317x317px|mini|Preußisches Feldlager vor Rastatt. Die Belagerung der Festung Rastatt im Juli 1849 war eine unmittelbare Folge der Gefechte an der Murglinie vom 28. bis 30. Juni und stellte den Schlusspunkt der militärischen Niederschlagung der Deutschen Revolution 1848/49 durch preußische Truppenkontingente und militärische Verbände der Frankfurter Provisorischen Zentralgewalt dar. Am 23. Juli 1849 kapitulierten die Revolutionäre und übergaben die Festung auf „Gnade und Ungnade“ den Belagerern.

Politische und militärische Vorgeschichte Nach einem Militär- und Volksaufstand am 12. Mai 1849 übernahm im Großherzogtum Baden eine provisorische Revolutionsregierung die Amtsgeschäfte. Auch in der zum Königreich Bayern gehörenden benachbarten Rheinpfalz führten Aufstände am 17. Mai zur Bildung einer provisorischen revolutionären Regierung. Erklärtes Ziel der revolutionären Umstürze war es, im Rahmen der Reichsverfassungskampagne die von der Frankfurter Nationalversammlung verabschiedete demokratische und liberale Reichsverfassung in allen deutschen Staaten durchzusetzen.

Der aus Baden geflohene Großherzog und der bayerische König ersuchten bei der Provisorischen Zentralgewalt in Frankfurt und beim König von Preußen um militärische Unterstützung zur Niederschlagung der revolutionären Bewegungen in Südwestdeutschland. Zu diesem Zweck stellte Preußen zwei Armeekorps zusammen, die unter dem Oberbefehl des Prinzen von Preußen von den Generalleutnants Moritz von Hirschfeld (1. Korps) und Karl von der Groeben (2. Korps) geführt wurden. Ein weiteres Interventionskorps aus Reichstruppen in der Verfügung der Frankfurter Provisorischen Zentralgewalt, das Neckarkorps, stand unter dem Kommando des preußischen Generalleutnants Eduard von Peucker.

Angesichts der aufziehenden gemeinsamen Bedrohung, und um die Reichsverfassungskampagne militärisch zu unterstützen, schlossen das revolutionäre Baden und die Rheinpfalz ein Militärbündnis. In Baden konnte die Revolutionsregierung schließlich den polnischen General Ludwik Mieroslawski gewinnen, eine Revolutionsarmee anzuführen, die aus regulären badischen Armeekontingenten, Volkswehrbataillonen aus eilig einberufenen Wehrpflichtigen und revolutionären Freischaren aus aller Herren Länder zusammengestellt wurde. In der Pfalz wurde überwiegend aus einberufenen Volkswehrmännern und Freischaren eine revolutionäre Streitmacht formiert.

Nach der Niederschlagung der Aufstände in der Rheinpfalz überquerten am 20. Juni preußische Interventionstruppen bei Germersheim den Rhein und drangen in Baden ein. Am 21. Juni kam es bei Waghäusel zu einem schweren Gefecht, das die preußischen Truppen für sich entscheiden konnten. Um mit seinen am Neckar stehenden Hauptkontingenten nicht in Nordbaden abgeschnitten zu werden, musste Mieroslawski in einer atemlosen Flucht seine Verbände über Heidelberg, Sinsheim und Bretten nach Süden zurückziehen. Die Landeshauptstadt Karlsruhe wurde nach einem Rückzugsgefecht bei Durlach am 25. Juni geräumt. Erst weiter südlich bot sich die Murg mit der Festung Rastatt als Auffanglinie für die aus Nordbaden zurückweichenden Revolutionstruppen an.

Nordbaden wurde innerhalb weniger Tage von den alliierten Interventionstruppen besetzt. Ein weiteres Vordringen der Angreifer in südlichere Landesteile sollte unter allen Umständen verhindert werden.

Am 26. Juni sammelte General Mieroslawski die Reste der durch Gefechtsverluste und Desertionen stark dezimierten badisch-pfälzischen Revolutionsarmee bei Rastatt. Hier, am Unterlauf der Murg, der engsten Stelle Badens und im Schutz der stark bewaffneten Bundesfestung wurde eilig eine Verteidigungsstellung, die sogenannte Murglinie, errichtet. Sie reichte von der Murgmündung bei Steinmauern über Rastatt bis Gernsbach im Murgtal und sollte den Vormarsch der Interventionstruppen aufhalten.

Vom 28. bis 30. Juni führten die Revolutionstruppen an der Murglinie eine Reihe von erbitterten Abwehrgefechten. Die Stellungen an der Murg konnten allerdings der überwältigenden Übermacht der alliierten Interventionskorps nicht standhalten. Am 29. und 30. Juni gelang es den Angreifern, die Murglinie an der rechten Flanke zu durchbrechen. Preußische Truppen konnten über Sandweier und Iffezheim die Festung Rastatt umfassen. Einem Teil der revolutionären Verbände war damit der Rückzug nach Süden nicht mehr möglich. Sie suchten Zuflucht hinter den vermeintlich sicheren Wällen der Festung. Am Abend des 30. Juni waren etwa 6.500 Freiheitskämpfer in der Festungsstadt eingeschlossen.

Unterdessen setzten sich die Reste der geschlagenen Revolutionsarmee fluchtartig und ungeordnet in den Süden des Landes ab. Die Truppen des 1. preußischen Korps und das Neckarkorps folgten ihnen nach und konnten in den folgenden beiden Wochen die südlichen Landesteile Badens kampflos besetzen. Die letzten Truppenteile der Freiheitsarmee zogen sich Mitte Juli in die Schweiz zurück, wo man ihnen Exil gewährte.

Siehe auch: Gefechte an der Murglinie; Rückzug der badischen Revolutionsarmee in die Schweiz

Besatzung, Bewaffnung und militärische Führung der belagerten Festung Truppenkontingente Die in der Festung eingeschlossenen revolutionären Kampfverbände setzten sich im Wesentlichen wie folgt zusammen:

Militärische Verbände und Truppenteile:

das 3. Badische Infanterieregiment ein Bataillon des 1. Badischen Infanterieregiments sowie kleinere Truppenteile weiterer badischer Regimenter eine Abteilung badischer Dragoner Teile der rheinbayerischen Artillerie und Kavallerie

Volkswehren:

die Freiburger Volkswehr die Durlacher Volkswehr die Bruchsaler Volkswehr die Rotenfelser Volkswehr Teile der Mannheimer und Heidelberger Volkswehren Teile verschiedener pfälzischer Volkswehren

Freischaren:

die Deutsche Flüchtlingslegion die Deutsch-Ungarische Legion Teile der Deutsch-Polnischen und der Schwäbischen Legion die pfälzische Legion Robert Blum

Zu Beginn der Belagerung befanden sich insgesamt etwa 6.500 Kämpfer bzw. Soldaten und 180 Offiziere in der Festung. Hinzu kamen die bewaffnete Rastatter Bürgerwehr und ein Großteil der Einwohner von Rastatt, mehrere tausend Menschen.

Bewaffnung und Ausstattung In der Festung befanden sich 16 Feldgeschütze sowie 550, größtenteils auf den Wallanlagen montierte Festungsgeschütze, die allerdings nicht alle einsatzbereit waren. Pulver- und Bleivorräte zur Herstellung von Munition sowie Lebensmittel für eine längere Belagerung von ca. drei Monaten, waren ausreichend vorhanden. Auch Wein habe es im Überfluss gegeben, nur an Bier und Salz hätte es gemangelt.

Festungsgouverneur 268x268px|mini|Gouverneur Tiedemann gibt Anweisungen zum Ausbau der Festungsverteidigung. Ein aus allen Offizieren der Festung bestehender Kriegsrat bestätigte am 4. Juli Oberst Gustav Tiedemann als Gouverneur und damit als obersten Befehlshaber der Bundesfestung. Tiedemann war zunächst Berufsoffizier in der badischen Armee und leitete dann eine Kriegsschule in Griechenland. Sein jüngerer Bruder war mit einer Schwester von Friedrich Hecker verheiratet, wodurch er mit radikal-demokratischen Kreisen in Berührung kam. Von seiner Truppe verlangte der radikale Republikaner bedingungslosen Einsatz, der auch für ihn selbstverständlich war. So habe er am 8. Juli die Volkswehren zum Angriff auf Niederbühl gezwungen, indem er mit den Festungsgeschützen im Rücken drohte. Er selbst hätte sich dabei unerschrocken dem feindlichen Feuer ausgesetzt und wurde noch am gleichen Abend bei einem Rückzugsgefecht am Karlsruher Tor an der Schulter verletzt.

Stadtkommandant Ernst von Biedenfeld wurde zum Stadtkommandanten ernannt. Als solcher war er Tiedemann unmittelbar untergeordnet, erhielt von ihm die Tagesbefehle und war für die Einhaltung der angeordneten Befehle und Dienste in der Festung verantwortlich. Außerdem erhielt er das Kommando über die badische Linieninfanterie in der Festung. Auch von Biedenfeld war zunächst Berufsoffizier in Baden. 1843 wurde er nach Kontroversen mit seinen Vorgesetzten in den Ruhestand versetzt. Die Revolutionsregierung beförderte ihn zum Oberst. Sein früheres Regiment, das 3. Badische Linieninfanterieregiment, wählte ihn nach dem Aufstand im Mai zum Regimentskommandeur. Von Biedenfeld nahm an den Gefechten bei Wiesental, Ubstadt und Bruchsal teil. Im Gegensatz zu Tiedemann war er recht früh der Ansicht, dass eine Kapitulation der Festung unausweichlich wäre.

Festungsartillerie und Festungswerke Konrad Heilig wurde zum Kommandanten der Festungsartillerie und des Fort C (Friedrichsfeste) ernannt. Heilig war 1849 als Unteroffizier der badischen Artillerie in Rastatt stationiert. Er machte sich während des Rastatter Soldatenaufstands im Mai einen Namen. Als der badische Kriegsminister General Hoffmann befahl, Geschütze gegen die meuternden Soldaten in Stellung zu bringen, stellte sich Konrad Heilig vor die Mündung einer Kanone und beschwor seine Kameraden mit Erfolg, nicht auf ihresgleichen zu schießen. Karl Jakobi aus Mannheim wurde zum Kommandanten von Fort A (Leopoldsfeste) und der vom 2. Bayerischen Artillerieregiment desertierte Offiziersanwärter Heinrich Jakob von Fach zum Befehlshaber von Fort B (Ludwigsfeste) ernannt.mini|942x942px|Planskizze der Bundesfestung Rastatt aus dem Jahr 1857. Der Ausbau der Stadt Rastatt zu einer Festungsanlage des Deutschen Bundes begann im Jahr 1842. Die Festung wurde nach dem Polygonalsystem in "neupreußischer Festungsmanier" angelegt, wobei die Anlage unter Verzicht auf einen streng geometrischen Grundriss an das natürliche Gelände angepasst wurde. Die Hauptfestung umschloss den Stadtkern und bestand im Wesentlichen aus drei Forts, die durch gegliederte und gestaffelte Wehranlagen miteinander verbunden waren. Die nach badischen Großherzögen benannten Forts waren in sich abgeschlossene Einheiten, die unabhängig voneinander verteidigt werden konnten. Im Südosten von Rastatt das Fort A, die Leopoldsfeste, im Norden Fort B, die Ludwigsfeste, und nach Südwesten weisend das Fort C, die Friedrichsfeste. Die Befestigungsanlagen zwischen den Forts wurden als oberer, mittlerer und unterer Anschluss bezeichnet. Um die Hauptfestung waren Festungsgräben angelegt, die durch Schleusen mit dem Wasser der Murg geflutet werden konnten. Zur Stadt hin war die Festung durch bis zu 6 m hohe und 1,30 m dicke Mauern mit Schießscharten abgeschlossen. Die Gesamtanlage umfasste außerdem 30 Festungswerke innerhalb des Festungskerns sowie 17 Werke, die der Hauptfestung vorgelagert waren. Die insgesamt 47 Werke waren mit römischen Ziffern bezeichnet. Zum Zeitpunkt der Belagerung war der Ausbau der Festung sehr weitgehend, aber noch nicht vollständig abgeschlossen. So waren die Außenwerke, abgesehen von einigen Lünetten, im Sommer 1849 noch nicht vorhanden. Siehe auch: Festung Rastatt|zentriert Volkswehren und Freischaren Georg Böhning erhielt die Befehlsgewalt über die Volkswehren und Freischaren, die schließlich neu formiert und zu Bataillonen mit je 480 Mann umgruppiert wurden. Böhning war schon früh als demokratischer Agitator tätig und war am Frankfurter Wachensturm und am Hambacher Fest beteiligt. In Wiesbaden gehörte er später zu den Mitbegründern der Republikanischen Gesellschaft und des Arbeitervereins. Nach den Juli-Unruhen des Jahres 1848, als ein Teil der Wiesbadener Bevölkerung versuchte, inhaftierte Artilleriesoldaten zu befreien und die Stadt anschließend von Bundestruppen besetzt wurde, flüchtete Böhning in die Schweiz. Er wurde Kommandant der Deutschen Flüchtlingslegion, die er zuletzt während der Gefechte an der Murglinie führte.

Chef des Generalstabs mini|320x320px|Otto von Corvin (1812–1886)