mini|Luftbild (2012) Der U-Boot-Bunker Valentin, auch U-Boot-Bunker Farge genannt, ist ein im heutigen Bremer Ortsteil RekumAus historischen Gründen wird der Bunker häufig Farge zugeordnet. Er befindet sich aber im Bremer Ortsteil Rekum. Vgl. Rekum bei OpenStreetMap – damals Farge-Rekum – an der Weser gelegenes Bauwerk, das während des Zweiten Weltkrieges von 1943 bis März 1945 unter Einsatz von Zwangsarbeitern errichtet wurde, wobei Tausende ums Leben kamen. In dem U-Boot-Bunker sollten U-Boote des Typs XXI in Sektionsbauweise gebaut werden. Es handelte sich um das größte Rüstungsprojekt der Kriegsmarine. Der Bunker wurde zu etwa 95 Prozent fertiggestellt; auf Grund des Kriegsverlaufes wurde der geplante Bau der Typ-XXI-Boote aber nicht mehr aufgenommen.
Der Bunker ist gemessen an der Grundfläche (35.375 m²) der größte freistehende Bunker in Deutschland und nach der U-Boot-Reparaturwerft Brest in Frankreich der zweitgrößte in Europa. Verbaut wurden eine Million Tonnen Kies und Sand, 132.000 Tonnen Zement und 20.000 Tonnen Stahl.
Ein Teil des Bunkers wurde von 1960 bis Ende 2010 von der Bundeswehr als Teildepot des Wilhelmshavener Marinematerialdepots 2 genutzt. Zwischen Mai 2011 und November 2015 wurde dieser Teil zu einer Gedenkstätte mit Besucherzentrum umgebaut. Dazu investierten der Bund und das Land Bremen jeweils 1,9 Millionen Euro.Radio Bremen (9. Mai 2011), auch Denkort Bunker Valentin, am 6. Februar 2014. Am 8. November 2015 wurde die Gedenkstätte als Denkort Bunker Valentin eröffnet. Begehbar ist der Teil des Bunkers, der von der Bundesmarine als Depot genutzt wurde. Der zerstörte Teil des Bunkers ist seit Ende der Umbauarbeiten in einem Tunnel einsehbar. Der Rest der Ruine ist aus Sicherheitsgründen gesperrt.Führungen auch im Innenraum des Bunkers wieder möglich. In: Denkort Bunker Valentin. 30. Januar 2013.
Das Gebäude steht seit 2005 unter Bremer Denkmalschutz.
Planung Projekt mini|Baupier für die Materialanlieferungen (1944) Als die Bombenangriffe auf deutsche Werften zunahmen und die Produktion von U-Booten dadurch stark eingeschränkt wurde, wurden bombensichere Werften in Bunkern geplant. Eine meterdicke Zerschellschicht (im Bunker Valentin in Form einer Sieben-Meter-Spannbeton-Decke) sollte dafür sorgen, dass die Produktion nicht von alliierten Luftangriffen gestört werden konnte.
Gegen Ende des Jahres 1942 gab Albert Speer, seit Februar 1942 Rüstungsminister, den Plan für eine der größten Bunkerwerften heraus. Als Standort wurde Bremen-Farge ausgewählt, aufgrund der infrastrukturell günstigen Anbindung an die Weser und der enormen Fertigungskapazitäten der nahegelegenen Bremer Großwerften. Der Bunker sollte nach Fertigstellung von der Werft Bremer Vulkan zur Endmontage der in Sektionsbauweise fließbandartig gebauten U-Boote des Typs XXI genutzt werden. Ein weiterer Bunkerbau namens „Hornisse“ wurde im Hafen Bremen für die AG Weser begonnen, um dort U-Boot-Sektionen zu fertigen. Andere Sektionen sollten im Bunker „Wespe“ in Wilhelmshaven hergestellt und dann per Schiff zum Bunker Valentin zur Endmontage gebracht werden.
Die Bezeichnung richtete sich nach den Anfangsbuchstaben der Standorte: „Valentin“ stammt von Vegesack, dem Standort der Vulkan-Werft (nach anderen Quellen von Vulkan, dem Namen der Werft selbst). Der U-Boot-Bunker in Hamburg-Finkenwerder hieß „Fink II“, der Bunker Wespe stand in Wilhelmshaven, in Kiel gab es den U-Boot-Bunker Kilian, in Bremen-Gröpelingen Kap-Horn-Straße den Bunker Hornisse.
In Erwartung der baldigen Fertigstellung des Bunkers besuchten Großadmiral Dönitz am 22. April 1944 und Propagandaminister Joseph Goebbels am 24. November 1944 die Baustelle. Goebbels kam von der Deschimag AG Weser Werft in Gröpelingen mit dem Schnellboot für eine etwa einstündige Stippvisite angereist.„Die Fahrt geht bei einem schönen Wetter vor sich, dauert etwa zwei Stunden und gibt mir eine wundervolle körperliche und seelische Erfrischung. In der Nähe von Vegesack wird ein Riesen-U-Boot-Bunkerbau besichtigt, der zum Teil schon fertig gestellt ist. Er hat eine Betondecke von 7 m und scheint damit auch gegen die modernsten feindlichen Bomben gefeit zu sein. Der Bau trägt einen wahren Mammut-Charakter. 8000 Arbeiter, insbesondere KZ-Sträflinge und sowjetische Kriegsgefangene, arbeiten daran. […] Die Rückfahrt nach Vegesack selbst ist wiederum sehr schön.“
Produktionsweise Im Bunker sollte nach der Fertigstellung alle 56 Stunden ein U-Boot vom Stapel laufen, was zu einer monatlichen Produktion von 14 Booten geführt hätte. Planungen von Ende 1944 sahen vor, dass nach dem Produktionsanlauf im April 1945 zunächst monatlich drei Boote fertiggestellt werden sollten und ab August 1945 die (vorläufige) maximale Kapazität von 14 Booten erreicht sein würde.
Die Sektionen der Boote sollten in anderen Fabriken – hauptsächlich in den Werften Blohm & Voß, Deschimag AG Weser und Deschimag Seebeck AG – vorgefertigt und unter der Leitung des Bremer Vulkan im Bunker „Valentin“ auf einer Montagelinie zusammengebaut und komplett ausgerüstet werden. Vorgesehen waren 13 Montagestationen, wobei die Station 13 ein etwa 8 m tiefes Wasserbecken mit anschließender Ausfahrt zur Weser war. Die Stationen 12 und 13 waren vom übrigen Bereich durch Mauern und Schleusentore abgetrennt und konnten bis zu einer Höhe von 14 m geflutet werden.
Nach dem Aufschwimmen des Bootes in Station 12 wurde dieses seitlich nach Station 13 verschoben. Nach dem Erreichen des Höchstwasserstands von 14 m wären somit in der Station 13 stationäre Dichtigkeits- und Funktionsprüfungen bis 22 m Tiefe (Kiel des Bootes) möglich gewesen.
Valentin 2 Da es im Werftbunker Valentin mit den 13 Taktplätzen nicht genügend Platz für die Ausrüstung der U-Boote gab, wurde im November 1944 der Planungsauftrag für den Bunker „Valentin 2“ erteilt. Mit den Erdarbeiten wurde im Februar 1945 begonnen, Ende März 1945 wurden sie eingestellt.
Bau mini|Überblick auf die Turmdrehkräne auf dem Bau (1944) mini|Zwangsarbeiter beim Positionieren eines Spannbetonbogens mit Stahlstangen (1944) Der Bau wurde von der Organisation Todt geplant und beaufsichtigt. Die Bauleitung wurde seit dem Baubeginn im Frühjahr 1943 von der Arbeitsgemeinschaft Agatz & Bock wahrgenommen, die Leitung vor Ort oblag Erich Lackner und der Deschimag AG Weser. Für die Anlieferung der Baustoffe wurden Kaianlagen an der Weser geschaffen und eine Nebenstrecke der Marinebahn Farge–Schwanewede gebaut. 50 Firmen in zwei Arbeitsgemeinschaften waren mit der Bauausführung beschäftigt. Die Bauarbeiten fanden praktisch unter den Augen der Alliierten statt, wie zahlreiche englische und amerikanische Luftbilder belegen.
Als Arbeitskräfte wurden 10.000 bis 12.000 Zwangsarbeiter aus den von der NS-Wehrmacht besetzten Gebieten und dem KZ Neuengamme herbeigeschafft. Sie mussten in Zehnstundenschichten den Bunker errichten. Vermutlich sind bei den Bauarbeiten 2000 bis 6000 Menschen ums Leben gekommen, genauere Zahlen sind jedoch schwer zu erfassen. 1700 Tote sind registriert. Die Namen der polnischen und sowjetischen Toten sind nur unzureichend überliefert. Viele Zwangsarbeiter starben an Unterernährung oder physischer Erschöpfung.
Lager für Arbeiter und Häftlinge In der Region Bremen-Farge mit den heute niedersächsischen Ortschaften Schwanewede und Neuenkirchen gab es damals auf einer Fläche von 6 mal 2 km sieben Häftlingslager.
1937 richtete die Firma Gottlieb Tesch aus Berlin ein Aufenthaltslager für Firmenmitarbeiter am Waldweg (heute An de Deelen) in Lüssum ein. Ergänzend kamen zunächst 300 „Fremdarbeiter“ hinzu. Diese wurden bereits ab 1938 bei dem Bau von 78 unterirdischen Bunkern des gigantischen Treibstoff-Tanklagers der Tarnfirma Wifo in Farge eingesetzt (Tanklager Farge). In der Nähe dieser Baustelle, an der heutigen Betonstraße, wurde 1938 das „Gemeinschaftslager Tesch“ errichtet, mit Baracken für die Unterbringung von ca. 2000 Beschäftigten. Um 1941 waren darunter ca. 400 Zwangsarbeiter (Kriegsgefangene).Johr/Roder, S. 22–26.
Im „Gemeinschaftslager Tesch“ auf der Baustelle des Wifo-Tanklagers Farge richtete die Gestapo Bremen im Oktober 1940 das erste sogenannte Arbeitserziehungslager überhaupt ein, das AEL-Farge. Die Gefangenen wurden von der Gestapo zur Zwangsarbeit an die Baufirmen vermietet, u. a. auch auf der Baustelle des U-Boot-Bunkers. Um den übergroßen Bedarf an Arbeitskräften (bei Mangel an Baumaschinen) für den Bau des U-Boot-Bunkers zu decken, wurde 1943 das KZ-Arbeitslager Farge als drittgrößtes Außenlager des KZ Neuengamme errichtet. Über 2.500 Gefangene wurden als Arbeitssklaven der SS mit brutaler Gewalt zu Schwerarbeit auf der Baustelle gezwungen. Viele von ihnen waren in einem 1940 gebauten, unbenutzten Öltank des Marine-Öltanklagers untergebracht, nachdem dessen Bau am 3. Juli 1941 eingestellt worden war. Dort waren sie ohne Tageslicht, unterernährt und unter unerträglichen hygienischen Bedingungen auf engstem Raum in unmenschlicher Weise eingepfercht. Andere KZ-Gefangene mussten in Baracken auf dem Gelände der Baustelle des Marine-Öltanklagers hausen.
Eine 1939 errichtete Arbeiterwohnanlage, das „Marinegemeinschaftslager“ aus Holz- und Steinbaracken (darunter die Baracke „Wilhelmine“) wurde 1944 zur Unterbringung von ca. 1400 Zwangsarbeitern genutzt.
Auf einem Acker nahe der U-Boot-Bunker-Baustelle wurde 1943 das Lager „Farge-Rekumer Feldmark“ mit 24 Baracken errichtet, für ca. 1500 Zwangsarbeiter (sowjetische Kriegsgefangene und Gefangene des Gestapo-„Arbeitserziehungslagers“) sowie ca. 600 Marinesoldaten (Marine-Landesschützenzug Farge, zur Bewachung der Gefangenenlager und der Baustellen).
In Schwanewede wurden um 1943 zwei große Zwangsarbeiterlager eingerichtet, Heidkamp I und Heidkamp II, mit insgesamt 36 Baracken für ca. 2800 sogenannte „Ostarbeiter“ und für italienische Kriegsgefangene.
Bombardierung und Bauende mini|Ein RAF-Offizier begutachtet das Loch, das eine „Grand Slam“-Bombe hinterlassen hat, die das Stahlbetondach durchschlug. mini|Sachschäden durch Luftangriffe am 9. Februar, 27. und 30. März auf die Baustelle des U-Bootbunkers Valentin, deren Erstattung die Firmen Kögel und Möller am 3. Mai 1945 beantragten. Staatsarchiv Bremen Sign. 4,64/6-376mini|hochkant|Eine Grand Slam hat die Betondecke des U-Boot-Bunkers Valentin in Bremen durchschlagen.|alternativtext= mini|Einschlagsloch einer der zwei britischen Bomben, die Valentin trafen Anfang 1943 begann die Flächenbombardierung Bremens und der Werften Deschimag AG Weser und Bremer Vulkan. Der Bunker wurde nicht bombardiert, obwohl der Baufortschritt den Alliierten durch Luftaufklärung bekannt war. Vermutlich war es ihnen wichtiger, dass die Baustelle Material und Arbeitskräfte band, das somit anderen Rüstungsprojekten entzogen wurde. Erst kurz vor Inbetriebnahme, als der Bunker zu etwa 90 % fertiggestellt war, wurden 1945 drei Luftangriffe auf ihn geflogen.Staatsarchiv Bremen Sign. 4,64/6-376
Der erste Angriff erfolgte am 9. Februar 1945. Den zweiten am 27. März 1945 flogen 18 speziell ausgerüstete Bomber vom Typ Lancaster B Mk.I (Special) der Royal Air Force, die mit 13 Grand Slams (je 10 t), vier Tallboys (je 5,4 t) und zwölf 454-kg-Bomben bewaffnet waren. Zwei Treffer sind zu verzeichnen, zwei Grand Slams drangen etwa 2 m tief in die – in der ersten Ausbaustufe befindliche – 4,5 m starke Decke ein. Beide rissen jeweils ein Loch von etwa 8 m Durchmesser in die Bunkerdecke, von denen eines in nebenstehender Abbildung mit heraushängender Armierung, im Volksmund seiner Form wegen heute „Toter Mann“ genannt, zu sehen ist.