mini|Römische Statue des Dionysos aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., nach einem hellenistischen Vorbild, Louvre. mini|Die römische Statue des Dionysos (um 138 n. Chr.) zeigt den nackten jugendlichen Gott des Weines mit einem Thyrsos in der linken Hand, gekrönt mit einem Diadem aus Rebensprossen mini|Dionysos (sitzend auf einem Thron) mit Helios, Aphrodite und anderen Göttern. Antikes Fresko aus Pompeji. Dionysos (, latinisiert Dionysus) ist in der griechischen Götterwelt der Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase (vergleiche die Dionysien). Er wurde von den Griechen und Römern wegen des Lärms, den sein Gefolge veranstaltete, zusätzlich Bromios („Lärmer“), Bacchus („Rufer“) oder Bakchos genannt. Dionysos wurde oft mit Iakchos gleichgesetzt und ist der jüngste der großen griechischen Götter. In der Literatur und Poesie wird er häufig als Lysios und als Lyäus („der Sorgenbrecher“) bezeichnet, aber auch als Anthroporrhaistes („Menschenzerschmetterer“).
In der frühen griechischen Kunst wurde er als bärtiger, älterer Mann dargestellt, während sich sein Erscheinungsbild ab dem Hellenismus zu dem eines bartlosen, feminin wirkenden Jünglings wandelte. Mit Euripides’ Tragödie Die Bakchen begannen die antiken griechischen Autoren, Dionysos als einen jungen Gott von faszinierender Schönheit darzustellen. In der griechischen und römischen Literatur wird er fortan oft als bartloser, effeminierter Jüngling geschildert, was auch die Ikonographie maßgeblich beeinflusste. Es gab auch die Auffassung, es handle sich beim älteren Dionysos der Frühzeit und dem jüngeren Dionysos des Hellenismus um zwei verschiedene Gottheiten.Diodorus Siculus, 4.5.2
Mythologie Dionysos’ Geburt und Kindheit Dionysos’ Vater ist Zeus. Als dessen Sohn trug Dionysos auch den Namen Sabazios. Als Mutter werden Demeter, Io (beide Korngöttinnen), Persephone (eine Unterwelt- und Erntegöttin) sowie Lethe (Vergessen, ein Fluss im Hades, der Unterwelt) und eine Sterbliche namens Semele genannt (siehe Schenkelgeburt).
Nach der bekanntesten Darstellung ist Dionysos der Sohn des Zeus und der Semele.Hesiod, Theogonie 940–942 In menschlicher Gestalt hatte Zeus eine geheime Liebschaft mit Semele, der Tochter des Königs Kadmos von Theben. Es heißt, die eifersüchtige Hera habe Semele in der Gestalt einer alten Frau – nämlich Semeles Amme BeroeOvid, Metamorphosen 3,273–286; Hyginus, Fabulae 167 und 179 – überredet, sie möge sich von Zeus als Liebesbeweis erbitten, sich ihr in seiner wahren Gestalt zu zeigen. Zeus habe sich ihr daraufhin als Blitz gezeigt und sie verbrannt. Da sie bereits mit Dionysos schwanger gewesen sei, habe Zeus ihr Kind zu sich genommen: Er nähte sich die unreife Leibesfrucht in seinen eigenen Schenkel.Herodot 2,146; Euripides, Bakchen 96 und 523; Bibliotheke des Apollodor 3,4,3,3; Diodor 3,64; Lukian, Göttergespräche 9; Nonnos 9,1–4 Nach drei Monaten öffnete er ihn wieder und brachte Dionysos hervor; er wird deshalb „der zweimal Geborene“ genannt. Mit dieser zweiten Geburt durch Zeus wird seine Göttlichkeit und Unsterblichkeit begründet. Nach diesem Mythos ist Dionysos wie Asklepios einer der wenigen unsterblichen Götter (bzw. Halbgötter) mit einer menschlichen Mutter.
Dionysos und Ino mini|Die Erziehung des Dionysos. Fresko, heute im Museo Nazionale Romano, Rom um 20 n. Chr.
In Lakonien gibt es den Mythos, dass Semele Dionysos heimlich ausgetragen und im Palast ihres Vaters Kadmos geboren habe. Als dieser die Heimlichkeit und Schande des Hauses entdeckte, sperrte er Mutter und Sohn in eine Kiste und ließ sie ins Meer werfen. Die Kiste aber wurde an die Küste Lakoniens getrieben. Semele wurde tot geborgen und feierlich bestattet. Ihr Sohn jedoch war noch am Leben. Er wurde von ihrer Schwester Ino () als Amme betreut und aufgezogen.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 256. Inos Treue zu ihrer toten Schwester aber wurde schlecht belohnt: Hera spürte den neuen Aufenthaltsort des Dionysos auf und bestrafte Ino sowie ihren Mann Athamas mit Wahnsinn. In diesem Zustand tötete Athamas einen seiner Söhne, Ino aber sprang mit ihrem anderen Sohn ins Meer, um sich zu töten. Ino aber wird nach ihrem Tod Leukothea, „weiße Göttin“, genannt.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 257. Wilamowitz schreibt, dass sie eine alte Göttin war, bevor man sie zu einer der Töchter des Kadmos machte,Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff: Der Glaube der Hellenen. Band 1, Berlin 1931, S. 407 f. und Kerényi nennt sie .Karl Kerényi: Dionysos: Urbild des unzerstörbaren Lebens. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, ISBN 3-608-91686-5, S. 154.
Dionysos als Wiedergeburt des Zagreus Die Identifizierung des Dionysos als Zagreus schon in griechischen Epochen ist in der Forschung umstritten, da erst christliche Quellen explizit einen Dionysos-Zagreus belegen (Iulius Firmicus Maternus). Zeus näherte sich in einer Höhle seiner Tochter, der Unterweltsgöttin Persephone, als Schlange, was uns vor allem als Erzählung der Orphiker überliefert ist.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 245. Ihr Kind war als Zagreus bekannt, der „große Jäger“, welchen Beinamen auch Zeus selbst als Unterweltgott trägt, besonders auf Kreta. Jedoch auch Hades, Persephones Gatte, wurde als Vater genannt, der auch der Zeus Katachthonios („unterirdischer Zeus“) genannt wurde. Auch Dionysos wurde als Sohn der Persephone Chthonios „Unterirdischer“ genannt.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 243.
Zeus liebte seinen Sohn, was die Eifersucht Heras heraufbeschwor. Sie trieb die Titanen an, Dionysos zu töten. Er wurde beim Spielen überrascht und von den Titanen in sieben Teile zerrissen, in einem Kessel, der auf einem Dreifuß stand, gekocht, über dem Feuer gebraten und verschlungen. Doch die Hörner des gebratenen Kindes erinnern daran, dass es sich um ein geopfertes Zicklein oder Kälbchen handelt, dessen Leiden denen des Gottes entsprachen.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 247.
Zeus strafte diese Tat, indem er die Titanen mit einem Blitz vernichtete. Aus der Vermischung der Asche des Zagreus und der der Titanen soll das Menschengeschlecht entsprungen sein. Der Mensch enthielt göttliche und titanische Elemente. Nach Meinung der Orphiker konnte man durch Reinigung und Initiationen das titanische Element verlieren und ein backchos werden.
Es gibt neben dieser orphischen verschiedene andere Fortsetzungen der Geschichte der Tötung des Dionysos durch die Titanen:
Zeus habe die Glieder gesammelt und sie Apollon übergeben, der sie in Delphi bestattete. Dort wurde jährlich in der winterlichen Abwesenheit des Apollon seine Auferstehung gefeiert.
Nach einer anderen Geschichte entstand der erste Weinstock aus der Asche der verbrannten Glieder des Zagreus.
Es wurde auch berichtet, Rhea habe die im Kessel gekochten Glieder gesammelt und wieder zusammengefügt. Zagreus sei ins Leben zurückgekehrt und wurde Persephone zurückgegeben. Der Unterschied zwischen diesen beiden Geschichten ist gering. In einer weiteren Version wird berichtet, dass die gekochten Glieder des ersten Dionysos, des Sohnes der Demeter, in die Erde kamen, wo die Erdentsprossenen ihn zerrissen und gekocht hätten; Demeter aber habe die Glieder gesammelt, und darunter sei die Entstehung des Weinstocks zu verstehen.Karl Kerényi: Die Götter- und Menschheitsgeschichten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1951, S. 247 f. Später wird berichtet, dass an der Stelle, wo Semele starb, ein Weinstock stand.
Nur das Herz des Dionysos habe Athene beiseite getan, so wurde erzählt. Dieses Herz gab Zeus der Semele zu essen oder in einem Trank, so dass er erneut empfangen wurde. Es heißt auch, dass Zeus das kradiaios Dionysos’ der Göttin Hipta anvertraute, damit sie es auf dem Kopf trage. Hipta wiederum ist ein kleinasiatischer Name der Großen Mutter Rhea, und kradiaios kann sowohl von dorisch , d. i. , als auch von , abgeleitet werden. In Wahrheit war es aber der Phallos den eine Göttin in einem zugedeckten Korb versteckte.
Geburtsort Nysa, mythologische und geographische Aspekte mini|Geburt des Dionysos auf dem Berg Nysa, Mosaik im „Haus des Aion“, Paphos (Zypern, 4. Jahrhundert n. Chr.)
Dionysos wurde möglicherweise auf dem Berg Nysa geboren. Seiner alten Feindin Hera war er noch immer ein Dorn im Auge. Als einmal in seiner Kindheit die durch Hera drohende Gefahr besonders groß war, verwandelte Zeus Dionysos in ein Zicklein und übergab ihn den Nymphen des Berges Nysa, die das Kind in einer Höhle pflegten und mit Honig fütterten. Seine Amme war zunächst Ino, die Schwester der Semele. Dionysos wurde als Mädchen verkleidet. Eine andere Nymphe hieß Makris und trug auch den Namen Nysa.Wilhelm Vollmer: Vollständiges Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Eine gedrängte Zusammenstellung des Wissenswürdigsten aus der Fabel- und Götterlehre der Völker der alten und neuen Welt. Stuttgart 1851, S. 179, 778. Eine weitere Nymphe nannte man Nysis oros, „Nysaberg“.Karl Kerényi: Dionysos: Urbild des unzerstörbaren Lebens. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, ISBN 3-608-91686-5, S. 130.
Nysa () ist ein Name, der zahlreichen Örtlichkeiten zugeschrieben werden kann, sich aber erst in späterer Zeit nachweisen lässt – nachdem nämlich verschiedene Berge und Orte nach dem Geburtsort des Dionysos benannt worden waren. Im Byzantinischen Lexikon des Hesychios von Alexandria aus dem 5. Jahrhundert n. Chr. finden wir eine Liste folgender Lokalisierungen, die von alten Autoren als der Ort genannt werden, wo Nysa gelegen haben soll: Arabien, Äthiopien, Ägypten, am Roten Meer, Thrakien, Thessalien, Kilikien, Indien, Libyen, Lydien, Makedonien, Naxos, in der Gegend von Pangaios (mythische Insel im südlichen Arabien) und letztlich Syrien. Auch auf dem Berg Meros lag der Legende nach einst eine Stadt namens Nysa, dort existierte auch ein Dionysoskult. Da das griechische Wort mērós Schenkel bedeutet, ging die Sage, dass Zeus seinen Sohn in seinem Schenkel dorthin gebracht habe, wo ihn Semele dann gebar.Strabon 15,1,8; Curtius 8,10 und Arrian, Indica 1,4–6 Auf diesem Berg Meros sind der Efeu und der Weinstock, wichtige Symbole von Dionysos, heimisch.Christian Karl Barth: Hertha und über die Religion der Weltmutter im alten Teutschland. Augsburg 1828, S. 125.
Wahnsinn, Irrfahrt und Purifizierung des Dionysos mini|Dionysos-Schale: Dionysos fährt über das Meer, Augenschale des Malers Exekias im korallenrot-schwarzfigurigen Stil, Athen um 530 v. Chr.
Dionysos und Thetis