mini|hochkant=1.3|Südmauer der Festung. Am linken Bildrand verläuft die untere Westmauer quer zum Hang. Hinter dem Wehrturm oben beginnt die innere Westmauer.
Divriği, kurdisch Dîvrîgî, in byzantinischer Zeit Tephrike, ist eine Kleinstadt in der türkischen Provinz Sivas in Zentralanatolien und der Hauptort des gleichnamigen Landkreises. Divriği liegt etwa 100 km Luftlinie (172 Straßenkilometer) südöstlich der Provinzhauptstadt Sivas. Die auf einigen Stadtlogos vorhandene Jahreszahl (1877) dürfte auf das Jahr der Ernennung zur Stadtgemeinde (Belediye) hinweisen.
Die im 9. Jahrhundert gegründete Stadt ist vor allem wegen eines seldschukischen Gebäudekomplexes bestehend aus einer Moschee und einem Krankenhaus vom Anfang des 13. Jahrhunderts bekannt. Aus etwa derselben Zeit stammen eine Moschee innerhalb der Burgruine und mehrere muslimische Grabbauten (Türben) in der Altstadt. Ein weiteres Wohnviertel enthält gut erhaltene Wohngebäude aus der osmanischen Zeit.
Lage Divriği liegt am Rand einer Talebene, die vom Çaltı Suyu in südöstlicher Richtung durchflossen wird. Nördlich der Stadt verengt sich das Flusstal an der steilen Felsnase des Festungshügels und schlängelt sich in engen Kurven zwischen Felsbergen nach Osten, bis der Çaltı Suyu auf den von Erzincan kommenden Euphrat trifft. An der Einmündung macht der Euphrat einen scharfen Bogen nach Süden, um kurz danach an der Keban-Talsperre aufgestaut zu werden. In der leicht gewellten Ebene werden hauptsächlich kleinparzellige Getreidefelder angelegt; die umgebenden, vielfach zerfurchten Hügel sind mit Gras bewachsen und baumlos. Die gesamte Region ist bis auf die Talebenen nicht für Ackerbau nutzbar und nur dünn besiedelt.
Landkreis Der Landkreis liegt im Südosten der Provinz Sivas und grenzt an den Kreis Kangal im Westen, die Kreise Zara und İmranlı im Norden, die Kreise İliç und Kemaliye im Osten (beide Provinz Erzincan) sowie die Kreise Arapgir, Arguvan und Hekimhan aus der Provinz Malatya. Der Kreis wird von der Fernstraße D260 in West-Ost-Richtung (Kayseri–Kangala–Elazığ) durchquert.
Der Kreis (bzw. Kaza als Vorgänger) bestand schon bei Gründung der Republik Türkei 1923 und konnte zur ersten Volkszählung (1927) eine Einwohnerschaft von 25.172 (in 133 Ortschaften auf 2635 km² Fläche) aufweisen. Der Verwaltungssitz Dévriqui (damalige, an das französisch angelehnte Schreibweise) brachte es auf 4.789 Einwohner.
Ende 2020 bestand der Kreis neben der Kreisstadt aus 105 Dörfern (Köy) mit durchschnittlich 53 Bewohnern. Die Skala der Einwohnerzahlen reicht von 228 (Mursal) herunter bis auf 13 (drei Dörfer). 94 Dörfer hatten weniger als 100 Einwohner, Demirdağ und Kayacık wurden 2018 zu Mahalle der Kreisstadt. Die Bevölkerungsdichte ist sehr niedrig, der städtische Bevölkerungsanteil liegt bei 62,81 Prozent.
Industrie Wenige Kilometer nördlich der Stadt werden die größten Eisenerzvorräte der Türkei abgebaut.Divrigi / Eisenberg. Kieler Bilddatenbank Naher Osten Die in den 1930er Jahren erschlossenen, sehr ergiebigen Magnetit-Vorkommen stellen den Haupterwerbszweig der Einwohner dar. Das Erz wird per Bahn gut 900 Kilometer nach Norden Richtung Schwarzes Meer transportiert. Dort wird es in den Stahlwerken von Karabük und Ereğli, die in der Nähe der Steinkohleabbaugebiete liegen, verarbeitet.Taner Ünlü, Henrik Stendal, Emil Makovicki, Sönmez Sayili: In: Bulletin of the Mineral Research and Exploration, 117, 1995, S. 17–28
Verkehr Die wichtigste Straßenverbindung von Divriği, die D 260, verläuft über den 1950 Meter hohen Pass Karaşar Gecidi in den Yama-Bergen (Yama Dağı) 70 Kilometer nach Westen, wo sie in der Ebene bei der Kleinstadt Kangal auf die Schnellstraße D 850 zwischen Sivas und Malatya trifft. Von hier nach Sivas sind es weitere 68 Kilometer. Die D 260 führt nach Südosten etwa 180 Kilometer bis Elazığ. Nach Erzincan im Osten besteht keine direkte Straßenverbindung. Aus dieser Richtung kommend folgt die Eisenbahnlinie ab Erzurum dem Karasu, wie der nördliche Quellfluss des Euphrat genannt wird, über Erzincan und das letzte Stück vor Divriği durch zahlreiche Tunnels dem engen Tal des Çaltı Suyu und führt von Divriği weiter nach Sivas. Der Bahnhof liegt einen Kilometer nördlich des Stadtzentrums am Fluss in der Ebene. Nach Sivas verkehren mehrere Busse täglich. Seltener sind Busse, die über Malatya weiter nach Süden fahren.
Geschichte mini|hochkant=1.3|Verfolgung der Paulikianer unter Kaiserin Theodora im Jahr 843. Illustration um 1200 in der Chronik des Johannes Skylitzes
In altgriechischen Texten wird die Gegend Apbrike genannt. Nach der Teilung des römischen Imperiums 395 gehörte sie zum Byzantinischen Reich. Der Name Apbrike wurde später für die strategisch über der engsten Stelle des Flusses gelegene Festung Tephrike übernommen, die seit der mittelbyzantinischen Zeit (ab Mitte 7. Jahrhundert) erwähnt wird.Anthony Bryer, David Winfield: The Byzantine monuments and topography of the Pontos. Bd. 1. Dumbarton Oaks Research Library and Collection, Washington 1985., S. 13, ISBN 978-0884021223 Ende des 6. Jahrhunderts drangen mehrfach Sassaniden nach Anatolien vor, Melitene (heute Malatya) und Tephrike erlitten dieselben häufigen Machtwechsel. 575 oder 576 fügten die Byzantiner in der Schlacht bei Melitene den Sassaniden eine schwere Niederlage bei. Im Zuge der islamischen Expansion um 650 fielen Araber in Anatolien ein.
Um 843 wurde das byzantinische Dorf Tephrike zur Zufluchtstätte und zum Zentrum der armenischen Paulikianer, die mit Unterstützung der abbasidischen Herrscher von Melitene die erste Stadt gründeten. Die häretischen Sektenmitglieder der Paulikianer waren besonders von der byzantinischen Kaiserinmutter Theodora II. (reg. 842–867) verfolgt worden, bevor sich ihr Führer Karbeas an den Emir von Melitene wandte, der ihnen Tephrike zur Ansiedlung zuwies. Dort entfalteten sie sich unter der Schutzmacht des Kalifen von Bagdad zu einem regionalen Machtzentrum in Zentralanatolien, bauten die Festung aus und unternahmen Feldzüge gegen die Byzantiner. Im Jahr 872 besiegte Kaiser Basileios I. (reg. 867–886) ihr Oberhaupt Johannes Chrysocheir in einer Schlacht und eroberte die Stadt. Die führerlos gewordenen und geschwächten Paulikianer zogen mehrheitlich nach Thrakien, wo sie Einfluss auf die spätere Sekte der Bogumilen ausübten. Die Stadt der Paulikianer dürfte nicht viel mehr als den Bereich der Zitadelle umfasst haben.
Bis 1071 gehörte Tephrike zum Byzantinischen Reich. In dieser Zeit saß hier ein byzantinischer Militärführer, zunächst mit dem Titel kleisourarch, später hieß er strategos. Das Divriği-Tal dürfte damals nicht sonderlich wohlhabend gewesen sein.Sinclair, S. 434 1071 besiegten die Seldschuken unter der Führung von Alp Arslan in der Schlacht bei Manzikert das Heer des byzantinischen Kaisers Romanos IV. Tephrike kam nach der Schlacht (um 1100) in den Machtbereich des türkischen Stammesführers Mengücek, eines Vasalls der Seldschuken, der ein Fürstentum (Beylik) in Ostanatolien einrichtete, das bis mindestens 1252 bestand. Die seither Divriği genannte Stadt dehnte sich nun am Hang südwestlich unterhalb der Burg aus. Zu den frühen Bauten der Mengücek-Dynastie gehörte die Moschee innerhalb der Burg, die damals offensichtlich als Freitagsmoschee diente, bevor 1228/29 die Große Moschee etwas unterhalb gebaut wurde. 1252 belagerten die Mongolen unter Hülegü die Stadt und zerstörten nach ihrer Eroberung wie überall Festung und Stadtmauer. Wenige Jahre danach war Divriği wieder aufgebaut.
Unter Selim I. wurde die Stadt 1516 Teil des Osmanischen Reiches. Auf einem Hügel auf der gegenüberliegenden Seite des Flusses ließ ein regionaler Machthaber (derebey) Ende 17. oder im 18. Jahrhundert die Festung Kesdoğan Kalesi errichten. Es scheint, dass um diese Zeit der Ort recht klein war, die Bevölkerung zum größten Teil innerhalb der Festungsmauern lebte und die Herrscher wegen der feindlichen Bedrohung eine weitere Verteidigungsanlage benötigten. Im 19. Jahrhundert war Divriği wieder angewachsen, die Einwohner profitierten vom Handel, besonders mit Kupfererz, das bei Ergani Maden (nahe Diyarbakır) und Keban abgebaut und durch das Tal in westliche Richtung transportiert wurde. Im 19. Jahrhundert entstand auch das etwas weiter unten im Tal, heute westlich der Durchgangsstraße gelegene Wohnviertel. Ende des 19. Jahrhunderts wurden die direkt südlich der Zitadelle stehenden Wohnhäuser aufgegeben.
Stadtbild Im Jahr 2008 lebten in der Stadt 11.388 und im Landkreis 17.476 Einwohner. Die Durchgangsstraße von Sivas nach Malatya verläuft in nord-südlicher Richtung am Fuß des Festungshügels entlang. Östlich davon bildet das kompakte Geschäftsviertel ein unregelmäßiges Straßennetz, das nach oben steil ansteigt. Hier stehen zwischen den Häusern die mittelalterlichen Grabbauten. Die Bebauung endet an der Großen Moschee, dahinter führen Fußwege zu den Festungsruinen hinauf. Das sich nach Westen im Tal ausdehnende Wohnviertel ist weitläufiger, aber weniger dicht bebaut. Es gibt zwei Hotels nebeneinander am nördlichen Eingang zur Altstadt. Der Busbahnhof befindet sich 500 Meter südlich des Zentrums an der Straße nach Malatya.
Große Moschee und Krankenhaus Eines der bedeutendsten mittelalterlichen Bauwerke Kleinasiens ist die von einem Emir der Mengücek-Dynastie erbaute Große Moschee mit Krankenhaus (türkisch Ulu Camii ve Darüşşifa). Das langrechteckige Gebäude ist nach Süden ausgerichtet, wo sich auf etwa einem Drittel der Grundfläche das ehemalige Krankenhaus befindet. Der nördliche Moscheetrakt ist eine fünfschiffige Pfeilerhalle, deren Mihrāb in die Zwischenwand beider Gebäudeteile eingelassen ist. Das Portal des Hospitals an der Westwand und die beiden Portale der Moschee an der West- und Nordwand sind überaus aufwendig mit vollplastischen geometrischen und pflanzlichen Ornamenten gestaltet.
Festung mini|Neue Ausgrabungen am Tor der unteren Westmauer. Blick nach Süden. Hinter dem Tor das Geschäftsviertel, jenseits der Straße nach Malatya im Grünen die Stadterweiterung im 19. Jahrhundert
Am relativ flachen Westhang war die Festung von einer doppelten Mauer geschützt, innerhalb derer die mittelalterliche Wohnsiedlung gelegen haben dürfte. Die untere der beiden Mauern ist in beinahe gesamter Länge als Ruine erhalten. Eine Reihe halbrund aus der Fläche tretenden Wehrtürmen verstärkten das teilweise noch in originaler Höhe aufrecht stehende Mauerwerk. Die äußere Schale besteht aus großen, regelmäßig gefügten Steinquadern mit Bossen und grob gefasten Kanten. Zwischen den massiven Rundtürmen sind zwei polygonale Türme erhalten, von denen der nördliche ursprünglich innen einen Hohlraum besaß. Beim südlichen polygonalen Turm lag – in der Mitte der Westseite – der Eingang, durch dessen freitragenden Rundbogen aus sorgfältig behauenen Steinen der heutige Pfad nach oben führt. Die Umfassungsmauer wurde in der Regierungszeit des Mengücek-Herrschers Ahmad Schah in den 1230er und 1240er Jahren errichtet. Ein nördlicher Torrest ist 1236/37 datiert, ein südlicher Teil 1242/43. Bei neuen Grabungen hinter dem Eingang in den Jahren seit 2000 wurden Hausgrundmauern und Wasserleitungen freigelegt.
Oberhalb einer Felskante am Südrand der Festung erhebt sich ein rechteckiger Wehrturm, der 1252 von Salih, dem Sohn von Ahmad Schah erbaut wurde. An seinem oberen Ende sind Reste von Wurföffnungen (Maschikuli) zu sehen. Hier begann die obere Wehrmauer, die – soweit rekonstruierbar – in einer geraden Linie nach Norden verlief. Die beiden Mauern am Westhang wurden an ihren südlichen Enden durch eine einzige Südmauer verbunden. Zu ihrer Verstärkung dienten zwei weit hervortretende polygonale Wehrtürme, deren Steinquader eine fast glatte Oberfläche besitzen. Die Steilhänge im Norden und Osten waren durch eine direkt entlang der Kante verlaufende Mauer geschützt und an einer Stelle im Norden als Aussichtspunkt ausgebildet. Im Nordosten führen einige alte Steintreppen zu einer Klippe über dem Fluss.
Kale Camii mini|Kale Camii, Nordfassade