Als Helvetismus (neulateinisch ‹Schweiz› und -ismus) bezeichnet die deutsche Sprachwissenschaft zwei miteinander nicht direkt verwandte Phänomene:
«Helvetismus» im Sinne der Variationslinguistik bezeichnet jene sprachliche Besonderheiten, die typischerweise im Schweizer Hochdeutsch und nicht im gesamten deutschen Sprachgebiet verwendet werden (Beispiel: Nüsslisalat, parkieren). Dabei werden laut Ulrich Ammon drei Typen unterschieden:Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1995; zur Terminologie etwa S. 61–73. Die Beispiele stammen aus dem Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Hrsg. von Ulrich Ammon, Hans Bickel, Alexandra N. Lenz. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2016. spezifischer Helvetismus: Das Vorkommen beschränkt sich auf die Schweiz, zum Beispiel Morgenessen, Traktandum. unspezifischer Helvetismus: Das Vorkommen beschränkt sich auf die Schweiz sowie Teile des weiteren deutschen Sprachgebiets, zum Beispiel Abgeltung (Schweiz und Österreich), Fahrzeuglenker (Schweiz, Österreich und Süddeutschland). Frequenzhelvetismus: Das Vorkommen ist in der Schweiz sehr viel ausgeprägter als in anderen deutschsprachigen Gebieten, zum Beispiel kassenpflichtig, Jungmannschaft, Kochbutter (diese kommen auch in Deutschland vor, sind dort allerdings kaum gebräuchlich)
«Helvetismus» im Sinne von Wörtern, die ursprünglich aus dem Deutschschweizer Sprachgebiet stammen und heute im gesamten deutschen Sprachgebiet verwendet werden (Beispiele: Müsli, Putsch) – analog zu Begriffen wie Anglizismus – bezeichnet Wörter, die aus dem schweizerischen Deutsch stammen und ins Gemeindeutsche übernommen wurden (vgl. Liste weiter unten; siehe auch: Lehnwort).
Unter «Helvetismus» versteht man nicht allein typische schweizerische Wörter (Lexeme), sondern auch die Besonderheiten im Bereich von Wortbildung, Wortbeugung, Satzbildung, Rechtschreibung und Aussprache.Ulrich Ammon: Die deutsche Sprache in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Das Problem der nationalen Varietäten. Walter de Gruyter, Berlin / New York 1995; hier bezüglich der Schweiz 251–282. Auch die meisten der unten in der Bibliographie genannten Helvetismensammlungen decken nicht allein den Wortschatz, sondern auch Aussprache, Grammatik und Rechtschreibung ab.Urs Bühler: Vorzüge einheimischer Sprachkost: Ein Lob auf die Helvetismen In: Neue Zürcher Zeitung vom 28. Februar 2017 Manchmal wird die Bezeichnung Helvetismus auch nur für Wörter verwendet.Die Sprachwissenschaftlerin Christa Dürscheid beispielsweise verwendet den Begriff ausschliesslich zur Bezeichnung lexikaler Besonderheiten; vgl. Christa Dürscheid: Ist Standarddeutsch in der Schweiz eine Randerscheinung? In: Neue Zürcher Zeitung, 16. Januar 2007.
Die in Lexika und Wörterbüchern zum Schweizerhochdeutschen festgehaltenen Helvetismen sind Bestandteil der Schweizer Standardsprache. Es handelt sich dabei um Wörter, die in Texten, die in der Schweiz verfasst oder publiziert werden, als angemessen und korrekt gelten. Naturgemäss können weniger formelle journalistische und literarische Texte zu einer grösseren Nähe zu den schweizerdeutschen Dialekten tendieren; derart verwendete, alemannisch basierte Wörter haben mehr umgangssprachlichen oder mundartnahen Charakter und stellen damit Grenzfälle des Standards dar.Hans Bickel, Christoph Landolt: Schweizerhochdeutsch. Wörterbuch der Standardsprache in der deutschen Schweiz. 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl. Hrsg. vom Schweizerischen Verein für die deutsche Sprache. Dudenverlag, Berlin 2018, S. 7. Für die Neuerarbeitung des Variantenwörterbuchs des Deutschen, die 2016 erschien, wurden drei «Säulen» definiert, auf denen die Einstufung der Standardsprachlichkeit eines Lemmas beruht, nämlich erstens die Häufigkeit in «Modelltexten» (regionale und überregionale Zeitungstexte), zweitens die Einschätzung von Sprachexperten hinsichtlich der standardsprachlichen Akzeptanz und drittens das Auftreten in aktuellen Nachschlagewerken. Solche Wörter, deren Gebrauchsfrequenz zwar einen definierten Schwellenwert erreichte, die jedoch nur in bestimmten, der Mündlichkeit nahestehenden Textsorten oder etwa hauptsächlich zwischen Anführungszeichen auftraten, erhielten den Zusatz «Grenzfall des Standards» – vergleichbar mit der Markierung «mundartnah» in der Publikation Schweizerhochdeutsch von 2012/2018 und der Markierung «mundartl[ich]» im Schweizer Wörterbuch von 2006.Vgl. Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz, Deutschland, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol sowie Rumänien, Namibia und Mennonitensiedlungen. Hrsg. von Ulrich Ammon, Hans Bickel, Alexandra N. Lenz. 2., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage. De Gruyter, Berlin 2016 S. XII–XVII; in aller Ausführlichkeit sodann Hans Bickel, Lorenz Hofer, Sandra Suter: Variantenwörterbuch des Deutschen (VWB) – NEU. Dynamik der deutschen Standardvariation aus lexikografischer Sicht. In: Roland Kehrein, Alfred Lameli, Stefan Rabanus (Hrsg.): Regionale Variation des Deutschen. Projekte und Perspektiven. De Gruyter, Berlin/Boston 2015, S. 541–562.
Ein beträchtlicher Teil der Helvetismen hat seine Basis darin, dass die Schweiz und ihre Kantone eigenständige Staatswesen sind, die eine eigene, von derjenigen der Bundesrepublik Deutschland und von Österreich unabhängige Rechts- und Verwaltungssprache kennen. Ein weiterer Hauptfaktor ist die landschaftliche Zugehörigkeit zum alemannischen Raum, die sich nicht nur in der Mundart niederschlägt (Beispiele für Wörter, die aus dem Schweizerdeutschen in die Schweizer Schriftsprache gelangt sind, sind etwa Beiz, Guetsli/Guetzli, Metzgete, Rande und Rüebli), sondern die auch seit jeher die Deutschschweizer Literatursprache prägt. Infolge der Mehrsprachigkeit der Schweiz sind auch Einflüsse aus dem Französischen unübersehbar, hierzu gehören Entlehnungen wie Poulet und Coiffeur. Etliche französischstämmige Wörter im schweizerischen Deutsch wie etwa Trottoir oder Perron waren früher allerdings gemeindeutsch, wurden jedoch in Deutschland und Österreich seit dem späten 19. Jahrhundert durch bewusste Germanisierungen verdrängt. Ein eher konservatives Element sind auch die der Schweizer Sportsprache eigenen englischen Ausdrücke wie Goalie und Penalty, die im übrigen deutschen Sprachgebiet längst vom einheimischen Wortschatz abgelöst worden sind.
Analog zu Helvetismen gibt es auch Austriazismen, Belgizismen und Teutonismen (auch missverständlich Germanismen genannt), welche die jeweilige nationale Varietät prägen.
Wortschatz
Helvetismen können etwas bezeichnen, wofür es keinen gemeindeutschen Ausdruck gibt, sie können neben einem gemeindeutschen Wort verwendet werden oder ein solches ersetzen. Einige Wörter haben neben einer Grundbedeutung eine schweizerische Zusatzbedeutung.
In den Wörterlisten verwendete Abkürzungen bair. – bairisch dtl. – deutschländisch gemeindt. – gemeindeutsch inf. – in informellen Situationen gebräuchlich mdal. – mundartlich österr. – österreichisch süddt. – süddeutsch Wz. – eingetragenes Warenzeichen
Andere Wörter (anstelle von oder neben einem gemeindeutschen Wort gebraucht; in anderen Teilen des deutschen Sprachgebiets – v. a. im Süden – sind manche dieser Ausdrücke auch bekannt, jedoch seltener gebraucht)
Küche, Nahrung, Restaurant der/das Apéro (Aperitif, Umtrunk) das Bahnhofbuffet (Bahnhofsrestaurant) die Baumnuss (Walnuss) die Beiz, inf. (Kneipe, vgl. österr. Beis(e)l, bair. Boazn) das Bettmümpfeli (Süssigkeit vor dem Schlafengehen) das Brunsli mdal. (Schokoladengebäck, v. a. an Weihnachten) das Buffet à discrétion (offenes Buffet ohne Nachzahlen) der (auch: die) Cervelat (kurze, dicke Brühwurst) der Chili (die Chilischote), siehe auch Paprika, Peperoni, Peperoncino der/die Coupe (Eisbecher) das Cüpli (Glas Champagner, kein Sekt oder Prosecco!) der Fleischvogel (Rinderroulade) der Gipfel bzw. das Gipfeli (Hörnchen, Kipferl, Croissant) die Glace bzw. das Glacé (Speiseeis) gluschtig (lecker, appetitlich) grillieren (grillen) das Güggeli mdal. (Grillhähnchen) das Guetsli, Guetzli mdal./inf. (Plätzchen, Keks) das Hacktätschli mdal. (Frikadelle) das Hahnenwasser (auch süddt.), scherzhaft auch Hahnenburger (Leitungswasser) der Kartoffelstock (Kartoffelpüree) der Kirsch (Kirschwasser) die Metzgete (Schlachtung, ‹Schlachtfest› im Sinne des Angebots frischgeschlachteten Fleisches in Gaststätten) das Morgenessen/Zmorgen (Frühstück) das Müesli bzw. Birchermüesli (nach Maximilian Oskar Bircher-Benner; im bundesdeutschen und österreichischen Hochdeutsch: Müsli) das Nachtessen, der/das Znacht (Abendessen) der Nüsslisalat, Nüssler (Feldsalat, Vogelsalat, Rapunzel) das Panaché, oft auch Panache (Radler) die Peperoni (rote, grüne oder gelbe Paprika, gross und mild; aus dem Italienischen übernommen) der (v. a. als getrocknetes und gemahlenes Gewürz)/die (Frucht) Paprika (Peperoni; aus dem Ungarischen, nur noch selten für die Frucht benutzt) der Peperoncino (Paprikafrucht, scharf und länglich; aus dem Italienischen übernommen, it. Plural (die Peperoncini) oftmals fälschlicherweise als Singular benutzt), manchmal bzw. früher auch für die kleine Variante gebraucht: der Chili (die Chilischote) das Poulet (Huhn als Speise) das Praliné (Betonung auf dem a; die Praline) der Rahm (Sahne), auch Nidel/Nidle mdal. die Rande, der Randen (meist Plur.; rote Bete, rote Rübe, vgl. bair. Ranna) das Ruchbrot und das Ruchmehl; mdal. ruch bedeutet «rau, grob» das Rüebli mdal./inf. (sonst: Karotte, auch süddt.; Möhre, gelbe Rübe) das Rüstmesser (kleines Küchenmesser, meist mit Wellenschliff, zum Schälen und Zuschneiden von Früchten und Gemüse) das Sackmesser (auch süddt., Taschenmesser) die Schale (heller Milchkaffee) der Schwingbesen (dt.: Schneebesen, österr.: Schneerute) das Silserli (Laugenbrötchen) die Serviertochter (Kellnerin) die Teigwaren (Nudeln) der Thon (verarbeiteter, meist in Öl eingelegter und in Konservendosen verpackter Thunfisch) tischen (den Tisch decken) das Voressen (Gulasch, Ragout; auch bair.) die Wähe (Blechkuchen mit Obst- oder Gemüsebelag; auch in Südwestdeutschland und im Elsass) der/das Zmorge(n) mdal./inf. (Frühstück) der/das Znüni mdal./inf. (Zwischenmahlzeit am Vormittag um ~9 Uhr) der/das Zmittag, mdal./inf. (Mittagessen) der/das Zvieri mdal./inf. (Zwischenmahlzeit am Nachmittag um ~16 Uhr) der/das Znacht / das Nachtessen mdal./inf. (Abendessen) die Zucchetti (Zucchini)
Haus, Haushalt der Abwart (Hausmeister, Hauswart) die Ablage ((Hut-)Garderobe, Ablage) das Ablegen (Kleider ausziehen, Mantel in der Garderobe aufhängen), das Aus-/Abziehen (Kleider ausziehen, Bettwäsche auswechseln) das Anlegen (Kleider, Mantel anziehen) die Attikawohnung (Penthouse, oberste Wohnung mit grosser, oft umlaufender Terrasse) die Aufrichte (D: Richtfest; A: Firstfeier, Gleichenfeier) das Cheminée (offener Kamin) der Estrich (auch süddt., Dachboden) die Winde (Dachboden) die Finken (Hausschuhe) der Hag (Zaun) der Harass, die Harasse (Getränkekiste; offene Holzkiste) das Heimet mdal. (kleines Bauerngut) der Kehricht (mdal.: Güsel/Ghüder; Abfall, Müll – davon auch abgeleitet die Kehrichtverbrennungsanlage, welche meist nur abgekürzt als KVA in Texten erscheint) das Lavabo (Handwaschbecken) das Nastuch (auch süddt., Taschentuch) die Pfanne (Kochtopf) der Plafond (auch süddt. und österr., die Zimmerdecke) das Pult (Schreibtisch) das Pyjama (der Pyjama, Schlafanzug) die Rechaudkerze (Teelicht) die Renovation (Renovierung) das Riegelhaus (Fachwerkhaus) ringhörig (leicht schalldurchlässig; ring = alemannisch für leicht, gering)