mini|Wohlstand einer fiktiven Hafenstadt, Gemälde von Claude Lorrain (1639)
Merkantilismus (von , ) ist eine Wirtschaftspolitik, die möglichst viele Waren aus dem Land ausführen möchte und möglichst wenig Waren ins Land lässt.
Diese Wirtschaftspolitik prägte die moderneren Länder in Europa und Bereiche in Afrika vom 16. Jahrhundert bis ins späte 18. und frühe 19. Jahrhundert. In der Wirtschaftstheorie wird diese Zeit auch als Frühkapitalismus bzw. in der Geschichtswissenschaft als Proto-Industrialisierung bezeichnet. Der Merkantilismus in Frankreich wurde durch die Physiokratie, im übrigen Europa durch die klassische Nationalökonomie verdrängt. Wirtschaftspolitik seit dem 19. Jahrhundert, die auf Leistungsbilanzüberschüsse und eine protektionistische Beschäftigungsstabilisierung ausgerichtet ist, wird als Neomerkantilismus bezeichnet.
Ziel des Merkantilismus war eine positive Leistungsbilanz, indem auf eine positive Handelsbilanz abgezielt wurde, speziell mit fertigen Produkten. Der Grund dafür war, dass absolutistisch regierte Staaten wachsende und sichere Einnahmen anstrebten. Die Herrscher bezahlten ihre stehenden Heere, immer mehr Beamte und hatten einen großen repräsentativen Aufwand. In den freien Handel einzugreifen wurde wirtschaftspolitische Praxis. Exporte von Fertigwaren wurden aktiv gefördert und Importe von Fertigwaren gehemmt. Zunftprivilegien wurden abgebaut, der Markt innerhalb eines Staates wurde gefördert, indem man Binnenzölle abschaffte. Erste Strukturen des modernen Kapitalismus entstanden.
Überblick mini|Allegorie auf den Erwerb von Hanauisch-Indien durch den Grafen Friedrich Kasimir von Hanau 1669, Gemälde von Johann David Welcker 1676?
Verschiedene Strömungen theoretischer und praktischer Wirtschaftspolitik, die unter dem Begriff des Merkantilismus zusammengefasst werden, dominierten vom 16. bis zum 18. Jahrhundert das politische Handeln. Die große Vielfalt der praktischen Empfehlungen kann nicht als eine geschlossene Theorie verstanden werden. Gleichwohl beruhten die Empfehlungen auf theoretischen Überlegungen, die erste Ansätze einer Wirtschaftstheorie darstellten.Rainer Gömmel: Die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus 1620–1800. S. 41, 42.
Das oberste Ziel des Merkantilismus war die Mehrung des Reichtums des jeweiligen Herrschers. Die Steigerung der Staatseinnahmen sollte Macht und Einfluss des Landesherren stärken. Dazu wurde vor allem ein hohes Bevölkerungswachstum angestrebt. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt war der Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung. Insbesondere durch ein hohes Bevölkerungswachstum sollte das Lohnniveau niedrig und das Arbeitskräftepotential hoch gehalten werden (Förderung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit gegenüber ausländischer Produktion). Zudem wurde erwartet, dass ein Bevölkerungswachstum automatisch die Inlandsnachfrage (consumptio interna) erhöhe. Die Förderung des inländischen Handwerks und vor allem von Manufakturen sollte der Steigerung der Produktion und einer Substitution des Imports von Fertigwaren durch inländische Produkte dienen. Die Geldpolitik zielte auf eine Vereinheitlichung des Münzwesens und die Vermeidung von Geldabflüssen in das Ausland.Rainer Gömmel: Die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus 1620–1800. S. 44, 45. Außerdem strebten Merkantilisten die Schaffung eines Binnenmarktes durch Abschaffung der inländischen Zölle und Vereinheitlichung der Gewichte und Maße an.
Eine Grundannahme des Merkantilismus war die Annahme von Unterbeschäftigung, die durch aktive Wirtschaftsförderung gelindert werden sollte. Man erkannte früh den Zusammenhang zwischen Geldumlauf, Geldmenge und dem Stand der Beschäftigung. Merkantilisten strebten deshalb neben der Vermehrung der Geldmenge Handelsbilanzüberschüsse an. Die Theorie, dass Handelsbilanzüberschüsse im Inland Wirtschaftswachstum ankurbeln, geht auf Thomas Mun zurück.Rainer Gömmel: Die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus 1620–1800. S. 42. Handelsbilanzüberschüsse bewirken nach Ansicht der Merkantilisten zunehmende Inlandsbeschäftigung und, wenn das Geld nicht gehortet wird, auch eine zunehmende Inlandsnachfrage (consumptio interna).Rainer Gömmel: Die Entwicklung der Wirtschaft im Zeitalter des Merkantilismus 1620–1800. S. 47–48.
Erste Ansätze ökonomischer Theorie Erst zu Beginn der Neuzeit begannen sich erste Gelehrte mit wirtschaftswissenschaftlichen Themen zu befassen, insbesondere auf dem Gebiet der Geldtheorie. Die Theoretiker des Merkantilismus gehörten zu den Pionieren der Volkswirtschaftslehre.Richard Tilly: Geschichte der Wirtschaftspolitik. S. 8. Erst das merkantilistische Versprechen von Steuermehreinnahmen durch Wirtschaftsförderung motivierte Könige und Fürsten dazu, an Universitäten erste Lehrstühle für Wirtschaftswissenschaften einzurichten. Besonders deutlich wurde dies im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation, wo u. a. Veit Ludwig von Seckendorff, Philip Wilhelm von Hornick, Georg Heinrich Zincke, Johann Heinrich Gottlob von Justi und Joseph von Sonnenfels einen Lehrauftrag für Kameralwissenschaft erhielten.Richard Tilly: Geschichte der Wirtschaftspolitik. S. 11. Veit Ludwig von Seckendorff wurde vom preußischen König sogar mit der Gründung der Friedrichs-Universität Halle beauftragt.
Theorem der aktiven Handelsbilanz seite=15|mini|Titelseite von Muns Werk England’s Treasure by Forraign Trade, 1664
In der frühen Neuzeit wurde das Denken von der simplen Gleichsetzung „Reichtumb das ist Gelt“ dominiert.Drei Flugschriften über den Münzstreit der sächsischen Albertiner und Ernestiner um 1530, zitiert nach Richard Tilly: Geschichte der Wirtschaftspolitik. S. 8. Hinzu kam, dass frühe Monetaristen wie Thomas Gresham und John Hales und die Bullionisten um Thomas Milles die staatlichen Edelmetallreserven als Maßstab für die wirtschaftliche und militärische Stärke eines Staates nahmen, da es damals noch keine Messgrößen für das Volkseinkommen gab. Im Vereinigten Königreich wurde die Devise am konsequentesten umgesetzt und eine bullionistische Geldpolitik betrieben. Da man Geld und Gold mit Reichtum gleichsetzte, wurde ein Ausfuhrverbot für Geld und Edelmetalle erlassen. Das Ausfuhrverbot wurde noch durch eine Devisenbewirtschaftung ergänzt. Der gesamte Zahlungsverkehr mit dem Ausland musste über den „King’s Exchanger“ abgewickelt werden. Dieser sollte darauf achten, dass mit jedem Geschäft mehr Geld nach England hereinfloss als hinaus.Gerhard Kolb: Ökonomische Ideengeschichte. S. 17.
Die bullionistische Sichtweise wurde von Thomas Mun in seinem Hauptwerk England’s Treasure by Forraign Trade (veröffentlicht 1664) für zu eng erklärt. Es könne nicht darauf ankommen, im Außenhandel mit jedem einzelnen Staat einen Überschuss zu erzielen, sondern durchaus sinnvoll sein, viele Rohstoffe und Rohwaren zu importieren, um diese nach Verarbeitung in England zu höheren Preisen im Ausland zu verkaufen. Es solle nur darauf geachtet werden, dass in der Gesamtbilanz des Außenhandels ein Überschuss besteht.
Damit gelang erstmals eine logische Trennung von Reichtum und Geld. Zudem schuf Mun damit eine Außenhandelstheorie, die sich von der Betrachtung der Kapitalbilanz löste. Die Bullionisten verfolgten das Ziel einer positiven Kapitalbilanz durch Vermeidung jeglicher Kapitalabflüsse. Dies führte zwar automatisch zu einer positiven Zahlungsbilanz, schränkte aus Sicht von Mun jedoch den Außenhandel und damit die Entfaltung der Produktivkräfte übermäßig ein. Er riet dazu, eine positive Zahlungsbilanz durch geeignete Gestaltung des Außenhandels zu erzielen. Der Fokus rückte damit auf die Handelsbilanz. Konkret empfahl Mun alle Importe außer die von Rohwaren zu beschränken, die Exporte von Fertigwaren zu fördern und den Außenhandel möglichst nur über inländische Transportunternehmer zuzulassen.Richard Tilly: Geschichte der Wirtschaftspolitik. S. 9. Ähnliche Empfehlungen hatte bereits Jean Bodin 1576 in seinen Les six livres de la république entwickelt. Durch Ausfuhrzölle auf Waren, deren Import für das Ausland unerlässlich ist, durch niedrige Einfuhrzölle auf benötigte Rohstoffe und durch hohe Importzölle auf ausländische Fertigprodukte sollte auf eine aktive Handelsbilanz (Handelsbilanzüberschuss) hingewirkt werden. Diese Thesen bildeten die Kernidee des Merkantilismus und von Muns Schrift „England’s Treasure by Forraign Trade“, die 1664 von seinem Sohn veröffentlicht wurde. Sie blieb, so Karl Marx, „für weitere hundert Jahre merkantilistisches Evangelium. Hat der Merkantilismus also ein epochemachendes Werk ‚als eine Art Inschrift am Eingang‘, so ist es dieses…“Friedrich Engels: Anti-Dühring, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 20, Berlin 1973, S. 215/216. „Wir finden … bei Dolmetschern des Merkantilsystems … sehr weitläufige Predigten darüber …, wie die Kapitalistennation den andern dümmeren Nationen das Verzehren ihrer Waren … überlassen, dagegen die produktive Konsumtion zu ihrer Lebensaufgabe machen muss“, das erinnere oft „an analoge asketische Ermahnungen der Kirchenväter“, urteilt Marx über den merkantilistischen Anspruch, mehr zu exportieren als zu importieren.Karl Marx: Das Kapital, Band 2, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 24, Berlin 1972, S. 64. Charles Davenant geht über Mun hinaus, rät dazu, neben Rohstoffen auch Konsumgüter einzuführen, die im Ausland billiger hergestellt werden können. Dadurch würden Kräfte freigesetzt für die inländische Exportproduktion und höhere Handelsprofite möglich.Jürgen Kuczynski: Studien zu einer Geschichte der Gesellschaftswissenschaften, Band 1, Berlin 1975, S. 142 f.
Im Merkantilismus gilt nicht der Handel generell als die Quelle des Reichtums. Sonst hätten seine Protagonisten auch auf den Binnenhandel statt nur auf den Außenhandel setzen müssen.Klaus Müller: Merkantilismus, in: Wolfgang Fritz Haug, Frigga Haug, Peter Jehle und Wolfgang Küttler (Hrsg.), Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 9/I, Hamburg 2018, Sp. 639. Streng merkantilistisch ist die Auffassung, dass die Stärkung der eigenen zu Lasten der fremden Volkswirtschaften geht, dass im Außenhandel der eine gewinnt, was der andere verliert. Die Merkantilisten, so Marx, „muss man sich… nicht so dumm vorstellen, wie sie dargestellt werden von den späteren Vulgär-Freetraders.“Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.1, Berlin 1973, S. 149. In fast allen ihren Schriften findet sich, so Werner Sombart der Satz, „dass die nationale Arbeit die Quelle des Volksreichtums sei; zum Teil mit fast genau denselben Worten, mit denen Adam Smith den Wealth of Nations einleitet.“Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus, Band II.2: Das europäische Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frühkapitalismus (1916), München 1987, S. 933. Sombart zitiert Davenant: „the Wealth of all nations arises from the labour and industry of the people.“Werner Sombart: Der moderne Kapitalismus, Band II.2: Das europäische Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frühkapitalismus (1916), München 1987, S. 933. Wie William Petty hängen alle großen Merkantilisten der Arbeitswerttheorie an, auch wenn sie, schränkt Marx ein, allein die Arbeit für produktiv erklären, „deren Produkte, nach dem Ausland geschickt, mehr Geld zurückbringen, als sie gekostet haben.“Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.1, Berlin 1973, S. 124. Profit entstünde, weil der Preis größer als der Wert der Waren sei. „Dies das alte Merkantilsystem. Der Wert besteht darin, dass ich kein Äquivalent, sondern mehr als das Äquivalent bekomme.“Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 26.1, Berlin 1973, S. 179.
Geldlehre mini|Jean Bodin