Die Saat des heiligen Feigenbaums (Originaltitel: , internationaler Titel: ) ist ein Spielfilm des iranischen Regisseurs Mohammad Rasulof aus dem Jahr 2024. Das Drama handelt von einem iranischen Ermittlungsrichter, der seiner Familie infolge der landesweiten politischen Proteste ab 2022 gegen die autoritäre Regierung mit zunehmendem Misstrauen und Paranoia begegnet. Die Hauptrollen übernahmen Missagh Zareh, Soheila Golestani, Mahsa Rostami und Setareh Maleki. Die fiktiven Filmszenen wurden mit realen Bildern der durch die iranischen Behörden blutig niedergeschlagenen Proteste kombiniert.
Die internationale Koproduktion zwischen dem Iran, Deutschland und Frankreich wurde im Mai beim 77. Filmfestival von Cannes uraufgeführt. Iranische Behörden haben mehrfach versucht, eine Premiere des Films im Ausland zu verhindern. So wurde Regisseur Rasulof Anfang Mai zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, woraufhin er wenig später aus dem Iran floh.
Im August 2024 wurde Die Saat des heiligen Feigenbaums als deutscher Beitrag für die Kategorie Bester Internationaler Film der Oscarverleihung 2025 ausgewählt. Es ist der erste rein fremdsprachige Film, der als deutscher Beitrag für einen Auslandsoscar eingereicht wurde. Im Januar 2025 gelangte Rasulofs Regiearbeit unter die fünf nominierten Produktionen. Im selben Jahr folgte bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises der Filmpreis in Silber in der Kategorie Bester Spielfilm sowie die Auszeichnung an Hauptdarsteller Missagh Zareh.
Der Kinostart in der Deutschschweiz erfolgte im November 2024 und in Deutschland und Österreich Ende Dezember 2024.
Handlung Der streng gläubige Jurist Iman lebt mit seiner Ehefrau Najmeh und den gemeinsamen Töchtern, der Studentin Rezvan und der Schülerin Sana, in Teheran. Er ist gerade zum Ermittlungsrichter am Revolutionsgericht befördert worden. Iman bekommt damit ein höheres Gehalt als bisher, eine größere Familienwohnung steht in Aussicht. Der Film spielt im Herbst 2022, als sich die landesweiten politischen Proteste gegen die autoritäre Regierung verschärften. Iman stellt fest, dass er nicht wegen seiner juristischen Qualitäten befördert wurde, sondern weil sein Vorgänger sich geweigert hatte, Todesurteile ohne Prüfung zu unterschreiben. Von Iman wird nun erwartet, sich der Beförderung würdig zu erweisen und die Urteile zu unterzeichnen. Er soll, wie seine Kollegen, niemandem erzählen, was er beruflich macht. Seine Töchter sollen sich aus den sozialen Medien fernhalten, um nicht für potenzielle Racheakte identifizierbar zu sein. Allerdings wird immer wieder gezeigt, wie Rezvan und Sana sich heimlich über die sozialen Medien zu den Protesten informieren. Zwischen den Spielszenen werden mehrmals reale Handyvideos eingeblendet, die die Proteste dokumentieren. Im Gegensatz dazu wird gezeigt, wie die Mutter Najmeh sich ausschließlich über das Staatsfernsehen informiert, das die Protestierenden als Randalierer darstellt.
Najmeh bittet Rezvan, den Kontakt zu ihrer Studienkollegin Sadaf einzustellen, deren Sitten ihr zu locker vorkommen: Sadaf wohnt alleine in einem Studentinnenheim, lackiert sich die Fingernägel und erzählt gern von ihren Flirts. Als Rezvan und Sadaf in eine Demonstration geraten, wird Sadaf eine Ladung Schrot ins Gesicht geschossen. Rezvan und Sana bringen die verletzte Sadaf in die Familienwohnung und verstecken sie in ihrem Zimmer. Auf das Drängen der Mädchen hin leistet Najmeh erste Hilfe und entfernt die Schrotkugeln mit einer Pinzette aus Sadafs Gesicht. Anschließend zwingt Najmeh die Schwerverletzte jedoch, ins Studentinnenheim zurückzukehren. Kurze Zeit später wird Sadaf dort verhaftet.
Durch die Proteste ist Iman gezwungen, auch Todesurteile auszusprechen, ohne überhaupt die Aktenlage zu kennen. Rezvan und Sana verfolgen währenddessen die Proteste entsetzt über ihre Handys und Rezvan begehrt am Esstisch gegen den Vater auf. Die ebenso wie Iman streng gläubige Najmeh rät ihren Töchtern, sich von revolutionären Freundinnen fernzuhalten. Diese würden ihrer Meinung nach nackt über die Straße laufen und gegen Gott aufbegehren. Das Verhältnis zwischen Eltern und Töchtern verschlechtert sich zunehmend.
Gleichzeitig verschwindet auf mysteriöse Weise die Waffe aus dem Nachttisch, die Iman bei seinem Wechsel zum Revolutionsgericht zu seinem Schutz erhalten hatte. Iman wird zunehmend misstrauischer und paranoider, da ihm bei Bekanntwerden des Waffenverlusts eine Haftstrafe sowie ein erheblicher Vertrauensverlust drohen. Er verdächtigt seine Familie, etwas mit der Sache zu tun zu haben, und fühlt sich zu Hause nicht mehr sicher. Er meldet den Verlust nicht. Ein befreundeter Kollege empfiehlt ihm, seine Familie verhören zu lassen. Die beiden Töchter und Najmeh werden getrennt voneinander in einem fremden Haus verhört, wobei den beiden Töchtern die Augen verbunden werden. Wieder zu Hause kommt es zum Streit: Iman beschuldigt Rezvan, die Waffe genommen zu haben, was sie verzweifelt abstreitet.
Nachdem Imans persönliche Daten und seine Adresse im Internet veröffentlicht wurden, rät ihm sein Kollege sofort zu fliehen und leiht ihm eine neue Waffe. Daraufhin beschließt Iman, mit seiner Ehefrau und seinen Töchtern in ein einsames Landhaus in die Berge zu fahren. Unterwegs wird er von zwei Personen erkannt und gefilmt. Er verfolgt sie. Es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der die Familie mitansehen muss, wie Iman seine neue Waffe auf die Verfolger richtet. Diese behaupten, sie würden alles live streamen. Sana und Rezvan sitzen im Auto und schalten die vom Vater beschlagnahmten Handys ein. Sie bemerken, dass sie keinen Empfang haben und schreien den Verfolgern dies entgegen. Schließlich offenbart Sana Rezvan, dass sie die Waffe hat, und Rezvan steckt sie in die Tasche des Autositzes.
Im Landhaus angekommen, macht Iman seiner Familie den Prozess. Er sperrt Najmeh, Rezvan und Sana ein und versucht, sie zu Geständnissen vor der Kamera zu zwingen. Nur Sana, die die Waffe an sich genommen hatte, kann fliehen. Sie lockt den Vater aus dem Haus und befreit Mutter und Schwester. Es entwickelt sich eine wilde Verfolgungsjagd in den Ruinen eines verlassenen Dorfes, die damit endet, dass der Boden einer Hausruine unter Iman einbricht. Er wird unter den Trümmern verschüttet und stirbt.Rüdiger Suchsland: Cannes 2024 Special Teil 8: Goldene Palme mit Ansage. In: open.spotify.com (16:20 min ff.).
Der Film endet mit Handyaufnahmen der Proteste auf den Straßen von Teheran.
Entstehungsgeschichte Hintergrund Rasulofs mini|hochkant|Mohammad Rasulof (2014) Mohammad Rasulof hatte in der Vergangenheit mit seinen Filmen mehrfach gegen die iranischen Zensurvorgaben verstoßen und war mit drei Gefängnisstrafen sowie Arbeits- und Ausreiseverboten belegt worden. Im Jahr 2020 hatte sein Spielfilm Doch das Böse gibt es nicht in seiner Abwesenheit den Hauptpreis der 70. Berlinale erhalten.
Ursprünglich hatte Rasulof im Jahr 2023 am Festival von Cannes als Jurymitglied der Sektion Un Certain Regard teilnehmen sollen. Er war jedoch im Juli 2022 verhaftet worden, nachdem er Kritik an der staatlich sanktionierten Gewalt gegen Demonstranten geäußert hatte. Im Februar 2023 war er aufgrund seines Gesundheitszustands vorübergehend aus der Haft entlassen worden. Später wurde Rasulof begnadigt und wegen „Propaganda gegen das Regime“ zu einer einjährigen Gefängnisstrafe und einem zweijährigen Ausreiseverbot aus dem Iran verurteilt. Seine Filme werden in seinem Heimatland offiziell nicht gezeigt.
Filmproduktion Die Saat des heiligen Feigenbaums ist die zehnte Regiearbeit von Mohammad Rasulof. Der Titel nimmt Bezug auf die Feigenart Ficus religiosa, die sich ausbreitet, indem sie Bäume „umschlingt und schließlich erwürgt“. Dies wurde als Sinnbild für das theokratische Regime im Iran angesehen. Rasulof verfasste das Drehbuch und verpflichtete Missagh Zareh und Soheila Golestani in den Hauptrollen der regimetreuen Eheleute Iman und Najmeh. Golestani hatte sich selbst im Zuge der Proteste gegen ein Tragen des Hidschāb eingesetzt und war dafür unter Arrest gestellt worden. Für die Rollen der Töchter Rezvan und Sana engagierte er Mahsa Rostami und Setareh Malek.
Die Dreharbeiten von Die Saat des heiligen Feigenbaums fanden im Verborgenen statt und dauerten ungefähr 70 Tage an, von Ende Dezember 2023 bis März 2024. Rasulof selbst bezeichnete sie als „schwierig“. Er konnte immer nur für ein paar Tage filmen und musste dann Pausen einlegen. Als Kameramann fungierte Pooyan Aghababaei. Der Regisseur gab an, inmitten des Filmdrehs gewesen zu sein, als er von seiner erneuten Gefängnisstrafe erfuhr. Rasulof setzte darauf, dass das Berufungsverfahren längere Zeit in Anspruch nehmen würde, seinen Fall zu prüfen. Außerdem waren im Frühling Neujahrsferien im Iran, die zwei Wochen andauern. Tatsächlich gelang es Rasulof, seinen Film bis zum Ende der Feiertage fertigzustellen. Nachdem das Berufungsgericht das Urteil bestätigt hatte, entschied er sich innerhalb von zwei Stunden, alle elektronischen Geräte zu Hause zu lassen und sich an einen sicheren Ort zu begeben, bevor er zu Fuß die iranische Grenze überquerte.
mini|Plakat mit Porträt von Jina Mahsa Amini bei einer Solidaritätsdemonstration im australischen Melbourne (2022) Das Filmmaterial wurde aus dem Iran geschmuggelt und zu dem in Hamburg lebenden Editor Andrew Bird gebracht, mit dem Rasulof bereits bei Manuscripts Don't Burn (2013) zusammengearbeitet hatte. Die Postproduktion fand in Deutschland statt. Zwischen den fiktiven Filmszenen fügte Bird reale Bilder der politischen Proteste nach dem durch Polizeigewalt herbeigeführten Tod der kurdischstämmigen Iranerin Jina Mahsa Amini in Teheran am 16. September 2022 hinzu. In der finalen 168-minütigen Fassung werden echte und brutale Internetvideos von Demonstrationen gezeigt und wie diese von den Behörden mit aller Gewalt zerschlagen werden.
Als Produzenten von Die Saat des heiligen Feigenbaums waren neben Rasulof auch Amin Sadraei, Mani Tilgner, Rozita Hendijanian und Jean-Christophe Simon beteiligt. Involvierte Produktionsunternehmen waren die deutsche Run Way Pictures und das französische Unternehmen Parallel45. Als Koproduzenten traten die Gesellschaft Arte France Cinéma mit Unterstützung von der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein in Erscheinung. Um die weltweiten Verwertungsrechte kümmert sich das in Berlin ansässige Unternehmen Films Boutique.
Repressionen gegen das Filmteam und Flucht des Regisseurs aus dem Iran Nach Bekanntgabe der Festivalteilnahme wurden laut Rasulofs Anwalt Babak Paknia noch im April 2024 Produktionsagenten des Films mehrfach von den iranischen Behörden vorgeladen und verhört. Auch einige Darsteller seien stundenlang Verhören ausgesetzt gewesen. Sie durften laut Paknia nicht zur Präsentation von Die Saat des heiligen Feigenbaums aus dem Iran ausreisen. Auch wurden sie darum gebeten, Druck auf Rasulof auszuüben, um das Werk vom Festival zurückzuziehen. Anfang Mai 2024 gab Paknia bekannt, dass der Regisseur wegen Verstößen gegen die nationale Sicherheit zu einer achtjährigen Haftstrafe verurteilt worden sei. Zudem sollte Rasulof mit Peitschenhieben bestraft werden.
Einen Tag vor Beginn des Festivals von Cannes wurde bekannt, dass Rasulof aus dem Iran geflohen war. Als Grund gab er eine erneute mögliche Strafe für seinen neuesten Film an. Auch einigen Schauspielern sei es gelungen, den Iran zu verlassen. Rasulof sagte, er habe sich trotz „enormer“ Produktionseinschränkungen mit Die Saat des heiligen Feigenbaums bewusst „weit von der Zensur“ im Iran entfernt, um „eine filmische Erzählung zu erreichen“, die näher an der Realität sei. Die iranischen Geheimdienste hätten unter anderem das Büro des bei den Dreharbeiten verantwortlichen Kameramanns durchsucht und seine gesamte Arbeitsausrüstung beschlagnahmt. Auch sei der zuständige Toningenieur daran gehindert worden, den Iran zu verlassen und nach Kanada auszureisen.
Veröffentlichung und Rezeption Premieren und Festivals