mini|hochkant=1.3|Im so genannten „Fruchtbaren Halbmond“ im Vorderen Orient fand zwischen etwa 9500 und 7000 v. Chr. die erste Neolithische Revolution statt

Als neolithische Revolution wird ein Umbruch sozialen und kulturellen Wandels in der Menschheitsgeschichte bezeichnet, der mit der unabhängigen Erfindung der gezielten Nahrungsmittelproduktion durch Pflanzenbau und/oder Viehhaltung in einigen Regionen der Erde verbunden ist und dort den jeweiligen Beginn der Jungsteinzeit (Neolithikum; von griech. lithos: der Stein, und neo wie neu) markiert.

Die Entstehung der Landwirtschaft veränderte die Lebensweise der vormals mehr oder weniger nomadisierenden Jäger und Sammler innerhalb weniger Jahrhunderte, so dass einige sich zu Pflanzer- und/oder Hirtenkulturen entwickelten. Kennzeichnend sind (insbesondere beim Ackerbau) längere Zeiträume einer sesshaften Lebensweise, zahlreiche Veränderungen der sozialen Bedingungen (etwa Arbeitsteilung, Soziale Rollen, Institutionsbildung, Herrschaftsstrukturen u. ä.), die Entwicklung neuer Technologien (Werkzeuge, Baustoffe, Gebäude, Keramik, Vorratshaltung, Konservierung u. ä.) und die Entstehung neuer Ideen und Weltanschauungen (langfristige Planung, veränderte Vorstellungen von Zeitrechnung oder Eigentum, Kult- und Ritualkultur, Religion u. ä.).

Die erste Neolithische Revolution fand im „Fruchtbaren Halbmond“ Vorderasiens zwischen 9500 und 7000 v. Chr. statt. Aus dieser Epoche stammen die derzeit ältesten bekannten Großbauten der Menschheit in Göbekli Tepe sowie die späteren Megalithbauwerke Europas, die ebenfalls eine Folge dieser Entwicklungen waren. Die Forschung geht heute von 14 bis 24 unabhängigen Entstehungszentren aus (7–10 in Asien, 1 in Australasien, 1–5 in Afrika, 2–3 in Nordamerika, 3–5 in Südamerika). Alle anderen Regionen der Erde wurden davon ausgehend zu unterschiedlichen Zeiten (spätestens in der Kolonialzeit im Rahmen der europäischen Expansion) neolithisiert.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. Aus dem Englischen von Helmut Dierlamm, Henning Dedekind und Andreas Thomsen, 4. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 159 (Versuch und Irrtum, Hasel), 250–254, 259–260, 270–271 (Kulturareale: Tiefland- und Hochland-Halbmond), 56–261, 266 (Begriff „Revolution“), 277–287 (Entstehungszentren), 295–298 (Amazonasbecken).

Der Begriff Neolithische Revolution wurde 1936 von Vere Gordon Childe in Zusammenhang mit der Erstentstehung im Vorderen Orient geprägt und wird nach wie vor auch für vergleichbare Entwicklungen anderer Regionen verwendet. Der Gedanke eines plötzlichen Umbruches ist allerdings irreführend, da er sich über Jahrtausende erstreckte und die Innovationen auch nicht spontan auftraten, sondern sich aus „spielerischem Versuch und Irrtum“ in der Mittelsteinzeit bei passenden Bedingungen ergaben. Die meisten der heutigen Forscher gehen einvernehmlich davon aus, dass Childe den revolutionsartigen Charakter in Bezug auf den vergleichsweise langsamen Wandel der sehr viel längeren Epochen der alten und mittleren Steinzeit definierte. Heute ist es oftmals üblich, die neutralere Bezeichnung Neolithisierung zu verwenden; zumindest für Regionen, die selbst keine Entstehungszentren waren (wie etwa die Neolithisierung Europas, die von Vorderasien ausging).

Epochenwechsel Childe definierte den Unterschied zwischen Alt- und Jungsteinzeit über das Aufkommen von Pflanzenanbau und Viehhaltung, John Lubbock brachte ihn vor allem mit der Verwendung geschliffener Steingeräte in Verbindung.John Lubbock: Pre-historic times as illustrated by ancient remains, and the manners and customs of modern savages. Williams and Norgate, London & Edinburg 1865.

In der Gegenwart befasst sich die Wissenschaft nicht nur mit der Art der verschiedenen kulturellen Errungenschaften, die das Neolithikum charakterisieren, sondern auch mit den spezifischen Faktoren der Lebensräume, in denen sie ab einer bestimmten Zeit entwickelt wurden. Als Motiv wird der Druck ungünstig veränderter Umwelten erörtert, respektive die Notwendigkeit, drohende Mangelernährung abzuwenden. Dabei lässt die Datenlage derzeit keine sicheren Schlüsse zu, ob Garten- und Feldbau (als Vorform des Ackerbaus) der Großtier-Domestizierung vorangingen oder umgekehrt. So weit rekonstruierbar, entwickelte sich beides oft parallel, auch in nah beieinander liegenden Gebieten,Melinda A. Zeder: Archaeological Approaches to Documenting Animal Domestication. In: Melinda A. Zeder, Daniel G. Bradley, Eve Emshwiller, Bruce D. Smith (Hrsg.): Documenting Domestication. new genetic and archeological paradigms. University of California Press, Berkeley etc., 2006, ISBN 978-0-520-24638-6. wenngleich wahrscheinlich von verschiedenen Gruppen.

Graeber und Wengrow unterscheiden etwa im Fruchtbaren Halbmond zwei Kulturareale: Den „Tiefland-Halbmond“ (Levante), in dem saisonal überschwemmte fruchtbare Tiefebenen den Anbau von Getreide begünstigten und den „Hochland-Halbmond“ (Kurdistan), wo länger Wildgetreide verwendet wurde und die Viehhaltung neben der Jagd Vorrang genoss. Da Megalithbauten nur im Hochland vorkamen, vermuten die Autoren zwei rivalisierende Gesellschaften, die dennoch in regem Austausch standen, wie die Fundlage zeigt.

Seit den 1960er Jahren wird angenommen, dass steinzeitlichen Wildbeutern aufgrund ihres traditionellen Wissens seit jeher bekannt war, wie man Pflanzen gezielt vermehren und nutzen kann. Bis zum Neolithikum gab es jedoch offenbar keinen Grund, dies zu tun. Diese These steht auch in Zusammenhang mit der schnellen Wiederverbreitung der Hasel in Europa nach der Eiszeit.Hansjörg Küster: Geschichte des Waldes. C.H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-50279-2.

Nach derzeitigem Kenntnisstand wurden Pflanzenanbau und Viehhaltung weltweit mehrmals in 15 bis 20 Entstehungszentren unabhängig voneinander entwickelt: Gesichert sind Fruchtbarer Halbmond Mesopotamiens von 9500 bis 7000 v. Chr. (Levante: Weizen, Gerste, Rind, Schwein / Kurdistan: Schaf, Ziege, Gerste) Moxos-Ebene im Amazonasbecken Boliviens von 8300 bis 500 v. Chr. (Maniok, Kürbis, Mais) Hochland von Neuguinea von 7000 bis 4000 v. Chr. (Banane, Yams, Taro) Huang-He-Becken in Nord-China von 7000 bis 3000 v. Chr. (Rispenhirse, Kolbenhirse, Sojabohne, Schwein) Perlfluss-Delta in Südchina ab 6200 v. Chr. (ReisJeanmaire Molina et al.: Molecular evidence for a single evolutionary origin of domesticated rice. In: Proceedings of the National Academy of Sciences. 108(20): 2011, S. 8351–8356. doi:10.1073/pnas.1104686108, (Abstract).Xuehui Huang et al.: A map of rice genome variation reveals the origin of cultivated rice. In: Nature. 490(7421): 2012, S. 497–501, doi:10.1038/nature11532, PMID 23034647. [ggf. nur Rundkornreis]) Nordwestindischer Subkontinent ab 6000 v. Chr. (Zebu-Rind, ggf. Langkornreis)D. E. MacHugh, M. D. Shriver, R. T. Loftus, P. Cunningham and D. G. Bradley: Microsatellite DNA Variation and the Evolution, Domestication and Phylogeography of Taurine and Zebu Cattle (Bos taurus and Bos indicus). Genetics 146, 1997, S. 1071–1086 Nord-Japan von 5000 bis 3050 v. Chr. (Sojabohne,Gyoung-Ah Lee u. a.: Archaeological Soybean (Glycine max) in East Asia: Does Size Matter? In: PLoS ONE. Band 6, Nr. 11, 2011, S. e26720, doi:10.1371/journal.pone.0026720. Hühnerhirse, Große Klette) Andenraum ab 3.000 v. Chr.J. Diamond, P. Bellwood: Farmers and Their Languages: The First Expansions (2003), Science 300 (5619): S. 597–603. (Ecuador/Nordperu: Limabohne, Schwertbohne / Hochanden: Kartoffel, Sauerklee, Lama / Mittlere Anden: Quinoa, Amarant, Meerschweinchen) Zentral-Mexiko von 3000 bis 2000 v. Chr. (Mais, Gartenbohne, Paprika, Avocado, Kürbis) Sahelzone von Mali von 2500 bis 2000 v. Chr. (Perlhirse)K. Manning et al.: 4500-year-old domesticated pearl millet (Pennisetum glaucum) from the Tilemsi Valley, Mali: new insights into an alternative cereal domestication pathway. In Journal of Archaeological Science, 2011, Vol. 38, Heft 2, ISSN 0305-4403 DOI:10.1016/j.jas.2010.09.007, S. 312–322. Südindien von 2000 bis 1000 v. Chr. (Mungobohne,D. Q. Fuller: Contrasting patterns in crop domestication and domestication rates: recent archaeobotanical insights from the Old World. In Annals of Botany, Vol. 100, Heft 5, 2007, DOI:10.1093/aob/mcm048, S. 903–924. Pferdebohne, Ästige Hirse) Ohiobecken im Osten der USA von 2000 bis 1000 v. Chr.(Berlandiers Gänsefuß, Sonnenblume, Sumpfkraut, Kürbis)

Diese Orte wurden zu Zentren, von denen aus der Ackerbau in den klimatisch geeigneten Regionen der Erde (Ökumene) mittels Migration und Assimilation verbreitet wurde. Nicht anders dehnte sich die Viehhaltung aus, mit dem Unterschied, dass hierfür auch die trockenen Offenlandschaften (Subökumene) genutzt werden konnten, die für den Pflanzenanbau ungeeignet sind.

Jagd und Sammelwirtschaft gehörten neben den Frühformen der Landwirtschaft – auch in den Zentren der Neolithisierung – noch Jahrtausende lang zur Subsistenzsicherung der MenschenDavid Graeber, David Wengrow: Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit. (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Henning Dedekind, Helmut Dierlamm, Andreas Thomsen); Klett-Cotta, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-608-98508-5, S. 185 und 270 f. und blieb bis in die frühe Neuzeit in sehr vielen Gebieten erhalten, in denen große Wildtierherden lebten oder ein reichhaltiges Angebot an Sammelfrüchten zur Verfügung stand. Seit dem Kolonialismus und der industriellen Ausbeutung unseres Planeten finden sich Jäger und Sammlergruppen nur noch in den unzugänglichsten Gebieten der tropischen Regenwälder, oftmals als kleinste isolierte Gruppen lebend.

Begriff und Begriffsdiskussion Bereits Gabriel de Mortillet hatte 1897 im Zusammenhang mit dem Neolithikum von der ersten Revolution der Menschheit gesprochen. Die Bezeichnung „neolithische Revolution“ wurde 1936 von dem Archäologen Vere Gordon Childe in Anlehnung an den Ausdruck „industrielle Revolution“ eingeführt. Ähnlich dem epochalen Wandel von der vorindustriellen zur industriellen Zeit bedeute die Neolithisierung einen fundamentalen Einschnitt in der Geschichte der Menschheit, der sich an mehreren Merkmalen erkennen lässt. Als daraus folgende Entwicklung sah er die „urbane Revolution“ an.

Childe, der archäologische und ethnologische Quellen benutzte, stellte die auf Vorratshaltung ausgerichtete Wirtschaftsweise, die er auf den damaligen KlimawandelDetlef Gronenborn (Hrsg.): Klimaveränderungen und Kulturwandel in neolithischen Gesellschaften Mitteleuropas, 6700–2200 v. Chr. RGZM-Tagungen, Band 1, Mainz 2005 (PDF-Datei)Wolf Dieter Blümel: Wechsel Wirkungen, Jahrbuch 2002, S. 3–19 (PDF-Datei) zurückführte, als für die Neolithisierung determinierend in den Vordergrund. Die raschen Veränderungen wurden seiner Auffassung nach in einem begrenzten Gebiet mit entsprechenden Ressourcen erzwungen (Oasentheorie). In Deutschland wurden Childes Thesen vor allem durch Günter Smollas Buch Neolithische Kulturerscheinungen bekannt.Neolithische Kulturerscheinungen. Bonn, Habelt 1960

Heute zeichnet sich ab, dass zwischen „Erfindungen“ wie der Vorratshaltung, Sesshaftigkeit, Keramik, Gründung erster politischer Organisationen und dem Beginn der Tier- und Pflanzenzucht bis hin zur kulturell vorherrschenden Agrargesellschaft weit über 6.000 Jahre lagen. So postulieren manche Forscher, dass dieser „Revolution“ der Charakter eines rapiden sozialen Umbruches fehle. Stattdessen rücken sie die Formulierung eines kulturellen Wandels in den Vordergrund, der sich langsam vollzogen habe, während andere wieder zu bedenken geben, dass den wenigen Jahrtausenden des Neolithikums die mindestens 2,5 Millionen Jahre umfassende Periode vom Anfang der Alt- bis zum Ende der mittleren Steinzeit gegenüber steht – jene Errungenschaften also binnen knapper Prozentbruchteile der gesamten Menschheitsgeschichte aufkamen.