mini|Plakat der Aufführung unter der Regie von Urs Odermatt in Halle 1993 Andorra. Stück in zwölf Bildern ist ein Drama des Schweizer Schriftstellers Max Frisch, das den Abschluss seiner Periode des „engagierten Theaters“ bildet. In Form einer Parabel thematisiert Frisch am Beispiel des Antisemitismus die Auswirkung von Vorurteilen, die Schuld der Mitläufer und die Frage nach der Identität eines Menschen gegenüber dem Bild, das sich andere von ihm machen.
Das Drama handelt von Andri, einem jungen Mann, der von seinem Vater unehelich mit einer Ausländerin gezeugt wurde und deshalb von diesem als jüdischer Pflegesohn ausgegeben wird. Die Bewohner Andorras begegnen Andri permanent mit Vorurteilen, sodass er, selbst nachdem er seine wahre Herkunft erfahren hat, an der ihm zugewiesenen jüdischen Identität festhält. Es folgt seine Ermordung durch ein rassistisches Nachbarvolk. Nachdem die Andorraner alles geschehen ließen, rechtfertigen sie ihr Fehlverhalten und ihre Feigheit vor dem Publikum und leugnen ihre Schuld.
Andorra wurde am 2. November 1961 im Schauspielhaus Zürich unter der Regie von Kurt Hirschfeld uraufgeführt und als eines der wichtigsten Theaterstücke nach dem Zweiten Weltkrieg gefeiert. Das Drama wurde aber auch Gegenstand von Kontroversen, die sich daran entzündeten, dass Frisch den Antisemitismus als Modell wählte, wodurch dessen spezielle Problematik entschärft und die historische Wirklichkeit verharmlost werde. Als Vorbild für das von Frisch als „Modell“ bezeichnete Andorra, mit dem nicht der reale Kleinstaat Andorra gemeint sei, wurden oft die Schweiz oder Deutschland während der Zeit des Nationalsozialismus verstanden. Während das Drama in Amerika am Broadway scheiterte, ist es im deutschen Sprachraum bis heute ein an vielen Bühnen gespieltes und in den Schulkanon aufgenommenes Werk. Gemeinsam mit Biedermann und die Brandstifter ist Andorra das bekannteste Theaterstück Max Frischs.
Handlung Die Einwohner Andorras fürchten den Angriff der „Schwarzen“, eines mächtigen Nachbarvolks, das Juden verfolgt und ermordet. Auch die patriotischen Andorraner haben eine Vielzahl antisemitischer Vorurteile. Unter diesen Vorurteilen leidet Andri, die Hauptperson des Dramas, der seit seiner Kindheit vom Lehrer Can als jüdisches Pflegekind ausgegeben wurde. Erst später kommt ans Tageslicht, dass Andri der Sohn Cans aus einer außerehelichen Beziehung mit einer „Schwarzen“ ist. Um seine Vaterschaft geheim zu halten, behauptete der Lehrer, er habe Andri als jüdisches Kind vor den „Schwarzen“ gerettet.
Das Stück beginnt am Vortag des Sanktgeorgstags. Barblin, die Tochter des Lehrers, weißelt das Haus ihres Vaters, wie alle Mädchen an diesem Tag. Dabei wird sie vom Soldaten beobachtet und mit anzüglichen Witzen belästigt. Der Pater drückt das Selbstverständnis der Andorraner aus, sie seien ein friedliches, schwaches und frommes Land. Doch verschiedene Vorzeichen weisen bereits auf eine kommende Katastrophe hin.
Andri selbst arbeitet zu dieser Zeit als Küchenjunge in einer Kneipe. Er liebt Barblin, ohne zu wissen, dass sie in Wahrheit seine Halbschwester ist. Andri möchte sie heiraten, traut sich jedoch nicht, beim Lehrer um ihre Hand anzuhalten. Die Tochter seines vermeintlichen Pflegevaters zu verführen, käme ihm undankbar vor; das Gefühl, seinem „Retter“ ständig dankbar sein zu müssen, bedrückt ihn. Andri gibt sich sehr zurückhaltend und ist auf die öffentliche Meinung bedacht. Um nicht die allgegenwärtigen antisemitischen Vorurteile der Andorraner auf sich zu ziehen, passt er sich ihnen so gut wie möglich an und bemüht sich, seine Loyalität zu beweisen.
Der Lehrer handelt eine Tischlerlehre für Andri aus, obwohl der Tischler seine Vorurteile immer wieder mit der Floskel „… wenn’s einer nicht im Blut hat“ bekundet und eine übertrieben hohe Summe für die Lehre verlangt. Andri ist stolz auf seine Lehrlingsprobe, einen fest verzapften Stuhl, doch der Tischler ordnet Andri das misslungene Werk des Gesellen zu, dessen Beine sich einfach herausreißen lassen. Der Geselle klärt den Irrtum nicht auf, und der Tischler ist aufgrund seiner Vorurteile gerne bereit, Andris Arbeit abzuwerten. Er versetzt Andri in den Verkauf, für den er als Jude, wie der Tischler meint, besser geeignet sei. Andri versteht, dass seine Anpassung nicht alle Vorurteilsschranken überwinden kann, und begehrt das erste Mal auf.
Nach einer Untersuchung durch den Doktor, den der Lehrer wegen antisemitischer Äußerungen aus dem Haus wirft, hält Andri beim Lehrer um die Hand Barblins an. Er wird abgewiesen und schreibt die Schuld seiner Identität als Jude zu. Je mehr Andri mit den Vorurteilen konfrontiert wird, desto intensiver beobachtet er sich und nimmt ihm nachgesagte Eigenschaften an sich selbst wahr. So eignet er, der bislang mit seinem Geld großzügig umgegangen ist, sich die „jüdische“ Geldgier erst an, als er plant, mit Barblin auszuwandern.
Andri schläft nachts auf Barblins Türschwelle. Von ihm unbemerkt vergewaltigt der Soldat, der schon vorher erfolglos „ein Aug auf Barblin“ geworfen hat, Barblin, die vergeblich versucht zu schreien. Mehrfach weist Andri in dieser Nacht seinen Vater ab, der das Gespräch mit ihm sucht. Als der Lehrer Andri als seinen „Sohn“ anspricht, verwahrt sich Andri davor, der Sohn des Lehrers zu sein. Schließlich tritt der Soldat aus Barblins Kammer, und Andri verliert auch den Glauben an sie. Der Pater bemüht sich um Andri, aber auch er äußert Vorurteile und bestärkt Andri in guter Absicht darin, „sich selbst“ als Juden anzunehmen.
Andris Mutter, „die Senora“ genannt, kommt von den „Schwarzen“ nach Andorra, um ihren Sohn zu sehen. Als sie dem Lehrer vorwirft, Andri als Juden ausgegeben zu haben, fasst dieser endlich den Entschluss, die Wahrheit zu offenbaren. Der Pater eröffnet Andri dessen wahre Identität, stößt jedoch auf Andris Weigerung, die Wahrheit anzunehmen. Er beharrt auf seiner Rolle als Jude und Sündenbock, mit der er sich inzwischen abgefunden hat. Bei der Abreise fällt die von den Andorranern als „Spitzelin“ angefeindete Senora einem Steinwurf zum Opfer. Das Attentat wird zu Unrecht Andri zur Last gelegt, die spätere Angst des Wirtes verrät diesen als den wahren Steinwerfer.
Die „Schwarzen“ marschieren in Andorra ein, und vormals überzeugte Patrioten geben ihre Waffen ab und biedern sich bei den neuen Machthabern an. Währenddessen kommt es zur letzten Konfrontation zwischen Andri und seinem Vater, und Andri weist ein letztes Mal die Wahrheit ab. Er identifiziert sich nun mit dem kollektiven Schicksal der Juden und ist bereit, die Märtyrerrolle anzunehmen. Andri wendet sich auch von Barblin ab, die ihren Bruder zu retten versucht. Er weist die Bruderrolle zurück und will von Barblin das, was sie in seinen Augen dem Soldaten und allen anderen gewährt und nur ihm verweigert: mit ihr zu schlafen. Doch er wird vom Soldaten aufgegriffen, der inzwischen in den Dienst der „Schwarzen“ übergelaufen ist.
Auf dem Platz von Andorra findet eine „Judenschau“ unter der Leitung eines „professionellen Judenschauers“ der „Schwarzen“ statt, der angeblich Juden an äußeren Merkmalen erkennen kann. Trotz Barblins Appellen zum Widerstand setzen sich die Andorraner gegen die Invasoren nicht zur Wehr. Andri wird an seinem Gang als Jude „erkannt“ und abgeführt. Erst als dem Todgeweihten auch noch der Finger abgehackt wird, um ihm den Ring der Senora abzunehmen, geht diese Tat sogar den Andorranern zu weit. Am Ende des Stückes hat sich der Lehrer erhängt und Barblin den Verstand verloren. Sie weißelt das Pflaster des großen Platzes und greift damit das Geschehen der Anfangsszene auf.
Zwischen den Bildern treten einzelne in das Stück involvierte Andorraner in kurzen Passagen aus der Handlung heraus in den Vordergrund. In Zeugenaussagen an einer Schranke rechtfertigen sie ihre Taten und Unterlassungen und weisen die Schuld an Andris Tod von sich. Lediglich der Pater, der als einziger im Gebet statt an der Zeugenschranke aussagt, bekennt, sich ein Bildnis von Andri gemacht zu haben und übernimmt eine Mitschuld an seinem Tod.
Personenverzeichnis Im Personenverzeichnis werden zwölf sprechende Personen aufgeführt, von denen nur zwei mit Namen genannt werden: Andri und Barblin. Sie sind die einzigen Figuren, die einander lieben, und damit kein Bildnis voneinander anfertigen (siehe das Thema der Bildnisproblematik).Vgl. Klaus Müller-Salget: Max Frisch. Reclam, Stuttgart 1996, ISBN 3-15-015210-0, S. 64–65 Die anderen werden mit einem Titel bzw. Beruf bezeichnet; der eigentliche Name wird allenfalls im Gespräch erwähnt. Es handelt sich um Typen, die durch Familie, Beruf oder gesellschaftliche Stellung festgelegt sind. Max Frischs Absicht, Andorra den Charakter eines Modells zu verleihen, zeigt sich bereits an den typenhaften Rollennamen.
Viele Andorraner verkörpern zudem mindestens je eines der Vorurteile, mit denen man Andri begegnet. Das der Feigheit, das einzige, das auch auf Andri anwendbar ist, trifft auf alle von ihnen zu. Neben den Sprechrollen treten zwei stumme Einzelpersonen auf, der Idiot und der Judenschauer, sowie zwei stumme Kollektive, das andorranische Volk und die Soldaten der „Schwarzen“.
Rollenbezeichnung Name BesonderesSprechende Rollen Andri Andriist, obwohl im Zentrum der Handlung, isoliert von den anderen Figuren. Laut Frisch ist er „kein Musterknabe. Er soll uns auch manchmal schockieren wie jeder andere Mensch.“Schmitz, Wendt (Hrsg.): Frischs Andorra, S. 57BarblinBarblindie einzige, die sich bis zum Schluss für Andri einsetzt. Zur Unklarheit vieler Zuschauer über das Verhältnis zwischen Barblin und dem Soldaten äußerte sich Frisch, dies sei „bedauerlich“, aber „eine nebensächliche Unklarheit“, und er deutete die Regieanweisung zum sechsten Bild – „Barblin will schreien, aber der Mund wird ihr zugehalten“ – aus: „das kennzeichnet ihn als Vergewaltiger“.Schmitz, Wendt (Hrsg.): Frischs Andorra, S. 45–46.Der LehrerCanVater von Andri und Barblin.Die MutterFrau des Lehrers und Mutter Barblins, versucht die Familie zusammenzuhalten.Die SenoraMutter Andris, eine „Schwarze“. Frisch nannte sie nachträglich „eine schwache Figur. […] Wichtig ist nicht die Senora sondern das Problem Andri-Andorra.“Der PaterBenediktlegt sein Geständnis nicht an der Zeugenschranke ab und gesteht als einziger seine Schuld ein; handelt zwar in guter Absicht, ist aber dennoch für Frisch „einer unter anderen. Er vertritt die Kirche, mag sein, aber die Kirche vertritt nicht uns, nicht für mich.“ Zwar schreibt er „den Juden“ (und mit ihnen Andri) positive Eigenschaften zu, legt aber damit ebenso wie die anderen Andorraner Andri auf eine bestimmte von Vorurteilen determinierte Rolle fest.Der SoldatPeider„hat ein Aug“ auf Barblin und entspricht durch die spätere Vergewaltigung dem Vorurteil der GeilheitDer Wirtmutmaßlicher Mörder der Senora; er entspricht dem gegenüber Andri erhobenen Vorurteil der GeldgierDer TischlerPraderbesonders antisemitisch; entspricht ebenfalls dem Vorurteil der GeldgierDer GeselleFedriverrät Andris FreundschaftDer Jemanderscheint als ironischer, distanzierter Beobachter, der zwar weiter denkt als die anderen Andorraner, aber nicht ins Geschehen eingreift.Der DoktorFerrerbesonders antisemitisch und patriotisch, versuchte vergebens, im Ausland Karriere zu machen und begründet seine Rückkehr nach Andorra scheinheilig mit seiner Liebe zum „Vaterland“. Er beschuldigt den Ehrgeiz der Juden, ihm die Stellen vor der Nase weggeschnappt zu haben und ist dabei selbst übertrieben ehrgeizig.Stumme EinzelrollenDer Idiotübernimmt die Funktion des Narren, dient zur Betonung bestimmter AussagenDer Judenschauerstellt ein „verfremdendes Element“ dar, er ist kein Typus wie die anderen Figuren, sondern das „Symbol für die Macht des Vorurteils und deren Institutionalisierung.“Knapp, Knapp: Max Frisch: Andorra, S. 18
Szenenverzeichnis