Das Interminskabinett Karzai, auch bekannt als die afghanische Interimsbehörde, war die erste Regierung Afghanistans nach dem Sturz des Taliban-Regimes und die höchste Autorität des Landes vom 22. Dezember 2001 bis zur Vereidigung des Übergangskabinetts Karzai am 24. Juni 2002.
Hintergrund Nach den Anschlägen vom 11. September starteten die Vereinigten Staaten im Rahmen ihres sogenannten Kriegs gegen den Terror die Operation Enduring Freedom. Ziel war es, das Taliban-Regime in Afghanistan zu stürzen. Unmittelbar nach Beginn der US-geführten Invasion organisierten die Vereinten Nationen eine internationale Konferenz in Bonn. Ziel dieser Konferenz war es, in Zusammenarbeit mit führenden afghanischen Anti-Taliban-Akteuren, die Grundlagen für die Wiederherstellung eines afghanischen Staates und die Einrichtung einer Übergangsregierung zu schaffen.
Das Ergebnis dieser Verhandlungen war die sogenannte Bonner Vereinbarung, das die Schaffung einer afghanischen Interimsbehörde vorsah. Diese Behörde sollte am 22. Dezember 2001 offiziell die Macht übernehmen und drei Hauptorgane umfassen: eine Interimsverwaltung, ein Oberstes Gericht und eine Sonderkommission zur Einberufung einer „Not-Loja-Dschirga“. Diese Versammlung sollte innerhalb von sechs Monaten nach Einrichtung der Interimsbehörde stattfinden und eine Übergangsregierung einsetzen, die die Interimsbehörde ersetzen würde.
Die wichtigste Institution dieser Interimsbehörde war die Interimsverwaltung, die aus einem Vorsitzenden, fünf stellvertretenden Vorsitzenden und 24 weiteren Mitgliedern bestehen sollte. Jedes dieser Mitglieder sollte die Leitung eines Ministeriums übernehmen. Im Rahmen der Bonner Vereinbarungen wurde zudem beschlossen, dass Hamid Karzai die Funktion des Vorsitzenden der Interimsverwaltung übernehmen würde.
Nach Abschluss der Loja Dschirga 2002 wurde die Interimsverwaltung durch eine Übergangsverwaltung abgelöst.
Interimskabinett + Übergangskabinett Karzai Amt/Ministerium Bild Amtsträger/Minister Information Partei/Allianz Abstammung Studium/Dienst Ämter Vorsitzender zentriert|rahmenlos|100px Hamid Karzai 20px|alt= Royalist Paschtune(Kandahar) Politik(Master, ) Vizevorsitzender zentriert|rahmenlos|100px Mohammed Fahim 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert) Tadschike(Pandschschir) –First Vicepresident, Mohammad Qasim Fahim Vizevorsitzender zentriert|rahmenlos|100px Hedayat Amin Arsala 20px|alt= Royalist20px|alt= Mahāz-e Millī-ye Islāmi Paschtune(Kabul) Wirtschaft(Doktor, USA) Vizevorsitzender zentriert|rahmenlos|100px Mohammed Mohaqiq 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Hezb-e Wahdat Hazara(Balkh) Islam(Bachelor, ) Vizevorsitzender zentriert|rahmenlos|100px Mohammad Shakir Kargar 20px|alt= Nordallianz Usbeke(Faryab) Jura(Bachelor, Afghanistan)Geschichte(Master, 20px|alt= Sowjetunion)Philosophie(Doktor, ) Vizevorsitzende zentriert|rahmenlos|100px Sima Samar 20px|alt= Royalistin Hazara(Ghazni) Medizin(Bachelor, Afghanistan) Ministerien Verteidigung zentriert|rahmenlos|100px Mohammed Fahim 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert) Tadschike(Pandschschir) – Auswärtiges zentriert|rahmenlos|100px Abdullah Abdullah 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert) Tadschike(Pandschschir) Augenmedizin(Bachelor, Afghanistan) Inneres zentriert|rahmenlos|100px Yunus Qanuni 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi Tadschike(Pandschschir) – Finanzen zentriert|rahmenlos|100px Hedayat Amin Arsala 20px|alt= Royalist20px|alt= Mahāz-e Millī-ye Islāmi Paschtune(Kabul) Wirtschaft(Doktor, USA) Kultur und Information zentriert|rahmenlos|100px Sayed Makhdoom Raheen 20px|alt= Royalist20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert)Conrad Schetter: Ethnicity and the Political Reconstruction of Afghanistan. 2005 (englisch, zef.de PDF, S. 12). sunnitischer Sayyid(Kabul) Persische Literatur(Master und Doktor, ) Justiz Abdul Rahim Karimi 20px|alt= Nordallianz (alliiert) Usbeke unbekannt Bildung zentriert|rahmenlos|100px Rasul Amin 20px|alt= Royalist Paschtune(Kunar) Politik(Bachelor und Master, )Soziologie und Anglistik(Master, ) Landwirtschaft zentriert|rahmenlos|100px Sayed Hussein Anwari 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Harākat-e Islāmī schiitischer Sayyid(Parwan) Lehramt(Afghanistan) Bewässerung Mangal Hussain 20px|alt= Peschawar-Gruppe20px|alt= Hizb-i Islāmī Hekmatyār Paschtune unbekannt Handel zentriert|rahmenlos|100px Sayed Mustafa Kazemi 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Hezb-e Wahdat schiitischer Sayyid(Parwan) – Bergbau und Industrie Mohammed Alim Razm 20px|alt= Nordallianz Usbeke unbekannt Kleinindustrie zentriert|rahmenlos|100px Mohammad Arif Noorzai 20px|alt= Nordallianz Paschtune(Kandahar) –(Studium der Landwirtschaft in Afghanistan aufgrund der sowjetischen Invasion abgebrochen)Profile: Kandahar Profile Höhere Bildung Sharif Fayez 20px|alt= Nordallianz Tadschike(Herat) Amerikanische Literatur(Doktor, USA) Gesundheit zentriert|rahmenlos|100px Suhaila Siddiq – PaschtuninSiddiq, Lt Gen. Dr. Mrs. Suhaila Sediqqi Afghan Bios(Kabul) 10px Dagar Jenral(Generalleutnantin in der afghanischen Armee)Medizin(Doktor, 20px|alt= Sowjetunion) Grenzangelegenheiten Amanullah Khan Zadran 20px|alt= Royalist (alliiert)Zadran, Amanullah Khan Afghan Bios Paschtune(Paktia) – Energie und Wasser zentriert|rahmenlos|100px Mohammad Shakir Kargar 20px|alt= Nordallianz Usbeke(Faryab) Jura(Bachelor, Afghanistan)Geschichte(Master, 20px|alt= Sowjetunion)Philosophie(Doktor, ) Haddsch und Moschee Hanif Balkhi – Schiite unbekannt Kommunikation Abdul Rahim Sayed Jan 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi TadschikeRahim wird auch als Paschtune bezeichnet: afghan-bios.info.(Badachschan) Bauingenieurwesen(Bachelor, Afghanistan) Transport zentriert|rahmenlos|100px Sultan Hamid Sultan 20px|alt= Nordallianz Hazara(Kabul) unbekannt Zivile Luftfahrt und Tourismus Abdul Rahman22. Dezember 2001 bis 14. Februar 2002 (†) 20px|alt= Nordallianz Nuristani oder TadschikeHolger Kulick: Wer wird was in Afghanistan. Zwei Ministerinnen und 27 umstrittene Ministerposten. In: Spiegel Online. 6. Dezember 2001. unbekannt Flüchtlinge zentriert|rahmenlos|100px Enayatullah Nazari 20px|alt= Nordallianz (alliiert)20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert) Tadschike(Parwan) Politik und Jura(Afghanistan) Ländliche Entwicklung Abdul Malik Hamwar 20px|alt= Nordallianz Tadschike(Kapisa) unbekannt Arbeit und Soziales Mirwais Sadik 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Dschamiat-i Islāmi (alliiert) Tadschike(Herat) – Märtyrer und Behinderte zentriert|rahmenlos|100px Abdullah Wardak 20px|alt= Nordallianz (alliiert) 20px|alt= Tanzīm-e Da'wat-e Islāmī (alliiert) Paschtune(Wardak) – Frauen zentriert|rahmenlos|100px Sima Samar 20px|alt= Royalistin Hazara(Ghazni) Medizin(Bachelor, Afghanistan) Städtische Entwicklung zentriert|rahmenlos|100px Haji Abdul Qadeer 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Hezb-i Islami Khālis Paschtune(Nangarhar) – Öffentliche Arbeiten Abdul Khalig Fazal 20px|alt= Royalist Paschtune unbekannt Planung zentriert|rahmenlos|100px Mohammed Mohaqiq 20px|alt= Nordallianz20px|alt= Hezb-e Wahdat Hazara(Balkh) Islam(Bachelor, ) Wiederaufbau Mohammad Amin Farhang 20px|alt= Royalist TadschikeFarhang, Mohamad Amin Dr. Mir Afghan Bios(Kabul) Volkswirtschaftslehre(Bachelor, Afghanistan; Master und Doktor, ) Gesamt Afghanistan:Westliche Welt:Iran:Sowjetunion/Russland:Pakistan:Indien:Sonstige:
Geschichte Verhandlungen in Bonn An der Bonner Konferenz nahmen neben elf Mitgliedern der Vereinten Nationen vier Delegationen teil, die verschiedene Anti-Taliban-Fraktionen repräsentierten: 26 Mitglieder der Islamischen Vereinigten Front (im Westen besser bekannt als Nordallianz), 19 der sogenannten Rom-Gruppe (Royalisten, die dem ehemaligen König Mohammed Zahir Schah treu waren), zehn der sogenannten Zypern-Gruppe (Exil-Afghanen mit Verbindungen zum Iran und ablehnender Haltung zum afghanischen Königshaus), sowie sieben der sogenannten Peschawar-Gruppe (überwiegend königsnahe paschtunische Exilanten in Pakistan) bestand.United Nations Talks on Afghanistan, Außenministerium Japans, 6. Dezember 2001. Während der Konferenz kontrollierte die Nordallianz etwa die Hälfte des afghanischen Territoriums, einschließlich der Hauptstadt Kabul. Burhanuddin Rabbani, ein prominentes Mitglied der Nordallianz, hatte den Präsidentenpalast in Kabul übernommen und bestand darauf, dass jegliche Verhandlungen über die Zukunft Afghanistans innerhalb des Landes stattfinden sollten.Filling the Vacuum: The Bonn Conference, PBS, 2001.
Die Wahl der Führung der Interimsregierung war ein zentraler Streitpunkt. Rabbani war gegen die Festlegung von Namen für die Regierung während der Konferenz. Allerdings entschieden sich die Vertreter der Nordallianz, angeführt von dem jungen Führer Yunus Qanuni, nach erheblichem Druck seitens der USA und Russlands, die Verhandlungen ohne Rabbani fortzusetzen.
Zu Beginn der Konferenz schien der ehemalige König Zahir Schah breite Unterstützung zu genießen. Doch die Nordallianz lehnte diesen Vorschlag ab. In den letzten Tagen der Konferenz kristallisierten sich zwei Kandidaten für die Leitung der Interimsregierung heraus: Hamid Karzai, ein Paschtune, der von den USA gestützt wurde, und Abdul Satar Sirat, ein Usbeke oder Tadschike und Qanunis Schwager,Abdul Satar Sirat Afghan Bios der von der Rom-Gruppe vorgeschlagen wurde. Schließlich einigten sich die Teilnehmer darauf, Karzai die Leitung der Interimsverwaltung zu übertragen.
Bildung des Kabinetts mini|Karzai, Fahim und Donald H. Rumsfeld (April 2002) Nachdem Karzai als Vorsitzender der Interimsverwaltung gewählt worden war, bildete er ein Kabinett mit 30 Mitgliedern. Etwa die Hälfte der Kabinettspositionen gingen an die Nordallianz, während die Rom-Gruppe acht Positionen besetzte. Diese umfassten auch Warlords, die über private Milizen verfügten. Zu den bekanntesten Mitgliedern der Interimsverwaltung gehörte die sogenannte Pandschschir-Troika,Ahmad Taheri: Wahlfieber am Hindukusch. In: FAZ.net, 8. Oktober 2004.Aman, Shahida. POLITICS OF PATRIMONIALISM REVISITED: THE CASE OF AFGHAN STATE MAKING AND UNMAKING bestehend aus Yunus Qanuni, Mohammad Fahim und Abdullah Abdullah, drei Tadschiken aus Pandschschir und führenden Persönlichkeiten der Nordallianz. Afghanistan war seit den frühen 1990er Jahren in einen Zustand schwerer Fragmentierung und Fraktionierung geraten. Karzai versuchte, das Land zu einen, indem er alle vier bedeutenden ethnischen Gruppen im Kabinett repräsentierte.Mark Oliver: The new Afghan administration In: The Guardian. 5. Dezember 2001.Bezhan, Frud: Remembering Karzai. In: Radiofreeeurope/Radioliberty. Die Einbeziehung unterschiedlicher Warlords in das Kabinett und ihre Ernennung zu hohen Provinzpositionen stieß in Afghanistan hauptsächlich auf negative Reaktionen. Viele betrachteten es als einen Versuch Karzais, nach dem Sturz der Taliban alle wichtigen Akteure in den Wiederaufbau Afghanistans einzubeziehen, um zukünftige Konflikte zu vermeiden.Dipali Mukhopadhyay: Warlords As Bureaucrats: The Afghan Experience. In: carnegieendowment.org, August 2009.