mini|hochkant=1.6|Sitz des Verlags im Bieberhaus, Hamburg, seit März 2019 Der Rowohlt Verlag wurde 1908 in Leipzig gegründet. Heute ist Rowohlt Teil einer Unternehmensgruppe von Buchverlagen in Hamburg (von 1960 bis März 2019 in Reinbek bei Hamburg) und in Berlin. Seit 1982 gehören die Rowohlt Verlage zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck.
Geschichte Der erste Verlag: 1908–1913
Ernst Rowohlt gründete 1908 seinen Verlag, mit dem er in das Vorderhaus der berühmten Offizin Drugulin nach Leipzig zog. Das erste Buch, das er verlegte, war Lieder der Sommernächte seines Bremer Schulfreunds Gustav Edzard, doch es erwies sich als unverkäuflich.Gieselbusch, Moldenhauer, Naumann, Töteberg: 100 Jahre Rowohlt. Rowohlt Verlag, Reinbek 2008, S. 18. Sein stiller Teilhaber wurde Kurt Wolff, der nach persönlichen Auseinandersetzungen mit Rowohlt den Verlag 1912 übernahm und unter anderem die Rechte von Johannes R. Becher, Max Brod, Georg Heym und Franz Kafka erwarb. Frühe Autoren des Hauses waren Paul Scheerbart, Herbert Eulenberg oder Max Dauthendey.
Der zweite Verlag: 1919–1943 mini|hochkant=0.7|links|Menschheitsdämmerung (1920) Nach Ende des Ersten Weltkrieges rief Rowohlt das Unternehmen am 1. Februar 1919 in Berlin erneut ins Leben. Lektoren wurden Paul Mayer und Franz Hessel. Mit Alfons Goldschmidts Moskau 1920, Heinrich Eduard Jacobs Der Tulpenfrevel und Kurt Pinthus’ Menschheitsdämmerung konnte das Haus 1920 erste Erfolge erzielen. Ein Jahr später wurde der erste Bestseller mit Carl Ludwig Schleichs Besonnte Vergangenheit. Lebenserinnerungen 1859–1919 verlegt, der bis 1966 eine Auflage von über 1 Million Exemplaren erreichte.
In den 1920er Jahren erschienen mehrbändige Ausgaben von Honoré de Balzac und Giacomo Casanova. Zum Erfolgsautor jener Jahre wurde Emil Ludwig. Die Wochenschrift Die literarische Welt (Hrsg. Willy Haas) konnte 1925 erstmals publiziert werden, und Joachim Ringelnatz ließ alle seine Gedicht- und Prosabände bis zu seinem Tod 1934 bei Rowohlt veröffentlichen. Langsam entdeckte der Verleger auch die Amerikaner für sein Haus und begann Bücher von Sinclair Lewis und Ernest Hemingway in sein Programm mit aufzunehmen. Weitere Autoren des Hauses waren Kurt Tucholsky, Robert Musil, Ernst von Salomon und Leo Slezak.
Die Passauer Straße 8/9 war von 1929 an die Adresse des Rowohlt Verlags, von 1935 an saß er in der benachbarten Eislebener Straße. 1931 geriet das Unternehmen in Schwierigkeiten und musste zu zwei Dritteln von Ullstein übernommen werden. Hans Falladas Kleiner Mann – was nun? verschaffte dem Verlag wieder wirtschaftlichen Aufschwung. Verfilmungen des Romans erfolgten in Deutschland und den USA.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden 50 Prozent der Bücher des Hauses beschlagnahmt, verbrannt und verboten. Die Veröffentlichung des Werks Adalbert Stifter von Bruno Adler unter dem Pseudonym Urban Roedl führte 1938 zum Berufsverbot für Rowohlt, da ihm vorgeworfen wurde, jüdische Schriftsteller zu tarnen. Die Folge war im Februar 1939 die Emigration Rowohlts mit seiner Familie nach Brasilien.Zur Beschäftigung Salomons im Verlag und die Schließung 1938 siehe Markus Josef Klein: Ernst von Salomon. Eine politische Biographie. Mit einer vollständigen Bibliographie. San Casiano, Limburg a. d. Lahn 1994, ISBN 3-928906-03-8, S. 228f.
Der Verlag wurde auf Veranlassung der Staatsmacht der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart als Tochterfirma angegliedert. 1943 kam es zur endgültigen Schließung des Betriebes.
Dritte Verlagsgründung 1945
mini|hochkant=0.7|links|Buchumschlag des Bestsellers Götter, Gräber und Gelehrte (1949)
Am 9. November 1945 erhielt Heinrich Maria Ledig (der älteste Sohn Rowohlts) von der amerikanischen Besatzungsmacht die Verlagslizenz für die Wiedereröffnung des Unternehmens. Sie erfolgte Am Hohengeren in Stuttgart..
In den ersten Jahren gab der Verlag die Werke von Kästner, Joachim Ringelnatz und Tucholsky heraus. Die Zeitschriften Pinguin und story (enthielt Texte ausländischer Erzähler) wurden gegründet. Durch die Zweigstelle in Baden-Baden, deren Leitung Kurt Kusenberg innehatte, konnten wichtige Kontakte zu französischen Schriftstellern wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus und Jacques Prévert geknüpft werden. Zu den jungen deutschen Dichtern des Verlages zählten Walter Jens, Arno Schmidt und Dieter Meichsner. Das Drama Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert erlangte 1947 großes Aufsehen und wurde an nahezu allen Studentenbühnen aufgeführt.
Einen außergewöhnlichen Erfolg erlangte 1949 C. W. Cerams (d. i. Kurt W. Marek) Buch Götter, Gräber und Gelehrte. Es wurde weltweit ein Bestseller. Am 23. Februar 1950 gab der Rowohlt Verlag bekannt, innerhalb von fünf Wochen rund 12.000 Exemplare zum Preis von je zwölf DM verkauft zu haben. Das Buch wurde zudem in 33 Sprachen übersetzt und bis heute ca. fünf Millionen Mal weltweit verkauft. Die Einbandgestaltung übernahm Werner Rebhuhn, der fortan für viele weitere Bücher des Verlags den Einband gestaltete.
Ein Jahr nach der Gründung des Unternehmens erhielt Ernst Rowohlt von den Engländern die Lizenz für einen Hamburger Verlag. 1950 siedelte die Redaktion aus Stuttgart schließlich vollständig nach Hamburg über. Ein Jahr später, 1951, erfolgte die Veröffentlichung des autobiografischen Romans Der Fragebogen von Ernst von Salomon, der ebenfalls zum Bestseller wurde.
Der Rowohlt Verlag war 1954 eines der Gründungsmitglieder der Serie „Die Bücher der 19“.
Im Jahr 1960 wurde der Firmensitz nach Reinbek verlegt. Der neu erbaute Gebäudekomplex des Verlags wurde von dem bekannten Architekten Fritz Trautwein geplant und 1970 durch einen Anbau erweitert. Die Gebäude stehen seit Ende 2003 unter Denkmalschutz.Gebäude des Rowohlt Verlags in Reinbek unter Denkmalschutz gestellt. auf: kreis-stormarn.de, 5. Januar 2004, abgerufen am 12. Dezember 2013.
Am 1. Dezember 1960 starb Ernst Rowohlt und H. M. Ledig-Rowohlt übernahm die mehrheitlichen Verlagsanteile. Er leitete das Haus bis 1982.
Fritz J. Raddatz wurde 1960 Cheflektor und stellvertretender Verlagsleiter unter Ledig-Rowohlt sowie Herausgeber der Taschenbuchreihe rororo-aktuell. 1969 musste er diese Funktion infolge der sogenannten „Ballonaffäre“, dem Abwurf von 50.000 im Auftrag von Rowohlt gedruckten Exemplaren der Erinnerungen von Jewgenija Ginsburg über dem Gebiet der DDR, aufgeben – in diese Bücher war eine Aufforderung eingedruckt, sich mit verstellter Handschrift und fingiertem Absender an eine Deckadresse der Bundeswehr zu wenden, was als Aufforderung zur Spionage gedeutet wurde. Nach eigener Darstellung wusste Raddatz nichts von dieser Aufforderung und dem „Versand“ per Ballon.Fritz J. Raddatz: Unruhestifter. Erinnerungen. München 2003, S. 295–303.
Sein Nachfolger wurde Matthias Wegner.Dieter E. Zimmer: Die Affäre Rowohlt. auf: d-e-zimmer.de, zitiert nach: Die Zeit. Feuilleton. Nr. 39, 26. September 1969, S. 16–17, Titel: „Frißt die Revolution ihre Verleger?“Siehe Weblink: Verlagschronik, 1969.
rororo Taschenbücher
Seit 1950 machte der preiswerte Rotationsdruck für Taschenbücher den Rowohlt Verlag bekannt. Die Anregung hatte Heinrich Maria Ledig-Rowohlt auf seiner USA-Reise erhalten. Die anfänglichen Publikationen erschienen in Hamburg von 1946 bis 1949 zunächst in einem großformatigen Zeitungsdruck, deren erste Exemplare Ernst Rowohlt mit dem Satz kommentierte: „So was kommt mir nicht ins Haus.“Fritz J. Raddatz: Unruhestifter. List, Berlin 2005, S. 191.
Die neuen Druckerzeugnisse trugen die Bezeichnung Rowohlt Rotations Romane und die Abkürzung RO-RO-RO. Die ersten vier Titel, die ab dem 15. Dezember 1946 in diesem Format zum Preis von je 50 Reichspfennig erschienen, waren:
Ernest Hemingway: In einem anderen Land. Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm. Joseph Conrad: Taifun. Alain-Fournier: Der große Kamerad.
Insgesamt erschienen 25 Zeitungsromane in einer Auflage von jeweils 100.000 Exemplaren. Mit der Währungsreform stieg der Preis im Juni 1948 auf 1,00 DM.Bücher für ein neues Europa. In: Nordbayerischer Kurier vom 10./11. Dezember 2016, S. 61.
Aus dem Zeitungsformat entwickelte der Verlag die neuen Taschenbücher im kleinen Oktavformat.Jörg Drews u. a.: „Macht unsre Bücher billiger!“ Die Anfänge des deutschen Taschenbuchs 1946 bis 1963. Edition Temmen, Bremen 1994, ISBN 3-86108-250-0. Die Bände sind unter dem Namen rororo bekannt geworden – eine Bezeichnung, die zeitweise zum Synonym für sämtliche Taschenbücher wurde. Zu den ersten Titeln im Jahr 1950 gehörten:
Band 1: Hans Fallada: Kleiner Mann – was nun? Band 2: Graham Greene: Am Abgrund des Lebens. Band 3: Rudyard Kipling: Das Dschungelbuch. Band 4: Kurt Tucholsky: Schloß Gripsholm.Verlagsanzeigen in: Graham Greene: Orientexpress. Rowohlt, Hamburg 1950.
Den Satz und Rotationsdruck der ersten Auflagen besorgte in Leck die Druckerei Christian Jessen Sohn, aus dem die Großdruckerei Clausen & Bosse entstand. Die Buchbindearbeiten im Lumbeckverfahren erfolgten damals bei der Firma Hans Ehlermann in Verden (Aller). Jene 451 Bände, die bis 1961 gebunden wurden, besitzen als markantes Erkennungszeichen einen schmalen farbigen Leinenrücken. Der Verlag nannte diese Qualität Halbleinenflexibel; der Preis eines Taschenbuches lag um 1950 bei DM 1,50.
mini|Rückseite der Bände aus rowohlts deutsche enzyklopädie ab 1955 1955 erschien der erste Band der Taschenbuchreihe rowohlts deutsche enzyklopädie (rde), die das Wissen des 20. Jahrhunderts in Form von Stichwörtern abbilden wollte und von Ernesto Grassi herausgegeben wurde. Der letzte Band erschien 1986.Jörg Döring, Sonja Lewandowski, David Oels (Hrsg.): Rowohlts deutsche Enzyklopädie. Wissenschaft im Taschenbuch 1955–68 (= Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen 12.2, 2017). Wehrhahn, Hannover 2017, ISBN 978-3-86525-582-2. Im März 1958 wurde die Biographien-Reihe rowohlts monographien unter der Leitung von Kurt Kusenberg ins Leben gerufen. 2008 sind 640 Titel erschienen. Von 1999 bis Juni 2015 wurden die Titel im Vierfarbdruck angeboten. Seitdem beschränkt sich der Verlag auf den Verkauf noch bestehender Bestände sowie auf Nachdrucke als unbebilderte E-Books.
Alle etwa 1000 Bände der rororo-Thriller-Reihe (erschienen zwischen 1961 und 2000) sind im Online-Archiv von Stephan Wulfhorst dokumentiert.Das rororo thriller Archiv. Die Seite für Sammler und Liebhaber der rororo-Krimis, bene-semper.de
Zwanzig Jahre lang, von 1963 bis 1983, enthielten die meisten rororo-Taschenbücher eine nichtnummerierte Werbe-Doppelseite: vorn meist ein sehr kurzer Text und eine Karikatur, auf der Rückseite ein längerer Text und der werbende Hinweis auf Pfandbriefe und Kommunalobligationen. Immer passte der Text sowohl zur Buchstelle wie auch zum Geldanlegen. Die meisten dieser Anzeigen haben Claus D. Grupp (für den Text) und die Graphikerin Christa Janik gestaltet. Jahre später haben manche Autoren – wohl aus Nostalgie – besondere Pfandbriefanzeigen in ihren rororo-Bänden angeregt, so Horst Bosetzky 1989 bei Schau nicht hin, schau nicht her und Elke Heidenreich 2005 bei Geschnitten oder am Stück.
Das heutige Unternehmen
Seit 1982 gehören die Rowohlt Verlage zur Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Im August 1984 erwarb die Holtzbrinck-Gruppe die restlichen 33 Prozent an dem Verlag von der New York Times Inc.