Sexualpädagogik auch Sexualerziehung oder Geschlechtserziehung ist die pädagogische Arbeit, die sich mit Fragen zu Liebe, Gefühlen, Fortpflanzung, körperlicher Entwicklung, männlichem und weiblichem Körper, Erotik und allen Formen der Sexualität, sexueller Lust, Selbstbefriedigung sowie zum Erwachsenwerden beschäftigt.
Themen Sexualerziehung war ursprünglich das Recht der Eltern. Ab der sexuellen Revolution in den 1970ern war es auch Recht der Schulen, Sexualaufklärung zu betreiben, von den Eltern konnte allerdings noch „gebotene Zurückhaltung“ gefordert werden. Heute stellt Sexualpädagogik in Deutschland eine Querschnittsaufgabe öffentlicher Bildung dar. Diese geht über bloße Wissensvermittlung hinaus und soll emotional ansprechend sein (laut BverfG-Urteil 1993).BverfG-Urteil vom 28. Mai 1993, Leitsatz 10, S. 82.Uwe Sielert: Sexualaufklärung in Deutschland. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)
Die Sexualerziehung solle in allen möglichen pädagogischen Einrichtungen, wie Kindergarten, Schule, Kinderheim, Freizeiteinrichtungen, in Jugendarbeit, Jugendhilfe und so weiter, eingebracht werden. 2010/2011 formulierten WHO/Europa und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) Standards für die Sexualaufklärung in Europa.WHO/Europa und BZgA: , 2011 Die Umsetzung der Standards obliegt in Deutschland den einzelnen Ländern, nicht dem Bund.
Relevanz haben u. a. die Thematisierung von Werten und sozialen Normvorstellungen innerhalb der GesellschaftSexualpädagogik müsse sexuelle Vielfalt in Bezug auf Geschlecht, sexuelle Orientierung, Begehren und Lebensweisen im Unterricht antidiskriminierend thematisieren. Normvorstellungen, die die [heterosexuell normierten] Rollen von Frauen und Männer betreffen, müssen relativiert werden. Deutschlands „Chefsexualpädagoge“ Uwe Sielert fordert etwa, dass Heterosexualität, Kernfamilie, Generativität [siehe auch generationale Ordnung] zu „entnaturalisieren“ seien (siehe: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Uwe Sielert : Gender Mainstreaming im Kontext einer Sexualpädagogik der Vielfalt: „Das heißt also auch, Heterosexualität, Generativität und Kernfamilie zu „entnaturalisieren“ und Sexualpädagogik daraufhin zu überprüfen, inwiefern sie die Möglichkeit zur selbstbestimmten Lebensführung einschränkt, wenn durch ihre Intentionen und Maßnahmen explizit oder implizit nahe gelegt wird, heterosexuell und in Kernfamilien mit leiblichen Kindern zu leben.“).Siehe auch: Beate Martin, Jörg Nitschke: Sexuelle Bildung in der Schule: Themenorientierte Einführung und Methoden. Stuttgart 2017, Kapitel: Schule als Ort der Auseinandersetzung mit den Themen „Geschlecht und sexuelle Orientierung“. sowie die Themen sexuell übertragbare Erkrankungen, Sexualhygiene, Empfängnisverhütung, Schwangerschaft, sexuelle Selbstbestimmung, Geschlechterrollen, sexuelle Orientierungen, Sexualpraktiken, Lust, Libido und körperliche Befriedigung.
In Entwicklungsstaaten ist Sexualpädagogik vorrangig von antinatalistischer Konzeption (aus dem Westen) geprägt.S.E. Fraser: Sex education? Population education? A new school programme for China’s adolescents. 1983, PMID 12312678Education is Empowerment. Promoting Goals in Population, Reproductive Health and Gender. UNFPA, 2003.Danilo Valladares: Guatemala: Sex Education, Family Planning Finally Available. IPS, 2009.Comprehensive sexuality education. UNFPA“At the global level we can generally observe a renewed focus within population agencies on isolated family planning (FP) investments. The focus on FP had been criticized in the context of Cairo as too technocratic — mostly due to lobbying by the women’s health movement — and was largely replaced by the more integrated concept of reproductive health, which combines family planning services with other reproductive health issues such as antenatal care, post-abortion care or broader sexual education.” Daniel Bendix, Susanne Schultz: The Political Economy of Family Planning. Population Dynamics and Contraceptive Markets. 2017, S. 9.
Methodik Angesichts der breitgefächerten Thematik und ihrer vielfältigen Einsatzgebiete lässt sich die Methodik der Sexualpädagogik kaum eingrenzen. Die bekanntesten Mittel sind Aufklärungsschriften und -gespräche. Dabei geht es nicht allein um die Vermittlung von Informationen, sondern auch um das Ernstnehmen der Gefühle. Hinzu kommen praktische Übungen, wie das spielerische Ausprobieren von Kondomen, oder Aufgaben wie das Behüten eines Eies zum Erlernen von Verantwortung. Inzwischen kommt auch dem Internet und anderen neuen Medien eine besondere Aufgabe bei der Sexualpädagogik zu, da viele Kinder und Jugendliche diese Medien verstärkt nutzen.
Präventionsargument Unter anderem die Gesellschaft für Sexualpädagogik gibt an, dass Sexualpädagogik präventiv, auch gegenüber sexualisierter Gewalt, wirke, (PDF) Gesellschaft für Sexualpädagogik, 2014, S. 2. wobei deren Gründungsmitglied und Vorstand Uwe Sielert 2010 auf der Auftaktveranstaltung zur Tagung Runder Tisch Sexueller Kindesmissbrauch konstatierte: „Die Basiswissenschaften von Erziehung, Bildung, Hilfe und Gesundheit haben dazu bisher kaum Professionswissen erarbeitet. (Den Erziehungswissenschaftlern wird nicht zu Unrecht ‚Intellektuelles Stottern‘ vorgeworfen, wenn es um die Prävention sexualisierter Gewalt geht).“Uwe Sielert: 2010, S. 1. Zur Situation von Sexualpädagogik in der Schule räumt Sielert (2010) ebenda ein: „Wir wissen über die Situation von Sexualerziehung und deren Erfolge in der Schule nichts aus repräsentativen Studien – das ist bisher kein Thema der Bildungsforschung.“Uwe Sielert: 2010, S. 2.
Geschichtliche Entwicklung Anfang 20. Jahrhundert Während die Geschlechtserziehung des 19. Jahrhunderts weitgehend sexualrepressiv arbeitete und vor allem versuchte, die Geschlechterrollen zu bewahren und Angst vor Sex zu erzeugenIngrid Lohmann: Als Sexualerziehung "Sache der Pädagogen wurde. Zum Diskurs über Onanie und sittliche Gefährdung im Deutschen Reich um 1900. In: Jahrbuch für Pädagogik 2025. Beltz, Weinheim 2025, S. 204–219., bildeten sich Anfang des 20. Jahrhunderts mit der Psychoanalyse und der Reformpädagogik liberalere Ansätze heraus, wobei beispielsweise Gustav Wyneken bis heute wegen seiner erotischen Beziehungen zu seinen Schützlingen umstritten ist. Mit Sigmund Freud entstanden auch erste Überlegungen zur psychosexuellen Entwicklung von Kindern. Insbesondere das Konzept der Triebunterdrückung wurde von Freudomarxianern übernommen. Auf der Basis von Freuds Konzeption des sexuell sinnlichen Kindes („polymorph-pervers“)Uwe Sielert: Sexuelle Verwahrlosung – Interventionsnotwendigkeiten und -möglichkeiten aus pädagogischer Perspektive. In: Schetsche, Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde – Gesellschaftliche Diskurse – Sozialethische Reflexionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 243.Firestone setzt polymorph-pervers mit pansexuell gleich; es gehe Firestone darum, dass Sexualität nicht weiter an Genitalität gebunden ist, die Unterscheidung männlich/weiblich, aber auch die Unterscheidung Erwachsene/Kinder werde damit überflüssig, eine nicht-unterscheidende Polysexualität sei anzustreben. Vgl. Cornelia Ott: Die Spur der Lüste. Sexualität, Geschlecht und Macht. Opladen 1998, S. 72. geht Sielert davon aus, dass das Kind von Anfang an sexuelles Wesen seiUwe Sielert: Sexuelle Bildung von Anfang an! Sexualität und Sexualerziehung im Bildungsauftrag von Kindertagesstätten (PDF; 111 kB) 2005, S. 3: „Sexualität (als Lebensenergie, die sich des Körpers bedient, aus unterschiedlichen Quellen gespeist wird, sich vielfältig ausdrückt und wichtige Sinnfunktionen hat) gehört zum Menschen von Anfang an schon zum Säugling, zum Kind […]“. und insofern das Lustprinzip des Kindes nicht vernachlässigt werden dürfeUwe Sielert: Sexuelle Verwahrlosung – Interventionsnotwendigkeiten und -möglichkeiten aus pädagogischer Perspektive. In: Schetsche, Schmidt (Hrsg.): Sexuelle Verwahrlosung. Empirische Befunde – Gesellschaftliche Diskurse – Sozialethische Reflexionen. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2010, S. 246. (Lebensenergiekonzept nach Reich und Marcuse).Fluter, Antonia Herrscher (2012) zu Marcuses Triebstruktur und Gesellschaft: „Die Unterdrückung der Triebe, fand der deutsche Philosoph und Soziologe Herbert Marcuse (1898–1979), schwäche den ‚Eros‘, den Lebenstrieb, zugunsten destruktiver Kräfte wie Krieg und Mord. Durch das ‚Leistungsprinzip‘ der Gesellschaft steigert sich der Konflikt zunehmend.“ Sielerts Argumentation des Kindes als sexuelles Wesen entspricht der Kinderladenbewegung,Lexikon der Psychologie: Kinderladenbewegung. Spektrum Akademischer Verlag. die aus der 1968er-Bewegung hervorging.„Zur Thematik Sexualaufklärung/Sexualität von Kindern in den Kinderläden führt Baader, M. S. (2010) an: ‚Kinder wurden grundsätzlich als sexuelle Wesen gesehen, wie es bereits Freud zu Beginn des 20. Jahrhunderts erklärt hatte. Deshalb wurde dem Umgang mit Äußerungen kindlicher Sexualität in den Kinderläden auch eine pädagogische Bedeutung beigemessen.‘“ (Günther Deegener zitiert Meike Sophia Baader. In: [PDF], S. 111 f.)
1968er Bewegung Nachdem seit dem Mittelalter in den katholisch geprägten Staatsgebieten weitgehend eine sexualrepressive Haltung vorherrschte und der Nationalsozialismus von der 1968er-Generation ebenso als sexualrepressiv erlebt wurde,Karla Verlinden: Sexualität und Beziehungen bei den »68ern«. Bielefeld 2015, S. 384 (vgl. Fußnote bezugnehmend auf Herzog 2000). entstand mit der 1968er-Bewegung eine gegenabhängigeFrankfurter Rundschau, Meike Sophia Baader, 20. März 2010: Kinderläden der 70er Jahre. Nenn mich nicht mehr „Mama“: „Ziel der Erziehung in den Kinderläden war – vor dem Hintergrund der historischen Erfahrung des Nationalsozialismus –, Kinder zu kritikfähigen, selbstbestimmten und mündigen Menschen zu erziehen, die zum Widerstand fähig wären. Wohlanständigkeit, Gehorsamkeitsorientierung und Angepasstheit als Erziehungsprinzipien sollten der Vergangenheit angehören. Kinder sollten Nein sagen können, wie es das ‚NEIN-Buch für Kinder‘ von 1972 programmatisch zum Ausdruck brachte. Für diese Überzeugungen wurde die Chiffre ‚Antiautoritäre Erziehung‘ gefunden.“ Einstellung zu Sexualität und sexualpädagogischen Konzepten. Der Einführung der bundesweiten Richtlinien war eine breite mediale Debatte um die Fragebogen-Erhebung zu Sexualität und Sexualaufklärung in der Frankfurter Schülerzeitung „Bienenkorb-Gazette“ seit Februar 1967 vorangegangen. Durch die mediale Diskussion sah sich 1967 das hessische Kultusministerium zu einem aktuellen Erlass zur Sexualerziehung genötigt, 1968 folgte die KMK. Die Schülerinnen und Herausgeberinnen der „Bienenkorb-Gazette“ Christa Appel und Zlila Drory können so als zentrale Initiatorinnen der aktuellen positiv orientierten Sexualpädagogik angesehen werden.Heinz-Jürgen Voß: Einführung in Sexualpädagogik und Sexuelle Bildung: Basisbuch für Studium und Weiterbildung. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2023, S. 103–113, ISBN 978-3-17-034717-5
Insbesondere die Vertreter und Vertreterinnen der Frankfurter Schule (bzw. ihr Nahestehende) (die die 68er-Bewegung inspirierten) sowie die oft vernachlässigte Schülerbewegung standen für eine „Enttabuisierung“ in der Sexualpädagogik.Tilmann Walter: Unkeuschheit und Werk der Liebe. Diskurse über Sexualität am Beginn der Neuzeit in Deutschland. Berlin / New York 1998, S. 18: „Autoren wie Wilhelm Reich, Herbert Marcuse, Erich Fromm, Theodor Adorno oder Ernst Bornemann haben die Repression [Unterdrückung] der genitalen Sexualität als Voraussetzung für die prinzipielle Unterdrückung des Menschen im Kapitalismus betrachtet und waren von der Möglichkeit einer grundsätzlichen Transformation der Gesellschaft durch die sexuelle Befreiung der Individuen überzeugt. […] Reich selbst war […] überzeugt davon, daß ‚volle wiederholte sexuelle Befriedigung‘ am Ende jeden Neurotiker heilen würde.“