Der Dreikönigenschrein im Kölner Dom ist ein als Goldschmiedearbeit hergestelltes Reliquiar aus der Zeit Ende des 12. Jahrhunderts. Er birgt Gebeine, die Erzbischof Rainald von Dassel im Jahr 1164 nach Köln brachte und die in der römisch-katholischen Kirche als die Reliquien der Heiligen Drei Könige verehrt werden. Außerdem enthält der Schrein die Gebeine von Gregor von Spoleto sowie weitere Teile, die nicht mehr zuzuordnen sind, lange jedoch den Heiligen Felix und Nabor zugeschrieben wurden, denen auch ein gotisches Fenster in der Michaelskapelle gewidmet ist.

Der Schrein, der etwa zwischen 1190 und 1225 gefertigt wurde, gilt als das größte und künstlerisch anspruchsvollste Reliquiar, das aus dem Mittelalter erhalten ist. Nach 1181 war Nikolaus von Verdun Leiter der Werkstatt. Der Schrein ist zweigeschossig und hat scheinbar die Form einer Basilika. Er ist aber, wie von der Rückseite erkennbar, eine Kombination von drei SchreinenArnold Wolff: Der Dreikönigenschrein. In: Ders.: Der Dom zu Köln. Hrsg. von Barbara Schock-Werner, Greven Verlag Köln 2015, S. 28. und mit goldenen Figuren, Edelsteinschmuck, Gemmen, Kameen und Emailschmelzen verziert, die die christliche Heilsgeschichte von den Anfängen des Alten Testaments bis zum Jüngsten Gericht illustrieren.

Der Schrein wurde zunächst im karolingischen Hildebold-Dom aufgestellt; die Reliquien und ihr kostbares Behältnis dürften – nicht zuletzt wegen der aufkommenden Pilgerströme – den Entschluss zum Bau eines neuen, gotischen Doms ab dem Jahr 1248 mitveranlasst haben.Walter Schulten: Kölner Reliquien. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige, In: Anton Legner: Ornamenta Ecclesiae, Kunst und Künstler der Romanik in Köln, Bd. 2, Köln 1985, S. 75. Innerhalb des gotischen Doms hatte der Schrein unterschiedliche Standorte; seinen heutigen zentralen Platz hinter dem Hochaltar nimmt er seit 1948 ein. mini|hochkant=1.8|Dreikönigenschrein im Kölner Dom

Vorgeschichte und Kontext Reliquien Über den Ursprung der Dreikönigs-Reliquien und ihre Verehrung liegen keine gesicherten Erkenntnisse vor. Der Überlieferung zufolge soll die hl. Helena, die Mutter Kaiser Konstantins, um das Jahr 326 von Konstantinopel nach Palästina gereist sein, dort die Reliquien aufgefunden und an sich genommen haben.

Eine Vita des Mailänder Bischofs Eustorgius I. (343–349) aus dem 12. Jahrhundert berichtet, dass die Gebeine zu Beginn des 4. Jahrhunderts durch ihn aus Konstantinopel nach Mailand übertragen wurden, wozu es jedoch keine älteren Quellen gibt. Eine frühe Verehrung der drei Weisen als Heilige ist nicht belegt und auch eher unplausibel, da sich die Heiligenverehrung jener Zeit auf Märtyrer konzentrierte. Erst später verehrte man auch Bekenner. So berichtet etwa der Kirchenvater Ambrosius von Eustorgius und erwähnte dabei Nabor und Felix, nicht jedoch die Dreikönigsreliquien.Walter Schulten: Kölner Reliquien. Die Gebeine der Heiligen Drei Könige. In: Anton Legner: Ornamenta Ecclesiae, Kunst und Künstler der Romanik in Köln, Bd. 2, Köln 1985, S. 71–74. mini|Ursprünglicher Bestattungsort der Drei Könige in der Kirche Sant’Eustorgio in Mailand In Mailand wurden die Gebeine bis zum Jahr 1158 in einem Sarkophag aus dem 3. Jahrhundert in der Kirche St. Eustorgio außerhalb der Stadt aufbewahrt. Als die Belagerung Mailands durch Friedrich Barbarossa drohte, brachte man die Reliquien im Glockenturm der Kirche San Giorgio al Palazzo innerhalb der Stadtmauern in (vorläufige) Sicherheit. Dort blieben sie, bis Friedrich Barbarossa sie nach der Zerstörung der Stadt Ende März 1162 seinem engen Berater, dem Kölner Erzbischof Rainald von Dassel, zum Geschenk machte.

Situation in Köln Der Hildebold-Dom in Köln – der Vorgängerbau des gotischen Doms – war bereits zuvor mit wertvollen Reliquien ausgestattet gewesen, so gab es den Petrusstab, dann die Petrusketten, mit denen der Überlieferung zufolge der Apostel im Kerker gefesselt war, sowie ein Kopfreliquiar des hl. Silvester.Rolf Lauer: Dreikönigenschrein. In: Anton Legner: Ornamenta Ecclesiae, Kunst und Künstler der Romanik in Köln, Bd. 2, Köln 1985, S. 215.

Rainald von Dassel wiederum war als Erzbischof von Köln einer der Wahlmänner des deutschen Königs und auch enger Berater Kaiser Friedrich Barbarossas mit großem Einfluss auf die europäische Reichspolitik. Als Erzkanzler von Italien war er maßgeblich an dessen Italienzug, der erfolgreichen Eroberung Mailands und der Politik rund um das Papsttum beteiligt. Die Reliquien galten als jene der ersten christlichen Könige, die Jesus als dem „König der Könige“ huldigten; die drei Männer waren so zu einem Vorbild des weltlichen Königtums geworden. Der Besitz ihrer Gebeine verschaffte Rainald höchste politische Macht, indem sie seinen Anspruch auf die Krönung der deutschen Könige stärkten. Die eigentliche Krönungszeremonie der Könige fand seit Anfang des 11. Jahrhunderts im Aachener Dom (Kölner Kirchenprovinz) statt; die Reliquien brachten Rainald zusätzlich in den symbolischen „Besitz“ des weltlichen Königtums.Joseph Hoster: Der Dom zu Köln. Greven Verlag, Köln 1964, S. 13.

Geschichte und Standorte des Schreins Im alten Dom Friedrich Barbarossa hatte dem Erzbischof von Köln die Reliquien am 9. Juni 1164 überlassen, und dieser begab sich von Vercelli nahe Mailand aus auf den Weg nach Köln. Er wählte aus Sicherheitsgründen den Weg über „Burgund und die gallischen Provinzen“, ein belegter Aufenthalt war Vienne; die weitere Route könnte über die Champagne und Flandern geführt haben, ist jedoch nicht mehr nachweisbar.

Am 23. Juli 1164 erreichte er Köln, wo die Reliquien feierlich „in der Mitte des Doms“ platziert wurden. Der genaue Standort und die Form der Präsentation sind nicht bekannt.Walter Schulten: Der Ort der Verehrung der Heiligen Drei Könige. In: Die Heiligen Drei Könige – Darstellung und Verehrung. Köln 1992, S. 61. Der Nachfolger Rainald von Dassels im Bischofsamt, Philipp von Heinsberg beauftragte Nikolaus von Verdun mit der Herstellung eines Schreins für die wertvollen Reliquien. Er selbst erlebte jedoch die Fertigstellung nicht mehr, legte aber vor seinem Tod noch die Gebeine in das neue Behältnis. Erst 1225 wurde die Arbeit am Reliquienschrein abgeschlossen.

Der Dreikönigenschrein wurde vermutlich zentral im Langhaus des alten Domes aufgestellt, auf der Mittelachse leicht nach Osten versetzt. Die Reliquien zogen zahlreiche Gläubige an, allerdings war der alte Dom nur begrenzt zur Durchleitung größerer Menschenmengen geeignet; hinzu kam, dass der Bau wohl der Bedeutung als „Behälter“ für diese Reliquien und ihren Schrein nicht mehr gerecht wurde.

Im gotischen Dom mini|hochkant=.8|Schrein mit rotgoldenem Schutzgitter, Darstellung von 1633 mini|hochkant=.8|Ca. 1668/90 bis 1889 wurde der Schrein in einem Marmormausoleum bewahrt (Johannes Vogel, 1780) Bei der Planung des Neubaus wurde als Platz für den Schrein die Mitte der Vierung, also genau am Schnittpunkt von Lang- und Querhaus vorgesehenHermann Crombach, Primitarium Gentium, 1654 – nach Einschätzung des Kunsthistorikers Rolf Lauer ein überaus ungewöhnlicher Aufstellungsort für einen solchen Schrein. Dies hätte nicht nur praktische Gründe gehabt, sondern auch die Symbolkraft der Reliquien zur Untermauerung des Krönungsanspruchs genutzt – die Kölner Kathedrale wäre zur „Königskathedrale“ geworden.Rolf Lauer: Der Schrein der Heiligen Drei Könige. Köln 2006, ISBN 978-3-922442-53-0, S. 92.

Da sich der Baufortschritt am neuen Dom verzögerte, änderte man jedoch die Pläne zur Aufstellung. Als 1322 der Domchor geweiht wurde, der Rest des Doms jedoch nicht fertiggestellt war (der alte Dom war kurz nach der Grundsteinlegung des neuen Domes abgebrannt), wurde der Schrein in der zentralen Achskapelle im Osten des Chorumgangs aufgestellt. Die Pilger wurden jetzt am Südportal hereingeführt, bewegten sich gegen den Uhrzeigersinn entlang des Kapellenkranzes durch den Chorumgang, am Dreikönigenschrein vorbei, außerdem am Gerokreuz in der Kreuzkapelle, und verließen den Dom durch das Nordportal. Zum Schutz wurde der Schrein mit einem rot-goldenen Gitter versehen.

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erfuhr der Domchor eine umfassende barocke Neuausstattung. Der Dreikönigenschrein wurde in den Jahren 1668–1690 mit einem monumentalen Marmormausoleum umgeben, sodass er nur noch durch ein Gitterfenster an der Front sichtbar war.

Auslagerung während der französischen Besatzung Kurz vor dem Einmarsch der Franzosen im Jahr 1794 brachte man Schrein und Reliquien sowie weitere Teile des Domschatzes in der Prämonstratenserabtei Wedinghausen im Sauerland in Sicherheit. Die Reliquien selbst blieben dort bis Ende 1803, der Domschatz mit dem Schrein wurde jedoch auf verschiedene Standorte verteilt, darunter die Freie Stadt Frankfurt. Nach dem Reichsdeputationshauptschluss fielen Arnsberg und das kurkölnische Sauerland im Jahr 1803 an Hessen-Darmstadt, dessen Landgraf Ludwig X. die Kirchengüter auf seinem Gebiet für sich beanspruchte, sodass es einiger Mühe bedurfte, Reliquien, Domschatz und Schrein aus dem Rechtsrheinischen wieder zurück nach Köln zu bekommen.

Das linksrheinische Köln war in dieser Zeit zwar weiterhin von den Franzosen besetzt, jedoch war seit 1801 das Konkordat mit Napoleon in Kraft, sodass von dieser Seite aus eine gefahrlose Rückkehr der Reliquien möglich wurde. Bis dahin waren sie im Hochaltar der Arnsberger Abtei aufbewahrt worden, und der Landgraf von Hessen hatte sich überzeugen lassen, die Reliquien zurückzugeben. Anfang Dezember 1803 wurde die hölzerne Reliquienlade entsiegelt, geöffnet und ihr Inhalt überprüft, um sicherzustellen, dass keine materiellen Güter nach Köln verbracht wurden. Anschließend wurden die Gebeine ins rechtsrheinische Deutz in die Hauskapelle der dortigen Abtei transportiert. Erst am 4. Januar des nächsten Jahres erreichten die Reliquien – noch ohne den Schrein – wieder Köln und wurden am 6. Januar 1804 (Epiphanias – Dreikönigsfest) feierlich in den Dom zurückgebracht.Kölner Domblatt 23/24, 1964: Achthundert Jahre Verehrung der Heiligen Drei Könige in Köln. Jakob Torsy: Achthundert Jahre Dreikönigenverehrung in Köln; XII. Die Rückkehr der Reliquien der Heiligen Drei Könige im Jahre 1803; S. 103–108.

Unter anderem der Frankfurter Domscholaster Franz Anton Molinari und der französische Resident Jean Pierre Hirsinger setzten sich für die Rückbringung des Schreins von Frankfurt nach Köln ein – auch hierzu musste man den behaupteten Ansprüchen des hessisch-darmstädtischen Landgrafen entgegenwirken. Der Schrein wurde stark beschädigt im Juni 1803 nach Köln zurückgebracht und zunächst von den französischen Besatzungsbehörden beschlagnahmt. Im März 1804 erlaubten die Behörden die Rückgabe an den Dom, wo er allerdings erst nach aufwendigen Restaurierungsarbeiten 1808 seinen Platz in der Achskapelle einnehmen konnte.

Eine weitere Restaurierung erfolgte nach einer massiven Beschädigung durch einen Diebstahl im Jahr 1820, bei dem Figuren und Steine von der Stirnseite abgerissen worden waren; diese Restaurierung war 1822 abgeschlossen und der Schrein wieder an seinem Platz.Kölner Domblatt 23/24, 1964: Achthundert Jahre Verehrung der Heiligen Drei Könige in Köln. Jakob Torsy: Achthundert Jahre Dreikönigenverehrung in Köln; XII. Die Rückkehr der Reliquien der Heiligen Drei Könige im Jahre 1803; S. 110.

Öffnung und Untersuchung des Schreins