Die Orthokeratologie (auch: Ortho-K, engl. Corneal Reshaping, Orthokeratology) ist die gezielte Veränderung der Hornhautform durch speziell geformte formstabile Kontaktlinsen, um eine zeitlich eingeschränkte Korrektion von Fehlsichtigkeiten (insbesondere Myopie und Astigmatismus) ohne Sehhilfe zu erreichen. Moderne orthokeratologische Kontaktlinsen werden in der Regel nur während des Schlafes getragen. Sie eignen sich als Alternative zu refraktiver Chirurgie, Brillen und während der Wachphase getragenen Kontaktlinsen.

Geschichte Dass flach angepasste formstabile Kontaktlinsen über den Tag getragen zu einer temporären Verringerung von Kurzsichtigkeit führen, wurde schon in den 1960er Jahren entdeckt.N. Jessen: Orthofocus techniques. In: Contacto. 6(7), 1962, S. 200–204.G. N. Jessen: Contact lenses as a therapeutic device. In: Am J Optom Arch Am Acad Optom. 41, 1964, S. 429–435. Dabei wurde die Abflachung der zentralen Hornhautradien mit bewusst flach angepassten formstabilen Kontaktlinsen aus PMMA erreicht. Die Kontaktlinsen wurden über den Tag getragen und erlaubten ein verbessertes Sehen ohne Korrektur am Nachmittag und am Abend. Diese Methode dauerte häufig einige Wochen bis Monate, bevor ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielt wurde. Außerdem waren mehrere unterschiedliche Kontaktlinsen nötig. Zudem waren die Ergebnisse wenig vorhersagbar und nicht stabil. Die maximal erreichbare Korrektur lag bei ca. −2,50 Dioptrien.R. L. Kerns: Research in orthokeratology. Part III: results and observations. In: J Am Optom Assoc. 47, 1976, S. 1505–1515.P. S. Binder, C. H. May, S. C. Grant: An evaluation of orthokeratology. In: Ophthalmology. 87, 1980, S. 729–744. Bis in die 1990er war dieses Verfahren eine Randerscheinung.

Zwei Meilensteine brachten neue Möglichkeiten für die Orthokeratologie. Zum einen wurden Ende der 1980er Jahre neue, hoch gasdurchlässige Materialien für formstabile Kontaktlinsen entwickelt. Dadurch wurde es möglich, auch große (sogenannte grenzlimbale) formstabile Kontaktlinsen zu tragen, ohne eine Sauerstoffunterversorgung (Hypoxie) der Hornhaut zu verursachen, selbst bei langen Tragezeiten und Über-Nacht-Tragen.D. L. MacKeen, M. Sachdev, V. Ballou, H. D. Cavanagh: A prospective multicenter clinical trial to assess safety and efficacy of Menicon SF-P RGP lenses for extended wear. In: CLAO J. 18, 1992, S. 183–186. Zum anderen führte die technologische Entwicklung dazu, dass neue Messgeräte für die augenoptische Praxis erschwinglich wurden. Der Hornhauttopograph machte es möglich, einen viel größeren Bereich der Hornhautoberfläche genau zu vermessen und dreidimensional darzustellen. Somit konnte man genauer beobachten und kontrollieren, welche Auswirkungen die Orthokeratologie auf die Hornhautform hat.J. Mountford: Orthokeratology-Principles and Practice. Butterworth-Heinemann, London 2004.D. Ruston, T. Dave: Accelerated orthokeratology - an introduction. In: Optom Today. 37(20), 1997, S. 28–34.P. J. Caroline: Contemporary orthokeratology. In: Cont Lens Anterior Eye. 24, 2001, S. 41–46.

Auch die technologische Weiterentwicklung auf dem Gebiet der Kontaktlinsenherstellung brachte der Orthokeratologie neuen Aufschwung. Innovative sogenannte „reverse“ Geometrien konnten gefertigt werden, was dazu führte, dass die Kontaktlinsen stabiler auf dem Auge saßen, und der Prozess der Abflachung wesentlich beschleunigt wurde. Daher wurde diese Art der Orthokeratologie „accelerated“, (beschleunigte) Orthokeratologie genannt.R. J. Wlodyga, C. Bryla: Corneal molding: the easy way. In: Contact Lens Spectrum. 4(8), 1989, S. 58–65.D. H. Harris, N. Stoyan: A new approach to orthokeratology. In: Contact Lens Spectrum. 7(4), 1992, S. 37–39.

FDA-Zulassung Die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) erteilte bereits 1994 einer orthokeratologischen Kontaktlinse die Zulassung. Diese wurde jedoch ausschließlich tagsüber getragen (Contex OK-Lens). Im Juni 2002 folgte die Zulassung der sogenannten „Corneal Refractive Therapy“ (CRT). Bei dieser Korrektionsweise werden die Kontaktlinsen ausschließlich während des Schlafens getragen. Diesem Prinzip folgen die modernen Ortho-K-Kontaktlinsen bis heute. mini|Typischer Sitz einer Orthokeratologischen Kontaktlinse, Tränenfilm mit Fluoreszein eingefärbt mini|Topographiebild einer durch Ortho-K-Kontaktlinsen veränderten Hornhautoberfläche

Orthokeratologie heute

In der modernen Orthokeratologie werden ausschließlich formstabile Kontaktlinsen aus hoch gasdurchlässigem Material verwendet. Diese Kontaktlinsen werden während des Schlafes getragen und haben eine spezielle reverse Geometrie, die grundlegend aus 4 Zonen besteht. Diese Geometrie ermöglicht die Korrektur der gesamten Fehlsichtigkeiten mit nur einem Paar Kontaktlinsen, ohne dass Zwischenschritte nötig sind.

Wirkungsweise Die Abflachung der Hornhautradien wird durch verschiedene Veränderungen auf Ebene des cornealen Epithels (Hornhaut) erreicht. Zum einen nimmt die Dichte der Basalzellen des Epithels ab,X. Zhong, X. Chen, R. Z. Xie, J. Yang, S. Li, X. Yang, X. Gong: Differences between overnight and long-term wear of orthokeratology contact lenses in corneal contour, thickness, and cell density. In: Cornea. 28(3), Apr 2009, S. 271–279. und zum anderen verändern sich die Zellen in Größe und Form.A. Nieto-Bona, A. González-Mesa, M. P. Nieto-Bona, C. Villa-Collar, A. Lorente-Velázquez: Long-term changes in corneal morphology induced by overnight orthokeratology. In: Curr Eye Res. 36(10), Okt 2011, S. 895–904. Weitere Untersuchungen zeigten zudem eine Umverteilung von Epithelzellen.S. Haque u. a.: Corneal and epithelial thickness changes after 4 weeks of overnight corneal refractive therapy lens wear measured with Optical Coherence Tomography. In: Eye Cont Lens. 30, Okt 2004, S. 189–193, discussion S. 205–206.A. Alharbi, H. A. Swarbrick: The Effects of Overnight Orthokeratology Lens Wear on Corneal Thickness. In: Invest OphthVis Sci. 44, Jun 2003, S. 2518–2523.J. Tsukiyama u. a.: Changes in the Anterior and Posterior Radii of the Corneal Curvature and Anterior Chamber Depth by Orthokeratology. In: Eye & Contact Lens. 34, Jan 2008, S. 17–20. Bezogen auf die Gesamtdicke wird die zentrale Dicke der Hornhaut dadurch um 2 % verdünnt. In der Peripherie (um die optische Zone herum) wird die Hornhaut dicker und irregulär.Kang, Gifford, Swarbrick: Can Manipulation of Orthokeratology Lens Parameters Modify Peripheral Refraction? In: Optometry and vision science. 2013.Kobayashi, Yangi, Chikamoto, Chikama, Ueda, Nishida: Reversibility of effects of orthokeratolgy on visual acuity, refractive error, corneal topography and contrast sensitivity. In: Eye & contact lens. 34, 4, 2008, S. 224–248.Kojima, Hasegawa, Hara, Horai, Yoshida, Nakamura, Dogru, Ichikawa: Quantitative evaluation of night vision and correlation of refractive and topographical parameters with glare after orthokeratology. In: Graefes archive for clinical and experimental ophthalmology. 249, 10, 2011, S. 1519–1526.Maseedupally, Gifford, Lum, Swarbrick: Central and Paracentral Corneal Curvature Changes During Orthokeratology. In: Optometry and Vision Science. 2013 / Oleszezynska-Prost: Orthokeratology in myopic children. In: Klinika oczna. 115, 2013, S. 40–43.

Grenzen Die FDA (Food and Drug Administration) beschränkt die Zulassung auf einen Korrektionswert von –6,00 dpt und einen Astigmatismus bis –1,75 dpt. Es gibt jedoch auch Hersteller, die orthokeratologische Kontaktlinsen für die Korrektur von höheren Astigmatismen (Hornhautverkrümmung), Hyperopie (Weitsichtigkeit) und Presbyopie (Altersweitsichtigkeit) anbieten.

Vorteile Ein klarer Vorteil der Orthokeratologie gegenüber der Brille oder herkömmlichen Kontaktlinsen ist die Tatsache, dass man während der gesamten Wachphase keinerlei Sehhilfe tragen muss. Mehrere Studien haben gezeigt, dass die Lebensqualität in Bezug auf das Sehen (Vision related Quality of Life, kurz:VR-QOL) von Orthokeratologie-Kontaktlinsen-Trägern höher eingeschätzt wird als die von Brillenträgern oder Trägern von weichen Kontaktlinsen.E. Santolaria u. a.: Subjective satisfaction in long-term Orthokeratology patients. In: Eye & Contact Lens. 39, Nov 2013, S. 388–393.M. J. Rah u. a.: Comparison of NEI RQL–42 scores in LASIK vs. CRT patients. In: Invest Ophthalmol Vis Sci. 45, 2004, E-Abstract 1578.D. A. Berntsen, G. L. Mitchell, J. T. Barr: The effect of overnight contact lens corneal reshaping on refractive error-specific quality of life. In: Optom Vis Sci. 83, Jun 2006, S. 354–359.J. J. Walline u. a.: Benefits of contact lens wear for children and teens. In: Eye & Contact Lens. 33(Pt 1), Nov 2007, S. 317–321. Die orthokeratologischen Kontaktlinsen werden immer in der gleichen räumlichen Umgebung getragen, dadurch ist die Verlustgefahr sehr gering.

Es müssen tagsüber keinerlei kontaktlinsen- bzw. brillenrelevante Hilfsmittel (z. B. Brillenputztuch, Kontaktlinsenbehälter, Nachbenetzung) mitgeführt werden. Da die Sehschärfe auch mit aufgesetzten orthokeratologischen Kontaktlinsen sehr gut ist, gibt es nach der Eintragephase (siehe unten Anpassung) keinen Moment der Unschärfe mehr.

Auch gegenüber der refraktiven Chirurgie bietet die Orthokeratologie einige Vorteile. Das Verfahren ist vollständig reversibel.Kobayashi, Yangi, Chikamoto, Chikama, Ueda, Nishida: Reversibility of effects of orthokeratolgy on visual acuity, refractive error, corneal topography and contrast sensitivity. In: Eye & contact lens. 34 (4), 2008, S. 224–248.J. T. Barr, M. J. Rah, W. Meyers, J. Legerton: Recovery of Refractive Error After Corneal Refractive Therapy. In: Eye & Contact Lens. 30, Okt 2004, S. 247–251.P. S. Soni, T. T. Nguyen, J. A. Bonanno: Overnight Orthokeratology: Refractive and Corneal Recovery After Discontinuation of Reverse-Geometry Lenses. In: Eye & Contact Lens. 30, Okt 2004, S. 254–262. Wenn der Träger also mit den visuellen Nebenwirkungen (siehe unten) nicht zurechtkommt, kann er nach einigen Tagen ohne Ortho-K-Kontaktlinsen wieder seine vorherigen Sehhilfen verwenden. Falls sich die Stärke verändert, können einfach neue Kontaktlinsen angepasst werden, die dann zur entsprechenden Korrektion führen. Orthokeratologie greift nicht in das Hornhautgewebe ein, es werden keine Strukturen verletzt, somit gelten für dieses Verfahren nicht die Risiken einer OP.

Nachteile Der Aufbau der flacheren optischen Zone auf der Hornhaut bewirkt eine Versteilung um diese Zone herum, welche eine höhere Pluswirkung aufweist und somit eine stärkere Brechung der Randstrahlen bewirkt. Wenn diese Randstrahlen bei weit geöffneter Pupille (bei schlechten Lichtverhältnissen) ins Auge gelangen, entstehen sogenannte Halos (Lichtkreise um Lichtquellen). Außerdem wird das Kontrastsehen in der Dämmerung und der Nacht dadurch verringert und die Blendempfindlichkeit erhöht.Kojima, Hasegawa, Hara, Horai, Yoshida, Nakamura, Dogru, Ichikawa: Quantitative evaluation of night vision and correlation of refractive and topographical parameters with glare after orthokeratology. In: Graefes archive for clinical and experimental ophthalmology. 249 (10), 2011, S. 1519–1526.Hebestedt, Jungnickel, Duncker, Sickenberger: Multizentrische Studie zur Fahrtauglichkeit von Orthokeratologie-Kontaktlinsenträgern. In: die Kontaktlinse. 10/2007. Um den bestmöglichen Effekt zu erzielen, sollten die Kontaktlinsen jede Nacht 6 bis 8 Stunden getragen werden. Diese Tatsache kann bedeuten, dass die Orthokeratologie sich nicht in jeden Tagesablauf integrieren lässt. Geht eine Kontaktlinse verloren oder zu Bruch, muss schnell für Ersatz gesorgt werden. Mit jeder Nacht ohne Ortho-K-Kontaktlinsen kehrt die alte Fehlsichtigkeit zurück.

Gegenanzeigen extrem trockene Augen jegliche chronische Erkrankungen der Hornhaut (z. B. Keratokonus, PMD, Endotheldystrophien etc.) corneale Hyposensitivität unregelmäßige Schlafrhythmen, extrem lange Wachphasen (24h-Dienste) schlechte Compliance (Hygiene, Kontrollrhythmen)

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