mini|Scientology-Symbol: Das „S“ steht für Scientology. Das untere Dreieck (ARC-Dreieck) symbolisiert gemäß Scientology Affinität, Realität und Kommunikation (engl. communication). Das obere (KRC-Dreieck) steht für Wissen (knowledge), Verantwortung (responsibility) und Kontrolle (control). mini|Das internationale Hauptquartier der Scientology-Kirche in Los Angeles mini|Deutschland-Zentrale von Scientology in Berlin
Scientology [] ist eine neue religiöse Bewegung, deren Dogmen auf Schriften des amerikanischen Schriftstellers L. Ron Hubbard zurückgehen. Ihre Ideologie und Praxis sind von szientistischen und psychotherapeutisch anmutenden Komponenten geprägt, die später um transzendente Aspekte erweitert wurden.
In der Öffentlichkeit sind sowohl der Religionscharakter als auch die Methoden der Organisation überaus umstritten. Dies gilt in besonderem Maße für Deutschland und Frankreich. In Deutschland wird die Scientology-Kirche seit 1997 in mehreren Bundesländern aufgrund eines Beschlusses der Innenministerkonferenz durch den Verfassungsschutz beobachtet. So heißt es im Bericht 2016: „Die SO (Scientology Organisation) strebt eine Gesellschaft ohne allgemeine und gleiche Wahlen an und lehnt das demokratische Rechtssystem ab.“
In einigen anderen Ländern, wie den Vereinigten Staaten, genießt die Church of Scientology nach jahrelangem Rechtsstreit den Status einer steuerbefreiten Religionsgemeinschaft.
Etymologie Der Begriff Scientology ist aus dem Partizip Präsens Aktiv des lateinischen Verbs scire („wissen“) bzw. dessen nominalisierter Form scientia („Wissen“, „Wissenschaft“) und dem griechischen λόγος (Logos, u. a. „Wort“, „Rede“ oder „Logik“) zusammengesetzt und wird von der Scientology-Kirche mit Wissen über das Wissen übersetzt.
Das Oxford English Dictionary führt den ersten Gebrauch des Begriffs auf den Schriftsteller Anastasius Nordenholz zurück, dessen Buch Scientologie – Wissenschaft von der Beschaffenheit und der Tauglichkeit des Wissens 1934 erschien.Oxford English Dictionary, Second Edition 1989, Artikel „Scientology“. Tatsächlich ist der Begriff in der englischen Schreibweise Scientology schon früher nachweisbar.So etwa bei
Geschichte 1950 beschrieb L. Ron Hubbard in Dianetics (deutsch: „Dianetik“) ein System von Psychotechniken, das er in den folgenden Jahren in ein „Scientology“ genanntes Gedankensystem einbettete. In den Jahren von 1950 bis 1954 existierten eine Reihe unterschiedlicher Gruppen, teils als kurzlebige formale Organisationen, die versuchten, Hubbards Dogmen umzusetzen. 1953 ließ Hubbard die Church of Scientology als Markenzeichen eintragen und gründete im Februar 1954 mit der Church of Scientology of California die erste Zweigstelle. In der folgenden Zeit erweiterte er das scientologische Gedankensystem um kosmologische und metaphysische Elemente, systematisierte die Ideologie und gestaltete die Organisation hierarchischer. In den Jahren bis 1967 konnte seine Church of Scientology quasi einen Alleinvertretungsanspruch für Scientology erlangen, expandierte in den USA und dehnte sich auch ins Vereinigte Königreich, nach Australien, Neuseeland, Südafrika sowie in das damalige Rhodesien aus. Ende der 1960er Jahre hatte Scientology den vorläufigen Höhepunkt ihres Erfolges erreicht.
Im folgenden Jahrzehnt expandierte Scientology weniger stetig; in Kopenhagen wurde eine Filiale für Kontinentaleuropa eingerichtet, und Scientology versuchte, in Skandinavien, Deutschland und den Benelux-Staaten Fuß zu fassen. Während die Zahl der Niederlassungen wuchs – in den USA und in Großbritannien wurden allein zwischen 1971 und 1977 einhundert Missionen gegründet, in Kontinentaleuropa weitere dreißig – entfernte sich Hubbards 1967 gegründete Sea Organization (kurz: Sea Org), die von da an faktische Machtzentrale, welche zunächst bis 1975 auf einem Schiff im Pazifik untergebracht war, immer stärker von der Basis der anderen Scientology-Organisationen. Gleichzeitig wurde Hubbards Führungsstil zunehmend autokratischer. Nachdem einige führende Mitglieder der Church of Scientology Hubbards Organisation und Führungsstil als zu autoritär betrachteten, gründeten diese in den Jahren ab 1982 eigenständige Gruppen, insbesondere die Freie Zone. So kam es von 1982 bis 1984 zu vermehrten Austritten aus Hubbards Organisation.
Nach Hubbards Tod 1986 stabilisierte sich die Organisation unter Führung des von David Miscavige gegründeten und geleiteten Religious Technology Centers. Unter Miscavige hat sich Scientology vor allem einer Produktdifferenzierung gewidmet und eine Reihe neuer Unterorganisationen gebildet. Auch in geographischer Hinsicht hat Scientology versucht, weiter zu expandieren. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs eröffnete sich religiösen Bewegungen ein neues Missionierungsgebiet. Scientology versuchte in den postkommunistischen Staaten Fuß zu fassen und hatte dabei gemischten Erfolg. Zum Beispiel gelang es in Russland zwar, eine „größere Anhängerschaft“ zu bilden; jedoch geht der russische Staat sehr repressiv gegen Scientology-Organisationen vor. In Ostdeutschland hatte Scientology unerwartet geringen Erfolg. https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0967067X02000144
Anhängerschaft mini|hochkant|Scientology-Gebäude in Los Angeles Anders als die meisten Neuen religiösen Bewegungen ist Scientology nicht aus der Gegenkultur der 1960er Jahre entstanden; dementsprechend unterscheidet sich ihre Mitgliederstruktur wesentlich von der anderer Bewegungen.James A. Beckford: Cult Controversies: The Societal Response to New Religious Movements. Tavistock, London/England 1985, S. 59. So werden bei Scientology insbesondere verheiratete Angestellte mit überdurchschnittlichem Bildungsniveau rekrutiert; das Verhältnis von Männern zu Frauen beträgt in etwa drei zu zwei.
Die Zahl der Anhänger der Scientology ist nicht eindeutig feststellbar, weil unklar ist, wer zu den Mitgliedern der Organisationen gezählt werden kann und wer nur zu den Anhängern der Ideen der Scientology gehört.
Scientology sprach 2005 von über 10 Millionen Anhängern. Diese Zahl umfasst auch Personen, die lediglich an einem Einführungskurs teilnahmen. Seriöse empirische Annahmen gingen, ebenfalls 2005, von kaum mehr als 100.000 Anhängern aus.
Die mit Abstand meisten Scientologen leben in den USA. Dort wurden schon Mitte der 1960er Jahre 50.000 bis 100.000 Anhänger vermutet. 1990 ergab eine repräsentative Umfrage unter US-Amerikanern nur noch 45.000 Scientologen. Schätzungen von 2004 stellten eine Konsolidierung auf 55.000 US-amerikanische Anhänger (etwa 0,018 % der Gesamtbevölkerung) fest. Die US-Volkszählungsbehörde nahm 2012 sogar nur noch ca. 25.000 aktive Scientologen in den USA an und berief sich dabei auf eine 2008 erschienene Studie des Trinity College, Hartford.(NB: Excel-Tabelle; 47 kB)
In Deutschland, wo die Scientology-Kirche 2004 die Zahl ihrer Anhänger mit 12.000 bezifferte, soll es laut Quellen des bayerischen Verfassungsschutzes 3.500 Scientologen geben (Stand 2019), wobei der engere Kreis noch deutlich kleiner geschätzt wird.
In Basel entstand 2015 nach Berlin und Hamburg das dritte „Musterzentrum“ (Ideal Org) im deutschsprachigen Raum. Die lokale Bevölkerung stellte sich auf „langfristigen Widerstand ein“, so hieß es im Tages-Anzeiger.Ein Luxustempel soll die Scientology-Krise kaschieren. Tages-Anzeiger vom 17. April 2015 Die Zahl der Schweizer Mitglieder wird mit 5.000 angegeben, welche von 300 „hauptamtlichen Mitgliedern“ betreut werden.So viele Scientologen leben unter uns. Tages-Anzeiger vom 17. April 2015.
In Ungarn gab es 1993 etwa 5.000 Scientologen; das sind rund ein halbes Promille der Gesamtbevölkerung. Die geographische Hochburg der Bewegung bleiben die Vereinigten Staaten, insbesondere die Westküste. Daneben vermutete der Soziologe William S. Bainbridge anhand von Websites von Scientologen 2004 weitere Schwerpunkte in Italien, dem Vereinigten Königreich, Australien, Deutschland, Russland, Frankreich und Mexiko.
Lehre und Praktiken Herzstück der scientologischen Lehre ist die Vorstellung, dass das unsterbliche Wesen jedes Menschen, der Thetan, durch traumatische Erlebnisse und insbesondere durch zwei Ereignisse vor Millionen Jahren massiv in seiner Funktionsweise beeinträchtigt worden sei. Scientology-Technologien, vor allem das Auditing, könnten die Funktionen des Thetan zumindest teilweise wiederherstellen. Erklärtes Ziel der Scientology ist es, auf diese Weise das Leben des Einzelnen zu verbessern, sein geistiges und körperliches Wohlbefinden zu steigern, und mehr Geld zu verdienen. Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Hinwendung aller Menschen zu den Gedanken der Scientology das Hauptziel, daneben wird vornehmlich die Abschaffung der Psychiatrie gefordert.
Scientologys Weltbild Einen wichtigen Ausgangspunkt des scientologischen Wirklichkeitsmodells bildet das physikalische Universum, welches laut Scientology aus Matter, Energy, Space und Time (MEST; deutsch: Materie, Energie, Raum und Zeit) besteht. Parallel zu diesem Modell setzt sich der Mensch laut Scientology aus drei Teilen, dem Thetan, dem Verstand und dem sterblichen Körper zusammen.
Der Thetan Der in Anlehnung an den griechischen Buchstaben Theta (Θ) benannte Thetan ist nach scientologischer Vorstellung das unsterbliche Wesen eines Menschen, also dessen Seele oder Geist. Der Thetan habe zunächst eine Reihe von Fähigkeiten besessen, diese jedoch im Laufe der Geschichte durch traumatische Erlebnisse verloren. Thetane würden, ähnlich wie im Weltbild des Hinduismus, über mehrere Millionen Jahre in verschiedenen physischen Formen reinkarnieren.
Das Universum ist nach scientologischer Vorstellung eine Schöpfung des Thetans; es habe keine unabhängige Existenz, sondern gewinne seine Realität nur dadurch, dass die meisten Thetane ihm diese Existenz zusprechen. Das MEST-Universum (Matter, Energy, Space, Time) sei also nur eine Illusion, in welcher der sich nun als sterblicher Körper wahrnehmende Thetan, der seine ursprüngliche Natur vergessen hat, gefangen sei.
Ein zentrales Problem der irdischen Thetane wird hierbei durch den Xenu-Mythos erklärt, der von einem das „Böse“ verkörpernden intergalaktischen Herrscher handelt, der Thetane von weit entfernten Planeten auf die Erde verschleppt habe und dort durch gewaltsame Verfahren so schwer traumatisiert habe, dass sie nun als körperlose Cluster (Körper-Thetanen genannt) anderen Menschen anhängen und sie in ihren Möglichkeiten beeinträchtigen würden. Für die meisten Scientologen spielt dieser Mythos, der erst spät in der Scientology-Schulung eingeführt wird und eher sinnbildliche Bedeutung haben mag, jedoch kaum eine Rolle; allerdings messen einige Vertreter der Freien Zone ihm mehr Bedeutung zu, und er ist zentral im Diskurs vieler Scientology-Kritiker.Rothstein, S. 382–383
Der Verstand Der Verstand vermittelt nach scientologischer Lehre zwischen Thetan und Körper, er setze sich aus einem „analytischen“ und einem „reaktiven“ Teil zusammen.Dobbelaere, S. 189. Der analytische Verstand löse bewusst Probleme und speichere Erfahrungen für spätere Problemlösungen als mentale Bilder. Demgegenüber speichere der reaktive Teil unabhängig davon körperliche oder emotionale Schmerzen als sogenannte Engramme in einem separaten Speicher. Engramme würden den Thetan noch weiter in seinen schöpferischen Fähigkeiten einschränken; je mehr Engramme sich ansammelten, desto weiter sei der Mensch von seiner wahren Natur entfernt. Dieses Schicksal zu vermeiden, ist das Ziel des Scientologen. Die Methoden der Dianetik sollen diese Engramme auflösen, den Scientologen von ihrem hemmenden Einfluss befreien und ihm die Gewissheit zurückgeben, dass er ein Thetan, ein spirituelles Wesen, sei.
Überlebenswille und Ethik mini|Das Scientology-Kreuz: Die acht Enden des Kreuzes stehen für die „acht Dynamiken“.