Ägyptisch-Arabisch ist ein neuarabischer Dialekt, der von den Ägyptern in Ägypten gesprochen wird. Die Eigenbezeichnung des Dialekts lautet al-lugha al-ʿāmmiyya, kurz al-ʿāmmiyya (, etwa „allgemeine Sprache“) oder einfach maṣrī ().
Ägyptisch-Arabisch ist durch Filme und Lieder in weiten Teilen der arabischen Welt bekannt und wird deshalb von den meisten Arabern verstanden. Dies liegt vor allem daran, dass Ägypten die größte filmproduzierende Nation der arabischen Welt ist. Ägyptische Filme werden im gesamten arabischsprachigen Raum gezeigt, ohne Synchronisation oder Untertitel. Im Gegensatz etwa zu Nachrichten werden Spielfilme oft nicht in Hocharabisch, der Schriftsprache des gesamten arabischen Raums, gedreht, sondern in der jeweiligen Umgangssprache; für die meisten Filme ist dies eben Ägyptisch-Arabisch beziehungsweise der Kairoer Dialekt.
Der Kairoer Dialekt (auch Kairinisch genannt)Renate Malina: Zum schriftlichen Gebrauch des Kairinischen Dialekts anhand ausgewählter Texte von Saʿddadīn Wahba. Klaus Schwarz Verlag, Berlin 1987, ISBN 3-922968-59-7, S. 5 f. wird oft als Ägyptisch-Arabisch par excellence angesehen, obwohl sich die Dialekte außerhalb Kairos davon mehr oder minder deutlich unterscheiden. Die Angaben unten beziehen sich auf den Dialekt von Kairo.
Unterschiede zum Hocharabischen Lautung Aussprache von hocharabisch q als Hamza außer in einigen Buchwörtern: ʾalb („Herz“, hocharab. qalb), hingegen al-qurʾān („der Koran“) oder qawmiyya („Nationalismus“) Ersetzung von Hamza nach Vokal in Wortmitte durch y oder Längung des vorhergehenden Vokals: fār („Maus“, hocharab. faʾr); häufiger Wegfall von Hamza am Wortende, was teilweise zu Betonungsverschiebung führen kann: el-foʾara („die Armen“, hocharab. al-fuqarāʾ) Rückverschiebung von hocharab. ǧ zu g: gamal („Kamel“, hocharab. ǧamal ) Verschiebung von ṯ und ḏ zu t und d, bei Buchwörtern meist zu s und z: talāta („drei“, hocharab. ṯalāṯa), dahab („Gold“, hocharab. ḏahab), hingegen sawra („Revolution“, hocharab. ṯawra), zikrollāh („Erwähnung Gottes“, hocharab. ḏikru llāh) Monophthongierung von Diphthongen: ay → ē, aw → ō: bēt („Haus“, hocharab. bayt), mōzah („Banane“, hocharab. mawzah) Verschleifung von kurzem unbetonten u zu i oder a: miṭallaʾ („geschieden“, hocharab. muṭallaq). Teilweise ist jedoch auch die entgegengesetzte Entwicklung zu beobachten: ḥomār („Esel“, hocharab. ḥimār) Teilweise wechselseitige Austauschung von n und l: fingāl („Tasse“, hocharab. finǧān), burtuʾān („Orange“, burtuqāl) Neue Betonungsregeln, die pro Wort nur einen Langvokal zulassen, der immer betont sein muss. Ist ein phonemischer Langvokal unbetont, wird er wie ein Kurzvokal ausgesprochen. Beispiel: hocharab. laymūn („Zitrone“) → nicht lēmūn, sondern lamūn („a“ ist verkürztes „ē“, welches ein monophthongisiertes „ay“ ist)
Hocharabisches PhonemKlassische Aussprache des HocharabischenAussprache des Hocharabischen in ÄgyptenEntsprechendes Phonem in ägyptischen ErbwörternEntsprechendes Phonem in Lehnwörtern aus dem Hocharabischen als Radikal/ʾ/
/ʾ//ʾ/ als 1. und 2. Radikal, Sonderfall kal und ḫad /w/ oder /y/ als 3. Radikal ʾamar [ʾ-m-r] kal [ʾ,w-k-l] saʾal [s-ʾ-l] ʾara [ʾ-r-w]/ʾ/ nicht als Radikal/ʾ//ʾ//-//ʾ//b//b//b//b//t//t//t//t//th//s/,/th//t//s//dsch//g//g//g//ḥ//ḥ//ḥ//ḥ//ḫ//ḫ//ḫ//ḫ//d//d//d//d//dh//z/,/dh//d/ *Bsp.: dīl „Schwanz“ Erbwort aus hocharab.: ذيل ḏīl/z/ *Bsp.: ʿazāb „Qual, Kummer“ Lehnwort aus hocharb.: عذاب ʿaḏāb/r//r//r//r//z//z//z//z//s//s//s//s//š//š//š//š//ṣ//ṣ//ṣ//ṣ//ḍ//ḍ//ḍ//ḍ//ṭ//ṭ//ṭ//ṭ//emphatisches dh//ẓ//ḍ/ *Bsp.: ḍahr „Rücken“ Erbwort aus hocharb.: ظهر ẓahr/ẓ/ *Bsp.: ẓarf „Briefumschlag“ Lehnwort aus hocharb.: ظرف ẓarf/ʿ//ʿ//ʿ//ʿ//ġ//ġ//ġ//ġ//f//f//f//f//q//q//ʾ/ *Bsp.: ʾatal „töten“ ُErbwort aus hocharb.: قتل qatal/q/,/ʿ/ *Bsp.: qanūn „Gesetz“, von weniger Gebildeten auch ʾānūn Lehnwort aus hocharb.: قانون qānūn/k//k//k//k//l,ḷ//l,ḷ//l/,/ḷ/Phonomemisch geschieden, allerdings in sehr geringer Frequenz.Minimalpaar: waḷḷa „bei Gott“ walla „oder“/l,ḷ//m//m//m//m//n//n//n//n//h//h//h//h//w//w//w//w//y//y//y//y//y//y//y//y/ - -als mit 3 Punkten geschrieben ()/dsch/Phonomem mit geringer Frequenz:Bsp.: dschība „Rock“ -
Dadurch ergeben sich im Ägyptischen zwei Arten des „ʾ“. Eine elidierbare Form, deren Realisierung vom Kontext abhängig ist. Eine radikalische Form, die niemals elidierbar ist.
Im Ägyptischen können Erbwörter und Lehnwörter aus dem Hocharabischen mit derselben Wurzel, aber unterschiedlicher Realisierung vorkommen. Aus Hocharabisch ṯāniya „Sekunde“, „zweite [f.]“: Lehnwort: sanya „Sekunde“ Erbwort: tanya „andere, zweite [f.]“
Grammatikalische Merkmale Wegfall fast aller Kasusendungen und somit auch der Nunation, wie dies bei allen anderen arabischen Dialekten der Fall ist. Häufiger Gebrauch einer Verlaufsform (Partizip), auch mit perfektivischer Bedeutung, häufig doppelsinnig: ana ʿārif („ich weiß“, aber auch „ich habe es erkannt“, hocharab. fast ausschließlich ʾana ʾaʿrifu) Gebrauch von Modifikationspräfixen für das Imperfekt. Die hocharabischen Modi existieren in den Dialekten nicht mehr, weil kurze Vokale am Wortende weggefallen sind. Das unmarkierte Imperfekt hat dabei ähnliche Funktionen wie der hocharabische Apokopat und Subjunktiv. Die mit bi- bzw. b- modifizierte Form fungiert als die „normale“ Präsensform. Die mit ḥa- bzw. ḥ- modifizierte Form als Futur. Sie ist wohl aus rāḥ … („gehen“ …) entstanden. Eine Modifikation mit ma- bezeichnet einen verstärkten Imperativ. Beispiele: (lazim/ mumkin)yiktib er soll / muss / kann / darf schreiben (Verstärkung durch Modalpartikel mumkin - können, lazim - müssen oder sollen) biyiktib er schreibt ḥayiktib er wird schreiben matiktib So schreib doch! Wegfall von ʾan zwischen Hilfsverb und konjugiertem Verb: ana ʿāyiz aktib („ich will schreiben“, wörtlich „ich will ich-schreibe“, hocharab. ʾana ʾurīdu ʾan ʾaktuba) Wegfall des Duals der Pronomina und der Verben. Bei Substantiven ist er allerdings produktiv. andere Pluralendungen des gebrochenen Plurals: rigāla („Männer“, hocharab. riǧāl) Die Verneinung des Verbs (außer bei der ḥa-Form) und von vielen Pseudoverben wird mit einer Umklammerung aus ma- und -š gebildet, in bestimmten Floskeln nur mit ma-. Der Imperativ kann nicht verneint werden, stattdessen wird der Jussiv verneint. Nominale Verneinung, sowie die Verneinung der ḥa-Form und der Verlaufsform erfolgt mit miš: Verben: maʾultilūš Ich habe es ihm nicht gesagt. mašuftihaš Ich habe sie nicht gesehen. Verneinung des Imperativs: matʾullūš Sag es ihm nicht! mabitʾullūš Du sagst es ihm nicht. / Sagst du es ihm nicht? aber: miš ḥatʾullu Du wirst es ihm nicht sagen. / Wirst du es ihm nicht sagen? Pseudoverben: maʿandakš Du hast es nicht. Hast du nicht …? (Verneinung für „ʿandak“; du hast) ohne -š: ʿumri maʿultilu Ich habe es ihm nie in meinem Leben gesagt. Verneinung des Nominalsatzes: huwwa miš hina Er ist nicht hier. ana miš mitgawwiz Ich bin nicht verheiratet. iḥna miš min Maṣr Wir sind nicht aus Ägypten.
Textbeispiel Anhand eines kurzen Dialogs soll hier verdeutlicht werden, wie sehr sich der ägyptische Dialekt vom Standardarabischen unterscheidet. (Um diesen Unterschied klarer zu machen, wird auf die arabische Schrift verzichtet.)
Deutsch
A: Wie geht es Ihnen?
B: Danke, es geht mir gut. Und Ihnen?
A: Es geht, danke.
B: Was machen Sie jetzt?
A: Ich möchte jetzt etwas spazieren gehen.
Arabisch (MSA)
A: Kayfa ḥāluka?
B: Šukran, ana ǧayyid. Wa-kayfa ḥāluka?
A: Al-ḥamdu li-llāh. (wörtlich „Gott sei Dank“, hat aber eine ähnliche Bedeutung wie „comme ci, comme ça“ im Französischen.)
B: Māḏā taʿmilu al-ʾāna?
A: Al-ʾāna ʾurīdu ʾan ʾatamašša qalīlan.
Arabisch (ägyptischer Dialekt)
A: Izzayyak?
B: Šukran, ana kuwayyis. Wa- izzayyak inta?
A: Ahō, māšī, al-ḥamdu li-llāh.
B: Inta ʿāmil ʾē dilwaʾti?
A: ʿĀyiz ʾatamašša šuwayya dilwaʾti.
Unterschiede:
Frage „Wie geht es Ihnen?“ (MSA: kayfa ḥāluka?, Ägyptisch: izzayyak?)
Ausdruck „gut“ (MSA: ǧayyid, Ägyptisch: kuwayyis)
„es geht“ (im Ägyptisch-Arabischen bzw. in anderen Dialekten sagt man häufig „māšī“)
Frage „Was machen Sie?“ (MSA: māḏā taʿmilu?, Ägyptisch: (inta) ʿāmil ʾē) → Austausch der Fragewörter (ʾē anstatt māḏā, Partizip anstatt Verb)
Ausdruck „jetzt“ (MSA: al-ʾāna, Ägyptisch: dilwaʾti)
Verb „wollen“ (MSA: ʾurīdu - 1.P.Sg. Imperf. von ʾarāda, Ägyptisch: ʿāyiz - Partizip m. von ʿāʾza → im Dialekt kommt das Partizip bei Fragen eher vor als ein konjugiertes Verb, s.o.)
Ausdruck „etwas“ (MSA: qalīlan, Ägyptisch: šuwayya)
Vokabular Hiervon sind gerade auch die Strukturwörter betroffen: naʿam („ja“) → aywa (aus ay wallāhi, einer Schwurformel) naḥnu („wir“) → iḥna (Lautentwicklung) ʾaina („wo“) → fēn (aus fī ʾaina) al-ʾān („jetzt“) → dil-waʾti (wörtlich „zu dieser Zeit“, mit Voranstellung des Demonstrativpronomomes, wie es in Ägypten heute nicht mehr üblich ist) matā („wann“) → ʾimtā (Lautentwicklung) Im Laufe der Zeit hat das Ägyptisch-Arabische Lehnwörter aus dem Türkischen, später aus dem Französischen aufgenommen. Den größten Einfluss übt heute jedoch das Englische aus. ʾōḍa (türkisch oda), hocharab. ġurfa („Zimmer“) duġri (türkisch doğru), hocharab. eher ʿalā ṭūl, („geradeaus“) rōbdišambr (franz. robe de chambre)
Die Dialekte Mittel- und Oberägyptens unterscheiden sich zum Teil beträchtlich vom in Kairo gesprochenen Arabisch.
Charakteristische ägyptische Wörter und Sätze Eine Liste typischer Redeformeln und Wörter, die von Ägyptern und anderen Arabern als charakteristisch für den ägyptischen Dialekt angesehen werden:
– „ja“ (informelle Bestätigung anstelle des hocharabischen naʿam) usw. – „Wie geht’s dir ([m./f.], euch, ihm usw.)?“ – „Was soll das?“, „Warum das?“ (als Ausruf des Missfallens) – „Schluss jetzt!“, „Basta!“ (häufig auch als Füllwort und Adverb gebraucht) – „Was soll’s!“, „Na und!“ – „Es reicht!“, „Genug jetzt!“ oder – „noch“ (ersetzt das hocharabische mā zāla) – „auch“ (ersetzt das hocharabische ayḍan) (Partikel der Verstärkung) – „endlich“ (bei Imperativen) bzw. „… nun denn …“ (in Fragen): – „Gib's [jetzt] endlich her!“ „Was hat er nun denn getan?“, auch: „Was soll ich nun tun?“
Grammatik Substantive Im Ägyptischen tragen Substantive folgende Eigenschaften:
Definitheit Ein Substantiv wird bestimmt, wenn es mit dem Präfix il- versehen wird. Vor Sonnenbuchstaben assimiliert sich das l.
bēt – il-bēt „Haus- das Haus“ šams – iš-šams „Sonne – die Sonne“ kalb – il-kalb, auch ik-kalb „Hund – der Hund“
(Im Gegensatz zum Hocharabischen können im Ägyptischen auch k und g assimiliert werden.)
Genus Substantive sind entweder maskulin oder feminin. Feminine Substantive tragen fast immer die Endung -a aus hocharabisch ة oder -ā(t). Manche feminine Substantive tragen keine Endung, sie sind meist weibliche Personenbezeichnungen. Substantive mit der Endung -a aus hocharabisch اء oder ى sind teils maskulin.
Feminin: mit Endung -a: ḥāga „Sache“; mudarrisa „Lehrerin“; ḥamāt „Schwiegermutter“; ḥayā „Leben“ ohne Endung: ʾumm „Mutter“; bint „Mädchen, Tochter“; sitt „Frau“
Maskulin: mit Endung -a: dawa „Medikament“ ohne Endung: bāb „Tür“
Numerus Es existieren drei Numeri: Singular, Dual und Plural:
Der Singular ist bei Sammel- und Gattungsbezeichnungen durch -a markiert. Die unmarkierte Form bezeichnet den Kollektiv.
Der Dual ist produktiv, aber meist nur optional. Bei paarigen Körperteilen gibt es einen Pseudodual mit pluralischer Bedeutung. Gebildet wird er mit der Endung -ēn. Die Endung -a ة wird dabei zu -itēn, -tēn.
Der Plural wird größtenteils gebrochen, d. h. durch Änderung der Vokalstruktur, gebildet. Die Bildungsweise ist sehr vielfältig Der regelmäßige Plural tritt meist nur zu Berufsbezeichnungen und Lehnworten. Er endet bei männlichen Personenbezeichnungen auf -īn, bei sonstigen Substantiven auf -āt (ersetzt Femininendung -a). Bei manchen Zeitangaben und bei der Zahl Tausend ilf einen speziellen Zählplural ti-, tu-, t- für die Zahlen 3–10.