es als „billige Geste gegen die Plattenindustrie“ oder als „schlechten Witz“ verstand,Greg Kot: chicagotribune.com, 27. Oktober 2013; abgerufen am 6. Dezember 2016. bezeichnete es der Rockjournalist Lester Bangs als genial. Obwohl die Angaben zur Besetzung fiktiv sind, legte Reed Wert auf die Feststellung, dass es sich durchaus um eine ernsthafte Arbeit handelte. Auf jeden Fall war es eine bis dahin unerhörte Provokation gegenüber einem „Major Label“ von Seiten eines damals durchaus kommerziell erfolgreichen Plattenkünstlers. Später wurde das Werk von dem Berliner Ensemble für zeitgenössische Musik Zeitkratzer für klassisch-akustische Instrumente transkribiert und 2002 in Berlin uraufgeführt.

Auf das wütende Metal Machine Music folgte das melodisch sanfte Album Coney Island Baby, das ihn wieder in die Charts zurückbrachte. Reeds Platten der späten 1970er Jahre werden von Kritikern als weniger erfolgreich und eher unausgewogen gewertet. Das wird auf seine zunehmenden Drogenprobleme zurückgeführt und auf die Tatsache, dass die Plattenfirmen Reed in musikalischer Hinsicht nur wenig Spielraum ließen.

Die 1980er Jahre mini|Lou Reed (1986)