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Glücksspielstörung oder Pathologisches Spielen,Der Glücksspielmarkt in Deutschland. (PDF; 3,4 MB) Handelsblatt; abgerufen am 13. April 2021 umgangssprachlich auch als (Glücks-)Spielsucht bezeichnet, ist eine psychische Störung, die aktuell als Verhaltenssucht (ICD-11) bzw. Abhängigkeitserkrankung (DSM-5) klassifiziert wird.Pathologisches Glücksspielen. aerzteblatt.de; abgerufen am 13. April 2021Glücksspielsucht. (PDF; 237 kB) Universität Luzern, abgerufen am 13. April 2021

Sie wird durch die Unfähigkeit eines Betroffenen gekennzeichnet, dem Impuls zum Glücksspiel oder Wetten zu widerstehen, auch wenn dies gravierende Folgen im persönlichen, familiären oder beruflichen Umfeld nach sich zu ziehen droht oder diese schon nach sich gezogen hat.

Männer sind davon häufiger betroffen als Frauen. In Deutschland weisen laut der letzten Studie je 0,6 % der Bevölkerung eine schwere und mittlere Glücksspielstörung sowie 0,9 % eine leichte Glücksspielstörung auf.

Die Glücksspielstörung (Gambling Disorder) darf nicht mit der Computerspielstörung (Gaming Disorder) verwechselt werden. Allerdings sind die Übergänge zwischen den beiden Störungsbildern fließend, sobald Computerspiele Glücksspielelemente enthalten (z. B. sogenannte Lootboxen).

Symptome mini|Ein Haufen Jetons Häufiges oder auch episodenhaft wiederholtes Spielen ist mit einer ausgesprochenen gedanklichen Beschäftigung bezüglich „erfolgversprechender“ Spieltechniken oder Möglichkeiten zur Geldbeschaffung – das erforderliche „Anfangskapital“ – verbunden. Versuche, dem Spieldrang zu widerstehen, scheitern wiederholt, das Spielen selbst wird vor anderen (Familienangehörigen wie Therapeuten) verheimlicht, was oft zu schwerwiegenden finanziellen Konsequenzen führt, letztlich jedoch oft zum Zerbrechen von Beziehungen, auch, weil sich der Betroffene immer wieder darauf verlässt, andere (Familienangehörige, Freunde, alte Bekannte) würden ihm die notwendigen Mittel „ein letztes Mal“ beschaffen oder die entstandenen Schulden begleichen.

Das Spielen selbst kann dazu dienen, psychosoziale ProblemeSpielsucht: Psychosoziale Faktoren, NetDoktor, abgerufen am 27. Januar 2021 oder negative Stimmungen (Ängste, Depressionen, Schuldgefühle) zu mindern. Immer höhere Beträge werden eingesetzt, um Spannung und Erregung aufrechtzuerhalten. Unbehandelt erhöht krankhafte Spielsucht bei Betroffenen darüber hinaus das Suizidrisiko; sie nehmen sich dreimal öfter das eigene Leben als Nicht-Spielsüchtige.Spielsucht und Suizid. Psylex – Aktuelle Nachrichten aus der Psychologie; abgerufen am 6. September 2021.

Einige Fallbeispiele für Spielerkarrieren, sowie deren Entwicklung und therapeutische Möglichkeiten, werden in der ZDF-Dokumentation „Verzockt“ aus der Reihe 37 Grad vorgestellt, die Einblicke in die Gefühls- und Lebenswelt von Glücksspielsüchtigen gewährt.Verzockt. Wenn Glücksspiel zur Sucht wird ZDF; abgerufen am 6. September 2021.

Begriff mini|alternativtext=|Spielautomaten in der Spielbank Magdeburg (2016) Im September 1974 schlug Robert L. Spitzer, der die Taskforce on Nomenclature and Statistics der American Psychiatric Association für die Entwicklung des DSM-III leitete, vor, dem Manual die Kategorie ‚Impulsive Störungen‘ (Impulsive Disorders) neu hinzuzufügen, die aus den drei Störungsbildern Kleptomanie, Pyromanie und Zwanghaftes Glücksspielen bestehen sollte. Der dann später finale Störungsbegriff Pathologisches Glücksspielen (Pathological Gambling) wurde 1977 von Robert Custer, Gründer des National Council on Problem Gambling in den USA,History, National Council on Problem Gambling, abgerufen am 5. November 2021 parallel zu seiner Mitarbeit in der DSM-III Taskforce, während einer Keynote auf der „Ersten Internationalen Konferenz der Anonymen Glücksspieler“ (Gamblers Anonymus – Gam-Anon) erstmals vorgestellt.Inclusion of pathological gambling in DSM-III, its classification as a disorder of impulse control, and the role of Robert Custer. tandfonline.com; abgerufen am 5. November 2021

Basierend auf seinen Beobachtungen während der Behandlung Pathologischer Glücksspieler führte Custer das zentrale Diagnosekriterium der „chronischen und zunehmenden gedanklichen Beschäftigung“ (chronic and progressive preoccupation) mit dem Glücksspiel ein. Ebenfalls auf Custer ist die Aufnahme des Ausschlusskriteriums „Dissoziale Persönlichkeitsstörung“ (Dissocial Personality Disorder) in das diagnostische Manual zurückzuführen. Er begründete dies mit dem politischen Argument, dass anstatt von „moralisch Degenerierten“ nur Menschen, die Behandlung benötigen, diese auch erhalten sollten.

Das seit 2013 gültige DSM-5 und die seit 2022 gültige ICD-11 führten den Begriff Gambling Disorder bzw. Glücksspielstörung ein.

Ätiologie Ohne Glücksspielbeteiligung kann keine Glücksspielstörung entstehen. Nur ein sehr kleiner Anteil der aktiven Glücksspieler (ca. 2 %) entwickelt aber Probleme.

Ein komplexes Gefüge von Merkmalen der Person, der Umwelt und der Glücksspiele trägt zur Störungsentwicklung bei. Ein Modell, um diese komplexen Zusammenhänge von Faktoren und Prozessen sowie deren zeitliche Verläufe im Rahmen einer Störungsentwicklung zu integrieren, ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell.Verbraucherschutz bei Glücksspielen: Verantwortung von Anbietern und Spielern sowie Regulierungsbehörden, Forschung und Hilfesystem (PDF; 657 kB) gluecksspiel.uni-hohenheim.de, abgerufen am 2. Dezember 2021 Dieses Modell integriert zahlreiche Forschungsergebnisse und beschreibt das Auftreten einer Glücksspielstörung als Interaktion biologischer, psychologischer und sozialer Variablen und berücksichtigt die variierende Bedeutung der Variablen über die Lebensspanne. Zentral im Model sind zwei Komponenten: Vulnerabilitäten und Risikofaktoren.Scientific background: Paradigm shift in consumer protection, Technische Universität Dresden, abgerufen am 2. Dezember 2021

Unter Vulnerabilität versteht man die individuelle, angeborene und/oder früh erworbene Anfälligkeit einer Person bei bestimmten Ereignissen im Vergleich zu anderen Personen „verletzlicher“ (=vulnerabler) zu reagieren und mit höherer Wahrscheinlichkeit eine psychische Störung zu entwickeln. Dazu gehören genetische und neurobiologische Faktoren oder Traumata bzw. besondere Belastungen in der Kindheit und frühen Jugend. Die zweite wichtige Komponente im Modell sind die zeitlich später auftretenden Risikofaktoren. Dazu gehören gesellschaftliche Faktoren (z. B. Einstellungen zum Glücksspielen), psychosoziale Faktoren (Glücksspielen bei Freunden oder in der Familie), die Verfügbarkeit von Glücksspielen sowie dessen spezifische Merkmale.2 Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell – ein integratives Paradigma und seine Relevanz für die klinische Arbeit mit schizophren Erkrankten und ihren Angehörigen (PDF; 873 kB) w3-mediapool.hm.edu, abgerufen am 2. Dezember 2021Individuelle Vulnerabilität für Störungen durch Glücksspielen und Konsequenzen für den Verbraucherschutz (PDF; 698 kB) Technische Universität Dresden, abgerufen am 2. Dezember 2021

Ein zweites komplementäres Erklärungsmodell ist das sogenannte ‚Syndrome Model of Addiction‘, welches das spezifische Suchtverhalten als individuellen Ausdruck ein und desselben Sucht-Syndroms versteht.Toward a Syndrome Model of Addiction: Multiple Expressions, Common Etiology, Researchgate, abgerufen am 2. Dezember 2021

Diagnose

ICD-10 Pathologisches Spielen wird in der ICD-10-Klassifikation (zusammen mit Trichotillomanie, Kleptomanie und Pyromanie aber ohne Wetten) unter die Abnormen Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle eingeordnet. Nicht dazu gezählt wird das exzessive Spielen während manischer Episoden.

Die Kriterien lauten:

Wiederholte (2 oder mehr) Episoden von Glücksspiel über einen Zeitraum von mindestens einem Jahr. Diese Episoden bringen den Betroffenen keinen Gewinn, sondern werden trotz subjektiven Leidensdrucks und Störungen der sozialen und beruflichen Funktionsfähigkeit fortgesetzt. Die Betroffenen beschreiben einen intensiven Drang zu spielen, der nur schwer kontrolliert werden kann. Die Betroffenen schildern, dass sie nicht in der Lage sind, das Glücksspiel durch Willensanstrengung zu unterbrechen. Die Betroffenen sind ständig mit Gedanken und Vorstellung vom Glücksspiel oder mit dem Umfeld des Glücksspiels beschäftigt.

ICD-11 Die 2022 in Kraft getretene ICD-11 definiert die „Glücksspielstörung“ wie folgt:

Des Weiteren wurde der Diagnoseschlüssel „Gefährliches Glücksspielen oder Wetten“ aufgenommen. Dieser kann genutzt werden, wenn das Glücksspiel- oder Wettverhalten die Aufmerksamkeit und den Rat von Gesundheitsexperten erfordert, die diagnostischen Kriterien für eine Glücksspielstörung jedoch nicht erfüllt sind.

DSM-5 Im DSM-IV wurde von „pathological“ oder „compulsive gambling“ bzw. oft auch „problem gambling“ gesprochen. 2013 wurde im DSM-5 eine Reklassifikation des Störungsbildes unter Verwendung des wertneutraleren Begriffes „Gambling Disorder“ (Glücksspielstörung) in die Kategorie „Substance-Related and Addictive Disorders“ vorgenommen.American Psychiatric Association: Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM-5. Washington, DC 2013, Fifth Edition, ISBN 978-0-89042-555-8, S. 585–589. Dieser Schritt stellt einen Paradigmenwechsel dar, da stoffgebundene und stoffungebundene Suchterkrankungen nunmehr nosologisch gleichberechtigt nebeneinander stehen. Verschiedene Hinweise wie Übereinstimmungen in der Symptomatik, hohe Komorbiditätsraten in epidemiologischen und klinischen Studien, gemeinsame genetische Vulnerabilitäten, ähnliche biologische Marker und kognitive Beeinträchtigungen sowie in großen Teilen überlappende therapeutische Settings sprechen dafür, dass das pathologische Spielverhalten den Suchtkrankheiten zuzuordnen ist.G. Meyer: Unterbringung bei Spielsucht. In: Zeitschrift für Rechtspolitik Heft 5, 2013, S. 140–143

Krankheitsverlauf Eine sogenannte Spielerkarriere gliedert sich idealtypisch in drei Abschnitte, die erste wird als Einstiegs- oder Gewinnphase bezeichnet, darauf folgt die Gewöhnungs- oder Verlustphase und den Abschluss bildet die Sucht- oder Abhängigkeitsphase, die mitunter auch als Verzweiflungsphase bezeichnet wird.Krankheitsverlauf, spielen-mit-verantwortung.de, abgerufen am 2. Juni 2021VERLAUF EINER SPIELSUCHT Automatisch Verloren, abgerufen am 3. April 2021.

Einstiegs- oder Gewinnphase Die erste Phase beginnt in der Regel positiv, über 75 Prozent der Spielsüchtigen haben in dieser Anfangsphase noch oft gewonnen. Dies hat höhere Gewinnerwartungen sowie einen Anstieg der Risikobereitschaft zur Folge. Gegen Ende der Gewinnphase werden die gesetzten Beträge höher, bevor das Spielverhalten zur Gewohnheit wird.

Gelegentliches Spielen Positive Empfindungen vor und während des Spiels Unrealistischer Optimismus Entwicklung von Wunschgedanken Setzen immer größerer Beträge Verlust der Realität

Gewöhnungs- oder Verlustphase In der Gewöhnungs- oder Verlustphase intensiviert sich nicht nur das Spielverhalten, es beginnt auch die Gedanken des Spielers zu beherrschen. Ähnlich wie bei substanzgebundenen Süchten wird Glücksspiel als Gegenmittel bei Unruhe, Angespanntheit oder Niedergeschlagenheit eingesetzt. Betroffene lügen immer häufiger, um zu kaschieren, wie viel Geld und Zeit sie verloren haben.

Bagatellisierung der Verluste Prahlerei mit Gewinnen Entwicklung der Illusion, Verluste seien durch Gewinne abgedeckt Häufigeres Spiel alleine Häufigeres Denken an das Spiel Erste größere Verluste Verheimlichung von Verlusten und Lügen über Verluste Vernachlässigung von Familie und Freunden Beschäftigung mit dem Spiel während der Arbeitszeit Aufnahme von Schulden und Krediten Unfähigkeit, dem Spiel zu widerstehen Verlust von Familie und Freunden

Sucht- oder Abhängigkeitsphase