Rotary International (RI) ist die Dachorganisation der Rotary Clubs (RC) und Rotaract Clubs (RACs). Dabei handelt es sich um international verbreitete Service-Clubs, zu denen sich Angehörige verschiedener Berufe unabhängig von politischen und religiösen Richtungen zusammengeschlossen haben.Netzwerke – Klüngel und Co. In: manager-magazin.de vom 21. Juni 2007.Stefanie Kaune: Rotarisches Netzwerk. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 12. November 2010, S. 17. Als seine Ziele nennt Rotary humanitäre Dienste, Einsatz für Frieden und Völkerverständigung sowie Dienstbereitschaft im täglichen Leben.Homepage und Artikel 4 der Verfassung von Rotary International. Im deutschsprachigen Raum nennen sich die Mitglieder Rotarier. Die Clubs werden auch als soziales und berufliches Netzwerk genutzt.Service Clubs: Qualität zählt mehr als Vitamin B. In: manager-magazin.de vom 16. November 2006.
Begriff und heutige Präsenz Der Name Rotary (englisch für rotierend, drehend) erwuchs ursprünglich aus dem wöchentlich wechselnden Treffpunkt der Mitglieder; heute entspricht ihm der Brauch, die meisten Ämter im Club normalerweise jährlich neu zu besetzen. Gegründet im Jahr 1905, ist Rotary unter den Service-Clubs der älteste und einer der größten. Laut Rotary sind in 200 Staaten insgesamt rund 1,2 Millionen Menschen Mitglied in über 46.000 Rotary Clubs. Hinzu kommen rund 11.000 Rotaract Clubs mit ca. 250.000 Mitgliedern, die seit 2022 den Rotary Clubs gleichgestellt sind. Insgesamt sind somit ca. 1,45 Millionen Menschen in ca. 57.000 rotarischen Clubs organisiert. Deutschland hat 1.151 Rotary Clubs mit insgesamt ca. 58.656 Mitgliedern und 200 Rotaract Clubs mit 3.300 Mitgliedern (ab 18 Jahre). (Stand: Dezember 2024).
Geschichte Gründung Den ersten Rotary Club gründete der Rechtsanwalt Paul Harris (1868–1947) in Chicago am 23. Februar 1905 mit drei Freunden, dem Kohlenhändler Sylvester Schiele, dem deutsch-amerikanischen Bergbauingenieur und Freimaurer Gustave Loehr sowie dem Konfektionär Hiram Shorey. Die Gründungsmitglieder wählten Schiele zum Präsidenten des Clubs und den Drucker Harry Ruggles zum Schatzmeister.
Mit dem Zusammenschluss soll Harris das Ziel verfolgt haben, in der Großstadt eine ähnlich stabile und vielseitige Wertegemeinschaft zu schaffen, wie er sie als Kind auf dem Land erlebt hatte, wo jeder entsprechend seinen Fähigkeiten andere nach Möglichkeit unterstützte. Der noch befolgte Grundsatz einer „Gemeinschaft von Berufsleuten“ galt von Anfang an. Paul Harris selbst war kein Freimaurer.Vgl. Wolfgang Ziegler: Rotary und die Freimaurer. Von Brüdern und Freunden. In: Rotary Magazin, Ausgabe 4/2004, hrsg. von Johann Michael Müller, Wolfgang Heinrich et al., Hamburg 2004, S. 12f.
Der erste Rotary Club (RC) außerhalb der USA wurde 1910 in Winnipeg (Kanada) gegründet. 1911 folgten die ersten europäischen Clubs in London, Dublin und Belfast. Der erste Club in Lateinamerika war der 1916 gegründete RC Havanna (Kuba). 1918 folgte der erste südamerikanische Club in Montevideo (Uruguay). Die ersten asiatischen Clubs wurden 1919 in Manila (Philippinen), Kalkutta (Indien) und Shanghai (China) gegründet. Der erste Club in Afrika war der 1921 gegründete RC Johannesburg (Südafrika). Im selben Jahr wurden in Melbourne, Sydney und Wellington auch die ersten Clubs in Australien und Ozeanien gegründet.
In Kontinentaleuropa breitete sich Rotary systematisch von West nach Ost aus. Es begann 1920 mit dem RC Madrid (Spanien). 1921 folgten der RC Paris (Frankreich) und in Kopenhagen (Dänemark) der erste Club in Skandinavien. Der RC Amsterdam (Niederlande) war 1922 der erste Club in Benelux und 1923 wurde mit dem RC Mailand der erste Club in Italien gegründet. Der erste Club im deutschsprachigen Raum wurde 1924 in Zürich (Schweiz) gegründet. Ein Jahr später wurde am selben Ort das RI-Büro für Kontinentaleuropa eröffnet.
1925 wurden in den drei großen Metropolen der ehemaligen Habsburgermonarchie, Wien (Österreich), Budapest (Ungarn) und Prag (Tschechoslowakei) die ersten Clubs gegründet.
Rotary im Deutschen Reich (1927–1932) Das Deutsche Reich galt erst nach dem Beitritt zum Völkerbund 1926 als rehabilitiert. Der erste deutsche Klub konnte daher erst am 7. Oktober 1927 in Hamburg gegründet werden. Gründungspräsident war Altkanzler Wilhelm Cuno. Die zweite deutsche Klubgründung erfolgte im Dezember 1927 in Frankfurt am Main. Die ehemaligen Residenzstädte des Deutschen Kaiserreichs wurden wegen der Kriegsschuldfrage bewusst nachgereiht. Die Reichshauptstadt Berlin bekam erst 1929 ihren ersten Rotary Klub. Im selben Jahr wurde auch ein eigener Rotary-Distrikt für alle deutschen und österreichischen Rotary Clubs mit der Nr. 73 gegründet. Ende 1932 gab es 35 Clubs mit ca. 1.700 Mitgliedern (mit durchschnittlich 49 Mitgliedern je Klub).
1929 wurden mit Belgrad und Zagreb auch die ersten Clubs in Jugoslawien gegründet. 1931 folgte mit dem RC Warschau der erste Club in Polen und 1933 mit dem RC Riga (Lettland) der erste Club im Baltikum. In der Sowjetunion war Rotary von Anfang an verboten.
Rotary in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1937) Bereits zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland schlossen einige, wie der Rotary Klub München, wenn auch nicht alle deutschen Rotary Klubs, ihre jüdischen Mitglieder aus. Andernorts wurde jüdischen oder anderweitig nicht erwünschten Mitgliedern der Austritt „nahegelegt“, andere verließen Rotary oder das Land aus eigenem Antrieb. Zu den „verlorenen“, tatsächlich aber ausgeschlossenen Mitgliedern zählten beispielsweise Thomas Mann oder Konrad Adenauer.Rotary Distrikt 1800: Digitales Gedenkbuch für die diskriminierten Rotarier der NS-Diktatur; abgerufen am 10. April 2025Vgl. Erwin Bischof: Thomas Mann und Rotary – Wie der deutsche Dichter gegen die Barbarei des Nationalsozialismus kämpfte. Verlag interforum, Bern 2013, ISBN 978-3-9524099-0-9. Vielerorts hatten Rotary-Klubs allerdings schon vor 1933 keine „Juden und Marxisten“ als Mitglieder. Rotary Deutschland schrumpfte im Jahr 1933 von 1700 auf 1200 Mitglieder. Der nationalsozialistischen Führung war Rotary wegen ihrer internationalen Organisation dennoch suspekt.
Günther Beindorff, Mitinhaber der Firma Günther Wagner (Pelikan), war von 1924 bis Mai 1933 Mitglied der Hannoverschen Freimaurerloge „Zum schwarzen Bär“. Er trat 1932 in den RK Hannover ein und war 1935/36 dessen Präsident. 1936 wurde er zum Obmann für den Jugendtausch des Distriktes 73 von Governor Schneiderhahn berufen. Da er im Jahre 1937 auf einer Gestapo Liste immer noch verdächtigt wurde, Freimaurer zu sein, gab er sein Amt als Leiter der Zentralstelle für Jugendaustausch im 73. Distrikt am 7. September 1937 an Governor Hugo Grille zurück.
Zu den Rotariern zählten damals auch 150 Freimaurer, die nach dem Verbot der Freimaurerei vom 17. August 1935 als Mitglieder der Rotary-Klubs gehalten wurden. 1937 waren immer noch 115 passive und ehemalige Freimaurer unter den Rotariern.Wendt-Dieter Frhr. von Gemmingen: Entwicklungsgeschichte der Wohltätigkeitsclubs: Wohltätigkeitsclubs als zivilgesellschaftliche Akteure, Bachelorarbeit, Universität Salzburg, 2009.
Obwohl internationale Rotarier der deutschen Staatsführung versichert hatten, Rotary sei nicht politisch aktiv und nehme auf Regierungsangelegenheiten keinen Einfluss, wurde Beamten und NSDAP-Mitgliedern die Doppelmitgliedschaft bei Rotary ab 1. Januar 1938 untersagt.Anordnung des Reichsleiters Walter Buch vom 23. August 1937, abgedruckt u. a. in: Archiv für Rassen- u. Gesellschafts-Biologie, 1937, S. 373 oder in: Mitteilungen der Kommission für Wirtschaftspolitik der NSDAP, 1937, S. 14. Einige deutsche Rotary Klubs nahmen an, sie könnten die nationalsozialistische Regierung durch Anpassung beeinflussen. Der Governor Hugo Grille gab in einer Denkschrift vom 13. August 1937 an den Reichsinnenminister Wilhelm Frick eine Unterwerfungserklärung für die Klubs ab. Die beinhaltete 1. die Erklärung unbedingter Treue zu Adolf Hitler, 2. die Zusage, keine „Juden“ im Klub zu dulden, 3. alle von der obersten Parteiführung geäußerten Wünsche zu erfüllen, 4. die Bitte, ein hohes Parteimitglied mit der Führung des Klubs zu betrauen und 5. die Bereitschaft, alle zukünftigen Entscheidungen der Klubs vorher der Reichsführung zur Genehmigung vorzulegen. Die Reichsregierung ging auf dieses Angebot nicht ein.
Bei der außerordentlichen Distriktversammlung vom 4. September 1937 in Berlin beschlossen die deutschen Klubs, bis auf drei Ausnahmen, sich bis zum 15. Oktober 1937 selbst aufzulösen. Governor Hugo Grille teilte der Gestapo am 28. Oktober 1937 mit, dass sich zum 15. Oktober 1937 alle 43 reichsdeutschen Rotary-Klubs mit 1082 MitgliedernWedemeyer, Manfred: Den Menschen verpflichtet -75 Jahre Rotary in Deutschland incl. des RK Danzig aufgelöst haben. Damit entgingen sie einem möglichen Verbot bzw. einer Gleichschaltung. In Österreich erfolgte die Auflösung am 18. März 1938 etwa eine Woche nach dem Anschluss Österreichs. Bis zum Jahr 1937 waren alle Rotary Clubs in Deutschland und Österreich in einem gemeinsamen Distrikt mit der Nr. 73 organisiert. Dieser Distrikt umfasste insgesamt 44 Clubs in Deutschland und 11 Clubs in Österreich.
Mitgliedern von Rotary-Klubs, wie August Reuss, wurde jedoch aufgrund ihrer Mitgliedschaft der Eintritt in die NSDAP verwehrt.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 307ff, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013.
Rotary im Nachkriegsdeutschland Nach der Auflösung 1937 trafen sich die Freunde, zwar unter externer Überwachung, aber toleriert, in sog. Freundeskreisen, die bis Anfang 1945 aufrechterhalten wurden und während der Besatzungszeit wieder auflebten. Diese Clubs der Freunde wurden nunmehr mit „C“ geschrieben (CdF), um mit der Abkürzung "KdF" (Kraft durch Freude) des Naziregimes ja nicht in Verbindung gebracht zu werden.
Als erster Club der Bundesrepublik erhielt der RC Frankfurt am 27. April 1949 seine Charterurkunde. Im Jahr 1958 gab es insgesamt drei Distrikte in der Bundesrepublik, die Zahl wuchs auf 8 Distrikte im Jahr 1975 bzw. 11 Distrikte im Jahr 1985 an. Ab 1968 wurden in Deutschland die ersten Rotaract Clubs gegründet. Vom 7. bis 10. Juni 1987 fand die World Convention von Rotary International in München (Olympiazentrum) und damit erstmals in Deutschland statt. Im Jahr 1989 gab es in Westdeutschland insgesamt 543 Clubs mit 24.787 Mitgliedern.
Rotary und die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
Deutschland und Österreich hatten im Zeitraum 1932/33 bis 1937/38 (in einem gemeinsamen Distrikt) insgesamt 1500 bis 1700 Mitglieder, davon 1100 bis 1300 in Deutschland. Rotary wurde von den Nationalsozialisten schon vor 1933 angefeindet als internationale, aus Amerika und angeblich jüdisch gesteuerte Organisation.
Nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 gab es eine erhebliche Fluktuation von 600 bis 700 Mitgliedern, viele traten aus; nicht wenige, vor allem ab März 1933, traten in die NSADP ein und viele Mitglieder wurden ausgeschlossen. Wer aus politischen Gründen Berufsverbot erhielt, so Oberbürgermeister wie Konrad Adenauer und viele andere, verlor seine Berufsklassifikation und musste die Clubs verlassen. Mitglieder mit einem jüdischen Hintergrund waren in den Clubs mit rund 15 Prozent weit höher vertreten als im Reichsdurchschnitt (ca. ein Prozent). Ihnen legten die meisten Clubs seit Anfang April 1933 den Austritt nahe oder schlossen sie aus, wenn sie nicht freiwillig austraten, spätestens nach den Nürnberger Gesetzen 1935.