mini|Terézia Mora (2010) Alle Tage ist der Titel des 2004bei Luchterhand, München publizierten Debütromans Terézia Moras. Erzählt wird die Geschichte Abel Nemas, der problembelastet aus einem zerfallenden Balkanstaat in ein westliches Land emigriert. Trotz seiner Sprachbegabung und zahlreicher persönlicher Kontakte findet er keine neue Heimat und bleibt bis zu den tragischen Ereignissen am Schluss ein Einzelgänger. Inhalt Überblick Die Geschichte Abel Nemas wird nicht chronologisch, sondern in Sprüngen durch die verschiedenen Zeiten, fragmentarisch und außerdem aus wechselnden Perspektiven erzählt. Mit Verlusterfahrungen aus seiner Kindheit und der homoerotischen Adoleszenz geht der 19-Jährige nach seinem Abitur aus einem Balkanland ins westliche Ausland: Trennung des Vaters von seiner Familie und ergebnislose Suche nach ihm, Zurückweisung seiner Liebe durch seinen Freund Ilja Bor, Gasvergiftung mit der rätselhaften Erweiterung seiner sprachlichen Kompetenz, Flucht vor dem drohenden Kriegsdienst. „Am Anfang und auch später ist man ständig in Bewegung, ohne wirklich vom Fleck zu kommen […] Alles dreht sich zurück in denselben Kreis […] aber dann nimmt auch das ein abruptes bis gewalttätiges Ende, und man findet sich in neuen Kreisen wieder.“Terézia Mora: Alle Tage. Luchterhand Literaturverlag, München, 2004, S. 93.
In der westlichen Großstadt B. findet er durch eine Empfehlung schnell Anschluss an akademische Kreise. Er erhält wegen seiner Sprachbegabung von Professor Tibor B. ein Stipendium für eine Dissertation im Bereich der komparatistischen Linguistik und lernt im Sprachlabor 10 Sprachen akzentfrei zu sprechen. Er gibt Sprachunterricht und arbeitet als Übersetzer. Tibors Assistentin Mercedes, mit deren sechsjährigem Sohn Omar er sich gut versteht, verliebt sich in ihn und heiratet ihn, um ihn vor einer Ausweisung zu bewahren. Nachdem sie jedoch seine Unbeständigkeit und sein homoerotisches Interesse an Kindern und Jugendlichen bemerkt, trennt sie sich von ihm und sie lassen sich nach der Sicherung seines Aufenthaltsrechts nach vier Jahren scheiden, aber Omar bleibt in Kontakt mit ihm.
Abels Geschichte mit Mercedes und Omar sowie Abels Kontakte zu den etablierten Kreisen werden immer wieder unterbrochen durch seine dazu parallel verlaufenden Beziehungen zu prekären Randgruppen und Gestrandeten, bei denen er sich wohler fühlt als auf den Partys der Sponsoren, Wissenschaftler und Verleger. Auf seiner Odyssee durch Stadt wechselt er häufig seine Wohnung, lebt in chaotischen Studenten- und Musiker-Wohngemeinschaften, besucht oft den Nachtclub „Klapsmühle“, nimmt den Strichjungen Darko bei sich auf und wird von ihm bestohlen. Durch seinen Umgang mit Darko zieht er die Wut von Kosmos Jugendgang auf sich, die ihn verprügeln, seine Wohnung verwüsten und ihn später kopfüber an einem Klettergerüst festbinden. Durch die Verletzungen verliert er seine universale Sprachkompetenz und sein Erinnerungsvermögen, kann sich nur noch in der Landessprache verständigen und kümmert sich am Ende um Mercedes Kinder.
Ankunft Abels Ankunft in B. – „Nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier“Terézia Mora: Alle Tage. Luchterhand Literaturverlag, München, 2004, S. 9. – verläuft märchenhaft leicht. Seine Mutter Mira hat ihm eine Adresse mit auf den Weg gegeben, die des Linguistik-Professors Tibor B., der vor fast 50 Jahren Abels Heimatstadt verlassen hat, und dieser Kontakt ist für ihn der Türöffner in die akademische Szene. Nach einer Gasvergiftung versteht er Wörter vieler Sprachen und kann sich zu Tibors Wohnung durchfragen und den Professor schnell von seiner Sprachkompetenz überzeugen. Dieser ist als Jugendlicher ins Ausland gegangen, hat sich dort erfolgreich integriert und vermittelt dem jungen Landsmann sofort ein Stipendium für Hochbegabte. In diesem Zusammenhang wird Abel zum Abendessen bei seinen Sponsoren eingeladen, wo er sich wie auch bei anderen Veranstaltungen wenig kommunikativ zeigt, und lernt auch einige Personen aus Tibors Team kennen, u. a. dessen Assistentin Mercedes, die er nach Unterbrechungen durch seine Aufenthalte bei Randgruppen, mehrmals wiedersieht und schließlich heiratet.
Prekäre Milieus Parallel zu seiner Aufnahme ins Linguistik-Studium wird Abel von dem gesprächigen Studenten der Altertumsgeschichte Konstantin Tóti, der immer in Geldnot ist und allen Menschen helfen will, angesprochen: „Was kann ich dir sagen, dies sind hysterische Zeiten! Als würde die ganze Welt Die Reise nach Jerusalem spielen. Panik, Geschiebe, Gekreisch. Suchen ihren Platz. Oder einen. Eine harte Kante für den halben, Verzeihung, Arsch: Freiwillig; unfreiwillig. Hart ist das Leben überall, gerade jetzt, da sie nichts Eiligeres zu tun haben, als sämtliche Kontingente einzufrieren, als gäbe es keine, wie sagt man so schön: internationale Lage!“ Er bietet zur „fabelhaften Rettung unseres jungen Helden“Terézia Mora: Alle Tage. Luchterhand Literaturverlag, München, 2004, S. 93. Abel ein Zimmer in seiner WG in der „Bastille“ an (Kap. II Der Besucher). „Einer dieser lehmfarbigen Kolosse […] der Ort, an dem es keine Dunkelheit gibt. Oder nur Dunkelheit […] Von außen sieht es aus wie ein Kolossaldenkmal zu Ehren des rechten Winkels, drinnen allerdings tun sich die unerwartetsten Verschlingungen auf. Zum direkten Nachbarn kommt man mitunter erst über komplizierte Umwege, wenn einem der Durchgang nicht vollends durch Feuerschutztüren o. ä. versperrt ist“.Terézia Mora: Alle Tage. Luchterhand Literaturverlag, München, 2004, S. 94. In diesem labyrinthischen Bau wohnt Abel vier Jahre, während er im Labor zehn Sprachen lernt. Zum Bruch kommt es, als Konstantin über die Weihnachtstage Eka, ihr Baby und ihren Freund Vachtang bei sich aufnimmt. Sie sind in Drogengeschäfte verwickelt und werden von der Polizei verhaftet, ebenso Konstantin und Abel. Dieser gibt Tibor als seinen Zeugen an und der identifiziert ihn als seinen Studenten und befreit ihn. Zu diesem Zeitpunkt ist Mercedes, nach dem Tod seiner zweiten Frau Anna, die Partnerin des Professors. Sie hat ihre Promotionsarbeit abgebrochen und ist mit ihrem sechsjährigen Sohn Omar in seine Wohnung eingezogen.
Abel verlässt nach dem Zwischenfall Konstantins WG und wandert durch die Ost-Stadt. „Eine Stadt, ein östlicher Bezirk davon. Braune Straßen, leere oder man weiß nicht genau womit gefüllte Lagerräume und vollgestopfte Menschenheime, im Zickzack an der Bahnlinie entlang laufend, in plötzlichen Sackgassen an eine Ziegelmauer stoßend.“Terézia Mora: Alle Tage. Luchterhand Literaturverlag, München, 2004, S. 9. Bei einer Silvesterparty im Kulturzentrum stößt er auf die alkoholisierte Kinga, die „Muse“ der drei Musiker Janda, Andre, Kontra. Sie stammt auch vom Balkan und er ist ihr und ihrer Band ein Jahr zuvor bei seiner Reise durchs Land auf der Suche nach seinem Vater in einem Zug begegnet. Sie nimmt ihn sofort als seine „Patin“ bei sich auf. So zieht Abel für den Rest des Winters zur Musiker-WG im Proberaum der Band (Kap. III Anarchia Kingania).
Abel ist jetzt Ex-Student, beherrscht 10 Sprachen und sucht eine neue Beschäftigung. Nach einigen Monaten meldet er sich wieder bei Tibor und dieser verschafft ihm sofort ein Promotionsstipendium für drei Jahre. Dazu gibt Abel privaten Sprachunterricht, auch für Omar in Russisch, und arbeitet als Simultanübersetzer im Kongresszentrum. Er findet zufällig eine neue Unterkunft in Carlos Metzgerei (Kap. IV. Fleisch). In seiner Freizeit beobachtet er im Park den Strichjunge Danko und Kosmas Bande beim Fußballspiel. Damit bewegt sich Abel wieder im Randgruppen-Milieu, seiner geheimen zweiten Welt. Eines Tages sucht Danko bei ihm Unterschlupf, bestiehlt ihn und verschwindet mit seinem Computer, auf dem seine Untersuchungen für seine Dissertation gespeichert sind. Kosmas Bande zertrümmert bei der Suche nach Danko Abels Einrichtung.
Der inzwischen 26-Jährige wechselt die Wohnung und zieht wieder zu Kinga. Sie hat eine Beschäftigung als Betreuerin eines Feriencamps gefunden und er begleitet die Band auf ihrer Tournee (Kap. V. Roadmovie.) Nach dem handgreiflichen Streit Jandas mit einem während eines Konzerts randalierenden Betrunkenen und dessen Messerangriff auf Andre verlässt Abel die Gruppe und fährt durchs Land. Nach vier Monaten kehrt er nach B. zurück und besucht die Nachtbar „Klappsmühle“ am Ende einer Sackgasse. Der Wirt Thanos vermietet ihm eine in der Nähe liegende Dachgeschosswohnung und Abel lebt dort drei Jahre lang ohne persönliche Kontakte zu den Mitbewohnern. Nur mit seinem Zimmernachbarn, dem Physiker, Chaosforscher und Gottessucher Halldor Rose wechselt er einmal über die Trennwand des gemeinsamen Balkons hinweg einige Worte. Mercedes Zufällig trifft Abel nach seinem monatelangen Abtauchen auf Mercedes, als sie von einem Taxi angefahren wird, und begleitet sie in Krankenhaus. Sie ist die Tochter liberaler Eltern mit Hippie-Vergangenheit, Miriam und Krimiautor Felix Alegre, und hat als 20-Jährige eine dreiwöchige Beziehung mit dem Schwarzen Omar Amir, bis er aus seinem Wohnheim verschwindet und untertaucht. Ihr Sohn Omar stammt aus dieser Beziehung. Abel lernt Mercedes nach seiner Ankunft in B. als Tibors Assistentin kennen, später für fünf Jahre, bis zum Tod des 65-Jährigen, als dessen Partnerin. In dieser Zeit gibt er Omar Sprachunterricht in Russisch und freundet sich mit dem Kind an. Nach Tibors Tod und Auseinandersetzungen mit seinen Kindern aus erster Ehe zieht Mercedes in eine neue Wohnung, arbeitet als Lehrerin an einer Privatschule und nach ihrem Unfall mit einer langwierigen Fußverletzung als Lektorin im Verlag ihres Freundes Erik.