mini|hochkant|Oswald von Wolkenstein – Porträt aus der Innsbrucker Handschrift von 1432 (Liederhandschrift B).Siehe Rudolf Graf von Stillfried und Rattonitz-Alcantara: Erklärungen zur Kleidungs-Dekoration, In: L. Clericus: Der Deutsche Herold. Zeitschrift für Heraldik, Sphragistik und Genealogie. VII. Jahrgang-Nr. 10 u. 11, Hrsg. Herold (Verein), Berlin, im November 1876, u. a. S. 128.
Oswald von Wolkenstein (* um 1377 vermutlich auf Burg Schöneck im Pustertal/Südtirol; † 2. August 1445 in Meran) war ein deutschsprachiger Sänger, Dichter, Komponist und Politiker. Er war ein Ritter des ausgehenden Spätmittelalters sowie Diplomat in Diensten des deutschen Kaisers Sigismund I. und in denen der Görzer Meinhardiner.
Leben Das Leben Oswalds ist in vielen Dokumenten detailliert überliefert. Er selbst sorgte mit seinen häufig autobiografischen Liedern dafür, dass sein Leben nicht vergessen wurde. In zwei erhaltenen Prachthandschriften ließ er diese Lieder auch verewigen.
Oswald war der zweite von drei Söhnen (und vier Töchtern) des Friedrich von Wolkenstein und der Katharina von Villanders. Die Herren von Wolkenstein waren ihrerseits eine jüngere Linie der Herren von Villanders, eines bedeutenden Adelsgeschlechtes mit Stammsitz in Villanders.
links|mini|hochkant|Oswalds Brixner Gedenkstein von 1408 Sämtliche Porträts zeigen Oswald mit verschlossenem rechten Auge. Eine Untersuchung des Schädels aus dem 1973 aufgefundenen Grab Oswalds ergab, dass es sich dabei um eine angeborene Missbildung handelte. Die rechte Augenhöhle war kleiner als die linke, was dazu führte, dass der Augapfel permanent unter Druck stand. Daraus resultierte später eine Lähmung des Lidmuskels (Ptosis).Dieter Kühn: Ich Wolkenstein. Erweiterte Neufassung, Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-19008-9, S. 233 f., 374 ff., 701 ff. Vgl.: Dieter Kühn gibt (a. a. O, S. 234) die Vermutung des Ophthalmologen Eberhard Kleeberger wieder, es handle sich um eine sekundäre Ptosis durch eine Verletzung. Das „Familienhistörchen“ (Dieter Kühn), dem zufolge sich Oswald als etwa achtjähriger Knabe eine Verletzung durch einen Unfall bei einem Bogenschuss auf der Trostburg zugezogen haben soll, gilt inzwischen als widerlegt. Die im Volksmund gelegentlich kolportierte Schilderung zum Verlust der Augenkraft bei der Verteidigung von Burg Greifenstein (1423) ist vollends unmöglich, da Oswald bereits auf dem Gedenkstein am Brixner Dom von 1408 einäugig dargestellt wird.
Jugend- und Wanderjahre Oswald von Wolkenstein dürfte zunächst in seinem vermuteten Geburtshaus Burg Schöneck aufgewachsen sein, wo sein Vater zur Zeit seiner Geburt als Burghauptmann der Grafen von Görz amtierte. Zeitweise wird die Familie auch auf der Lehnsburg des Vaters gewohnt haben, der Burg Wolkenstein, einer kleinen Höhlenburg in einer Felswand. Um 1382 erbte Oswalds Mutter von ihrem Vater Ekhard von Villanders mit der Trostburg einen weit umfangreicheren Besitz, zu dem etwa zehn Güter und 30 zinspflichtige Bauernhöfe sowie zwei Stadthäuser in Brixen gehörten. Den größten Teil seiner Kindheit wird Oswald auf der Trostburg verbracht haben.Siehe Literatur: Dieter Kühn, 2011, S. 15 ff.
Im Alter von zehn Jahren (also um 1387) verließ er sein Elternhaus, um als Knappe zu dienen und die Welt zu bereisen, wie er im Gedicht Es fuegt sich schilderte: Es fuegt sich, do ich was von zehen jaren alt, ich wolt besehen, wie die werlt wer gestalt … Mehrere Jahre lang reiste Oswald, wohl im Gefolge eines fahrenden Ritters, in verschiedenen Ländern umher. Für den Sohn eines Edelmanns war dies damals üblich. Beachtenswert ist aber, wie umfassend er die damals bekannte Welt, von Europa über die Türkei bis in den Nahen Osten und Nordafrika, kennen lernte: Sein oben zitiertes autobiografisches Lied nennt Preußen, Russland, die Tatarei, Türkei, den Vorderen Orient, Italien, Frankreich, Spanien, das Schwarze Meer und Aragon; im Hauensteinlied nennt er noch weitere Länder. In seiner Dichtung gewinnt Oswald komische Effekte aus dem Gegensatz zwischen seinem bewegten Reiseleben und seinem Dasein als verheirateter Familienvater, der auf der Heimatburg festsitzt, so im Lied Durch Barbarei, Arabia.
Durch Barbarei, Arabia Durch Barbarei, Arabia, durch Hermani in Persia, durch Tartari in Suria, durch Romani in Türggia, Ibernia, der sprüng han ich vergessen. Durch Reussen, Preussen, Eiffenlant, gen Litto, Liffen, übern strant, gen Tennmarkh, Sweden, in Prabant, durch Flandern, Frankreich, Engelant und Schottenland hab ich lang nicht gemessen, Durch Arragon, Kastilie, Granaten und Afferen, auss Portugal, Ispanie bis gen dem vinstern steren, von Profenz gen Marsilie – In Races vor Saleren, daselbs beleib ich an der e, mein ellend da zu meren vast ungeren. Auff einem runden kofel smal, mit dickem wald umbfangen, vil hoher berg und tieffe tal, stain, stauden, stöck, sneestangen der sich ich teglich ane zal. noch aines tuet mich pangen, das mir der klainen kindlin schal mein oren dick bedrangen hand durchgangen.Zitiert nach: Karl Kurt Klein (Hrsg.): Die Lieder Oswalds von Wolkenstein (= Altdeutsche Textbibliothek. Bd. 55). 4. Auflage. Neu bearbeitet von Burghart Wachinger. De Gruyter, Berlin 2015, ISBN 978-3-11-033503-3, S. 138–140. Oswald von Wolkenstein Nach dem Tod des Vaters (1399) kehrte Oswald nach Tirol zurück und ist dort 1400 wieder urkundlich nachweisbar. 1401–1402 nahm er am vermutlich erfolglosen Italienfeldzug des deutschen Königs Ruprecht von der Pfalz teil. In diese Zeit fällt ein Streit mit seinem älteren Bruder Michael, der das elterliche Erbe verwaltete und zunächst jahrelang ganz für sich behielt. Erst 1407 wurde das Erbe zwischen den Brüdern Michael, Oswald und Leonhard geteilt: Michael behielt die Trostburg und Wolkenstein, Leonhard bekam Liegenschaften nahe der Burg Aichach in Kastelruth, die er später erwarb, und Oswald erhielt ein Drittel der Burg Hauenstein bei Seis am Schlern, zu der auch zahlreiche zinspflichtige Bauernhöfe gehörten. Die übrigen zwei Drittel gehörten Anna von Hauenstein, der Ehefrau des Ritters Martin Jäger, was später zu einer erbitterten Fehde führte. Am 23. August 1406 ist Oswald von Wolkenstein Gründungsmitglied des Elefantenbundes.
Möglicherweise noch vor seiner Pilgerfahrt ins Heilige Land stiftete Oswald die (nicht erhaltene) Oswald-Kapelle im Dom zu Brixen samt zwei Pfarrstellen, die mit einem Fresko von seinem Schiffbruch auf dem Schwarzen Meer geschmückt war – diesen Schiffbruch schildert der Dichter in zweien seiner Lieder als komische Episode seines Lebens, da er sich auf einem Fass Malvasier-Wein habe retten können. Dieser Stiftung übereignete er 18 von 36 seiner Pachthöfe; vermutlich entsprach sie einem Gelübde, das er in der Seenot abgelegt hatte. 1408 gab er als Vorbereitung auf eine Palästinareise den Denkstein am Brixner Dom in Auftrag, der Oswald als Kreuzritter mit langem Pilgerbart zeigt. Nach seiner Rückkehr (1409/1410) aus dem Heiligen Land erwarb er 1411 das Wohnrecht in einem Pfrundhaus des Augustiner-Chorherrenstifts Neustift bei Brixen, das er aber wohl nur selten nutzte.
In königlichen Diensten Ein Höhepunkt in Oswalds Leben war 1415 die Teilnahme am Konzil von Konstanz im Gefolge Herzog Friedrichs IV. von Tirol; eine Abbildung Oswalds findet sich auch in der Konzilschronik des Ulrich von Richental. In Liedern der Konstanzer Zeit kritisiert er Jan Hus, den das Konzil auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ. Dort ist Oswald im Februar 1415 in den Dienst König Sigismunds (des deutschen Königs und Königs von Böhmen und Ungarn) aufgenommen worden; als Jahresgehalt sind 300 ungarische Gulden in der Bestallungsurkunde festgehalten. Eine Gesandtschaftsreise (zur Beseitigung des Schismas) führte ihn über England und Schottland nach Portugal. Oswald beteiligte sich dort am Eroberungszug zur maurischen, heute zu Spanien gehörigen Stadt Ceuta. Dieser Heerzug war von der Kirche als Kreuzzug genehmigt und mit Privilegien ausgestattet. Danach reiste Oswald im Herbst 1415 nach Perpignan, um sich dem Gefolge König Sigismunds anzuschließen, der dort mehrere Wochen mit König Ferdinand I. von Aragon und dem schismatischen Papst Pedro de Luna über die Abdankung des Letzteren verhandelte. Am Ende dieser Verhandlungsperiode wurde Oswald von Wolkenstein (nach dem Kaiser und weiteren Mitgliedern der königlichen Delegation) mit dem aragonesischen Kannenorden () ausgezeichnet, den er in voller Adjustierung auf seinem Porträt von 1432 trägt. Zuvor hatte die aragonesische Königinwitwe Margarete von Prades, die Witwe Martins I. von Aragon, Oswald von Wolkenstein mit goldenen Ringen für seine Sangeskunst geehrt. Dieter Kühn schließt aus Anspielungen in verschiedenen Liedern sowie aus Chroniken und Finanzbüchern darauf, dass Oswald in Ceuta ein goldgewirktes und mit Edelsteinen verziertes Zeremonialgewand erbeutet habe, vielleicht im Palast des aus der Stadt geflohenen Gouverneurs Salah ben Salah, das er dann in Perpignan bei Gesangsaufführungen getragen und anschließend zu einem hohen Kaufpreis an den dortigen Königshof veräußert habe. Aus dem Erlös habe er an zahlreiche Schuldner, unter anderem den König, teils hohe Darlehen vergeben und sich für den Rest seines Lebens zudem eine beträchtliche Barreserve erhalten.Siehe Literatur: Dieter Kühn, 2011, S. 267–270, 344–348, 721–722.
Sigismunds Weiterreise führte auch den Tiroler Sänger nach Paris, wo Oswald vom 1. März bis Ende April 1416 verweilte. Oswald nutzte seinen Aufenthalt auch zu Auftritten vor der französischen Königin Isabeau (Elisabeth von Bayern) und wurde von ihr für seine Sangeskunst mit einem Diamanten belohnt.
Verschiedene Bildzeugnisse dokumentieren Oswalds damalige Nähe zum König. Eine Darstellung findet sich auf dem Retabel des Hochaltars in der Dortmunder Reinoldikirche, wo Oswald kniend vor Sigismund abgebildet ist.Wolfgang Rinke: Das Tafelgemälde „Anklage, Verhör und Verurteilung Jesu“ in St. Reinoldi zu Dortmund. Zugleich ein Beitrag zur Ikonographie Oswalds von Wolkenstein. In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft. Band 4, Marbach a. N. 1987, , S. 175–199 ( [mit Link zum PDF; 94,2 MB]). Eine weitere bildliche Dokumentation dieser Nähe findet sich bei der Schutzmantelmadonna von Le Puy-en-Velay in Südfrankreich.Siehe dazu den Beitrag von Sieglinde Hartmann: Ein neues Bildzeugnis Oswalds von Wolkenstein? Die Schutzmantelmadonna von Le Puy-en-Velay und das Marienlied in Frankreich. Mit einer kostümgeschichtlichen Untersuchung von Elisabeth Vavra. In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein-Gesellschaft. Band 13. Frankfurt am Main 2001/2002, , S. 297–332 ( [mit Link zum PDF; 94,9 MB]).
1417 war Oswald wieder in Konstanz, später in Tirol. Er schloss sich dem Adelsbund gegen den Landesherrn Friedrich IV. von Tirol an. mini|Rekonstruierte Kopie des Vollbilds Oswalds aus der Handschrift A (Original um 1425) Ebenfalls im Jahr 1417 heiratete Oswald die adelige Margareta von Schwangau.Lucia Esther Momo, Rita Müller: Margarethe von Schwangau – Die Ehefrau Oswalds von Wolkenstein. Grin, München 2005, ISBN 3-638-93749-6. 1420 oder 1421 zog das Paar auf die Burg Hauenstein. Oswald widmete Margareta mehrere Lieder. Sie hatten sieben Kinder: Michael, Leo, Gotthart (gest. vor Februar 1441), Friedrich (gest. 1456), Oswald II. (gest. 1498), Maria und Ursula.
Streit um Hauenstein