Das Kloster Lorsch (St. Nazarius) war eine Benediktinerabtei in Lorsch im Landkreis Bergstraße (Hessen) in Deutschland. Es wurde um 764 gegründet und war bis zum Hochmittelalter als Reichskloster ein Macht-, Geistes- und Kulturzentrum. 1232 kam die Abtei Lorsch zu Kurmainz und war ab 1248 eine Prämonstratenser-Propstei. 1461 wurde Lorsch als Teil des Oberamtes Starkenburg an die Kurpfalz verpfändet, die das Kloster 1564 aufhob.

Wichtige überlieferte Zeugnisse sind der Lorscher Codex (Codex Laureshamensis), ein umfassendes Güterverzeichnis, das Lorscher Evangeliar (Codex Aureus Laureshamensis), aber auch der Lorscher Bienensegen, die ehemalige Bibliothek und die Torhalle des Klosters, auch Königshalle genannt, eines der wenigen vollständig erhaltenen Baudenkmale aus der Zeit der Karolinger. Das übrige Kloster wurde, mit Ausnahme weniger Gebäude, im Dreißigjährigen Krieg 1621 niedergebrannt und später als Steinbruch beräumt. Lediglich die Torhalle des Klosters blieb unversehrt.

Das Kloster Lorsch (Abtei und Altenmünster) ist seit 1991 Weltkulturerbe der UNESCO, des Weiteren ist es ein geschütztes Kulturgut nach der Haager Konvention. Das Lorscher Arzneibuch, eine Handschrift aus dem Ende des 8. Jahrhunderts, wurde 2013 zum UNESCO-Weltdokumentenerbe in Deutschland erklärt.

Vom Altenmünster, dem überlieferten Vorgängerkloster von Lorsch, ist obertägig kein Rest mehr vorhanden.

Historische Namensformen Urkundlich sind folgende Namen belegt: im 9. Jahrhundert Lorishaim, im 9. und 11. Jahrhundert Loresham, im 9. bzw. 10. Jahrhundert Laurishaim, im 10. Jahrhundert Laresham, im 10. bis 12. Jahrhundert Lareshaeim und Lauresheim, im 11. und 12. Jahrhundert Lauresham, im 11. Jahrhundert Larsem und Loraszam und Lorozam und Lorisham, im 12. Jahrhundert Laurisca und Laurisham und Laureshan und Loressam und Lorisheym und Lorscheim und Lors.

Geschichte mini|Aufgemauerte Fundamente, die Lage und Größe der Klosterkirche Altenmünster an der Weschnitz verdeutlichen sollen; die sichtbare Aufschüttung stellt den Verlauf der Klausurgebäude nach mini|Karolingische Torhalle (Ostseite) mini|Karolingische Torhalle (Westseite)

Gründung um 764 Wie die Chronik des Lorscher Codex im zeitlichen Abstand von gut vierhundert Jahren Ende des 12. Jahrhunderts zu berichten weiß, stifteten der damalige Graf des Oberrheingaus Cancor und seine Mutter Williswinth, Witwe des Grafen Rupert, auf einer von der Weschnitz umflossenen „Insel“ im Jahr 764 das Kloster Lorsch. Cancor und Williswinth (im Codex auch „Williswinda“ genannt) entstammten der karolingischen Reichsaristokratie aus dem Geschlecht der Robertiner. Die Stifter übereigneten das Kloster ihrem Verwandten, dem Bischof Chrodegang (im Codex „Rutgang“ oder „Ruodgang“ genannt) von Metz, und schenkten dem Kloster und seinen Mönchen als wirtschaftlichen Grundstock Güter aus ihrem Familienbesitz. Die erste Schenkung belegt eine Urkunde vom 12. Juli 764, in der das Kloster ein Landgut in Hahnheim bei Worms erhält. Aus dem Text dieser Urkunde geht hervor, dass es zum Zeitpunkt der Schenkung an dem genannten Ort bereits eine dem heiligen Petrus geweihte, von Cancor und Williswinth neu erbaute Kirche gab. Die Schenkung erfolgte zu Gunsten Chrodegangs und seiner Mönche. Daraus wird ersichtlich, dass die Gründung des Klosters schon vorher erfolgt sein mussteSebastian Scholz: Das Kloster Lorsch von seinen Anfängen bis zu seiner Aufhebung 1557. In: Kloster Lorsch. Vom Reichskloster Karls der Großen zum Weltkulturerbe der Menschheit. Ausstellung Museumszentrum Lorsch, 28.5.2011–29.1.2012. Michael Imhof Verlag, Petersberg 2011, ISBN 978-3-86568-643-5, S. 382–401, hier S. 382.

Der Bischof, später Erzbischof, war führender Kopf der fränkischen Kirchenneuorganisation. Außerdem war er ein Berater und enger Vertrauter des fränkischen Königs Pippin. Diese Aufgaben ließen ihm wenig Zeit, sich persönlich um das junge Kloster zu kümmern. Deshalb entsandte er seinen Bruder Gundeland, den Abt von Gorze bei Metz, „an die Spitze des Klosters“, zusammen mit zwei „erfahrenen und gottesfürchtigen Mönchen reiferen Alters“ und weiteren vierzehn Mönchen aus Gorze. Schon 765 wurde Gundeland Abt des Klosters.

Als der Papst Paul I. Pippin um Hilfe gegen die Langobarden ersuchte, wurden fränkische Gesandte zum Schutz nach Rom abgeordnet. Chrodegang nutzte die Gelegenheit, um mittels dieser Gesandtschaft beim Papst um Reliquien für seine Klöster in Gorze, Sankt Avold und Lorsch zu bitten, eine Bitte, der der Papst entsprach, so dass am 11. Juli 765 Reliquien des Märtyrers Nazarius in Lorsch eintrafen. Im Lorscher Codex wird die Reliquientranslation des Märtyrers anlässlich des ersten Jahrestag der Stiftung wie folgt berichtet:

Aufgrund des nunmehr sprunghaften Zuwachses der Pilgerschar, die sich vom Gebet an der Ruhestätte des Heiligen dessen Fürsprache im Jenseits erhoffte, wurde das Kloster durch die Geschenke der Gläubigen nicht nur reich, sondern die Anlage auf der Insel wurde auch schon bald zu klein. Auch dem Ansehen des Heiligen wurde nach Ansicht der Stifter die bisherige Peterskirche nicht gerecht, so dass man beschloss, das Kloster an einen Ort zu verlegen, der Platz für eine große Kirche und die gewachsene Zahl der Besucher bot. Der dafür benötigte Bauplatz wurde dem Kloster am 1. November 767 von Cancors Bruder Turincbert auf dem Hügel, einer Flugsanddüne unweit des alten Standorts, geschenkt. Dort begann man mit dem Bau der neuen, dem heiligen Nazarius geweihten dreischiffigen Basilika und weiterer notwendiger Klostergebäude.Josef Semmler: Die Geschichte der Abtei Lorsch von der Gründung bis zum Ende der Salierzeit 764 bis 1125. In: Friedrich Knöpp (Hrsg.): Die Reichsabtei Lorsch. Festschrift zum Gedenken an ihre Stiftung 764. Band 1, Hessische Historische Kommission, Darmstadt 1973, S. 75–174, hier S. 79 (PDF). Das Mutterkloster auf der Weschnitzinsel wurde später dann das Altenmünster genannt.

Reichskloster ab 772 Als Cancor 771 starb, erhob Heimerich, der Sohn Cancors, erbrechtliche Besitzansprüche auf das Kloster. Der Abt Gundeland seinerseits verwies auf die Schenkung an seinen Bruder Chrodegang, der es an ihn weitervererbt hatte. Zur Klärung wandte sich Gundeland im März 772 an das Hofgericht von Karl dem Großen. Dort konnte er die Schenkungsurkunde vorzeigen, die leider nicht erhalten ist, worauf er die Abtei als Eigenbesitz zugesprochen bekam. Um weitere Übergriffe des Adels und der benachbarten Bischöfe auf die Abtei zu verhindern, übertrug Gundeland diese an Karl den Großen. Dadurch wurde die als Eigenkloster gegründete Abtei im Mai 772 Reichs- und Königskloster. Sie erhielt so den Schutz des Königs, die Immunität und das Recht, ihre Äbte frei zu wählen. In der Reichsorganisation hatte die Abtei den Königsdienst (servitium regis) zu leisten und sorgte für die Binnenkolonisation. In diesem Kontext muss die Schenkung von Karl dem Großen gesehen werden, der im Jahre 773 und 774 die Mark Heppenheim und die Villa Oppenheim übereignete. In der Tradition des ewigen Gebetes (in der Anfangszeit des Klosters für die Familien der Besitzer und des zahlungskräftigen Adels) forderte Karl der Große die Mönche auch auf, für die Königsfamilie und das Reich zu beten.

Im Jahr 774 war die neue Klosterkirche soweit fertiggestellt, dass sie ihre Aufgabe als Ort der Verehrung des Heiligen übernehmen konnte. Der Abt Gundeland lud Karl den Großen zur Weihe ein, der sich in Speyer aufhielt, nachdem er gerade aus Italien zurückgekehrt war, wo er die Langobarden besiegt hatte. Er reiste mit seiner Frau Hildegard, den Söhnen Karl, Pippin und Ludwig, den Bischöfen von Mainz Lullus (später Erzbischof), Wiomad von Trier, Angilram von Metz (königlicher Erzkaplan und später Erzbischof), Waltrich von Langres und Megingaud von Würzburg (als Bischof 769 zurückgetreten, Gründer des Klosters Neustadt am Main) nach Lorsch. Am 1. September 774 nahm Lullus die Kirchweihe vor und überführte die Reliquien des heiligen Nazarius feierlich in die neue Kirche. Dies ist der einzige nachweisliche Aufenthalt Karls des Großen in Lorsch.

Nach dem Tod Gundelands am 18. Dezember 778 wurde Helmerich, auch er wahrscheinlich ein Verwandter der Stifterfamilie, von den Mönchen zum Abt gewählt und vom König bestätigt. Dieser kümmerte sich um den weiteren Innenausbau der neuen Klosterkirche: Er vollendete das unter Gundeland begonnene Ziborium über dem Hauptaltar, ließ die Kirchendecke verkleiden und den Boden mit Platten belegen sowie das Grab des Nazarius mit Gold und Silber geschmückten Schranken umgeben. Auch der Altar in Sankt Peter, der Klosterkirche des Altenmünsters wurde unter seiner Ägide reich verziert.Josef Semmler: Die Geschichte der Abtei Lorsch von der Gründung bis zum Ende der Salierzeit 764 bis 1125. In: Friedrich Knöpp (Hrsg.): Die Reichsabtei Lorsch. Festschrift zum Gedenken an ihre Stiftung 764. Band 1, Hessische Historische Kommission, Darmstadt 1973, S. 75–174, hier S. 84 (PDF).

Eine weitere wichtige Aufgabe kam der Abtei ab dem vierten Abt Richbod zu, der ein bedeutendes Skriptorium aufbaute. Im selben Jahrhundert wurde dem Skriptorium auch eine Schule angeschlossen, aus der sich die weithin bekannte KlosterbibliothekVgl. auch Paul Schnitzer, Karl-Heinz Mottausch: Te igitur. Handschriften aus dem Kloster Lorsch. Lorsch 1964. des Hochmittelalters entwickelte. Richbod ist vermutlich seit 775 im Kloster als Urkundenschreiber belegt. Er erhielt seine Ausbildung am Hofe von Karl dem Großen bei Alkuin. Es ist zu vermuten, dass er durch seine Nähe zum Königshof 784 zum Abt gewählt wurde und zwischen 791 und 793 in Personalunion auch Erzbischof von Trier war. Als solcher gehörte er zum engeren Gelehrtenkreis (Pseudonym: Macharius) am Königshof um Karl und Alkuin. Das Kloster hatte dadurch eine bedeutende Rolle für die Bücherproduktion und damit auch für die Bildungsreform im fränkischen Reich (siehe auch: Lorscher Annalen). Weiterhin ließ Richbod die ecclesia triplex errichten. Dies war eine weitere kleine Kirche, die im Zusammenhang mit dem Bau der ersten Konventsgebäude aus Stein gesehen werden muss. Weiterhin befestigte Richbod das Kloster mit einer Steinmauer.

Unter den Klöstern im Reich, die die Hauptlast des Königsdienstes zu tragen hatten (zum Beispiel Abgaben an das Reich oder die Bereitstellung von Soldaten für das Reichsheer), taucht Lorsch schon 817 auf. Dies verdeutlicht auch die wirtschaftliche Bedeutung des Klosters für das Frankenreich.

In der Forschung umstritten ist die These, dass Tassilo III. (* um 741; † um 796), der letzte baierische Herzog aus dem Geschlecht der Agilolfinger und Vetter Karls des Großen, die letzten Jahre seines Lebens möglicherweise im Kloster Lorsch als einfacher Mönch verbracht habe. Der früheste Beleg für diese Annahme findet sich in einer 1146/1147 abgefassten Chronik des Otto von Freising, in der wir lesen: „Der König jedoch, von Mitleid bewegt, erlaubte ihm, im Kloster Lorsch, das er selbst gegründet hatte, die Mönchstracht anzunehmen …“Otto von Freising, Chronica 5,29. Edition: Adolf Hofmeister (Hrsg.): Ottonis episcopi Frisingensis Chronica sive Historia de duabus civitatibus (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi. Band 45). Hannover 1912, S. 255 (Digitalisat). Möglicherweise verwechselt Otto allerdings das Lorscher Kloster mit dem von Tassilo gegründeten Kloster Niedernburg in Passau.Romuald Bauerreiß: Wo ist das Grab Tassilos III.? In: Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige. Band 49, 1931, S. 92–102. Ein weiterer Hinweis auf Lorsch als Begräbnisstätte Tassilos liefert der Historiker Georg Helwich, der am 10. September 1615 auf einem Grabdenkmal in Lorsch folgende Inschrift vorgefunden hat: