mini|Das Grabmal von Muhammad Ghauth in Gwalior Abu l-Mu'ayyad Muhammad Ghaus ibn Chatīr ad-Dīn Gwāliyārī (; geb. 16. Januar 1502; gest. 7. Mai 1563 in Gwalior) war ein indischer Sufi-Heiliger. Er trug zusammen mit seinem Bruder Scheich Phūl (gest. 1538/39) wesentlich zur Verbreitung des sufischen Schattārīya-Ordens bei.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 373. Sein magisch-sufisches Handbuch al-Ǧawāhir al-ḫams („Die fünf Juwelen“) ist bis heute eines der am meisten verwendeten magischen Bücher auf dem indischen Subkontinent.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 372. Da Muhammad Ghaus in einer seiner Schriften behauptet hatte, bei einem mystischen Aufstieg mit Gott zusammengetroffen zu sein und mit ihm ein Gespräch geführt zu haben, war er mehrfach religiöser Verfolgung ausgesetzt.Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 424–425.

Leben Muhammad Ghaus war ein Nachkomme von Farīd ad-Dīn ʿAttār. Als sein Geburtsdatum wird der 9. Radschab 907 angegeben, was dem 16. Januar 1502 entspricht.Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 418. Nach eigener Aussage wurde er im Jahre 906 der Hidschra (= 1500 n. Chr.) geboren. Einige sagen, dass sein Urgroßvater Muʿīn ad-Dīn Qattāl nach Indien eingewandert und in Jaunpur gestorben war.

Einführung in die Schattārīya und Rückzug in die Berge Er und seine acht Brüder waren Schüler von Scheich Hāddschi Hamīd, dem Chalīfa von Schāh Qādan, dem Schüler und Chalīfa des Ordensgründers ʿAbdallāh Schattārī. Nachdem Muhammad Ghaus mehr als 13 Jahre lang mit Askese und Meditation in den Bergen von Tschunār in der Nähe von Varanasi verbracht hatte, schloss er sich dem Schattārīya-Sufi Scheich Zuhūr ad-Dīn Hāddsch Hudūr an. Dieser führte ihn in die Kunst der Namensbeschwörung ein. Durch die Unterweisungen des Scheichs und die lange Einsamkeit meinte er, Einblick in die Welt des Verborgenen (ʿālam al-muġaiyabāt) und die Welt der Geister (ʿālam al-arwāḥ) erlangt zu haben. Auch gewann er erste Anhänger. Anschließend begab er sich nach Gwalior, wo er der Eroberung der Festung durch Ibrahim Lodi beiwohnte, doch konnte er kein gutes Verhältnis zu dem Herrscher entwickeln.

Als Scheich am Hof der Moguln Als der Mogulherrscher Babur im Jahre 1526 von Delhi aus Gwalior zu erobern versuchte, beteiligte sich Muhammad Ghaus an den Verhandlungen zur friedlichen Übergabe der Festung. Im selben Jahr legte Muhammad Ghawth, der in Gwalior lebte, für den rebellischen Gouverneur von Gwalior, Tatar Khan, bei Babur Fürsprache ein. Im Jahr 1530 vertrat er bei den Moguln den Fall eines anderen rebellischen Adligen, Rahīm Dād. In der Folgezeit hatte Muhammad Ghaus zusammen mit seinem älteren Bruder Scheich Phūl eine hohe Stellung am Hof von Baburs Sohn Humayun inne. Scheich Phūl wurde der wichtigste sufische Berater von Humayun,Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 418f. doch fiel er 1538/39 im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen zwischen Humayun und seinen Brüdern im KampfOrthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 374. und wurde am Tor der Festung in Bayana begraben.Muqtadir: “Muḥammad G̲h̲awt̲h̲ Gwaliyārī”. 1936, Bd. III, S. 741.

Exil in Gujarat Als 1540 Scher Schah Sur den Thron in Agra bestieg und Humayun ins Exil ging, kam Muhammad Ghaus als Unterstützer der Moghuln in Schwierigkeiten. Nach einem hagiographischen Werk des 17. Jahrhunderts nahmen Scher Schahs Berater an einer Abhandlung des Scheichs mit dem Titel Miʿrāǧ-nāma Anstoß, in dem dieser in Anknüpfung an das von Bāyazīd Bistāmī beschriebene Konzept des mystischen Aufstiegs behauptet hatte, dass sein eigener mystischer Aufstieg ihm ermöglicht habe, Gott zu besuchen und ein Gespräch mit ihm zu führen. Scher Schahs Berater erklärten das für Blasphemie und urteilten, dass er dafür die Todesstrafe verdiene.Rizvi: A History of Sufism in India. Vol. II: From Sixteenth Century to Modern Century. 1992, S. 157–158.

Muhammad Ghaus begab sich daraufhin nach Gujarat, wo er jedoch wegen seiner Schriften erneut in Schwierigkeiten geriet. Es wird berichtet, dass die ekstatischen Sprüche in seinem Miʿrāǧ-nāma von den ʿUlamā' von Gujarat verurteilt wurden, die den Befehl zu seiner Hinrichtung gaben. Der Hagiograph Ghausī berichtet, dass einige der örtlichen Gelehrten sich gegen Muhammad Ghaus stellten und einer von ihnen, ʿAbd al-Muqtadir Banbānī, seinen Sohn in seinen Chanqāh schickte, um ihn auszuspionieren. Er sollte alle anstößigen Worte und Handlungen des Scheichs aufzeichnen.Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 420. Der Geschichtsschreiber ʿAbd al-Qādir Badāʾūnī (gest. 1597/98) berichtet, dass der bekannte Gelehrte ʿAlī al-Muttaqī (gest. 1567) eine Fatwa zur Hinrichtung von Muhammad Ghaus verfasste. Aufgrund der Fürsprache des beliebten Heiligen und Gelehrten Scheich Wadschīh ad-Dīn al-ʿAlawī (gest. 1589)Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 426. zu seinen Gunsten hob der Sultan von Gujarat die Fatwa jedoch auf.ʿAbd al-Qādir Badāʾūnī: Muntaḫab at-tawārīḫ. Übersetzt und bearbeitet vom persischen Original durch Sir Wolseley Haig. Durchgesehen und erweitert durch Brahmadeva Prasad Ambashthya. Reprint. Renaissance Publishing House, Delhi 1986. (1. Auflage Calcutta 1925) Bd. III, S. 71–72. Digitalisat

Muhammad Ghaus' Exil in Gujarat dauerte 16 Jahre. In der hagiographischen Literatur gibt es Hinweise auf seine Anwesenheit zu verschiedenen Zeiten in den Städten Bharuch (1543–4) und Ahmedabad (1544–5). 1556 errichtete er in Ahmedabad eine eigene Moschee.Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 421.

Begegnung mit Akbar und Rückzug nach Gwalior Nach Humayuns Rückkehr nach Indien im Jahre 1558 machte sich Muhammad Ghaus auf den Weg nach Agra, wo er jedoch erst nach Humayuns Tod und der Inthronisierung seines Sohns und Nachfolgers Akbar eintraf. In Delhi und Agra wurde Muhammad Ghaus mit allgemeinem Beifall empfangen. Als er sich 1558–59 in Agra für ein Gespräch an Akbar wandte, erregte er die Feindschaft des Ober-Sadr, eines Suhrawardīya-Sufis namens Scheich Gadā'ī.Ernst: “Persecution and circumspection in Shaṭṭārī Sufism”. 1999, S. 423. Dieser zeigte die Schrift von Muhammad Ghaus über seine angebliche Himmelsreise und seine Unterredungen mit Gott Akbars Feldherr Bairam Khan, der ihn daraufhin kalt abservierte.ʿAbd al-Qādir Badāʾūnī: Muntaḫab at-tawārīḫ. Übersetzt und bearbeitet vom persischen Original durch W. H. Lowe. Durchgesehen und erweitert durch Brahmadeva Prasad Ambashthya. Reprint. Renaissance Publishing House, Delhi 1986. (1. Auflage Calcutta 1884) Bd. II, S. 28–29. Digitalisat

Muhammad Ghaus zog sich daraufhin nach Gwalior zurück. Er traf Akbar ein letztes Mal, als dieser in der Gegend von Gwalior auf die Jagd ging und seine Neugierde durch die Erzählungen über die edlen Rinder, die der Scheich hielt, geweckt wurde. Bei diesem Treffen ergriff Muhammad Ghaus die Hand des jungen Herrschers entsprechend dem Ritual der Sufi-Einweihung, um ihm anzubieten, sein spiritueller Führer zu werden. Akbar lächelte aber nur und verabschiedete sich. Akbars Hofchronist Abu 'l-Fazl, der im Akbar-nāma von diesem Vorfall berichtet, bringt dort seine Entrüstung über das Verhalten des Scheichs zum Ausdruck, das er für vermessen hielt.Abu-l-Fazl: The Akbar Nāma. Translated from the Persian by H. Beveridge. 3 Bde. Low Price Publications, Delhi 1993. (Repr. Bibliotheca Indica 138. Asiatic Society of Bengal 1904). Bd. II, S. 133–135. Digitalisat

Nach seinem Tod am 7. Mai 1563 wurde Muhammad Ghaus in einem prächtigen Mausoleum beigesetzt, das bis heute Ziel von Ziyāra-Wallfahrten ist.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 375. Zu seinen Schülern gehörte der aus einem Kriegerclan stammende Lashkar Muhammad ʿĀrif (gest. 1585).

Werke al-Ǧawāhir al-ḫams Muhammad Ghaus war Autor mehrerer sufischer Werke, von denen das populärste das magisch-sufische Handbuch al-Ǧawāhir al-ḫams („Die fünf Juwelen“) auf Arabisch ist, das er 1522/23 als junger Mann in einer ersten Fassung niederschrieb. Nach seiner Rückkehr aus der Einsamkeit gab er das Buch seinem Scheich Zuhūr ad-Dīn Hāddsch Hudūr zu lesen, der sofort seine überragende Qualität erkannt haben soll. Trotzdem gab Muhammad Ghaus das Buch 1549/50 in Gujarat in einer überarbeiten Form neu heraus. In dieser überarbeiteten Version ist die Reihenfolge einiger Kapitel verändert. Diese spätere Version wird von Muhammad Ghaus als die gültige Fassung seines Buches bezeichnet, nach deren Vorlage ältere Kopien korrigiert werden sollten.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 375f.

Es existieren von dem Werk sowohl arabische, als auch persische Versionen. Während A. Muqtadir und Marc GaborieauMarc Gaborieau: “La Chattāriyya” in A. Popovic und G. Veinstein (Hrsgg.): Les voies d’Allah: Les ordres mystiques dans l’Islam des origines à aujourd’hui. Fayard, Paris 1996. S. 497–499. Hier S. 498 angeben, dass Muhammad Ghaus das Werk erst auf Arabisch verfasst und dann mit zusätzlichen Verbesserungen ins Persische übertragen habe, sind Zubaid AhmadZ. Ahmad: The contribution of India to Arabic literature: From ancient times to 1857. Lahore 1946. S. 80. Digitalisat und Eva OrthmannOrthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 376. der Auffassung, dass Muhammad Ghaus das Werk erst auf Persisch verfasste und dieses erst nachträglich von Sibghatallāh aus Bharoach (gest. 1606) ins Arabische übersetzt wurde. Die arabische Version wurde 1900/01 in Fès zum ersten Mal gedruckt. Eine zweite Edition in zwei Bänden erschien in den Jahren 1973 und 1975 in Kairo.Muḥamma al-Ġauṯ al-Hindī: al-Ǧawāhir al-ḫams. Ed. Aḥmad ibn al-ʿAbbās. 2 Bde. Kairo 1973–1975. Eine einbändige Ausgabe, ediert von ʿĀṣim Ibrāhīm al-Kaiyālī, wurde 2010 bei Dār al-kutub al-ʿilmīya in Beirut veröffentlicht.Digitalisat der Beiruter Ausgabe.

Al-Ǧawāhir al-ḫams besteht aus fünf Kapiteln, die ǧawāhir („Juwelen“) genannt werden. Das erste Kapitel gilt dabei den verschiedenen Formen des Gottesdienstes (ʿibāda), das zweite der Weltentsagung (zuhd), das dritte der Beschwörung oder Anrufung (daʿwa), das vierte dem Gottesgedenken (ḏikr) und das fünfte dem Tun oder Handeln (ʿamal). Nach Muhammad Ghaus existieren insgesamt sieben Juwelen, doch gibt er an, bislang nur fünf erlangt zu haben, weswegen er über die übrigen beiden nichts schreibe.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 377. Ein wichtiges Themas in dem Werk sind die 41 größten Gottesnamen, die eine magische Wirkung haben sollen. Muhammad Ghaus hat diese Namen nach eigenen Angaben nicht erfunden, sondern von seinem Lehrer Zuhūr ad-Dīn Hāddsch erhalten, der sie seinerseits durch seinen Lehrer Scheich ʿAlī Schīrāzī von einem weiteren Scheich überlieferte. Diese Namen sollen deswegen eine besondere Bedeutung haben, weil sie die Wesensnamen der 40 Propheten sind, wobei der 41. ihnen allen gemeinsam ist.Orthmann: “Die Beschwörung von Geistern und Planeten”. 2018, S. 378f.