Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV) war die erste psychoanalytische Organisation der Welt. Sie wurde am 15. April 1908 in Wien gegründet und war ein Gründungsmitglied der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Heute ist die WPV die größte psychoanalytische Gruppe in Österreich.
Geschichte mini|Das Wartezimmer in einer späteren Möblierung Im Oktober 1902 schickte Sigmund Freud Postkarten an Alfred Adler, Max Kahane, Rudolf Reitler und Wilhelm Stekel und lud sie ein, in seinem Hause in der Berggasse 19 über seine Arbeit zu diskutieren. Sie kamen im Wartezimmer der Praxis Freuds zusammen, da dieses mit einem langen Tisch ausgestattet war.Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band 2, 1962, S. 20–23 Die Sitzungen dieser somit ersten psychoanalytischen wissenschaftlichen Gesellschaft erhielten von den Teilnehmern den Namen Psychologische Mittwoch-Gesellschaft. Stekel, der für das Neue Wiener Tagblatt schrieb, veröffentlichte im Feuilleton dessen Sonntagsausgabe Berichte über die Sitzungen. Der 22-jährige Gewerbeangestellte Otto Rank, der von Freud ein Stipendium zur Erlangung der Hochschulreife erhielt, stellte sich 1906 mit seinem Manuskript „Der Künstler : Ansätze zu einer Sexual-Psychologie“ in der Gruppe vor und führte ab Herbst 1906 als bezahlter Sekretär das Sitzungsprotokoll. Diese Funktion hatte er bis 1915 inne.Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse, 1992, S. 250 Unter den Mitgliedern dieser ersten Phase bis 1908 waren Max Graf mit einem Vortrag über DichterpsychologieErnest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud, Band 2, 1962, S. 404, der spätere Verleger Hugo Heller, Alfred Meisl, Paul Federn (ab 1903), Eduard Hitschmann (1905), Isidor Sadger (1906), Guido Brecher (1907), Maximilian Steiner und Fritz Wittels (1906). In der ersten Zeit spendierten sie sich in der Weihnachtszeit einen geselligen Abend.
Aus dieser Mittwoch-Gesellschaft ging 1908 die Wiener Psychoanalytische Vereinigung hervor, die deshalb gelegentlich auch als Wiener Psychoanalytische Gesellschaft bezeichnet wird. Die offizielle Gründung fand am 12. Oktober 1910 statt.
1910 wurde mit der Ärztin Margarete Hilferding die erste Frau in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung gewählt. 1922 wurde Anna Freud in die Wiener Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen, ihr Einführungsvortrag trug den Titel Schlagephantasie und Tagtraum, eine auf eigenen Erfahrungen beruhende Fallstudie zum Vater-Tochter-Verhältnis. 1925 wurde Grete Bibring-Lehner Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Von 1922 bis 1938 betrieb die Vereinigung eine eigene Einrichtung, das Wiener Psychoanalytische Ambulatorium.
Gegen die mit Professionalisierung einer neuen Therapierichtung verbundenen Folgen – wie dem Hervortreten von standespolitischen Belangen und geldwerten Vorteilen – hatte Freud Vorbehalte. Die Vereinigung wurde im Juni 1938 nach dem Einmarsch deutscher Truppen im März 1938 in Österreich aufgelöst. Bei der letzten Vorstandssitzung am 20. März, an der Carl Müller-Braunschweig, Ernest Jones und Anna Freud teilnahmen, wurde beschlossen die Wiener Vereinigung in die „arisierte“ Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft zu überführen und alle „Nichtarier“ auszuschließen.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 200–201. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Vereinigung 68 Mitglieder. Die meisten von ihnen konnten ins Ausland fliehen. Viele von ihnen wurden an ihren neuen Wirkungsstätten zu prägenden Persönlichkeiten für die Entwicklung von Psychiatrie, Psychologie, Sozialarbeit und psychosomatische Medizin.
Otto Isakower, Mitglied der WPV, floh 1938 ins Exil nach Großbritannien, wie auch Sigmund und Anna Freud. Isakower arbeitete in Großbritannien gemeinsam mit Anna Freud an der Gesamtausgabe der „Gesammelten Werke“ ihres Vaters Sigmund Freud.
Die Neugründung der Vereinigung erfolgte am 10. April 1946. Bald darauf war sie auch wieder Mitglied der „Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung“ und konnte ihre Lehrtätigkeit fortsetzen.
In Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie am Allgemeinen Krankenhaus Wien veranstaltet die WPV jährlich die Anna-Freud-Vorlesung in Wien.
Vorsitzende 1908–11 Alfred Adler 1911–38 Sigmund Freud 1946–49 August Aichhorn 1949–57 Alfred Winterstein 1957–72 Wilhelm Solms-Rödelheim 1972–74 Alois Becker 1974–79 Harald Leupold-Löwenthal 1979–80 Wilhelm Solms-Rödelheim 1980–81 Harald Leupold-Löwenthal 1982–84 Peter Schuster 1985–93 Wolfgang Berner 1994–98 Wilhelm Burian 1999–2000 Krista Placheta 2000–05 Sylvia Zwettler-Otte 2005–08 Christine Diercks 2009–12 Elisabeth Skale 2013–15 Christine Diercks 2016–19 Hemma Rössler-Schülein 2020–23 Renate Kohlheimer seit 2024 Wolfgang Oswald
Wiener Psychoanalytisches Ambulatorium Die WPV betrieb das Wiener Psychoanalytische Ambulatorium, das eine Vorreiterrolle in der psychotherapeutischen Versorgung im Wien der Zwischenkriegszeit einnahm. Es war am 22. Mai 1922 eröffnet worden. Leiter war Eduard Hitschmann. Stellvertretender Leiter war Wilhelm Reich, der dort von 1922 bis 1930 tätig war. Von 1924 bis 1930 leitete Reich zudem das Wiener Seminar für Psychoanalytische Therapie, wo man praktische Probleme der Behandlung systematisch erforschte. Der Aufbau des Ambulatoriums erfolgte gegen den Widerstand der Wiener Ärzteschaft und der zuständigen Behörden. Nach dem Anschluss Österreichs fiel es wie alle Einrichtungen der WPV dem Naziterror zum Opfer; es wurde zwangsweise geschlossen.
Aus einer seit 1991 betriebenen Beratungsstelle der WPV für Patientinnen und Patienten entstand 1999 das neue „Wiener Psychoanalytische Ambulatorium“.
Literatur Thomas Aichhorn: Wer war August Aichhorn? Briefe, Dokumente, Unveröffentlichte Arbeiten. Löcker & Wögenstein, Wien 1976. Thomas Aichhorn (Hrsg.): Zur Geschichte der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 1938–1949 (= Luzifer-Amor. Heft 31–32, ). Band 1–2. Edition Diskord, Tübingen 2003. Ernst Federn: Die Emigration von Sigmund und Anna Freud. Eine Fallstudie. In: Friedrich Stadler (Hrsg.): Vertriebene Vernunft. Emigration und Exil österreichischer Wissenschaft. Band 2: Internationales Symposium. 19. bis 23. Oktober 1987 in Wien. Jugend und Volk, Wien u. a. 1988, ISBN 3-224-16525-1, S. 247–250. Hubert Grabitz: Freud unterm Protokoll. Zu den Diskussionen in der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung WPV. Simon Verlag für Bibliothekswissen, Berlin 2015, ISBN 978-3-945610-23-7. Wolfgang Huber: Psychoanalyse in Österreich seit 1933 (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 2, ). Geyer-Edition, Wien u. a. 1977. Wolfgang Huber (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Psychoanalyse in Österreich (= Veröffentlichungen des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Geschichte der Gesellschaftswissenschaften 4). Geyer-Edition, Wien u. a. 1978. Ernest Jones: Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Band 2. Übers. v. Katherine Jones und Gertrud Meili-Doretzki. Huber, Bern 1962 Roland Kaufhold: Bettelheim, Ekstein, Federn. Impulse für die psychoanalytisch-pädagogische Bewegung (= Psychoanalytische Pädagogik 12). Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, ISBN 3-89806-069-1. Roland Kaufhold: Biographische Kontinuität, Emigration und psychoanalytisch-pädagogisches Engagement. Laudatio auf Ernst Federn zu seinem 90. Geburtstag. In: psychosozial. 28. Jg., Nr. 100, Heft 2, 2005, , S. 75–83. Elke Mühlleitner: Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung von 1902–1938. Edition diskord, Tübingen 1992, ISBN 3-89295-557-3. Darin: Chronik zur Wiener Psychoanalytische Vereinigung 1902–1938, S. 377–399 Hermann Nunberg, Ernst Federn (Hrsg.): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. 4 Bände. Fischer, Frankfurt am Main (Neuausgabe. Psychosozial-Verlag, Gießen 2008, ISBN 978-3-89806-598-6); Band 1: 1906–1908. 1976, ISBN 3-10-022737-9; Band 2: 1908–1910. 1977, ISBN 3-10-022738-7; Band 3: 1910–1911. 1979, ISBN 3-10-022739-5; Band 4: 1912–1918, mit Gesamtregister der Bde. 1–4. 1981, ISBN 3-10-022740-9. Richard F. Sterba: Erinnerungen eines Wiener Psychoanalytikers (= Fischer 7354 Fischer-Wissenschaft). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-596-27354-4.
Siehe auch Internationaler Psychoanalytischer Verlag Berliner Psychoanalytisches Institut Sigmund-Freud-Institut Geschichte der Psychoanalyse
Weblinks
Die Wiener Psychoanalytische Vereinigung, website zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung vgl. https://www.psyalpha.net/
Einzelnachweise
Kategorie:Psychotherapeutische Fachgesellschaft Kategorie:Verein (Wien) Kategorie:Psychoanalyse Kategorie:Psychologische Mittwoch-Gesellschaft Kategorie:Vereinsgründung 1908